Christiane Rutishauser

Baby Rosas Weihnachtsgeschenk

 

 

Das Wetter ist einfach zu mild. Es wird wieder nicht schneien. Wie schade. Weihnachten ohne Schnee ist wie Erdbeeren ohne Schlagsahne. Es fehlt was. Vielleicht sollte ich wegziehen. Ich wohne an einem großen See, der im Winter wie eine gigantische Wärmflasche funktioniert. Statt Schneeflocken gibt es nur Nebel. Nebel, der von den kahlen Ästen der Bäume tropft wie Tränen.
Aber Schluss mit dem Wetterbericht. Eigentlich wollte ich doch etwas richtig Weihnachtliches erzählen. In meinem tiefsten Herzen bin ich nämlich süchtig nach Weihnachten. Nach all diesem Weihnachtsmarktkitsch, dem Glühwein, dem Lebkuchen und den Lichterketten. Nach bunt verpackten Geschenken, Schleifen und schmalzigen Weihnachtsliedern. Nicht zu vergessen die mit Kugeln und Lametta geschmückten Christbäume. Es ist einfach grauenhaft schön.
Dieses Jahr gibt es zudem einen wirklich fantastischen, großartigen Grund, mich noch viel mehr auf Weihnachten zu freuen: Er heißt: Rosa. Rosa ist gerade vier Monate alt und mein Enkelkind. Ein wunderbares perfektes kleines Mädchen. Baby Rosa wird ihr erstes Weihnachten erleben und das ist so unglaublich schön. Aber gerade deswegen, wäre das mit der weißen Weihnacht diesmal perfekt gewesen. Ich hätte leise rieselt der Schnee vor mich hin gesummt und ihr die Schneeflocken gezeigt. Winzige weiße Sterne, die lautlos aus dem Himmel fallen. Sie hätte erstaunt ihre blauen Augen aufgerissen und diese quietschenden Geräusche von sich gegeben. Geräusche des Entzückens, begleitet von einem strahlenden zahnlosen Lächeln, das ihr Gesicht erhellt wie das Gesicht eines Engels. Rosa schläft in ihrer Babywippe. Mama und Papa machen gerade die letzten Weihnachtseinkäufe. Deswegen darf ich Babysitten. Auf meinem Tisch steht eine große bunte Tasche mit überlebensnotwendigen Utensilien wie Windeln, Pflegetücher, Pflegecreme, Tee, Gläschen, Schnuller, Spielsachen und Ersatz-Strampler. Alles für den „Notfall“. Die Notfälle, welche eventuell eintreten könnten sind so zahlreich, dass ich sie schon wieder vergessen habe. Was soll schon passieren? Es ist doch Weihnachten. Baby Rosa schläft und drückt dabei ein weiches Schnuffeltuch ganz fest gegen ihre Brust. Ich beuge mich über Sie und betrachte staunend ihr winziges Gesicht. Es gibt auf dieser Welt keinen friedlicheren Anblick, da bin ich mir sicher. Engel sehen so aus. Christkinder sehen so aus. Plötzlich schlägt sie die Augen auf. Einfach so, ohne Vorwarnung. „Hallo Rosa“, flüstere ich. Sie mustert mich. Durchdringend. Nachdenklich. Ernst. Von draußen fällt ein Sonnenstrahl ins Zimmer. Das Wetter hat sich gegen mich verschworen. Sonne statt Schnee. Wie soll ich unter diesen Umständen einem Baby glaubhaft erklären, dass der Weihnachtsmann auf einem Schlitten daher gefahren kommt. Baby Rosa rührt sich. Sie rudert mit ihren kleinen Armen, stampft mit den Beinchen und verzieht unzufrieden ihr winziges Gesicht. Oh mein Gott! Da bahnt sich etwas an. Vielleicht ein Notfall. Mir fällt nichts anderes ein, als sie aus der Wippe zu heben und ein wenig herumzutragen. „Schau mal“, sag ich zu ihr. „Heute ist Weihnachten. Da kommt der Weihnachtsmann und bringt schöne Geschenke.“ Sie schaut mich mit klugen Augen an. Diese Augen scheinen schon alles zu wissen. Vielleicht aus einem vorherigen Leben? Sie mustern mich und die Umgebung ganz genau. Alle Eindrücke werden mit einem schweigenden Augenaufschlag kommentiert. An dem geschmückten Christbaum bleiben sie einen Moment hängen. Die Kugeln glitzern so schön im Sonnenlicht. Es ist sogar richtig warm geworden. Keine Spur von Schnee. „Weihnachten“, wiederhole ich immer wieder, weil ich es selbst kaum glauben kann. „Was bringt wohl der Weihnachtsmann für Geschenke für uns?“ Ich brabble dummes Zeug, weil es sie bei Laune hält. Sie hört zu und nickt ab und zu mit dem Kopf, der schwer und wackelig auf ihrem winzigen Hals thront. Wir gehen näher zum festlich geschmückten Baum, der im Sonnenlicht so seltsam kitschig aussieht. „Schau mal. Ist das nicht schön?“ Sie schaut mich nachdenklich an und pupst dann so laut und ungeniert in ihre rosa Strampelhose, dass ich kichern muss. Dann jauchzt sie und lächelt so unbeschreiblich schön von einem Ohr zum anderen und wieder zurück. Wir schauen uns an und jauchzen um die Wette. Wir drehen uns im Kreis und freuen uns. Das macht Spaß. Sie findet es lustig. Später formt sie Laute mit ihrem kleinen zahnlosen Mund Ahs und Ohs. Dabei nickt sie immer wieder nachdrücklich mit ihrem kleinen Kopf, so als müsse sie ihrer begriffsstutzigen alter Oma etwas erklären. Ich weiß, was sie mir sagen will. Ich weiß, was sie mir über Weihnachten und den ganzen Weihnachtsrummel sagen will. So begriffsstutzig bin ich nun auch wieder nicht. Munter pupst sie noch einmal laut in ihre Windel, um Ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. "Aber Schnee", sage ich. "Schnee wäre trotzdem schön gewesen, nicht wahr?." Sie schaut mich an und lächelt wieder so süß. Das Wetter ist ihr egal.
 
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.12.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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