Johannes Schlögl

Der Sauger oder Das Messi - As



Der Sauger
oder
Das Messi - As

Jochen Schwipp war einem Nervenzusammenbruch nahe, als er nach der Inventur die Zahl auf seinem Bildschirm sah. Er wusste, dass es einfach krank war, was er in den letzten 15 Jahren getrieben hatte. Aber er wollte es nicht wahrhaben – dass er zu einem Software- und Datenmessi geworden war. Aber die Zahl auf dem Display log nicht, sie zeigte lediglich eine verheerende digitale Wahrheit an. Auf seinen 25 Netzwerkrechnern hatten sich über 210 Millionen Dateien angesammelt! Diese Zahl musste er erst einmal verdauen. Er wusste, dass er ein Problem hatte, wollte es aber einfach nicht wahrhaben.
Jochen Schwipp war es unmöglich, irgendeine Datei zu löschen. Selbst wenn es sich nur um eine lächerlich kleine temporäre Datei handelte. Dafür hatte er zwei Trashrechner mit einer Kapazität von je 600 Gigabyte im Netzwerk. Sie dienten als sogenannte „Papierkörbe“. Und in wenigen Tagen würden sie ihr Speicherlimit erreicht haben.
Aus seinem Hobby war zunächst eine Leidenschaft geworden, dann eine Sucht, die sich nach ein paar Jahren in einem zwanghaften Speicherwahn manifestierte. Alles begann vor 15 Jahren, als er sich seinen ersten PC kaufte und ein kostenloses Tetris Spiel installierte. Heute, nach 15 Jahren, lagen auf dem 2. Netzwerkrechner 12568 Varianten von diesem Spiel auf den Festplatten. Jochen Schwipp konnte sich von diesen Programmen einfach nicht trennen. Als er dann noch im staatlich kontrollierten „Pensionslotto“ ein kleines aber doch stattliches Vermögen gewann und seine finanzielle Zukunft damit gesichert war, kündigte er seinen Job bei der städtischen Müllabfuhr und verschrieb sich seinem Hobby voll und ganz. Jochen Schwipp wurde Softwaresammler. Seine eigentliche Idee war es gewesen, ein eigenes Softwaremuseum zu eröffnen. Doch seine Sammelwut ermöglichte es ihm nicht mehr, geeignete Konzepte auszuarbeiten. Als dann das Internet seinen Siegeszug rund um die Welt antrat, war er einer der ersten Kunden. Zunächst analog/digital, dann digital, schließlich super digital. Letztendlich besaß er einen sündteuren Glasfaserkabelanschluss und saugte alles aus dem Netz, was nicht niet- und nagelfest war. 24 Stunden am Tag holten geeignete Suchprogramme Software und anderes Zeug aus dem Netz. Legal und illegal. Die Sucht von Jochen Schwipp ließen in ihm die Grenzen von Recht und Unrecht verschwimmen. Aber heute wollte es sich Schwipp endlich eingestehen. Er war zu einem krankhaften Sauger geworden. Jochen Schwipp überlegte. Allein um sämtliche abgespeicherte Musik auf seinen Rechnern ein einziges Mal abzuspielen, würde er zwei Menschenleben benötigen. Selbst die Wagner Opern würden Monate laufen. „Götterdämmerung“ auf Chinesisch oder experimental in einer exotisch südafrikanischen Stammessprache. Schwipp hatte alles „on Board“. Jochen wischte sich die Schweißperlen vom Gesicht. Was sollte er tun? An eine vernünftige Ordnung auf seinen Rechnern war nicht mehr zu denken. Als er daran dachte, dass er einen Brief auf über 700 verschiedenen Textverarbeitungsprogrammen schreiben könnte, wurde es ihm beinahe schwarz vor Augen. Allein in den Rechnern liefen acht verschiedene Betriebssysteme. Jochen Schwipp benötigte ca. 20 Stunden pro Woche, um sie am Laufen zu halten. Glücklicherweise brauchte er sich auf Grund seines Lottogewinns keine Sorgen um die Stromkosten zu machen. Auch der Heizungsetat sank auf ein Minimum, da die Rechner im Winter mit ihrer Abwärme die Wohnung angenehm warm hielten.
Der Gedanke, sich von einer einzigen Datei trennen zu müssen, trieb ihn beinahe in den Wahnsinn. Deshalb hatte er sich auch vor einem halben Jahr 30 CD-Brenner gekauft und begonnen Sicherheitskopien zu erstellen. Nun füllten diese silbernen Scheiben schon drei Viertel des 20 Quadratmeter großen Schlafzimmers aus.
Jochen Schwipp überlegte, dachte an die silberne Diskette in seinem Tresor und an die Möglichkeit, diesem Alptraum ein Ende zu setzen. Würde er es heute wagen und den Virus auf dieser Diskette in das System einspeisen? Wenn er es heute nicht tun würde, dann könnte er es nie wieder tun, dass wusste er, und die Spirale der Sammelsucht würde sich weiter und weiter drehen.
Schweren Herzens erhob er sich aus seinem Stuhl und begab sich zum Tresor, öffnete ihn und entnahm die Diskette. Die metallene Hülle, in welche dieser kleine Datenspeicher verpackt war, machte ihm Angst.
Trotzdem nahm er ihn heraus, steckte die Diskette in den Hauptrechner und startete das darauf enthaltene Programm.
*
„Jochen Schwipp – öffnen Sie die Tür, oder wir brechen sie auf !“ schrie der Beamte. In seiner rechten Hand hielt er einen Hausdurchsuchungsbeschluss. „Sie sind angeklagt der Urheberrechtsverletzung und der Raubkopie in“, der Beamte musste zweimal auf den Beschluss blicken, „in 37568 Fällen! Öffnen Sie die Tür!“ Nach vier Minuten des Wartens brachen 3 von den 12 schwer bewaffneten BKA Beamten die Haustür von Jochen Schwipp auf. In der Wohnung war es stickig und heiß – über 35 Grad Hitze lag in den Räumlichkeiten. Schließlich fanden die Beamten Jochen Schwipp. Er lag bewusstlos im großen Wohnzimmer vor seinen 25 Rechnern. Seine Lebenszeichen waren zwar schwach, aber er lebte.
Ein Beamter setzte sich vor den Display des Hauptrechners und begann mit seiner Recherche. Doch nach wenigen Minuten war er fertig und kam zu einem schrecklichen Ergebnis. „Wir sind zu spät gekommen, alle wichtigen Dateien sind weg.“ „Man kann sie doch wieder herstellen?“, fragte sein Vorgesetzter. „Nein, die Daten sind nicht nur weg. So wie es aussieht, sind sämtliche Festplatten zerstört – und ihre Reparatur würden nur unnötige Steuermillionen kosten. Das ist das Ganze nicht wert.“
Auch die entdeckten CDs waren für die Beamten wertlos. Sie waren mit 2048 Bit Schlüsseln geschützt und Schwipp konnte sich, nachdem er aus seiner tiefen Bewusstlosigkeit erwacht war, nicht mehr an die Passwörter erinnern.
Nachdem Jochen Schwipp genesen war und der Staat ihn mit einer Verwarnung laufen ließ, versuchte er es mit einer Therapie gegen seine Sammelsucht. Doch diese blieb wirkungslos. Aber die Amerikaner waren schon längst auf ihn aufmerksam geworden.
Heute lebt Jochen Schwipp in einem Berg irgendwo in den Vereinigten Staaten und sammelt Daten im Auftrag des dortigen Geheimdienstes und ist der glücklichste Mensch der Welt.
Bei der letzten Inventur brach er in Freudentränen aus. Er hatte etwas in den Speichern gefunden, das er nie für möglich gehalten hatte. Sein erstes Tetris Spiel, welches er vor 15 Jahren auf seinem allerersten Rechner installiert hatte! Im Speichersystem der Amerikaner trug es den Namen „63-3.1-DOS_WINS“.

(Anm. d. Autors: Diese Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten zu Personen oder Dateien gleichen Namens wären zufällig und nicht im Sinne des Autors.)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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