Christa Astl

Heiner, der Kapellenmaler



 
Heiner war ein Künstler, ein Maler. Schon von klein auf tat er nichts lieber als Zeichnen und Malen. Wenn er nur irgendwo ein Stücklein Papier ergattern konnte und vielleicht auch noch einen Stift, - sonst gab er sich auch mit einem verkohlten Stückchen Holz zufrieden, - war es bald voll mit kleinen Männlein, Häuschen, Blumen und Bäumen. Nicht zu vergessen die Berge im Hintergrund und hoch darüber ein riesiges Wolkengebirge.
Er durfte dann eine Schule besuchen, wo er die Technik des Farbmischens und des Malens mit verschiedenen Pinseln oder Spachteln lernte. Sein erster Auftrag war die Kapelle hinter der großen Stadtkirche. Natürlich wäre er am liebsten gleich in der großen Kirche gewesen, wo ihn die Leute gesehen und bewundert hätten. Er glaubte ja schon fast berühmt zu sein! So bemühte er sich ganz besonders, wenigstens der Kapelle ein besonderes Aussehen zu geben.
Eine Muttergottes mit dem Jesuskind war zu restaurieren, die Feuchtigkeit in der nur selten geöffneten Kapelle hatte den Farben der Wände geschadet. Und dann wagte es Heiner, als Altarbild eine Mutter mit ihrem kleinen Kind zu malen. Ihre Haare malte er blond, so strohblond wie die seiner liebsten Freundin. Vorher hatte sie auf dem Bild allerdings braunes Haar.
Der Pfarrer wurde böse und beorderte Heiner sogar zum Bischof, der ihm verbot, noch einmal eine Kirche auszumalen.
So ging Heiner auf Wanderschaft, zog in andere Länder, wo man ihn nicht kannte, malte wirklich schöne Bilder an Kirchenwänden oder auf kostbare Leinwand. Im Winter saß er irgendwo in einer fremden Stube und begann zu schnitzen. Bald entstanden unter seinen geschickten Fingern auch aus Holz kleine Kunstwerke, die er bei seinen Wanderungen gut verkaufen konnte.
So lebte er über viele Jahre ein zwar einfaches, aber immerhin zufriedenes Leben. Er wurde älter, die Haare begannen sich grau zu färben, das weite Gehen auf Landstraßen wurde ihm zu anstrengend. Gerne stieg er auf, wenn ein Fuhrwerk stehen blieb und der Kutscher ihn zum Mitfahren einlud. Da er immer seinen Farbkübel mithatte und aus seinem farbverschmierten Rucksack meist Pinsel, manchmal sogar ein halbfertiges Bild herausschauten, war er bald landauf, landab als der Meister Heiner bekannt.
Schon längere Zeit hatte er keine rechte Arbeit mehr gehabt und somit auch nicht viel zu essen. In dieser stillen Zeit malte er wieder einmal seine Geliebte, die aber inzwischen einen anderen Mann geheiratet hatte, nicht "so einen Zigeuner und Bettler", wie die Dorfleute den Heiner genannt hatten. Doch er konnte sie nicht vergessen, ihr Bild lebte in ihm. So spannte er eine Leinwand über den Rahmen und begann, erst zart die Umrisse des Gesichtes anzudeuten, näher und näher erschien sie ihm, deutlicher und klarer ließ sich das Porträt erkennen, Freude und Trauer erfüllten ihn gleichzeitig. Beim Malen der blonden Haare erinnerte er sich an sein erstes, nicht erfülltes Auftragswerk. Dann packte er das fertige Bild sorgsam ein, er würde es vielleicht seiner Geliebten schenken. Plötzlich erfasste ihn unbändiges Heimweh.
Doch noch einen Grund hatte er, dass er sich auf den Heimweg machen wollte. Der Kaiser hatte befohlen, dass jeder sich in seiner Heimatstadt melden und aufschreiben lassen sollte.
Viele Menschen waren in diesen Tagen auf den Straßen unterwegs. Heiner wusste nicht, wie weit er eigentlich von seiner Heimat entfernt war, ja er kannte nicht einmal die genaue Richtung. So müde fühlte er sich, dass er nicht einmal die Menschen auf der Straße grüßte. Würde er überhaupt noch seine Heimat erreichen?, fragte er sich traurig. Und so kam es, dass er in ein Fahrzeug einstieg, das ihn noch weiter von seinem Wohnort forttrug.
Da hielt eine Kutsche neben ihm, von schwarzen, wohlgenährten Pferden gezogen, hoch oben auf dem Kutschbock saß ein vornehm gekleideter Kutscher. Ein Fenster der Kutsche öffnete sich, eine gepflegte Hand winkte ihm zu. Heiner durfte in die Kutsche einsteigen, in der drei vornehme Herren saßen. Einer versuchte ein Gespräch mit ihm, doch Heiner war wegen seiner Armut und seines zerrissenen und verschmierten Äußeren in großer Verlegenheit und schämte sich so, dass er kaum antworten konnte. Umso interessierter hörte er der Erzählung der Männer zu, die da von einem Kind sprachen, das vor einigen Tagen in einem Stall geboren worden sein und als Gottes Sohn die Welt erlösen sollte. Das ruhige, gleichmäßige Dahin schaukeln schläferte ihn ein.
Heiner musste lange geschlafen haben, denn als er erwachte, stand das Fahrzeug und es war bereits dunkel. Wo befand er sich denn? War ein Gasthaus in der Nähe, wo er sich eine warme Suppe genehmigen konnte? Ja, denn die Männer waren bereits ausgestiegen und saßen in dem Gasthof, der Kutscher hatte die Pferde ausgespannt, wohl um sie über Nacht in den Stall zu führen.
Mühsam kletterte Heiner aus der Kutsche, vom langen Sitzen war er ganz steif geworden. Erstaunt blickt er um sich, der Himmel war so eigenartig blau und leuchtend, er konnte es sich nicht erklären. Da fiel ihm plötzlich ein Stern auf, der einen langen Schweif zur Erde sandte. Was war dort wohl geschehen? Von irgendwo ertönte Musik und Gesang, leise, zart und so wunderbar innig, dass es dem alten Heiner, der ohnehin recht gefühlvoll war, die Tränen in die Augen trieb. Nahte er sich schon dem Himmel? Nein, noch trugen ihn seine Beine. Langsam ging er in die Richtung des Schweifsternes, dort schien sich etwas Besonderes zu ereignen.
Da war doch ein Stall, aber keine Tiere hielten sich darin auf, sondern zwei Menschen saßen auf Strohbündeln, und dazwischen hörte er das Weinen eines neugeborenen Kindes. Andächtig standen und knieten ein paar Hirten davor, auch Heiner musste das Knie beugen, irgend eine Macht drängte ihn zu dieser Geste der Ehrfurcht und Demut. Und wieder ertönte vom Himmel der wunderbare Gesang: Gloria in Excelsis Deo.... - "Das göttliche Kind!", durchfuhr es den Meister...
Leise schlich Heiner dann zur nächstgelegenen Hütte und verkroch sich im Heu. Am nächsten Tag erkannte er, welch armselige Herberge die junge Familie hatte. Wozu hatte er sein Werkzeug mit? Gleich machte er sich an die Arbeit, undichte Stellen im Dach auszubessern, die Fenster abzudichten, und die Wände innen und außen schön weiß zu malen. Da erinnerte er sich an sein letztes Bild. Die Frau, die er da gemalt hatte, sah gar nicht seiner ehemaligen Geliebten ähnlich, sondern dieser Mutter, die das göttliche Kindlein geboren hatte. Ihr schenkte er das Bild nun. Erstaunt sah sie es an und sprach: "Auf unserem Weg sah ich in einer Kapelle schon mein Bild, und da hatte ich ein Kind im Arm, wie kann es sein, dass du mich so genau malen konntest, wo du mich nicht kanntest?"
Vieles auf Erden bleibt ungelöst, und so kann es sein, dass eine spirituelle Eingebung dem Maler eine Vision der nahen Zukunft eingegeben hatte.
 
 
ChA 23.11.15
(aus meinen "Krippengeschichten". Zu jeder meiner selbst gemachten Figuren habe ich eine Geschichte erdacht, wie sie den Weg zur Krippe gefunden hat)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.12.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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