Dominic Hoffmann

Angst.

Angst
Wovor er denn eigentlich Angst habe, fragt sie ihn. Lustig, dass sie das fragt, dass sie überhaupt weiß, dass er im Moment ziemlich großen Bammel hat, dass ihm der Schweiß von der Stirn tropft, dass sein Herzschlag inzwischen (wenigstens für ihn) die Lautstärke eines tosenden Wasserfalls wie viele Dezibel das wohl sind? angenommen hat, dass sich seine Glieder zur Härte von Granit versteift haben wie misst man eigentlich die Härte eines Materials? , dass (...). Nein, halt, stopp! So wird das nichts mit der Beantwortung ihrer Frage.
Grundsätzlich schläft sie in jedem von uns, diese Angst, nicht?
Der Stein des Anstoßes fällt nur nicht überall gleich oft, im gleichen Moment, zur gleichen Zeit. Doch wehe er ist einmal gefallen, hat den eisernen Schutzwall, der unsere Gedanken und unser Bewusstsein vor der zerstörerischen Wirkung der sich schlussendlich in ebendiesem, Angst genannten, Gefühl manifestierenden äußeren Einflüsse durchbrochen. Wehe dem Moment!
Als ob es nicht reichen würde, sich in einem Zustand der inneren Unruhe, der Beunruhigung, eben der Angst, zu befinden. Nein, nun muss er sich auch noch zusätzlich selbst mit Kopfschmerzen beglücken. Muss sich in komplexen Gedanken verlieren, sich dessen bewusst sein und trotzdem das Spinnrad seines Denkens nicht zum stoppen bringen. Nein, stattdessen immer fester auf dem zum Antrieb verwendeten Fusspedal stehen, bis sich die Spule zu schnell dreht, der Faden (...). Und wieder stopp! So wird die Sache auch nicht gerade einfacher. Man stelle sich das einmal vor – nun verheddert er sich im Nachdenken über seine sich verheddernden Gedanken – wenn das mal nicht verwirrend oder, wenn wir gleich bei der Spinnerei bleiben wollen, verheddernd ist.
 
Irgendwie hat die Situation durchaus auch ihre komische Seite. Da liegt er im oberen Stockwerk seines Hauses im Bett und hört ein Geräusch unten in der Küche.
Reflexartig erstarren seine Glieder.
Langsam schleicht sie sich von hinten an, schmiegt sich behutsam an ihn und nistet sich in seinem Kopf ein . . . die Angst!
Er versucht sich selbst abzulenken, stellt sich diese Stimme vor, die ihn fragt, warum er denn genau Angst habe. Antwortet dieser Stimme, in der Hoffnung, sich selbst damit eine beruhigende Antwort zu geben, verstrickt sich immer mehr in seinen eigenen Gedanken, versucht sich selbst damit zu besänftigen – gelingt nicht – also versucht er es anders, denkt weiter – gelingt wieder nicht! Ist bereits wieder gefangen im Nachdenken über das Gefangensein seiner eigenen Gedanken.
 
Nun reicht’s!
Nachttischlämpchen an, Brille auf die Nase und aufgestanden. Was auch immer dieses Geräusch verursacht hat, dieses Etwas hat ihn bereits so viel Schlaf gekostet und für eine regelrechte, beinahe schmerzhafte Verknotung seiner Gedankengänge gesorgt – er wird dem auf den Grund gehen. Es wird sich herausstellen, dass es die Katze war, die mal wieder auf den Kühlschrank gesprungen ist und sein Selbstportrait, das er vor langer Zeit einmal in der Schule gemalt, dann für gut befunden, seiner Mutter geschenkt und gut geschützt hinter einem Glasrahmen  „deponierte“, runtergeworfen hat.
Haha, tatsächlich – sie war es. Völlig zersplittert liegt das Bild (es war übrigens Wasserfarbe auf einfachem Zeichenpapier) da. Jedoch nicht direkt auf dem Boden – nein, es ist in den Trinknapf der Katze gefallen. Schade, nun kann er es wegwerfen, merkt er doch, dass es nicht einfach zersplittert ist, sondern die Farbe sich durch das Wasser im Napf verselbstständigt, sprich sein schön gemaltes Gesicht partiell verschmiert hat. Sieht irgendwie komisch aus, fast so, als läge nun ein Schatten auf ihm...
 
Blinzelnd öffnet er die Augen. Schaut sich um. Merkt, dass er in seinem Bett liegt, schön zugedeckt, ruhig, ohne Angst. Wunderbar! Alles nur ein Traum! Wie einem die Vorstellungskraft während der nächtlichen Ruhephasen doch einen Streich spielen kann.
Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Warum ist das Schlafzimmerfenster geöffnet? In seiner sich doch schon im zweistelligen Bereich befindenden Anzahl Lebensjahre hat er schließlich noch nicht einmal mit geöffnetem Fenster geschlafen. Außerdem ist er sich sicher, dass er es auch heute kurz vor dem Schlafen gehen geschlossen hatte...
 
Langsam sieht er den Schatten sich nähern.
Warum er denn Angst habe, fragt dieser.
Er will darauf antworten,
aber dann wird es ruhig, sehr ruhig...
der Wasserfall verstummt,
der Granit erweicht,
das Spinnrad hört auf zu drehen. . . es wird still.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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