Helena Ugrenovic

Julia RobINS ist ein heisser Feger

Die Situation ist ihnen bekannt. Sie besuchen irgend eine Ausstellung, schlendern gemütlich durch die Gänge und frönen einfach nur Ihrem Geist und Ihrer Seele. Warum die Bilder oder Skulpturen ausgerechnet so erschaffen wurden wie sie sich Ihnen präsentieren, ist Ihnen genau so egal, wie die psychische Verfassung des Künstlers während der Geburt seines Kunstwerks. Ob er besoffen, high oder gerade von seiner Muse verlassen wurde, weil die Portraits seiner Frauen allesamt einäugige und blutverspritzte Krähenköpfe zeigen, ist Ihnen schnuppe. Nie im Leben würden Sie sich anmassen, mit zusammengekniffenen Augen und in die Hand gestütztem Kinn, zwei Meter vor so einem Corpus Delicti Position zu beziehen und in einer tiefgreifenden Analyse die Warums und Weshalbs des Créateurs zu zerpflücken. Sie sparen sich Worte wie „kubische Lichtverhältnisse“, „impressionistischer Touch mit expressionistischer Untermalung“ oder „postmoderne Avantgarde“. Sie teilen die Meinung der breiten Masse und unterteilen in: gefällt mir oder ist potthässlich und muss ein geiler Trip gewesen sein. Wegen dem kleinen Jungen, der gerade sagt, das grosse Bild mit dem wilden Gekritzel darauf, sehe saugrusig aus, lachen Sie sich kaputt und nicken ihm beistimmend zu.

Während Sie an einer mitgebrachten Colaflasche nippen, die Aussicht geniessen und sich schwören, nie im Leben 20´000 Franken für so einen Krähenkopf zu bezahlen, dringen die Sätze der anderen, kleinen Masse an Ihr Ohr. Einer ganz bestimmten Spezies, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Intelligenz verleihender Brille auf der Nase, weiter Hose, assymetrisch geschnittenem Oberteil und eben den zusammengekniffenen Augen und aufgestütztem Kinn, komplizierte Psychoanalysen und Spekulationen über den Künstler zu liefern. Die Sätze sind voll gespickt mit Pseudo-Fremdwörtern, von denen Sie vom einen Teil wissen, dass er in Wörterbüchern überhaupt nicht existiert und bei den Restlichen checken Sie, dass die Wörter falsch ausgesprochen wurden. Zuerst kichern Sie, ob so viel Klugscheisserei. Anschliessend brechen Sie in unkontrolliertes Gelächter aus, weil Sie sich gerade vorgestellt haben, wie der Künstler die beiden Profi-Kritiker portraitieren würde. Sie freuen sich schon auf die nächste, intellektuelle und überaus professionelle Meinungsrunde und ziehen von dannen.

Eines Abends war es wieder soweit. Mein Liebster und ich besuchten eine Musicalpremiere in Basel, über die ich berichten sollte. Das Highlight dieses Abends bestand aus zwei Visitenkarten, die uns Einlass zur anschliessenden VIP-Premierenfete gewähren sollten. Nach zwei Stunden Gesang und Tanzeinlagen, waren wir genug ausgehungert, um uns unter die hochkarätigen Partygäste zu mischen und das Büffet zu plündern. Konzentriert füllten wir unsere Teller mit kulinarischen Köstlichkeiten, rupften je eines der Beine des Teig-Krokodils aus, dankten einer freundlichen Hostess für den edlen Champagnertropfen und gesellten uns zu den beiden Frauen mittleren Alters an eines der Stehtischchen. Während wir abwechselnd an den Miniaturschnittchen und an unseren Lippen knabberten, lauschten wir der Diskussion besagter Frauen mittleren Alters, deren rotgeschminkte Lippen nimmermüde in Bewegung waren. Die goldenen Brillengestelle auf ihren gepuderten Nasen, hüpften dabei munter auf und ab. Ein faszinierendes Bild.

„Findest Du nicht auch, die Startänzerin sieht aus wie Julia Robins?“
„Ja, aber Julia Robins ist viel schöner. Ausserdem hat sie mehr Sex-Appell.“
„Ach, ich weiss nicht. Ich finde, sie hat genau so viel Sex-Appell wie die Robins.“
„Hat Julia Robins nicht neben Meryl Streib in einem Film mitgespielt?“
„Hm, kann schon sein, ich kann mich nicht genau daran erinnern. Normalerweise schaue ich mir andere Filme an. Keine B-Movements. Kult, weißt Du.“
„Ich normalerweise auch, das war purer Zufall. Ich wollte meiner Putzfrau einen Gefallen damit erweisen, weil Ihr Fernseher gepfändet wurde und die Ärmste sich unbedingt den Film mit der Robins angucken wollte.“
„Ach ja, es gibt schon ganz arme Menschen, denen es nicht vergönnt ist, so wie wir zu leben.“
„Aber es muss solche Hirarchen geben. Stell Dir vor, alle Menschen wären gleich. Ausserdem denke ich, meine Putzfrau würde sich an so einer Party gar nicht wohl fühlen. Sie weiss nicht mal, wer „Von Gock“ ist. Peinlich, peinlich.“
„Habe ich dir schon erzählt, dass ich Blue Chips gekauft habe?“
„Nein! Das gibt es doch nicht! Also die Amerikaner sind wirklich ein verrücktes Volk! Zuerst erfinden sie blaue Pommes-Frittes und jetzt blaue Chips! Aber ist ja logisch. Wird beides aus Kartoffeln gemacht.“
„Ich bin immer so aufgeregt, wenn ich an einer VIP-Party bin. Und das, obwohl es schon die Zehnte in diesem Jahr ist! Das ist so anstrengend!“
„Ich kenne das Problem, es geht mir genau gleich. Wenn ich heute Abend nach Hause komme muss ich in meinem Computer kontrollieren, ob meine Bank die Transfusion gemacht hat, die ich in Auftrag gegeben habe.“
„Glaubst Du, die Menschen hier haben kapiert, dass dieses Stück eine zwielichtige Bedeutung hat und nicht nur eine?“
„Ich glaube nicht. Die meisten von ihnen besuchen diese Vorstellungen nur, damit sie gesehen werden und sich durch die Party essen und trinken können. Ich finde das empörend!“

Der Seitenhieb hatte uns gegolten. Meinem Liebsten und mir. Da wir immer noch miteinander beschäftigt waren und uns gegenseitig fütterten, unterliessen wir es, den beiden Etepetete-Schnitten unsere Meinung aufzudrücken. Es hatte keinen Sinn, die beiden Adlernasen davon zu unterrichten, dass Julia mit Nachnamen „Roberts“ hiess und Meryl mit der Ergänzung „Streep“ Autogramme verteilte. Auch konnte man gewisse Spielchen so drehen, dass Mann oder Frau zum Appell erschienen. Je nach Fantasie der Parteien, die sich gegenseitig mit ihrem Sex-Appeal antörnten. Man konnte dabei einen Film drehen, in dem sogar verschiedene Bewegungen vorkamen. Oder wie es die beiden Villenbewohnerinnen ausdrückten „movements“. In der Regel handelte es sich dabei jedoch um B-Movies. Die „Hirarche“ hingegen war kein Nachfolgeschiff von Noah’s Arche, sondern als Hierarchie eine Gesellschaftsschicht, von der die beiden Klunkerladies der Meinung waren, sich in einer höher Kaste zu befinden und damit über so manchem Geschöpf des Erdballs zu stehen. Auch würden wir sie nicht wissen lassen, dass ein Fernseher nicht gepfändet werden kann, weil dieser im Schweizerland zum Existenzminimum eines Menschen gehört. Wahrscheinlich hing in einer der Wohnungen sogar ein „Von Gock“, der sich wahrscheinlich das andere Ohr auch noch wegschnipseln würde, wüsste er, wie sein Name verunstaltet wurde. Und erst noch von Frauen, mit denen er Zeit seines Lebens so seine Probleme hatte. Wir wünschten ihnen Guten Appetit beim Verspeisen der Blue Chips. Wenn sie mit einem Krug Wasser nachspülten und mit dem Kopf gegen die Wand rannten, würde die Papierkugel irgendwann einmal von ihrem Hals aus in den Magen rutschen und ihnen drohte kein jämmerlicher Erstickungstod. Aber für diesen Fall könnten sie die Notfallnummer des Bankdirektors wählen, der vielleicht gerade dabei war, die Transfusion durchzuführen. Er würde sich garantiert den Blut- oder Glukosebeutel schnappen und die Nadel in einen der solariumsgebräunten Arme pfeffern. Des weiteren unterliessen wir es, einen Vortrag in Linguistik zu halten und die Bedeutung von „zwiespältig“ und „doppelsinnig“ zu erläutern, was sie allem Anschein nach gemeint haben mussten. Stattdessen beschlossen wir, die beiden VIP-Tanten der höheren Gesellschaft ein bisschen zu nerven und uns in die hochkarätige Unterhaltung einzumischen. Als Ausgeschlossene der berühmten Hirarche, waren wir ihnen das schuldig.

„Entschuldigen Sie, haben Sie gerade Landurlaub erhalten? In welchem Hafen ist ihr Schiff stationiert?“, fragte ich den dunkelblau gekleideten Kleiderständer, der rechts von mir stand. „Landurlaub?“ „Ja, Landurlaub. Auf Ihren Knöpfen steht ‚Blue Marine’.“ Während sie nach Luft schnappte und sich den Inhalt ihres Champagnerglases in den Rachen schüttete, fragte mein Liebster ihre Busenfreundin, deren Oberteil eine goldene Medusa zierte, ob diese einem Hexenzirkel angehörte und wann die nächste Walpurgisnacht stattfände. Vielleicht könnten wir diesem Spektakel beiwohnen und unsere Fleischspiesse ins Feuer halten.
Wäre sicher lustig.

Ich holte eine weitere Portion kulinarischer Leckereien, klemmte mir den Kopf des Teig-Krokodils unter den Arm und präsentierte meinem Liebsten stolz die nächste Runde, die wir zu verspeisen gedachten. Die beiden Adlernasen hatten wir vergrault, denn mit der, augenscheinlich untersten Schicht der Hirarche, die nicht mal wusste, dass es sich bei „Blue Marine“ um eine Kleidermarke handelte und die Medusa das Markenzeichen des Hauses „Versace“ war, teilte man kein Stehtischchen. Uns war’s recht.

Wir waren alleinige Herrscher des silbernen Tischchens, konnten unsere Leckereien ohne störendes Material Fremder Personen darauf türmen und ungehindert knutschen, ohne dass „ts-ts-ts“ Geräusche an unser Ohr drangen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

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