Johanna Miglbauer

Mila

Milas nackte Zehen krallten sich in den staubigen Teppichboden des alten, verlassenen Hotels. Als sie die Eingangstür knarren hörte, drückte sie sich dichter an die breite Holzsäule und fasste die Eisenstange in ihren Händen fester.
Er ist mir also wirklich gefolgt.
 
Sie hatte im Park Gitarre gespielt, aber es war kein guter Tag gewesen. Nicht mal zwanzig Leute waren vorbei gekommen und nur wenige hatten kleine Münzen in die Mütze, die sie vor sich auf den Boden gelegt hatte, geworfen. Deshalb hatte sich das achtzehnjährige Mädchen auf den Weg zum Seeufer gemacht, um zu sehen ob dort mehr los war. Schon nach drei Kreuzungen war ihr aufgefallen, dass der Kerl mit der Kappe und dem grünen Pulli immer dorthin abbog, wohin auch sie ging. Das konnte natürlich auch Zufall sein, deshalb war Mila ein paar Mal im Kreis gegangen und mehr oder weniger ziellos durch die Stadt gelaufen. Der grüne Kerl war ihr überallhin gefolgt. Daraufhin hatte sie beschlossen sich im alten „Hotel Taube“ zu verstecken. Sie hatte ihre Gitarre versteckt und sich mit einer Eisenstange bewaffnet hinter einer der großen Holzsäulen der Eingangslobby postiert.
 
Der Teppichboden dämpfte die schweren Schritte die langsam auf sie zukamen. Gespannt hielt Mila den Atem an und lauschte. Noch zehn Schritte dann war er bei ihr. So leise wie möglich hob sie die Eisenstange. Noch fünf. Vorsichtig stellte sie einen Fuß an die Säule. Drei. Zwei. Eins. Mit einem wilden Schrei stieß Mila sich von der Säule ab, sprang auf den grünen Kerl zu und versetzte ihm mit ihrer Eisenstange einen kräftig Schlag auf den Kopf.
Kurz sah sie den Schreck und den Unglauben in seinen Augen, dann brach der Kerl zusammen. Schwer atmend ließ Mila die Stange sinken und starrte den jungen Mann durch den aufgewirbelten Staub an.
Ist er tot?
Nein. Er atmet.
Eigentlich sollte sie sich jetzt umdrehen und weglaufen, das war der Plan gewesen. Doch irgendetwas hielt sie noch. Irgendwoher kannte sie diesen Mann. Vorsichtig ging sie auf ihn zu und nahm ihm die Kappe vom Kopf. Sie musterte sein Gesicht. Dunkler Hauttyp, schwarze Haare und braune Augen. Ein hübsches Gesicht. Er war im Park gewesen. Auf der Bank gegenüber.
Warum ist er mir gefolgt? Was will er von mir?
Mila wich wieder ein paar Schritte zurück und strich sich ihr altes, verwaschenes blaues Kleid zurecht. Es war alles was sie mitgenommen hatte als sie vor sieben Jahren von zu Hause weggelaufen war. Das einzige was sie noch von ihrer Mutter hatte.
Der Mann bewegte sich stöhnend und schlug die Augen auf. Mila packte die Stange wieder fester und wich noch einen Schritt zurück. Die Gelegenheit zum Weglaufen war vorbei, jetzt musste sie sich dem stellen was auf sie zukam. Mühsam kam der Kerl auf die Beine und sah sie an.
 „Hey! Hast du mich da gerade niedergeschlagen?“
Er torkelte ein paar Schritte in ihre Richtung. Mila hob ihre Stange und der Mann blieb abrupt stehen und hob abwehrend die Hände.
„Okay, okay alles gut. Schon in Ordnung. Ich komme in friedlicher Absicht. Ich schlage vor, wir fangen mal von vorne an.“
Er stellte sich gerade hin, ließ die Arme sinken und hielt ihr seine rechte Hand hin.
„Ich heiße Justus, aber eigentlich nennen mich alle Justy, ist auch besser so. Wie heißt du?“
Mila. Aber das geht dich nichts an, Justy.
Mila sah seine Hand an, dann sah sie ihn an, sagte nichts und rührte sich nicht vom Fleck. Verlegen lächelnd nahm Justy seine Hand wieder zurück und kratze sich damit am Hinterkopf.
„Also dann eben nicht. Auch gut. Also, ich…ähm…es tut mir leid wenn ich dir Angst gemacht habe…also, ich wollte nicht…“
Er stotterte noch weiter irgendwelche sinnlosen Erklärungen, doch Mila hörte nicht wirklich hin. Sie musterte ihn. Er war ohne Frage ein sehr schöner Mann, mit einem Lächeln und einen Blick aus diesen lachenden, freundlichen Augen kam er vermutlich bei der Damenwelt sehr gut an. Sie schätzte ihn auf ungefähr zwanzig und vermutlich kam mindestens ein Elternteil nicht ursprünglich aus Europa, dem Hauttyp nach zu urteilen. Indien vielleicht. Aber er sprach einwandfrei Deutsch, also war er sicher schon hier aufgewachsen. Alles in allem schien er nicht der Typ zu sein der normalerweise junge Frauen in verlassene Straßen verfolgte. Also was wollte er?
Aus den Augenwinkeln suchte Mila nach einem Fluchtweg. Auf der Bank neben ihr lag ein alter Netzvorhang. Wenn sie ihm den über den Kopf warf, konnte sie sich sicher genug Zeit erkaufen um abzuhauen.
„…und dann hab ich dich im Park so schön singen und spielen gehört und dachte mir, ich frage dich mal…also…ob du mir nicht helfen könntest bei diesem Wettbewerb. Also, willst du?“
Er streckte wieder die Hand aus und machte einen Schritt auf sie zu. Mila wich zurück und brachte sich damit einen Schritt näher zu dem Vorhang.
„Hey, hey. Alles ist gut“, sagte Justy beschwichtigend und lächelte sie an, „Ich tu dir doch nichts.“
Mila starrte ihn an und in ihrem Kopf drehte sich alles.
Ich tu dir doch nichts.
Justys Gesicht verschwamm vor ihren Augen und wurde zu einem anderen.
Hey Kleine, ich tu dir doch nichts.
Der Glatzkopf hinter „Bikas Bar“
Süße, ich tu dir doch nichts.
Der schmierige Kerl im Park.
Komm, ich tu dir doch nichts.
Die Frau unter der Brücke.
Komm schon her, wir tun dir doch nichts.
Der Polizist in der Altstadt.
Komm da raus Schatz, ich tu dir doch nichts.
Ihr Vater, nachdem sie gesehen hatte wie er ihre Mutter getötet hatte.
 
Blitzschnell schnappte Mila sich den Vorhang, warf ihn zusammen mit der Stange auf Justy, drehte sich um und lief so schnell wie ihre Beine sie trugen davon.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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