Florian Brigg

peng peng

Peng Peng
Weihnachten in der Bank
 
„Nun sind Sie, liebe Frau Giesing, bereits seit 10 Jahren in unserer Bank beschäftigt. Dazu möchten  meine Kollegen und ich Ihnen herzlich gratulieren“.
 
Mary Giesing hat sich auf das Zusammentreffen mit dem Vorstand der Bankfiliale in der Kleinstadt gut vorbereitet. Natürlich freuen sie die anerkennenden Worte des gutgekleideten Herrn an der gegenüberliegenden Seite des Konferenztisches. Aber sie möchte bei dieser Gelegenheit auch ihr Anliegen vortragen. Sie denkt,  in 10 Jahren genügend Erfahrung im Bankwesen gesammelt zu haben, um in die Position des demnächst in Pension gehenden Filialleiters nachzurücken.
 
Sie dankt dem Herrn im korrekten Business Anzug und trägt ihren Wunsch vor. Nach einem in ihrer späteren Erinnerung Ewigkeiten dauernden Schweigen wird ihr Ansuchen freundlich aber bestimmt mit folgenden Argumenten abgewiesen: sie wäre die Mutter eines 8Jährigen, seit einigen Jahren geschieden. Zusätzlich zu ihren mütterlichen Erziehungs- und Haushaltsaufgaben würde sie sich als Filialleiterin mannigfaltigen Aufgaben stellen müssen, die weit über die normalen Bürostunden hinaus Zeit erfordern. Häufig kommt es zu Bank-internen Besprechungen. Ebenso müssen wichtige Kunden nach 18 Uhr besucht werden. Das kann sich in die Länge ziehen. Monatsabschlüsse, Personalfragen und das Verfassen von Budgets sind verantwortungsvolle Tätigkeiten außerhalb der regulären Öffnungszeiten der Bank. Abgesehen von der monatlichen Berichterstattung in der Zentrale, mehr als zwei Autostunden entfernt. Alle diese Agenden erforderten eine Zeit, die der Erziehung und Aufsicht ihres Sohnes fehlen würde. 
Mary kann diesen Argumenten nur teilweise beipflichten. Es bleibt ihr jedoch für eine Erwiderung keine Zeit. Der Vorstand ergreift wieder das Wort und vertröstet sie auf Karrieremöglichkeiten, sobald ihr Sohn ‚aus dem Gröbsten‘ heraus wäre.
 
„Aber ich freue mich, Frau Giesing, Ihren Lukas bei der Firmenweihnachtsfeier im Kreise der Angehörigen der hier Beschäftigten kennen  zu lernen“.
 
Offensichtlich ist der Vorstand mit seiner Argumentation sehr zufrieden. Er hat einer verdienten Mitarbeiterin zur langen Firmenzugehörigkeit gratuliert und ihr Ansinnen mit guter, weil sozialer Begründung vorerst abgewiesen. Der soziale Aspekt ist wichtig, will man ein ausgewogenes Arbeitsklima sicherstellen, denkt er bei sich. Da kommt die Idee der heutigen Weihnachtsfeier für die Beschäftigten in den Büroräumlichkeiten und deren Angehörige gerade recht. Die Firmenleitung sponsert Buffet und Getränke.  
 
War der Vorstand mit seinem Vorgehen zufrieden, machte dessen Entscheidung Mary doch nachdenklich. Den Gedanken an eine gehobene Position und entsprechende Entlohnung möchte sie auf keinen Fall aufgeben. Immerhin ist Lukas nun doch schon 8 Jahre. Marias Eltern sind auch noch in einem Alter, in dem sie  Aufsichts- und Erziehungsaufgaben wahrnehmen können. Und da ist noch der geschiedene Gatte. Sie lebt von ihm schon über 5 Jahre getrennt. Er hat eine neue Beziehung. Heiraten und weitere Kinder wollte er jedoch nicht. Er ist ein äußerst brauchbarer Vater. Er kümmert sich finanziell und emotional um seine ehemalige Familie. Lukas freut sich immer auf die Besuchszeiten. Sein Vater versteht es, diese interessant zu gestalten. Einmal ein Besuch im Zoo, ein Sommerwochenende im Zelt am Badesee. Boots- und Skiurlaube und weitere mannigfaltige Aktivitäten machen das Beisammensein ‚ihrer Männer‘, wie Maria die beiden heimlich nennt, spannend. Wie zuletzt der Aufenthalt in einem Indianerlager, das von einer Jugendgruppierung veranstaltet wurde. Lukas fand großen Spaß an der Rolle eines Cowboys mit einem Colt im Halfter.
***
Der letzte Arbeitstag in der Bankfiliale fordert den Mitarbeitern viel ab. Die Schalter sind bis Mittag geöffnet und in Anbetracht der bevorstehenden Feiertage und des Jahresendes gibt es regen Kundenverkehr. Aber das ist ja nicht anders, als die Jahre zuvor, denkt Mary, die sich anschickt, das Programm mit den Kundendaten auf ihrem PC zu schließen. Sie lehnt sich in ihrem Bürostuhl zurück, streckt sich und hängt kurz ihren Gedanken zum Gestalten ihres Familienweihnachtsfests nach. Sie gewahrt, wie die Kollegen um sie herum die Arbeiten beenden. Schreibtische werden abgeräumt, Papierkörbe entleert und die beiden Kassiere machen sich an den Kassenladen zu schaffen. Nun konnte die sonst schmucklose Kassenhalle weihnachtlich dekoriert werden.
 
Was nun folgt wird Mary in ihrem Leben nie mehr vergessen.
 
Nachdem der letzte Kunde die Bank verlassen hat, werden die Rollläden an Fenster und Türen herabgelassen. Der einzige Zugang zu den Räumlichkeiten bildet die Türe, die zum Korridor und zum Treppenhaus führt. Durch diese treten nun vier Menschen ein. Die Erstankömmlinge sind  zwei Mitarbeiter der Security Firma, die die Geldladen abholen. Nach diesen betreten Marys Vater und Lukas den Kundenbereich der Bank.
 
Wie verabredet, dürfen auch Angehörige der Beschäftigten an der Betriebsweihnachtsfeier teilnehmen. Lukas voll Ungeduld wollte schon bei den Vorbereitungen zur Feier helfen und trifft mit seinem Opa etwas verfrüht ein, von Marys Kollegen und Kolleginnen herzlichst begrüßt.
 
Die beiden Securities schicken sich an, mit den Geldladen die Bank zu verlassen. Daran werden sie durch eine plötzlich durch die Hintertür hereinstürmende Gestalt gehindert. Lukas wird sich später bei der Befragung durch die Polizei an die karierte Kapuzenjacke des Eindringlings erinnern. Dieser herrscht die Anwesenden an, ihm die Geldladen auszuhändigen und sich in einer Ecke des Raumes zusammenzudrängen. Diese Forderung wird durch einen in Anschlag gehaltenen Revolver nur zu deutlich unterstrichen.
 
Furchtsam folgen die in der Bank Anwesenden der Aufforderung des Bankräubers.
 
Lukas löst sich aus der Umklammerung seiner Mutter, die ihn in einer unbewussten Spontan-reaktion an sich gezogen hat. Sie gewahrt mit vor Schreck geweiteten Augen, wie ihr Sohn auf den Räuber zugeht. Wie kann er sich so furchtlos in eine Gefahr begeben? Was bewegt ihn, mit weitausholenden Schritten und einer Hand lässig in der Jackentasche, in der Haltung eines Cowboys, auf den Kriminellen zuzugehen und ihm in die Augen zu blicken?
 
Marys Gedanken werden unterbrochen, als ihr Sohn mit einer weitausholenden Armbewegung dem Räuber den Revolver aus der Hand schlägt und mit einem gezielten Tritt die Waffe in eine entfernte Ecke des Raumes befördert. ‚Das hat er beim Fußball gelernt‘, durchfährt es Mary. Zu ihrer und aller Anwesenden Erleichterung ergreift der Bankräuber die Flucht.  
***
Lukas hält freudestrahlend den Gutschein für einen Einkauf im Spielwarengeschäft in Händen. Den hat die Bank für sein mutiges Einschreiten beim Überfall gespendet. Ebenso strahlt der Kerzenschein des Christbaumes auf das Schreiben, das Mary von der Firmenleitung der Bank kurz vor dem Weihnachtsfest erhalten hat, Man hat ihr die ersehnte Position der Filialleitung angeboten. Das tolle Vorgehen ihres Sohnes während des Überfalls auf die Filiale hätte eine weit über sein Alter hinausgehende Reife bewiesen. Seine Mutter könne sich ohne Bedenken den großen Anforderungen der Filialleitung stellen.
 
„Du bist das Wertvollste, was ich besitze, Lukas“, spricht Mary unter dem Weihnachtsbaum zu ihrem Sohn. „Nachdem Du so tapfer warst, hat der Vorstand meiner Bank entschieden, Du bräuchtest nicht meine ungeteilte Aufmerksamkeit und ich kann Filialleiterin werden. Das habe ich Dir zu verdanken!  Aber ehrlich, das war schon tollkühn, wie Du den Bankräuber in die Flucht geschlagen hast. Bitte mach so etwas nie wieder!“
 
„Ach Mami, so eine Heldentat war es auch wieder nicht“, antwortet Lukas kleinlaut. „Ich war ja kurz vorher mit Oma im Spielwarengeschäft, wo ich mir ein Weihnachtsgeschenk von den Großeltern aussuchen durfte. Und da stand der Man mit der merkwürdigen karierten Kapuzenjacke vor uns und hat einen Spielzeugrevolver gekauft“.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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