Irene Beddies

Bertas Angst


 
 
„Ich will aber nicht!“, schrie Berta voller Wut und stampfte mehrmals mit dem Fuß auf den Boden.
„Aber Bertalein, es ist doch nur für eine Nacht. Frau Wiebrich und Inge haben sich so gefreut, als ich ihnen den Vorschlag machte.“
„Nein, Mama, dahin gehe ich nie, nie, niemals!“ Berta brach in Tränen aus.
„Aber warum denn nicht? Kannst du es mir nicht erklären? Magst du Inge nicht?“
„Doch, Inge mag ich sehr gern“, gab Berta zu.
„Und Frau Wiebrich? Was hast du gegen sie?“  Gertrud ließ nicht locker, sie konnte die vehemente Ablehnung ihrer kleinen Tochter nicht verstehen.
„Frau Wiebrich ist immer nett zu mir. Aber dahin will ich nicht, ich habe Angst.“
„Aber warum denn?“
„Frau Wiebrich sieht manchmal so komisch aus, sie hat dann blaue Flecke im Gesicht. Inge sagt, dass da oft nachts ein böser Geist kommt. Er öffnet immer ihre Zimmertür und schaut sie aus glühenden Augen an. Und nachher hört sie Schreie.“
Greta war alarmiert. Sollte an Inges Geschichte etwas dran sein?
 
Bertas Ausbruch ging ihr nicht aus dem Sinn. Sie nahm sich ein paar Tage hintereinander über Mittag frei. Sie holte Berta aus dem Kindergarten ab, in der Hoffnung, Frau Wiebrich zu treffen.
Und wirklich, am dritten Tag kam Inges Mutter tatsächlich. Sie hatte trotz der sommerlichen Hitze einen Schal um Hals und Kinn gelegt. Es war ein fröhlich bunter Schal, der so gar nicht zu ihrem Gesicht passte, dem anzusehen war, dass sie vor einiger Zeit geweint hatte.
Ingrid fiel ihrer Mutter um den Hals. Dabei verrutschte der Schal und Greta konnte deutlich blaue Flecken wie von einem Faustschlag erkennen. Sie sagte vorerst nichts, begrüßte Ingrids Mutter wie immer und wandte sich dann der Eingangstür zum Kindergarten zu, um nach Berta zu schauen. Drinnen befragte sie vorsichtig die Kindergärtnerin, ob ihr an Inge oder ihrer Mutter etwas aufgefallen wäre.
„Frau Wiebrich kommt nie herein, sie wartet immer draußen. Da kann ich nichts sagen. Inge allerdings macht seit etwa drei Monaten einen etwas abwesenden, vielleicht sogar verstörten Eindruck. Wir machen uns so unsere Gedanken. Auf Fragen antwortet Inge nicht. Wir haben schon überlegt, ob wir Frau Wiebrich zu einem Gespräch herbitten sollten. Mehr kann – und darf – ich Ihnen natürlich nicht sagen, Sie wissen ja…“
„Danke“, verabschiedete sich Greta, rief Berta herbei und fuhr mit ihr nach Hause.
Am Abend fuhr sie los, ohne Klaus den wahren Grund ihres späten Ausflugs zu nennen. Sie parkte vor dem Mietshaus, in dem die kleine Inge mit ihrer Mutter wohnte, und wartete. Nicht lange, da kam ein Mercedes vorgefahren, ein elegant gekleideter Herr stieg aus und verschwand im Hausflur.
Eine Stunde verging, dann eine zweite. Greta wollt schon aufgeben, da kam ein Polizeiwagen, stoppte und klingelte an der Tür zum Mietshaus. Geöffnet wurde den beiden Beamten von einer aufgeregten Frau, die wild gestikulierte und sie offenbar zur Eile antrieb. Gespannt wartete Greta.
Ihre Geduld wurde nicht lange auf die Probe gestellt, denn die Polizeibeamten erschienen wieder und hatten eine dritte Person, die sich heftig wehrte, fest im Griff. Es war der elegante Herr. Nun konnte sie auch sein Gesicht erkennen und erstarrte. Sie kannte den Mann nur zu gut. Er war der Exmann ihrer besten Freundin, die ihn wegen häuslicher Gewalt gegen sich und die Kinder ins Gefängnis gebracht hatte. Jetzt wohnte sie in Berlin, wo er sie nicht finden würde. Frau Wiebrich und Inge waren jetzt auch vorerst sicher vor ihm.
 
Am Morgen erzählte Greta ihrer kleinen Tochter, dass der böse Geist bei Inge nicht mehr da war und nie wiederkommen würde. Er wäre von einem großen Zauberer abgeholt und in ein anderes Land gebracht worden.
„Woher weißt du das, Mama?“, fragte Berta sehr skeptisch.
„Ich habe es selbst gesehen gestern Abend, als ich zufällig an ihrem Haus vorbeigefahren bin. Glaub mir, ich habe mich nicht geirrt.“
 
 
© I. Beddies


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