Inge Hoppe-Grabinger

Die Rolltreppe



Ich fahre nicht allzu oft mit der U-Bahn, aber hin und wieder schon.   Rolltreppen suche ich zu vermeiden, um körperlich nicht  einzurosten,
aber manchmal überkommt mich die Faulheit und ich genieße es,  hochgefahren zu werden.
Heute, nach einem langem Tag,  war wieder  "Entspanntheit" angesagt.  Als ich  die Rolltreppe verlassen will,   kommt ein Mann auf mich zu. 
Er ist tiefschwarz mit wilden Haaren , exotisch gekleidet und    rollt einen riesigen Koffer hinter sich her. 

Da, wo die Rolltreppe endet, stellt  er sich hin mit seinem Koffer. Als ob er nicht wüsste, wie es weiter geht.   Ich schaue vorsichtig zurück, weil ich mich frage, was der Mann vorhat.  Er wird doch wohl nicht die Rolltreppe, die aufwärts fährt, mit seinem Koffer hinuntersteigen wollen?  
Kann er etwa die Symbole, die signalisieren, dass hier eine Rolltreppe abwärts  führt,  nicht  richtig deuten? 

Eigentlich habe ich es eilig und müsste schon längst weg sein, aber irgendetwas hält mich fest.   Der Mann steht mit seinem Koffer immer noch an der
Rolltreppe.  Das  kann ich dann doch nicht mehr mit ansehen und entschließe mich, den Mann auf Englisch aufzuklären, dass diese Rolltreppe
nur aufwärrs führt. Ich überlege auch, was ich tun sollte, falls er mich nicht versteht, welche Gesten ich  verwenden sollte, um das Verbot  deutlich
zu machen: nur rauf, aber nicht runter.
Ich gehe auf ihn zu und da geschieht etwas Unerwartetes:  Ein Verbotssignal wandelt sich vor meinen Augen  in ein Zugangssignal.
Der wilde, schwarze, unheimliche  Mann nimmt seinen riesigen Koffer, stellt  ihn auf die Rolltreppe und  fährt, in aller Seelenruhe,  abwärts.

Ich bin so verblüfft, dass vermutlich mein Mund offen stehenbleibt. Woher soll ich auch wissen, dass Rolltreppen jetzt  - neuerdings -
hinauf- und hinunter fahren können?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.02.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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