Klaus Buschendorf

Schweres Wetter

 

 
Der Hochsommertag trägt am Himmel Gewitterwolken. Unter den Schritten einer jungen Frau in engen Jeans und hochmodischen Pumps knirscht auf stiller Dorfstraße der Kies. Sie wundert sich, dass die Sonne noch scheint, der Wind schon stark weht, wo doch die Wolken sich bedrohlich türmen.
 
Das Haus, dem sie zustrebt, leuchtet im frischen Putz. An einem Fenster hängen Gardinen. Der Bauherr schlief manche Nacht schon hier. Sandhaufen, Schaufeln und Werkzeug säumen die Vorderfront. Die Zufahrt zur Garage lässt noch Wünsche offen. Der Eingang, in rotem Ziegel bogenförmig gestaltet, lockt, die Stufen hoch zu steigen. Die junge Frau folgt, nimmt die Klinke so selbstverständlich in die Hand, als sei sie die Bauherrin.
 
Der Bauherr ist zu Hause.
 
Auf dem Küchenstuhl sitzt ein junger Mann im Schlosseranzug, die Beine weit von sich gestreckt, als ruhe er nach schwerer Arbeit. Sie ist sicherlich nicht fertig. Matt schweift sein Blick durch die Küche. Von der Eintretenden nimmt er kaum Notiz.
 
„Hättest wenigstens das Bett machen können, Werner. Jetzt ist es vier. Eine Schande.“ Sie setzt sich ihm gegenüber, sieht ihn vorwurfsvoll an.
 
Er blickt auf das zerdrückte Kissen, die zurückgeschlagene Decke, auf das Möbelstück, das eigentlich nicht hierher gehört. – Gemeinsam hatten sie es als Erstes in dieses Zimmer gestellt und gleich eingeweiht. Eine herrliche Nacht! Allmählich war die Küche darum gewachsen, noch immer nicht fertig, doch gebrauchsfähig. Es fehlt nichts außer Wohnlichkeit. Wie im ganzen Haus.
 
„Wann ist der Termin?“
 
Die schlimmste Frage stellt sie zuerst. So war sie immer. Er hat es gewusst, sie trotzdem geliebt. Und nun? Er weiß es nicht.
 
„Morgen um zehn.“
 
„Wir hätten noch eine Nacht!“
 
Sie macht ihn wahnsinnig. An alles kann er jetzt denken, doch nicht an so was! Er schaut zu ihr, sieht ihren Nabel unter dem bauchfreien Top, blickt ihr ins Gesicht. Nein, sie hat nicht daran gedacht, wovon sie sprach. Wie schon so oft. Ihr Denken, ihr Reden – ein ewiges Rätsel. Mit dieser Frau hat er eine Existenz aufbauen, ein Leben gestalten wollen. „Wir könnten diese Nacht haben. Wenn du dich mehr eingebracht hättest, Renate.“
 
„Mein Studium war dir nicht wichtig, du Egoist. Meine Prüfungen, Klausuren – für dich nur Spinnerei. Verdammte Handwerkerüberheblichkeit!“
 
So spricht sie heute. Erinnerungen steigen in ihm hoch. Hat sie nicht recht? Ein erstes Mal waren ihm solche Gedanken gekommen, da hing sein Himmel noch voller Geigen, bei ihr und auch in seinem Betrieb.   
 
Damals saß er auf dem Kran, als sie freudestrahlend mit dem Fahrrad kam. Die Segmente für die Werkstattwände hat er vom Transporter gehoben, sie punktgenau abgesetzt. Seine Leute staunten über sein Geschick, montierten die Wand.
 
Burschen aus dem Dorf schauten neugierig zu. „Aha, hier baut Firma Neureich.“ Lästernd sind sie weiter gegangen.
 
Am Nachmittag stand die Werkstatt. Der Bauleiter seines Wohnhauses kam herüber und meinte: „Da könntest du auch dein Haus selber bauen.“ – „Geht nicht, muss erst Geld verdienen, damit ich dich bezahlen kann.“ – „Und – kannst du?“ – „Na immer.“ – Der Bauleiter ging zum Haus zurück.
 
Eine begeisternde Zeit! Einen seltenen Tag Stillstand im Betrieb nutzte er, die Werkstatt hochzuziehen. Es flutschte. Bis fast zum Ende. Da ist sie mit dem Fahrrad gekommen. Ein Auto lehnte sie immer ab – aus ökologischen Gründen. Den Bus akzeptierte sie geradeso. Doch der war ihr zu teuer. Sie war immer sparsam, eigentlich knausrig, kannte es nicht anders. Und ihm machte es Freude, mit ihr auszugehen, die kleine Studentin zu verwöhnen mit gutem Essen und gutem Wein. Um ihren dankbaren, verliebten Augenaufschlag zu sehen, ertrug er auch ihre spinnerten „Kommilitonen“ mit ihrem hochtrabenden Gesülze. Sie gingen ja bald, wenn er innig zu ihr wurde, ihr mit der Hand zart den Nacken kraulte.
 
Da stand sie damals mit ihrem Fahrrad und winkte ihm aufgeregt zu. Er konnte aber seine Arbeit nicht sofort abbrechen. Als es ihm möglich war, sah er Renate nicht mehr.
 
„Wie meine Klausur ausfiel, interessiert den Herrn ja nicht. Hauptsache, sein Kran rattert.“ So fuhr sie ihn an, als er sie endlich fand. Da kraulte er ihr den Nacken. Unter seinen Händen schmolz ihr Ärger. Renates Gezeter war doch nicht wichtig. Er schuf die Werte, auf die sie bauen wollten, die Firma, das Haus.
 
Er reißt sich aus den Erinnerungen, sieht in ihr wütendes Gesicht – schreit hinein: „Damals brauchte ich deine Hilfe nicht. Ich hatte Aufträge, kam geradeso nach. Du warst mir eine wunderschöne Zugabe. Doch dann später dein Praktikum. Zu der Zeit hätte ich dich brauchen können. Doch du: Für’n Appel und’n Ei bist du gelaufen, für Fremde!“
 
Zucken in Renates Gesicht. Sie steckt seinen Wutanfall weg, sieht durchs Fenster. Fahl leuchtet eine graue Wolkenwand im Widerschein eines fernen Blitzes. Es regnet noch nicht – bald werden erste Tropfen fallen.
 
Das ist ungeheuerlich! Was bildet sich dieses Großmaul ein: Sie – eine wunderschöne Zugabe? Und: Er hätte sie brauchen können? Hat er das je zu ihr gesagt? Wann? Als sie nach dem Studium um ihre Anstellung kämpfte?
 
Es war nichts draus geworden, das ist wahr. Ausgebeutet wurde sie von dieser Firma. Eine tolle Arbeit habe sie hingelegt, der Gruppenleiter war des Lobes voll. Der Weg zum Personalchef schien nur Formsache zu sein. Und dann: Umstrukturierung – Ältere haben Vorrang – beschränkte Mittel – Arbeit gäbe es, sicher. Sie sortierte den Nebel seiner Worte und begriff: Sie muss gehen! Doch dann der Hoffnungsschimmer: Wenn sie sich eine Chance erhalten wolle – da wäre ein Projekt, für sie wie geschaffen. – „Also kann ich bleiben“, rief sie froh. – „Natürlich.“ Der Gruppenleiter hat auf den Schreibtisch geblickt und die Augen nicht mehr gehoben. „Sie wisse ja, beschränkte Mittel. Eine Bezahlung könne es, wenn überhaupt, erst nach Abschluss geben, als Honorar, wie bei freien Mitarbeitern üblich. Das verstehe sie doch ...“
 
Sie hat nicht mehr zugehört. Als er seine Rede abbrach, war sie schon an der Tür. Krachend ist sie hinter ihr ins Schloss gefallen. Tiefes Durchatmen. Es nieselte, sie zog die Schultern ein. Wie Hohn krochen sie seine letzten Worte an: „... sie habe doch einen Unternehmer zum Freund, einen recht erfolgreichen ... der könne sie doch unterstützen, bis die Zeiten für die Firma wieder besser seien ... das letzte Wort noch nicht gesprochen ...“ Werner steckte schon in der Klemme. Bundesweite Ausschreibungen – und Werner kam nicht mehr ran. Immer schnappten ihm Größere die Aufträge weg. Mit ihrem Gehalt wollte sie seine Durststrecke ... schöne Träume! Nichts erfüllte sich.
 
Regen strömt vor dem Fenster. Ferner Donner grollt näher und näher.
 
Sie wollte ihm helfen und konnte es nicht.
 
Vielleicht war es gut so. Ließ er nicht die Katze aus dem Sack: Sie – eine wunderschöne Zugabe?
 
„Du Macho“, schreit sie. „Wann hast du mich merken lassen, dass du meine Hilfe brauchst?“ Unter seiner Würde sei es gewesen, sie merken zu lassen, wie schlecht es um ihn steht.
 
„Sündhaft teure Karten für deine geliebte Boygroup habe ich besorgt.“ – „Musste das sein?“, fragt sie.
 
Er staunt über ihre tiefe Besorgnis. Sie sollte keinen Mangel leiden an seiner Seite. Auch wenn es ihm damals schon schwer fiel. Wie hat sie ihn danach verwöhnt? Geschah es schon in dieser Küche? Er wusste es nicht mehr. Nur, dass es schön mit ihr war, erinnert er sich. Oh ja, sie haben viel miteinander geschlafen – und immer war es schön.
 
„Ja, ich hätte dich brauchen können, als ich die Sekretärin entlassen musste! Du hast dich nicht angeboten.“
 
Ein Donnerschlag hallt durch die Küche. Die Gardinen bauschen herein, Regen flutet durchs Fenster. Renate springt auf und schließt es. Dann wendet sie sich zu ihm.
 
„Du warst viel näher an deiner Misere als ich. Doch du erkennst ja alles viel zu spät.“
 
„Ach so? Da hast du mich wohl sehenden Auges in die Scheiße laufen lassen? Schön, dass ich das jetzt erfahre. Jetzt, wo alles zu spät ist!“
 
„Nichts ist zu spät! Stell dich! Verkleistere dir nicht die Augen! Du bist doch nicht allein auf der Welt! Von mir willst du dir ja gar nicht helfen lassen, von der schönen Zugabe! Ich bin ein Mensch wie du, keine Zugabe!“
 
„Du hast mir nicht beigestanden, hast dein Praktikum gemacht. Für die Scheißfirma hast du dich aufgeopfert, für mich nicht!“
 
„Ich war doch ganz sicher, danach den Job zu kriegen! Dann wäre mein Geld in deine Werkstatt geflossen, das weißt du ganz genau. Ich bin nicht schuld an deiner Pleite, ich nicht!“      
 
Sie hat ja so recht. So verdammt recht, dass es schmerzt. Was wollte ich von ihr? Dass wir viel miteinander ausgehen? Dass wir eine schöne Zeit haben? Sind wir zu sorglos miteinander umgegangen? Wir haben viel miteinander geschlafen – wir hätten mehr miteinander reden sollen.
 
Donnerschlag auf Donnerschlag kriecht Dunkelheit in die Küche. Die Blitze gehen anderswo nieder. Sie unterbrechen die Finsternis nicht.
 
Renate sieht zum Fenster. Gleichmäßig trommelt Regen an die Scheiben.
 
Mit dem da wollte sie ein Leben leben bei Sonnenschein und auch Gewitter. Bis dass der Tod uns scheide. Mein Traummann – habe ich zu lang geträumt? Welche Chance hatte ich, nicht nur Zugabe zu sein? Vielleicht ist es gut, dass alles kam, wie es gekommen ist.
 
Sie sieht zur Uhr: halb fünf. In fünfzehn Minuten fährt ein Bus. Fünf Minuten Weg durch den Regen unters Dach der Haltestelle. Das ist es wert. – Es ist zu spät. Dafür nicht.
 
Der junge Mann im Schlosseranzug nimmt kaum Notiz von der Frau, die geht. Sie sollte hier die Bauherrin sein. Er hört die Tür zuschlagen. Nicht sehr laut.
 
Alles war gesagt. Er sitzt Sekunden noch stumm da. Dann geht er in den Keller. Dort findet er alles, was er braucht.
 
Der Bus fährt am Haus vorbei, und er ist fast fertig mit der ungewohnten Arbeit. Danach tritt er ins Freie. Der Regen hat aufgehört. Das findet er gut. Er läuft los. Irgendwohin.
 
Aus weiter Ferne sieht er zurück. Gründliche Arbeit hat er geleistet, schnell und genau. Er blieb sich treu. Der Termin ist umsonst – morgen um zehn.
 
Das Haus steht in hellen Flammen.
 
Klaus Buschendorf
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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