Jörg Warten

Die Roten Häuser - EPISODE 0

Habe ich dir schon von den roten Häusern erzählt? - natürlich...
auch wenn ich nach all den Jahrzehnten vieles vergessen habe - die roten Häuser sind noch präsent.
 
Stumm standen sie Spalier, während wir die schlechte Straße entlang fuhren. Der Himmel zeigte sich strahlen-blau, keine einzige Wolke, nur am Horizont ein paar kleine, jämmerliche Fetzen. Alle Fenster standen offen, ließen aber nur den heißen August Föhn herein.
Die roten Häuser standen einzeln oder in kleinen Gruppen verstreut dort im gelben, verdorrtem Gras. Nur das Zirpen der Grillen und das Brummen unseres Motors drangen durch die leeren Fenster hinein.

Hoch und schmal wie Türme ragten sie empor, mit spitzen Dächer, die von reich verziertem, hölzernen Fachwerk gestützt. Gras und Flechten hingen von verrosteten Rinnen herab und knorrige Dornenreben versuchten die Fassaden zu erklimmen, nachdem sie schon die verwitterten Stangen, die einstmals wohl Wäscheleinen oder Schaukeln gewesen waren, bereits erobert hatten.

Feuerrote Backsteine, nach all den Jahren immer noch nicht verblasst, führten in herrlichen Rundbögen über die fleckigen,  teils zersplitterten Fenster, in denen oft noch zerschlissene Vorhänge in der heißen Sommerluft hin und her wogen als hätte jemand auf der anderen Seite mit den Fingern darüber gestriffen.

Wir hielten am Rand der Straße und lauschtem diesem Ort.

Nichts als die monotonen Geräusche eines Sommertages. Und doch eine lauernde Stille. Langsam stiegen wir aus und bewegten uns auf das nächstgelegene Haus zu.
Ich zählte mindestens sechs Stöcke, wobei ich nie sicher hätte sagen können wie viele es tatsächlich waren. Wir beide wirbelten Staub auf, als wir langsam Richtung Eingang schritten.
Vor der Tür, um deren leere Fenster sich die Jugendstil-Ornamente einen Kampf gegen die Witterung lieferten, lagen die zerborstenen Ziegel des Vordachs, von dem nur noch ein hölzernes Gerippe zeugte.

Als ich nun dort stand und in das Zwielicht der Eingangshalle spähte, fuhren mir die feuchtkalten Finger alter Luft über das Gesicht. Staub und Schimmel.
Nach den prachtvollen, aber staubig abgestumpften, schwarz - weiß Mosaiken des Foyers erhob sich eine Holztreppe zu einem ausladenden Treppenhaus. Der dunkelrote Lack sprang in großen Stücken ab und gab den Blick auf das rohe Holz frei. Mir direkt gegenüber, entschwanden steinerne Stufen in den Keller, nur von einem kleinen, zerborstenen Fenster beschienen. Ich trat in hinein, unentschlossen welche der beiden Treppen ich nehmen sollte.

Da ertönte das Lachen, fern irgendwo im Haus.
Ich erstarrte.
Und doch hatte ich es gewusst.

Die roten Häuser lagen mindestens eine halbe Stunde Autofahrt von den nächsten Siedlungen entfernt.
Weit und breit war kein Gefährt zu sehen gewesen.
Doch auch ohne meine schnellen, logischen Gedanken hatte ich schon beim ersten Ton des freudlosen Lachens gewusst, dass es nicht menschlich war...

www.die-roten-haeuser.de




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.02.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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