Margit Farwig

Leben mit dem Reiher

Leben mit dem Reiher
 
Die Schatten der Bäume ruhen auf Seerosenblättern, nehmen den blauen Himmel in ihre Mitte, spiegeln eine aus heiterem Himmel gefallene Welt wider. Die Bäume erzählen dem Wind Märchen. Fische hören zu und Vögel. Sie kommen vorbei, lauschen eine Weile, fliegen fort. Die Goldfische schwimmen unbekümmert hin und her, achten nur darauf, dass sich nichts bewegt. Ein Trugschluss. So denken die glutroten Goldfische nicht nur an hellen Tagen.
Munter ziehen sie ihre Bahn von Seerosenblatt zu Seerosenblatt als leuchtend rote Pfeile. Mal spritzig, mal auf behäbiger Wanderschaft. Sie kommen immer zu früh an, teilen das Wasser zum hundertsten Mal, treffen immer dieselben Angehörigen desselben Fischschwarmes, der höchstens zwanzig Seelen zählt.
Auch fallen nicht alle Fische unter die Rubrik echte Goldfische. An einigen haften rote Farbfetzen, an anderen über den Kopf verteilte Blitze. Es sind die Künstler unter ihnen, eingeteichte Expressionisten.
Ganz anders verhält es sich mit den schwarzgetönten. Sie haben nichts als die Schwärze der Nacht aufzuweisen. Manchmal sieht es aus, als hätten sie eine gewisse Durchsichtigkeit am Leibe, weil man sie trotzdem schwach erkennen kann. Sie standen ganz hinten bei der Verteilung des Goldes. Ihre Schuppenhaut ist leer ausgegangen.
Am Rande des kleinen Teiches steht der große Vogel stumm wie eine Standuhr, deren Feder abgelaufen ist, bewegt sich nur, wenn der Wind leise durchs Gefieder streicht. Seine Augen blicken so streng und scharf, dass den Fischen Schauer über ihre Rücken laufen würden, wenn sie davon wüssten, ihre Schuppen würden sich sträuben, wie sich der Katze die Haare sträuben beim Anblick eines Hundes und die Rückenflossen würden ihnen zu Berge stehen. Eine überstürzte Flucht in Teiches magere Tiefe wäre die einzige Möglichkeit, diesem Unheil auszuweichen.
Manchmal streckt er den Kopf noch ein wenig weiter vor, um einen Fisch genauer ins Auge zu fassen, von welcher Seite er ihn am günstigsten schnappen kann. Seine eiskalten Augen bewegt er kaum. Dann steht er erneut wie festgefroren.
Ein wohlgenährtes Tier schwimmt, wie unvorsichtig, in die ungeschützte Mitte des Teiches. Was weitaus schlimmer ist, jetzt fast bis an den Rand hin zu den langen Beinen, diesen spindeldürren Beinen des gefräßigen Reihers.
Zwischen den Seerosenblättern leuchtet das Schuppenkleid. Der Fisch ahnt nichts. Die erstarrte Säule ist von Erregung erfasst, fixiert das Objekt der Begierde, wartet ab, bis der Fisch eine Drehung vollzieht, das Schwanzende in ihre Richtung zeigt und hebt ausgesucht vorsichtig das rechte Bein, biegt es nach vorn wie eine Laune der Natur, wartet wieder ab und setzt es bei nächster Gelegenheit als vom Wind bewegtes Schilfrohr in den flachen Grund. Der Fisch atmet an der Oberfläche seelenruhig einen Tropfen Sauerstoff, bedeckt sein Haupt mit Wasser und träumt weiter. In gleicher Weise nähert sich der Reiher dem Fisch so lange, bis er ihn mit einem Ruck schnappt, schüttelt und ihn ruhig damit stellt, er zappelt um sein Leben.  Weil der Goldfisch noch immer quer im Schnabel steckt, wird er nun fachgerecht und blitzschnell in Längsform, also schlundgerecht, befördert. Nun hebt der Reiher seinen Schnabel hoch und lässt die Beute bis in den Schlund hineinrutschen. Er schluckt noch mehrfach, was durch Schluckaufzucken im Hals leicht zu erkennen ist. Es geht alles seinen Gang.
Unbeeindruckt hält das hungrige Tier Ausschau nach einer weiteren Mahlzeit.
 
© Margit Farwig
 

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