Engelbert Blabsreiter

Der Abschied

Beim Lesen eines Werbeprospektes für Bergsteigerzubehör stellte ich fest, dass ein sehr hochwertiger und moderner Bergsteigerrucksack zu einem äußerst attraktiven Preis angeboten wurde.
Da mein Rucksack durch zahllose Bergtouren über viele Jahrzehnte hinweg schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen wurde, entschied ich mich zum Kauf des neuen und zweifellos besseren Nachfolgemodells.
Für den alten Rucksack hatte ich dadurch keine Verwendung mehr und so entschloss ich mich ihn in meiner Mülltonne zu entsorgen.
Genau in dem Moment als ich den Deckel der Mülltonne öffnete und den alten Rucksack darin entsorgen wollte meldete sich eine innere Stimme in mir:

Du willst ihn doch nicht jetzt nachdem er dir so viele gute Dienste in all den Jahrzehnten geleistet hat in einer Tonne mit stinkenden Küchenabfällen und Exkrementen aus dem Katzenkloo entsorgen ???

Bevor ich mir der Worte so richtig bewusst wurde, herrschte mich diese innere Stimme erneut sehr energisch an.

Hast du denn schon vergessen, dass er all die Jahre bei strömenden Regen oder sengender Hitze deine Getränke, die Brotzeit und auch wärmespendende Kleidung getragen, sowie auch die Fotoausrüstung, Karten und dein Tourenbuch trocken und stoßgeschützt beherbergt hatte?
Dass er deinen Kopf vor Hagel und Steinschlag geschützt und mehrmals dein Kopfkissen in  überfüllten Berghütten auf dem Boden der Gaststube war?


Ähhhh ja…. ich dachte… stammelte ich völlig verdutzt vor mich hin  ..… ich dachte weil er jetzt schon ziemlich viele Löcher, Falten, Schrammen und Abnutzungsspuren hat wird es Zeit ihn gegen einen Neuen zu ersetzen und ich wusste ja nicht dass eine Beisetzung in meiner Mülltonne für ihn nicht standesgemäß ist….

Boaaahhhh …antwortete die innere Stimme spöttisch, dann kannst du dich ja ebenfalls gleich in die Mülltonne begeben. Dir fallen die Haare aus, hast ebenfalls schon heftige Falten Schrammen und Abnutzungsspuren, von einer ziemlich ausgebeulten Stelle auf der Vorderseite ganz zu schweigen und dein Tragegestell ist auch schon ziemlich ausgeschlagen!

In meiner persönlichen Ehre angegriffen reagierte ich jetzt schon etwas störrischer, auch wenn ich wusste, dass die Stimme bei aller Respektlosigkeit  im Grunde völlig Recht hatte.
Ok antwortete ich, dann bringe ich ihn persönlich in die Müllverbrennungsanlage und schmeiß ihn in den Feuerbunker dann kann er noch etwas Nützliches für die Fernwärmeheizung des Rosenheimer Krankenhauses leisten und wird amtlich kontrolliert und ordnungsgemäß in einer Art Krematorium verbrannt.

Das war schon vor mehr als 400 Jahren ein grausamer und ungerechter Akt als Giordano Bruno verbrannt wurde nur weil er behauptet hat, dass die Erde nicht Mittelpunkt unserer Welt ist. Und du undankbarer Banause willst das Dasein deines Rucksacks nach allem was er für dich getan hat genauso beenden?

Langsam stieg ein gewisses Gefühl der Verärgerung und Verzweiflung in mir auf und so schilderte ich meiner inneren Stimme trotzig aber bestimmt das weitere Dasein meines Rucksacks als zusammengeschusterter Fleckerlteppich unter dem Katzenkloo.

Wenn du das machst….. meinte die Stimme mit einem gefährlich drohenden Unterton…. Wenn du das machst…. dann erzähle ich die Geschichte von damals in der Berghütte an Silvester 1980 als sich die hübsche junge Dame in leicht bekleidetem Zustand in dein Bett im Massenlager gelegt hat und du dich obwohl das Bett für zwei Personen viel zu eng war dazu gelegt hast und euer Gekichere die anderen Bergsteiger in ihrer Nachtruhe gestört hat und…….

Psssssssssst ….Psssssssssst…….. bist nicht gleich still … stöhnte ich….
Ok, ok ,  ich kapituliere….. was erwartest du von mir?

Na endlich, wieso nicht gleich so meinte die Stimme. Ich werde dir jetzt meine Bedingungen verkünden, denn er will einen würdigen Abschied von seinem Dasein als dein Partner und Bergkamerad und wehe du befolgst ihn nicht….

Seitdem steht der Rucksack ausgestopft mit Latschenkiefern und ein paar Blümchen verziert, gut befestigt am Fuße eines Gipfelkreuzes auf seinem Lieblingsberg. Dort schaut er erhaben und mitleidig auf mich herab. Auf einem großen Stein vor ihm ist der folgende Text eingemeißelt.
Hier ruht mein geliebter Rucksack Salewa Alpin, der mir viele Jahrzehnte lang als treuer Freund und Begleiter zur Verfügung gestanden hat und mit mir alle meine Abenteuer in den Bergen in voller Diskretion geteilt hat.

Seitdem verzieren ihn viele andere, überwiegend männliche Gipfelstürmer mit ein paar Blümchen oder legen besonders schöne Steine um ihn herum bis es ihm einstmals so ergeht, wie es uns allen einmal beschieden ist und er zu Staub zerfällt.


 
© 2016 Engelbert Blabsreiter
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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