Patrick Rabe

Brief an einen Freund (eine Meditation über die Buddenbrooks)

Lieber Karsten,
 
Eben habe ich eine Verfilmung der Buddenbrooks gesehen. In mir hat dieser Film viele Gedanken und Gefühle ausgelöst. Diese haben ein Thema: Familie.
 
Auf unsere beiden Familien lässt sich, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, die Geschichte der Buddenbrooks anwenden. Und wir, wir haben in unseren jeweiligen Familien besondere Stellungen.
 
Du wirst sicher vieles von dem Verhältnis ‚Thomas zu Christian Buddenbrook‘ auf dich und Robert beziehen können. Du bist in diesem Fall eher der Thomas-Charakter, der unter den Krankheiten und Schwierigkeiten seines Bruders zu leiden hatte. Besonders beeindruckt hat mich die Szene, in der Christian Thomas vorwirft, er hätte ja den ordentlichen Weg gewählt, und in ihm sei Unordnung. Thomas sagt daraufhin: Ich habe diesen Weg vor allem deshalb gewählt, weil ich mich in dir wiedererkannt habe und nicht so werden wollte wie du! Passt das nicht auf dich und Robert!?
 
Ich weiß, du hast immer sehr darunter gelitten, dass die Last der Verantwortung, ein gelungenes, gesundes Leben zu führen und den Samen und Namen der Familie fortzutragen, auf deine Schultern gelegt wurde. Du durftest nicht die Schwäche zeigen, die Robert zeigen durfte. Aber du hast Wege gefunden, deiner sensiblen Seite trotzdem Rechnung zu tragen, du wurdest Schriftsteller. Vielleicht habe ich dich früher ein wenig dafür verachtet, dass du trotz deines freigeistigen, dionysischen Innenlebens den bürgerlichen Weg gewählt hast; heute denke ich allerdings: gerade darin liegt deine Größe. Du wirst – wie auch immer dein Weg aussehen wird – bei Weitem über deinen Vater hinauswachsen, denn ihm fehlt im Gegensatz zu dir die Fähigkeit, die Tragik eurer Familie auszudrücken. Ja – er verkörpert sie, und du drückst sie aus, das ist der Unterschied. Über dich wird später niemand sagen, dass du eine Witzfigur warst. Dein Vater ist auf so merkwürdige Weise stolz auf sich und eure Familie, ja er betreibt einen Kult um sie, der, trotz seiner Selbstironie irgendwie peinlich ist und jeglicher Begründung entbehrt. Die Größe, auf die er stolz ist, die er in seiner eitlen, selbstbeschränkten Art nicht erreichen kann, wirst Du irgendwann haben. Und das völlig zu Recht. Und hab keine Angst vor dieser Bürde. Du bist ihrer würdig, du kannst es schaffen.
 
Meine besondere Stellung in meiner Familie ist indes die eines ‚Christian‘. Ich sehe ihn daher als positive Gestalt. Er ist, neben Hanno, der einzige, der nicht auf seine Lebendigkeit verzichten will, der sich nicht in das Korsett eines unmenschlichen Systems zwingen lässt. Er ist, wie Thomas sagt, sicherlich die wunde Stelle im Buddenbrook-Organismus, aber er ist auch derjenige, der das Element der Heilung in seine Familie bringt, eben indem er ihre Krankheit sichtbar macht. Und ironischer Weise überlebt er sie ja alle und setzt auch noch Kinder in die Welt!
 
Ich selber sehe mich als Ausdruck von etwas lange in der Rabe-Familie zurückgehaltenem. Etwas, das in meiner Familie über Generationen konsequent heruntergeschluckt wurde, kommt in mir zum Ausdruck. Nach außen Problemtyp und nicht voll funktionstüchtig, mache ich sichtbar, was in meiner Familie nicht funktioniert. Das Künstlerische, das auf väterlicher Seite immer latent vorhanden war, aber nie gelebt wurde, setze ich nun um. Und ich schreie grell auf, wenn Dinge unter den Teppich gekehrt werden, wie z.B. der Alkoholismus meines Onkels. Nach außen war unsere Familie immer heil, die Fassade stimmte. (Wenn ich Familie sage, dann meine ich Großfamilie, und unsere Familie ist sehr groß!) Was hinter dieser Fassade war, blieb geheim und ungesagt. Ich aber bin derjenige, der dafür da ist, das ungesagte auszusprechen, in meiner Familie, in der Welt und auf mich bezogen. Ich bin die Stimme, ich bin das Buch, ich bin die Chronik.
 
Und vielleicht, Karsten, werden wir einmal unseren Familien vergeben können, und im Frieden mit uns selbst und unseren Ahnen leben. Ich bin große Schritte zu diesem Frieden bereits gegangen, das habe ich diese Weihnachten bemerkt. Ich kann mittlerweile wieder gnädig auf meine Familie schauen und sie sogar lieben. Ich wünsche Dir, dass Dir das auch gelingen kann. Es grüßt Dich mit Thomas-Mann’schem Gruße
 
Dein Freund Patrick (der sehr hofft, Dir mit diesem Brief nicht unangenehm zu Nahe getreten zu sein!).


Ich bin besagtem Freund nicht unangenehm zu nahe getreten. Er war sehr berührt von meinem Brief. Er hat auch zugestimmt, dass ich ihn jetzt, 5 Jahre nach Abfassung ins Internet stelle. Namen und kleine biogrphische Details sind verändert. Ich denke, dass der Inhalt dieses Briefes auch einen allgemeingültigen Wert hat, und dass Schicksale, die an die "Buddenbrooks" anklingen, gar nicht so selten sind. Mir ist wichtig, auszudrücken, dass wir alle - ausnahmelos!!- mit einer Bürde auf die Welt kommen. Auch das Sonnenkind zu sein/sein zu müssen, kann eine Bürde sein. Der Mensch ist meiner Auffassung nach ein notwendiger Weise verletztes Wesen. Die Wunde prägt sein Leben. Und an der Stelle, wo die WUNDE ist, kann sich auch das WUNDER ereignen. Auch in ausnahmelos jedem Leben. Wenn man sich dem öffnet und beginnt, hinzuschauen...


© by Patrick Rabe, Hamburg

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.03.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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