Inge Hoppe-Grabinger

Johanna


Ich war vermutlich zehn Jahre alt, als ich Johanna kennenlernte.  Johanna war Sekretärin, sah aber überhaupt nicht
wie eine Sekretärin aus: sie war kein bißchen eitel, überhaupt nicht attraktiv und keinBlickfang im Vorzimmer. Ganz im
Gegenteil, sie war eher der Zerberus, der  Eindringlinge zurück- und abschreckte.
Als Zerberus waltete sie über das Vorzimmer, das zu dem Zimmer führte, wo sich die charmante zweite (?) Sekretärin
mit dem Chef ihr Arbeitfeld teilten, falls man das so sagen darf.
Johanna trug stets eine strenge weiße Bluse, einen mittelengen schwarzen Rock,  flache schwarze Schuhe und als
Frisur einen Dutt.  Ihr Körper wußte nicht so recht, ob er weiblich oder männlich war, der Busen war enorm, der Rest
war unentschieden, aber eher kräftig.
Abgesehen vom Vorzimmer, wichtig genug,  war Johanna die Königin eines kleinen, aber  unüberschaubaren Reichs.
In der Hinterhoffirma, die sich mit dem Herstellen von Plexiglasformen über Wasser hielt, verfügte Johanna über 
"männliches" Wissen: d.h. sie wußte alles über Werkzeuge, wußte, viel wichtiger noch, wo   die sich befanden, wo
Ersatzteile schlummerten, welcher Arbeiter welche Unzulänglichkeiten verschwieg   u n d   sie befehligte das Lager
all der Plexiglas-Grundstoffe: wie dick, wie dünn, wie lang die   angelieferten  Rohmaterialien, Stangen und Platten, waren.
Da dem Lager ständig kleine, mittlere und große Mengen entnommen wurden, war des Buchführens kein Ende und die
Verantwortung war groß.
Johanna betrachtete Frauen eigentlich nicht als ebenbürtige Wesen, weil die ja nichts von Werkzeugen verstanden.
Mit Männern kannte sie sich aus, man sprach die gleiche Sprache.  
Ob sie je ein Mann, ob sie je einen Mann  .... das entzieht sich meiner Kenntnis. Aber selbst im Alter von 11, l2 Jahren
glaubte ich zu wissen, dass Johanna und die Männer  zusammenzudenken, ein Ding der Unmöglichkeit war.

In der Firma wurden Dinge aus Plexiglas hergestellt, die es gar nicht mehr gibt: Ärztekoffer, totschick, alles transparent.
Besonders interessant war die Herstellung von sogenannten Lüftern:  8 cm hohe Plexiglasteile, in deren  Mitte ein
feiner Hohlraum Luft durchließ. Diesen Lüfter führte man, bei Darmbeschwerden in den Hintern ein, woraufhin
Töne unterschiedlicher Höhenlagen den Darm verließen und das Weite suchten.  Da diese Lüfter in der Firma
auch am eigenen Leibe ausprobiert wurden,  musste man immer urplötzlich  mit   höchst seltsamen Tonfolgen
rechnen.  Das war  eine Errungenschaft der Medizin, die leider völlig in Vergessenheit geraten ist. Ich habe noch
immer, für den Notfall, einen solchen Lüfter in meinem Besitz und könnte alles "beweisen".
Die Lüfter wurden übrigens in Heimarbeit in unserer  Küche   über einer Kerze  erwärmt,  gebogen und in kaltem
Wasser - wie Eier - abgeschreckt, dass sie die richtige Biegung beibehielten.  Diese Heimarbeit,beim Schein einer 
Kerze, an der ich als Kind - gleichberechtigt -teilnahm,  zusammen mit der Mutter, dem Vater und der Schwester meines Vaters, ist für  mich kostbarste Erinnerung.
Johanna hat alle diese Lüfter gezählt, nachgeschaut, ob sie genug poliert waren, falls die von der Kerze erzeugte
Schwärze noch nicht richtig entfernt war, und die Auslieferung bewerkstelligt: an Krankenhäuser oder an experimentier-
freudige Ärzte.
Johanna Teil II    folgt demnächst.      4. Aprl  2o15













 

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