Winfried Hau

Licht in der Finsternis

Ich war 16 oder 17 Jahre alt, und es ging mir nicht gut. Spätpubertäre Probleme lagen schwer auf meiner Seele. Meine erste große Liebe hatte mich verlassen, die Schulnoten sanken in einen katastrophalen Bereich, das Verhältnis zu meinen Eltern, besonders zum Vater, war extrem gestört.
"Was soll aus dir nur werden?", hatte mich mein Vater oft gefragt. Diese Frage war gut, denn ich wußte keine Antwort darauf. Ja, auf die grundsätzliche Frage nach dem Sinn meines Lebens, die man in diesem Alter noch existentiell betroffen stellt, konnte ich keine Antwort finden. Ich rauchte bis zu drei Schachteln Zigaretten pro Tag, soff viel Alkohol, las Gedichte von Trakl und Rimbaud und Prosa von Kafka, begleitet von der Musik von Black Sabbath.
Der Gedanke an Suizid war nicht fern. Ich hatte mir bereits einen Baum ausgesucht, an dem mein Genick in einer Schlinge brechen sollte.

Es war mitten im Winter. 15 Grad minus lagen über einer dicken Schneedecke. Ein Mitschüler sprach mich nach dem Unterricht an, ob ich nicht Lust hätte, an einer Nachtwanderung teilzunehmen, die von den Salesianern Don Boscos angeboten wurde. Die Salesianer Don Boscos sind ein katholischer Orden, der sich besonders der Jugendarbeit verschrieben hat. Eine Niederlassung von ihnen befand sich in der Nähe meines Heimatdorfes. Die Salesianer boten Gesprächsrunden, Zeltlager, Besinnungstage etc. für Jugendliche an. Ich hatte an ein paar Gesprächsrunden im "Kloster" teilgenommen, die ganz nett waren, mir aber keine Lösungen für meine Probleme boten. Zu sehr kam Gott immer wieder ins Spiel, zu wenig fand ich mich mit meinen Fragen aufgefangen.
Trotzdem erklärte ich mich bereit, an der Nachtwanderung teilzunehmen. Nacht und Winter,- das passte zu meiner damaligen Seelenlage.

Gegen 23 Uhr stapften wir los, etwa 15 Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren, angeführt von einem Salesianerpater. Zunächst folgten wir einem vielbegangenem Weg, traten in die Fußstapfen der Tagesspazierer, schwatzten und lachten. Dann, etwa genau um Mitternacht, stiegen wir einen Hügel hinauf, wobei wir bis zu den Knien im Schnee versanken. Es wurde geschnauft und geflucht, bis wir einen selbst von Tieren kaum berührten Mischwald erreichten.
Hier stellte der Salesianerpater eine Kerze in den Schnee, zündete sie an, bat um absolute Ruhe und sagte: "Ein Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst."

Welche Macht ging von diesen wenigen Worten und diesem kleinen Licht aus! Ja, es gibt das kleine Sprichwort: "Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her!" Aber für mich war das mehr als ein "Lichtlein" Der ganze Wald war erleuchtet, verklärt, von einer höheren, numinosen Sphäre umgeben. Etwas Göttliches war erschienen, eine Macht, die stärker ist als alle Erfahrungen der Hoffnungs- und Sinnlosigkeit.

Diese Kerzenerfahrung begleitet mich noch heute, mehr als 40 Jahre später.. Es ist sogar etwas aus mir geworden. Ich habe Theologie und Philosophie studiert. Kein theoretisches Wissen aber hilft mir weiter als konkrete Erfahrungen. Kaum eine Erfahrung war wesentlicher als die Nachtwanderung im Winter.




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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