Inge Hoppe-Grabinger

Johanna (Teil 3)



Hanni und Anni sah man immer nur als Paar, Hand in Hand, und jede trug einen Baseball-Cap. So wußte man, sie
gehören zusammen.  

Ihr Aktionsradius war überschaubar:  sie gingen nie spazieren,  sie gingen  am Sonntag zur evangelischen Kirche,
wochentags zu Aldi, um Konservendosen zu kaufen,  die sie erwärmten, weil keine von den beiden kochen  konnten.
Aber am liebsten  gingen sie an  Gerüsten von Baustellen vorbei, um mit den Gerüstbauern oder den Maurern oder
sonstigen Männern ins Gespräch zu kommen.  Vielleicht ist es falsch, was ich jetzt schreibe, aber in meiner Erinnerung
war die Jahre über immer   in der Straße irgendwo ein Baugerüst.  Wenn das Baugerüst dann schließlich verschwand,
war  der vom Krieg  beschädigte   Stuckschmuck entfernt und eine Einheitsfassade hergestellt worden.  Aber das inter-
essierte Hanni und Anni nicht im Geringsten. Mit den Bauarbeitern konnten sie fachsimpeln über Sägen aller Art, die
man brauchen konnte, um Holz klein zu kriegen. Denn darum ging es:  Auf den Baustellen lagen Berge von  Holz-
paletten,  die irgendwann verschwinden würden, und das galt es zu verhindern.   Mit dem typisch männlichen Charme
der beiden Damen gelang es ihnen immer wieder, Paletten  zu "erobern", diese nach Hause zu verfrachten  ( mit einem
kleinen Ziehwagen) und  im Keller oder im Dachgeschoss  oder  im Anbau im Hof  zu deponieren. 
Fast jeden Abend, so gegen l8 Uhr,  erklang dann  im Keller Hannis Motorsäge.  Sagen wir mal, eine halbe Stunde lang.
Anni stand aufmerksam neben ihr, um die geteilten Holzteile entgegenzunehmen, in den nächsten noch freien Schuppen
zu eilen und dort zu schichten.  Die Mieter hatten  jeweils nur kleine Kellerräume,  aus irgendwelchen Gründen gab es
dann noch geheime  Orte, die  nach und nach mit immer mehr Holz gefüllt wurden.   Das war alles streng geheim, und
die Mieter tuschelten nur darüber.  Ich tuschelte mit, denn in meiner Wohnung im vierten Stock  gab es nur eine
Ofenheizung und mit dem Holz, das in allen Nebenkellern so reichlich vorhanden war,  hätte man wunderbar immer
wieder kalte Füße  erfreuen können.  Aber das sollte nicht sein.
Irgendwann starb Anni und das war schlimm für Hanni. Die Erben von Anni  gaben Hanni zwei Wochen Zeit, um sich
in ihre Wohnung im 4. Stock zurückziehen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war die Wohnung nur noch ein Abstellort
geworden, alle möglichen Schachteln und Kisten stapelten sich auf sämtlichen Stühlen, Sesseln, Kommoden,
Schränken.
Es kam ganz schlimm. Um das Haus verkaufen zu können, mussten alle Kellerräume, das Dachgeschoss  und der
Anbau im Hof von  all dem angesammelten Holz befreit werden.  Das war eine Riesenaktion, die einen Tag dauerte und
ein Schweinegeld kostete, so hiess es.
Ich habe, zufällig aus dem Fenster schauend,  verblüfft beobachtet, wie   aus dem Anbau im Hinterhof  Särge flogen,
einer nach dem anderen.  Mit zitternden Händen versuchte ich, noch schnell Fotos zu machen, aber die Särge
flogen zu schnell, alle diese Fotos  ... unscharf. 
Am Abend verließ ich das Haus und da standen vor dem Haus in unserer typisch Berliner Straße   sieben Särge,
drei links und vier rechts vom Hauseingang.  Leider lief gerad niemand vorbei, den ich hätte fragen können , was
man so empfindet, wenn man so etwas sieht. 
Später erfuhr ich, dass Johanna in jedem einzelnen Sarg  gut zersägtes Brennholz  aufgebahrt (?)  hatte.
Denn man weiß  ja nie, ob schlechte Zeiten wiederkommen.
Das muss ein ganz grässlicher Tag für Johanna gewesen sein: all die Sägearbeit ... umsonst.....

Demnächst: Johanna  Teil 4

 

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