Annina Hackner

Totensonntag

Es war November und das Wetter, wie es meist zu dieser Jahreszeit ist, war kalt und feucht. Besonders in den späten Stunden des Nachmittags kroch der Nebel kniehoch über Wiesen und menschenleere Straßen. Ich zog meinen Mantel enger um mich als ich eben an solch einem Tag zu solch einer Zeit durch den Wald lief. Es war ein nutzloses Unterfangen, denn die Nässe hatte sich in jeder Faser des dicken, schwarzen Wollgewebes festgesetzt. Manch einer hätte meinen Spazierweg als unheimlich abgetan und erleichtert eine fröhlichere Route gewählt: Der Weg der mich zum alten Waldfriedhof führen sollte, bestand aus gesprungenen Steinplatten, die von totem Laub bedeckt, durch eine düstere Allee führten. Schon zu Zeiten der Pest waren hier entlang Leichenkarren gefahren, um ihre ,von der Krankheit zerfressene, Fracht abzulanden. Ein seltsamer Gedanke, der nicht von mir zu sein schien, ließ mich erschreckt anhalten: "...eine glorreiche Zeit, mein Kind...für MICH".
Ich sah mich um, doch niemand war da, nur der Wind ließ ein paar Zweige rascheln, wie trockene Knochen. In Gedanken schalt ich mich selber, wie töricht ich doch war und ging weiter.
Ein wenig später hatte ich mein Ziel erreicht: den kleinen jahrhunderte alten Friedhof, mit den schiefen, moosbewachsenen Grabsteinen und der verfallenen Kapelle. Es war ein Ort an den sich selten jemand verirrte, und wenn verließ ihn man in schnell, denn es wurden Geschichten über den Gottesacker erzählt. Am Totensonntag sollte der Sensenmann persönlich erscheinen.
Und ich war eben an einem Totensonntag auf den Friedhof gegangen, nicht aus Neugier, eigentlich wusste ich, dass ich gehen sollte.
Ich spürte sofort das etwas anders war, als ich das Gelände betreten hatte. Eine bedrückende Stille lag in der Luft und . Laut um mich selber zu beruhigen sagte ich, wenig überzeugt: "Geschichten, es sind nur Geschichten."
"Wirklich, Du solltest es eigentlich besser wissen, Kind!" antwortete jemand hinter mir. Doch es war keine menschliche Stimme, dafür war sie zu alt oder besser gesagt alterslos, durchzogen vom Anfang der Zeit. Ich drehte mich langsam um und wusste genau wer hinter mir stand, jedes lebende Wesen weiß, wenn der Tod nah ist.
Das klassische Bild des Schnitters stand vor mir, ein Skelett das einen schwarzen Kapuzenumhang trug, nur die Sense war weiter weg gegen einen Baum gelehnt.
Sein Blick folgte meinem und dann meinte er: " Beruhige Dich ,die brauche ich heute nicht. Verdächtige mich doch nicht immer an meinem Beruf zu hängen. Ich kann auch reden, setzen wir uns." Seine Knochenhand zeigte auf das was einmal eine Bank gewesen war. " Ich habe Dich beobachtet Kind, Du bist sehr bemüht wenn es darum geht die Menschen an ihre Sterblichkeit denken zu lassen. Und deshalb wollte ich Dir danken. Erfülle weiter Deine Aufgabe, solche Menschen wie dich brauche ich." Er stand auf streckte mir seine Hand hin, die ich zögernd ergriff und sagte: " Wir sehen uns, mein Kind".
Ich habe bis jetzt nie jemandem von meinem Erlebnis erzählt und kann nur sagen :Der Tod ist weder böse noch unheimlich - er ist nett.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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