Wolfgang Küssner

Au Backe!

Denke ich an Russland, so habe ich Bilder vor Augen, die eingemummte russische Mütterchen beim Versuch zeigen, Zwiebeln auf einem improvisierten Markt zu verkaufen. Ich sehe im Stechschritt paradierende Soldaten, Beluga und Krimsekt konsumierende, goldbehangene Schickeria. Ich sehe orthodoxe Mönche das Kreuz schlagen, Menschen aus religiösen Gründen ins Eiswasser tauchen, Wodka in Hundert-Gramm-Gläsern. An einem sehr dem Alkohol zugetanen früheren Präsidenten werde ich erinnert, der schon mal leere Bierflaschen im Vakuum an seinen nackten Brüsten baumeln liess, oder den jetzigen Präsidenten mit nacktem Oberkörper und einer Waffe in der Hand auf der Jagd. Ein echter Kerl. Doch ich sehe keine in Badehose, Bikini oder Unterhose durch die Strassen, Geschäfte, Restaurants laufenden Russen?

Denke ich an China, so tauchen Bilder von ungezählten Händen auf, die einen Staudamm bauen; sehe ich Massenaufmärsche, Uniformen, Wanderarbeiter, kommen mir im Smog versinkende Städte, an nicht zu enden scheinenden Fliessbändern arbeitende Menschen, Pekingoper und Terrakotta-Armeen, Tagelöhner, überquellende Städte, tanzende Drachen, dressierte Artisten in den Sinn. Die Staats- und Parteiführung in ihren schwarzen Anzügen lassen mich an Bestattungs-Unternehmer denken. Viele Bilder ruft das Wort China in mir wach, doch auch hier stellt sich die Frage, wo sind die in Badehose, Bikini oder Unterhose durch die Strassen, Restaurants, Geschäfte laufenden Chinesen?

Wissen die meisten Russen und Chinesen sich in ihren Heimatländern der allgemeinen Etikette unterzuordnen, scheint die Hitze die Gehirne zu schmelzen, jede gute Kinderstube vergessen zu machen. Zum Beispiel in Thailand, konkret auf der südlichen Insel Phuket, hier sieht man sie immer wieder in Unterhose, Badehose oder Bikini/Badeanzug durch die Strassen gehen. Selbst in Restaurants oder im Supermarkt kennen sie keine Hemmungen mehr. Für sie scheint die ganze Insel ein einziger Strand, eine Partymeile, ein Ort mit absoluter Narrenfreiheit zu sein. Nun gut, in den klimatisierten und heruntergekühlten Supermärkten ist es häufig immer noch wärmer als in der sommerlichen Heimat.

Apropos Strand: Visconti, bekannt für sein Händchen für echte Typen, könnte gar nicht so viele Filme drehen, wie er hier Charaktere finden würde. Der schmierige Fettwanst oder die stramme Walküre, der hängebäuchige Choleriker oder die griffige Puffmutter, der schlaffe Phlegmatiker oder die untersetzte Matrone, der aufgeblasene Zuhälter oder das mollige Pummelchen – hier am Strand findet und sieht man sie alle. Äusserst korpulente Frauen (nicht nur aus Russland) schieben ihre Körpermassen vor sich her. Natürlich im Bikini. Das Unterteil wird zum Fett-Auffangbeutel, das Oberteil versucht der Anziehungskraft der Erde ein Schnäppchen zu schlagen. Gelingt allerdings nicht immer. Je älter, fetter und faltiger die Herren, um so kleiner die Badehosen. Notfalls geht man auch in der Unterhose an den Strand. Au Backe!
Das Alter hinterlässt nun einmal Spuren. Doch, ist es Freiheit, ohne Oberteil sich mit schlaffen Brüsten zu präsentieren? Aus der Geschichte kennen wir die Hängenden Gärten der Semiramis, sie zählten zu den Weltwundern der Antike. Wozu zählt die altersbedingte Schlaffheit? Erwarten die hängenden Brüste, Bäuche, Backen etwa auch Bewunderung? Soll Körper oder Mut bewundert werden? Böse Zungen behaupten, all diese Personen – ob mänlich oder weiblich - seien von der Gemeindeverwaltung engagiert worden, um die erotische Atmosphäre am Strand herunterzufahren.

Natürlich gibt es auch Augenweiden, nach denen Mann oder Frau sich umdrehen, wunderschöne Körper, bei deren Anblick schon mal die Zunge über die Lippen führt. Da möchte man vielleicht schon gern einen Klapps auf den Po geben. Oh Backe! Jung und alt, alles hat seine Zeit und das muss man einfach akzeptieren, annehmen.
Ich nehme an, Gäste in Unter- oder Badehose, im Bikini oder Einteiler auf der Strasse, im Supermarkt oder im Restaurant möchte der eine oder andere Leser auch nicht sehen. Natürlich weiss ich, warum sich diverse Menschen leichtbekleidet nicht nur am Strand zeigen, es ist im Süden Thailands recht warm, und da drängt es den Besucher,  sich wärmender Kleidung zu entledigen. Ich bete jeden Tag: „Bitte, bitte lieber Herr, lass es nicht noch wärmer werden.“
 
Januar 2016
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