Horst Lux

Der alte Uhu

“Hallo!”, sagte sie, als sie sich auf dem Zweig niederließ, “darf ich hier ein wenig ausruhen?”

Der alte Uhu schob das grüne Blättergewirr auseinander, das ihn vor der Sonneneinstrahlung schützte. Im grellen Gegenlicht sah er fast nichts, nickte jedoch zustimmend mit seinem Kopf und brummte vor sich hin: 
“Wenn es denn unbedingt sein muss!" 
“Du bist nicht sehr freundlich. Schlecht geschlafen?” Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. 
“Ich schlafe nachts nie, das solltest du doch wissen”, sagte er dann, “eben jetzt wollte ich schlafen, aber du lässt mich ja nicht.”
Sie rollte mit ihren kleinen Äuglein und sagte dann beruhigend: “Verzeih mir, ich wollte dich nicht kränken." Sie rückte einige Zweiglein näher. “Du bist doch der alte Uhu, nicht? Der alte weise Uhu?"
Der Uhu drehte seinen Kopf zur Seite.

“Das sagen die Anderen. Ich bin alt, gewiss, aber weise? Wer könnte das von sich behaupten. Viel erfahren zu haben, heißt noch nicht, Erfahrung zu besitzen. Und Weisheit?" 
Der Uhu schüttelte seinen Kopf, dass die Flaumfedern nur so flogen: 
“Den Augenblick nutzen, bei jedem Schritt, jedem Ausflug am Morgen auch schon an den Abend denken, die höchste Anzahl glücklicher Stunden zu verleben und nichts bereuen, was man in diesen Stunden getan hat, - das, so glaube ich, ist Weisheit!"

Cheerivie schwieg lange. Dann fragte sie: 
“Und du bereust nichts, was du in deinem Leben getan hast?"
“Siehst du, aus diesem Grunde bin ich eben nicht weise! Ich bereue doch so einiges und würde heute vieles anders machen, glaube ich wenigstens. Aber ich weiss es nicht; als ich jung war, habe ich anders gedacht, anders gelebt. Da ist das Vorrecht der Jugend."
Der alte Uhu schaute sie nachdenklich an: 
“Aber was ist mit dir? Du bist noch jung, hast noch das Leben vor dir. Wovon träumst du?"
Cheerivie blickte nachdenklich durch die Zweige zum Himmel hinauf, wo hoch droben die Sonnenstrahlen mit den weißen Federwölkchen spielten, die ein ungebärdiger Wind vor sich herjagte.

Dann schaute sie den Uhu an: 
“Ich bin Cheerivie, die Träumerin! Bis gestern wohnte ich dort drüben auf der anderen Seite des Sees. 
Doch du irrst, lieber Uhu, so jung bin ich auch nicht mehr. Ich habe einige Sommer erlebt und schon dreimal Junge aufgezogen."
Dann rückte sie ganz nahe an den alten Uhu heran. 
“Aber damit ist nun Schluss! Ich will nicht mehr, habe meinen Gefährten verlassen, ich will von nun an nur noch ich sein!"

Der alte Uhu sah sie mit seinen großen Augen erstaunt an. 
“Du willst du sein? Du bist wirklich eine Träumerin. Was warst du denn bisher?"
Cheerivies Stimme wurde lauter. 
“Was ich war? Ich war nichts! Ein fremd bestimmtes Nichts, ich habe funktioniert, weiter nichts. Und niemand, niemand auf der Welt hat gefragt, wie es mir geht, wie ich mich fühle."
Cheerivie zitterte vor innerer Erregung. 
“Du fragst, wovon ich träume? Von dem hohen blauen Himmel dort oben, von der grenzenlosen Weite, von einer unbeschreiblich schönen Welt, die ich immer ersehnte! Ja, und gestern habe ich nun alle meine Träume, meine Wünsche zusammengepackt und bin einfach fortgeflogen. Glaub mir, es war gar nicht so schwer."

Der alte Uhu schaute sie versonnen an. Solche Worte kannte er, diese Träume hatte auch er geträumt. Aber er kannte auch die Kehrseite der Medaille, die Seite, die niemals glänzte, die dann die Oberhand bekam, wenn nicht alles so glatt lief.
“Ich verstehe dich, Cheerivie, ich verstehe dich sehr gut. Aber bedenke, der große Dichter Goethe sagte einmal:
»Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen!« 
Du möchtest also dort hin fliegen, hinauf in den hohen blauen Himmel ? Vergiss dabei nicht, dass du dort ganz allein bist. Niemand wird dich dort begleiten, beschützen. Du wirst einsam sein. Wer wird dir helfen, wenn dir etwas geschieht?"
Cheerivie rückte ungeduldig auf ihrem Zweig hin und her. 
“ Ich war bis jetzt auch einsam. Unter vielen Anderen war ich allein. Aber ich will etwas erleben, auch wenn ich dabei allein bin." 
Ihr Blick war nun voller Tatendrang.
“Und zwar heute und jetzt, nicht erst wenn ich so alt bin wie du! Du kannst mich nicht umstimmen, Uhu, das schaffst du auch nicht mit klugen Reden."
“Mm", brummte der Uhu, während er seine Flügel schüttelte, “ Ich weiss, dass ich dich nicht davon abhalten kann. Und ich glaube, ich will es auch nicht. Vielleicht tröstet es dich, wenn ich dir hier einen Platz in meinem Baum freihalte? So kannst du jederzeit zurückkehren, wenn du Heimweh bekommst!"

“Heimweh? Sicher nicht!" 
Cheerivie sagte es mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. “Was ist schon Heimweh gegen die Freiheit, hinfliegen zu können, wohin man will!”
Cheerivie schlug kurz mit ihren Flügeln, dann sah sie den alten Uhu mit einem langen Blick an.
“Lebe wohl, weiser Uhu, ich weiss, du meinst es gut. Aber ich habe mich entschieden!"
Sie zupfte noch einmal mit einer zärtliche Geste am Gefieder des Uhus und stieg dann mit kräftigen Flügelschlägen in die blaue ewige Weite des Himmel hinauf.

Der alte Uhu saß noch lange auf seinem schattigen Platz in den Zweigen des Baumes und schaute durch die Blätter hindurch in das unendliche Blau des Firmaments.
Er wusste, Cheerivie würde eines Tages zurückkehren in die Vertrautheit des heimischen Waldes. Irgendwann würde die große Freiheit sie wieder ausspucken. Aber sie würde dann nicht mehr die kleine Cheerivie sein, die mit den großen bunten Träumen!
Als der alte weise Uhu dann in der Mittagsglut einschlief, spürte er eine Trauer, die ihn noch bis weit in seine Träume begleitete...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.05.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Jahre wie Nebel: Ein grünes Jahrzehnt in dunkler Zeit von Horst Lux



Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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