Inge Hoppe-Grabinger

Johanna (Teil 7)


Es zog sich noch etwas hin, und dann war klar, dass alle Mieter des Hauses sich neue Wohnungen suchen mussten,
denn das Haus sollte total saniert werden, so dass es gehobenen Ansprüchen genügen konnte  ...

Erstaunlicherweise fand Johanna als erste von uns allen eine neue Wohnung. Sie ließ einfach ihre Beziehungen
spielen, obwohl der Plural hier etwas übertrieben ist.  Dadurch, dass sie bei einem sehr bekannten Bestattungsunter-
nehmen gearbeitet hatte, dessen Name mich  immer an das hässliche Wort "Grinsen" erinnert, und da wegen ihrer
Verdienste unvergesslich geblieben war, wurde ihr eine Wohnung angeboten, die passender nicht hätte sein können:
Im ersten Hinterhof im ersten Stock, direkt über einer Durchfahrt, die zu einem Sarg-Depot   führte.
Wie  der Umzug, der eigentlich gar nicht möglich war,  sich vollzog, entzieht sich meiner Kenntnis. Vermutlich waren
wir gerade verreist.  Mein Mann  und ich  durften sie nicht besuchen, so lange die Umzugskartons noch nicht ausgepackt waren. Und das wurden sie nie, da bin ich mir ganz sicher!
Johanna konnte nun von ihrem Wohnzimmer aus jeden Tag sehen, wie die Särge, je nach Bedarf, ausgeliefert wurden.
Es gab sicher, wie in jedem anderen Lebensbereich, "Stoßzeiten"  für die Auslieferung, unvorhersehbar, aber sie brachten
Leben in den Hinterhof. Und Johanna wußte ja genau, ob es Qualitätssärge waren oder Ausschussware. Aber das
spielte sich ja nur in Johannas Kopf ab, die Erinnerungen an  Sargbegutachtungsdialoge zwischen  ihr und anderen
Experten. Von oben konnte sie ja in die Sargtransportfahrzeuge nicht hineinsehen, was ja irgendwie schade war.

Es verging nur ein  halber Winter. Und dann, mitten im Februar  kam der schlimmste Tag in Johannas Leben:
 Ihr dünner, ewig qualmender Bruder starb.  Niemals wieder würde sie all ihre Schätze in Güterfelde  sehen. 
Sie konnte nur noch davon träumen.

Von da an ging sie  nicht mehr aus dem Haus.  Ein Nachbarjunge besorgte ihr  zweimal in der Woche, vielleicht auch
weniger oft, die so notwendigen Büchsen von Aldi und sonstige Kleinigkeiten. Niemand durfte sie besuchen.
Später habe ich  von einer Nachbarin erfahren, dass Johanna nachts in den Hof schlich und die
Müllkästen kontrollierte, ob auch alles ordentlich   "runtergestukt"  worden ist. So gesehen machte sie sich fast
bis zum Schluss "nützlich".
Sie ist, im Sessel sitzend, eingeschlafen, umgeben von all den unausgepackten Umzugkartons.  Wieviel Tage ver-
gingen, bis sie gefunden wurde,  weiß nur der Junge, der für sie einkaufte.
Die Schätze in Güterfelde hat, es kann nicht anders sein,  der Staat geerbt. Alles neue Sachen, ungebraucht.

P.S. Ich habe vergessen, dass sie, als meine Mutter starb,  mit ihrem Baseball-Käppi  zur Beerdigungsfeier gehen
wollte.  Sanft versuchte ich, ihr nahezulegen, nur einmal auf das Käppi zu verzichten.  Aber da sie unmöglich einen
Hut tragen konnte, ließ sie den Friedhofsbesuch fallen.  Ich bin sicher, dass sie mir meinen kleinlichen Wunsch
nie verziehen hat.  Wenn ich   mir Johanna ins Gedächtnis zurückrufen will, ohne all die schrecklichen Tage, dann
stell ich mir vor: Hanni und Anni, Hand in Hand.





 

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