Hans Fritz

Tjilumorg

VORGESCHICHTEN

Der Wanderer staunt nicht schlecht, als er am Rand einer Waldwiese auf ein kreiselförmiges Monstrum trifft. In Sachen Science-Fiction glaubt er sich auszukennen und vermutet sofort ein Ufo entdeckt zu haben. Die absolute Sensation! Fast vergisst er ein paar Fotos zu schiessen. Kaum hat er das iPod in der Tasche verstaut, startet das vermutliche Ufo mit tiefem Brummen himmelwärts und ist bald den Blicken seines Entdeckers entschwunden. Ins Internet gestellt finden die Fotos naturgemäss grossen Anklang. Zahlreiche Kommentare, teils wohlwollend, teils böse, erscheinen. Bei den Behörden und den Medien, selbst bei der Boulevardpresse, stösst der Mann auf Unverständnis und wird mit Achselzucken und Kopfschütteln bedacht. Keiner mag ihm glauben. Nein, nicht schon wieder ein Ufo! Leider melden sich keine Zeugen, die die Beobachtung bestätigen könnten.

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Erdaushub zwecks Strassenbau hat Archäologen schon oft zu überraschenden Funden verholfen. Dort, wo vor zwei Jahren das vermeintliche Ufo gelandet war, fördert ein Bagger eine rote Mappe mit Klettverschluss zutage. Niemand bringt den Fund zunächst mit der Ufogeschichte in Verbindung. Erst ein paar nur unter Lupenvergrösserung erkennbare Zeichen, die jeweils von einem Kreis umschrieben sind, macht die eiligst angerückte Expertenkommission auf eine solche Möglichkeit aufmerksam. In gestochen scharfer Schrift steht da AETAULOR. Damit kann zunächst niemand etwas anfangen, bis ein zufällig anwesender Astronom meint, es könnte sich durchaus um einen fernen Planeten handeln, der in den Weiten des Alls erdähnlich um ein Zentralgestirn kreist. Vorsichtig öffnet er die Mappe und findet ein biegsames, quadratisches Gebilde vor, das aus einer schwarzen Pappe zu bestehen scheint. Beim Umbiegen erscheinen plötzlich Bilder. Leider nur in Schwarzweiss, aber mit gut abgestuften Grauwerten. Bilder vom 'Ufo' aus verschiedenen Blickwinkeln! Ein Bildwechsel wird durch Antippen des roten Punkts am linken Rand möglich. Hier etwas wie hochragende, turmähnliche Bauwerke, die über hohe Brückenbögen miteinander verbunden sind. Viele Gebäude sind, soweit erkennbar, im Hexagonstil errichtet. Dunkle Häuserschluchten, enge von überschlanken Masten gesäumte Strassen. Im Hintergrund die Konturen einer riesengrossen Wichtelmütze. Daneben ein offenbar kilometerlanger, frei schwebender Ozeanriese. Eine vielachsige Riesenraupe mit Speichenrädern könnte ein Verkehrsmittel darstellen. Da sind Menschen! Sehen jedenfalls wie menschliche Wesen aus! Und da springt etwas wie ein Hund herum! "Ich glaub es nicht", jubelt ein Journalist. Abrupt wechselt die Bildfolge in eine reich zerklüftete Berglandschaft. Da gibt es mannshohe Stauden mit langen schwertförmigen Blättern und grossen, scheinbar ! dreiz&au ml;hligen weissen Blüten. Auf einer heideähnlichen Fläche lauern grosse Spinnen. Hornvieh weidet auf der angrenzenden Wiese. Eine Flugechse umschwirrt ein obeliskähnliches Gebilde. Es folgt ein scheinbar uferloses Gewässer, ohne die leiseste Andeutung eines Wellenschlags. Dann wird ein Sternenhimmel angezeigt. Der Astronom unterzieht das Bild einer Schnellinspektion und versucht es einer bekannten Galaxis zuzuordnen. "Wir haben es gemäss unserer Nomenklatur mit einem der geheimnisvollsten Planeten des Weltalls, nämlich AK1/2-48VHY, zu tun", stellt er mit feierlichem Unterton fest.

Eine Medienkonferenz jagt die andere. Fachzeitschriften, sonst sehr auf Seriosität bedacht, bringen unzensierte Beiträge. Viele Beteiligte zweifeln die Authentizität der 'Tafel' an. Routinemessmethoden einschliesslich der mit C14 sowie die aufwendige Analyse einer herausgebrochenen Tafelecke gehen ins Leere. Also ist es doch die Botschaft einer fernen Galaxie, einer unbekannten Welt?

Ohne viel Umschweife und plattem Diskutieren beschliesst ein internationales Gremium, das der Raumfahrtbehörde Startourhall angegliedert ist, dem geheimnisvollen Planeten einen Besuch abzustatten. Wo es ausserirdisches Neuland zu entdecken gilt, gibt es auch Geldmittel. Industriekonzerne, Regierungen und Private machen die paar Milliarden locker, alle Risiken eines Fehlschlags einkalkuliert.

Es wird beschlossen, aus Sicherheitsgründen dem Erkundungsschiff DRAKE I ein zweites Schiff, nämlich DRAKE II, vorauszuschicken, das das Versorgungsmaterial für den eingeplanten Rückflug zur Erde laden soll. Acht Astronauten sollen aufgeboten werden. Es melden sich einige hundert zur strengen Auswahl. Schliesslich bekommen fünf Männer und drei Frauen den Zuschlag. Expeditionsleiter Pedro und sein Assistent Karol sind Mitarbeiter der Startourhall, Levin ist Biochemiker, Berthold freier Journalist, Egbert Pharmazeut, Gerhild angehende Ärztin, Alice und Celine sind Lehrerinnen.

Wo liessen sich Raum und Zeit besser überwinden als in einer Fiktion. Was sind da schon ein paar Millionen Lichtjahre. Um die Phantasie betreffs Reisegeschwindigkeit nicht allzu sehr zu strapazieren, setzen wir sechs volle Jahre für den Trip an. Drei Jahre für die Reise zum geheimnisvollen Planeten Aetaulor, drei Jahre für die Rückreise zur Erde. Der Aufenthalt auf dem Planeten soll auf sechs Erdentage begrenzt werden.

Die Koordinaten sind eingegeben. Die Reise kann beginnen. Die Astronauten haben ihre Vorbereitungen auf das grosse Abenteuer abgeschlossen und sind unbedingt einsatzbereit.

 

TJILUMORG

Die Landung auf Aetaulor ist 'aus technischen Gründen' nicht möglich, trägt Karol ins Logbuch ein. Der vorgesehene Landeplatz kann nicht geortet werden. Also sind die Koordinaten falsch interpretiert oder unsachgemäss eingegeben worden? Hat eine scheinbar unfehlbare Elektronik den Astronauten einen üblen Streich gespielt? Oder sind die Koordinaten, und damit auch das Landeprogramm, von unbekannter Seite abgeändert worden, in der Absicht, dass DRAKE I einen anderen Planeten ansteuert. Aber warum? Wer steckt dahinter? Die sofortige Rückkehr zur Erde ist allein aus Versorgungsgründen unmöglich. Um nicht mit der sehr starken Anziehungskraft des Aetaulor in Konflikt zu geraten und dort unweigerlich zu zerschellen, umkreist DRAKE I den Planeten in einer Distanz von sechstausend Kilometern, in Erwartung einer günstigen Nachricht. Nach zweieinhalb Monaten gerät das Raumschiff unversehens in eine Umlaufbahn um Tjilumorg, den zweitäussersten Planeten dieses Sonnensystems, in der Nomenklatur der Startourhall als AK1/7-48VHY klassifiziert. Aber wie steht es mit DRAKE II?

Soweit die Dunkelheit es gestattet, lässt der Blick auf Tjilumorg ahnen, dass zwei durch einen Isthmus miteinader verbundene Inseln die feste, oberflächlich steinige Landmasse ausmachen. Der Rest dürfte Eis sein. Also ein so genannter Eisplanet, mehrere Milliarden Kilometer vom Zentralgestirn und zwei Milliarden Kilometer von Aetaulor entfernt. Eine ähnliche Konstellation wie Sonne - Erde - Uranus!

Also heisst das Ziel Tjilumorg? Über einen Monitor werden die abgeänderten Koordinaten angezeigt und eine Landeerlaubnis wird von irgendwem erteilt. Von den acht Monden, die den Planeten umkreisen sollen, ist nichts zu sehen, auch nichts von einer vermuteten Ringstruktur.

Die Landung auf einem felsigen Plateau der scheinbar grösseren Insel verläuft besser als erwartet - nur etwa zwanzig Meter neben dem bereits gelandeten Versorgungsschiff DRAKE II, "- das zu unserem grossen Glück ebenfalls von unbekannten Mächten umgeleitet wurde", deklamiert Egbert.

"Die Helligkeit hier draussen lässt zu wünschen übrig", klagt Alice. "Das war zu erwarten und spricht für die enorme Sonnenferne des Planeten - wenn es überhaupt einer ist", meint Levin. "Vielleicht ist die Sonneneinstrahlung derjenigen ähnlich, die auf dem Uranus herrscht."

Die Aussenbordinstrumente zeigen eine Lufttemperatur von 12 Minusgraden an, eine Bodentemperatur von 4 Plusgraden. In zwölftausend Metern Höhe waren minus 190 Grad gemessen worden, eine Temperatur, wie sie infolge der Entfernung vom Zentralgestirn eigentlich auch auf der gesamten Oberfläche des Planeten zu erwarten wäre, so aber nur für die Eiszonen zutreffen könnte.

Der Volumanteil Sauerstoff der Atmosphäre beträgt im Bereich der Landungsstelle knapp zwanzig Prozent, also fast so viel wie auf der Erde. Der atmosphärische Druck ist auch annehmbar. Ausser Sauerstoff zeigt die Analyse Stickstoff, Kohlendioxid, Wasserstoff, Helium und Argon an - und natürlich Wasserdampf. Ausserdem gibt es Spuren von Methan, das nach astrochemischen Berechnungen in höherer Konzentration zu erwarten wäre. Das Licht ist so schwach wie in einer irdischen Neumondnacht bei bedecktem Himmel. Die Luftbewegung ist gleich null.

"Woher kommt der Sauerstoff, wenn hier keine Pflanzen gedeihen?" fragt Egbert. "Der Sauerstoff kommt möglicherweise aus einer Gesteinsschmelze", meint Levin. "Wir sollten den irdischen Bedingungen, die draussen herrschen, zum Trotz das Raumschiff nur mit der Schutzkleidung verlassen", schlägt Gerhild vor. Die Begeisterung darüber hält sich bei den Kollegen erst einmal in Grenzen. Aber alle stimmen schliesslich zu.

Ein paar erste, tastende Schritte auf erdfernem Terrain sind mühsam. Die Anziehungskraft scheint das Anderthalbfache derjenigen der Erde zu sein. Ein Kuriosum für einen Planeten wie diesen?

Jetzt überrascht die Astronauten eine Helligkeit, verursacht durch aus dem Boden auflodernde Fackeln. Ein paar Schritte weiter steigt unverhofft eine Nebelwand auf. Die Temperatur bewegt sich um den Gefrierpunkt. Noch ein paar Schritte und Karol misst einen jähen Temperatursturz von 110 Grad. Die Atmosphäre ist sehr schwach und nach gut hundert Metern ganz verschwunden. Die Erkunder haben also eine Aussenkante der Insel erreicht, wo die Eiszone beginnt. "Wir könnten aus diesen Beobachtungen schliessen, dass, abgesehen von vernachlässigbarer Sonneneinstrahlung, eine bewohnbare Zone aus den beiden Inseln zu bestehen scheint", spricht Levin. "Die Herkunft der Wärme im und über dem Boden aus dem Inneren des Planeten wäre erklärbar. Aber die Atmosphäre, die wie eine kompakte Wolke die Inseln bedeckt? Physikalisch dürfte das kaum zu erklären sein." Die Erkunder ziehen sich zurück indem sie wieder die sich inzwischen noch mehr verdichtende Nebelwand durchqueren.

Der nächste Trip führt unsere Astronauten in die Richtung, wo sie auf die Verbindung zur Nachbarinsel zu stossen hoffen. Nischen sind in eine Felswand eingelassen. Eine Gruppe wild umherspringender Wesen, halb Affe, halb Hund, mit langer, spitzer Schnauze, Stummelschwanz, Knopfaugen und dickfleischigen Ohrmuscheln, bewegt sich auf die Nischen zu. "Beim rötlichen Überzug des Gesteins dort handelt es sich mit Sicherheit um Bakterienmassen", meint Levin. "Bei der äusserst schwachen Sonneneinstrahlung kann es auf dem Planeten keine Photosynthese geben, das heisst keine grünen Algen und höher entwickelte Pflanzen. Der Fackelschein reicht wohl kaum dazu aus." Celine macht einen Abstrich des Belags.

Gut 200 Meter vom Landeplatz entfernt fällt das Gelände steil, fast senkrecht ab. Unter einer schwachen Dunstschicht, drunten in abyssaler Tiefe schwer zu erkennen, breitet sich eine brodelnde, offenbar ockerfarbene, schwach fluoreszierende Masse aus. Ein Mikrobenmeer?

Im offensichtlichen Zentrum der Insel stehen kleine Gebäude mit schmucklosen, glatten Fassaden. Fensterlos, mit sehr hohen aber schmalen, kaum meterbreiten Eingängen. "Wenn es hier so etwas wie Menschen der modernen Art gäbe, wären die Wände versprayt", meint Pedro.

Am Ende der Häuserreihe setzt sich das Schotterfeld in einen aufgelockerten, fast staubigen Boden fort, der von einem Geflecht aus taudicken Ästen überzogen ist. An manchen Stellen enden die Äste in einer mit schwarzem Geäder gezeichneten, gut meterhohen Halbkugel. Eine Halbkugel scheint aufgeplatzt und eine Staubmasse auszuschleudern. "Es sind Pilze, deren Fruchtkörper unseren Bovisten ähneln", erklärt Egbert. "Sie dürften bestens in der mit Feuchtigkeit getränkten Vulkanasche gedeihen, die sich in einer dicken Schicht ausbreitet". "Feuchtigkeit muss es demnach hier zur Genüge geben", vermutet Celine. "Wahrscheinlich in Form periodisch absteigenden Wasserdampfs aus der Atmosphäre", sagt Berthold. "Die dort hinten aufschiessenden Fontänen könnten den Dampf, wenigstens zum Teil liefern", meint Levin. "Ja, es ist eindeutig Wasser, was da hochgeschleudert wird", findet Alice. "Aber was da beigemengt sein könnte wissen wir noch nicht", sagt Egbert. "Jedenfalls dürften da Mineralien mit im Spiel sein, die für die Pilze lebensnotwendig sind." Simples Wasser mit vielen darin gelösten Stoffen ergibt Levins Analyse. "Die für das Gedeihen der Pilze nötige Bodenwärme könnte aus dem Inneren des Planeten kommen und sich sichtbar in den vielen Fackeln äussern", meint Gerhild. Das alles lässt nach Bertholds Einschätzung auf eine intensive vulkanische Aktivität schliessen. "Der Planet könnte einen mehrere tausend Grad heissen glutflüssigen Kern haben", meint er. "Irgendwo auf Tjilumorg könnte es einen grossen Krater geben. Wir müssen ihn nur finden."

Ein Pilz scheint beschädigt zu sein, wie angeknabbert. Und da taucht auch schon der offensichtliche Übeltäter auf, eine Wanze von Rattengrösse, wie es scheint augenlos und mit halbmeterlangen Fühlern ausgerüstet.

Ein hoher Schatten, soweit hier im schwachen Fackelschein überhaupt möglich, huscht über den Landeplatz, so, als wolle er die beiden Raumschiffe aussparen. Karol gelingt ein Foto mit der altertümelnden Infrarotkamera. Später an Bord beginnt die Deutung. Es könnte ein menschenähnliches Wesen sein, von einer Gestalt wie wir sie von irdischen Höhlenmalereien kennen, sehr gross, schwarz und superschlank, mit kleinem runden Kopf.

Es steht die nächste Ausfahrt mit dem vorsorglich mitgeführten Geländewagen an. Der Trip führt zunächst über Schotter am Pilzwald vorbei, dann über glatten, wie frisch polierten Fels. Da und dort brechen dunkelrot aufleuchtende Fackeln aus dem Gestein hervor.

Ein gewaltiger Kuppelbau mit der lichten Höhe von schätzungsweise 30 Metern scheint das grösste und imposanteste Gebäude der Insel zu sein. Der Zugang hat die Form eines Hufeisens und ist an den Rändern mit bläulichem Licht markiert. Ein gut zehn Meter hohes, kupferfarbenes roboterähnliches Monstrum bewegt sich mit drohenden Gebärden, fauchend und zischend auf die Erkunder zu. Ein Arm berührt Karol, der eine Kamera hochhält, fast an der Schulter. Die Erkunder ziehen sich schleunigst zurück und verzichten vorerst auf einen weiteren Versuch sich der Kuppel zu nähern.

"In unseren heimischen Breiten ist es jetzt sieben Uhr morgens", stellt Pedro fest, der es sich nicht nehmen liess seine Taschenuhr mit an Bord zu nehmen. Ob sie unter den gegebenen Umständen richtig funktioniert ist eine andere Frage. Nach dem kargen Astronautenmahl geht es mit dem Geländewagen in eine neue Richtung. Bald mahnt die rasch schwindende Akkuladung zum Stopp, um die Rückfahrt zu ermöglichen. Nach hundert strapaziösen Schritten ist wieder der Pilzwald erreicht, der sich um die Siedlung in einem weiten Bogen auszubreiten scheint. Egbert entnimmt dem Geflecht sowie dem Hut eines besonders stattlichen Fruchtkörpers Proben und sackt ein paar Gramm ausgestäubter Sporen ein. Ausser den Pilzen finden die Erkunder einige eng umschriebene scheinbar rote, schleimige Flecke. Könnten Massen von Mikroorganismen sein. Celine pipettiert eine Probe ab.

Die Astronauten haben die Hoffnung auf eine nochmalige Begegnung mit den Riesenwanzen schon fast begraben. "Wir müssen ein solches Vieh einfangen, lebend oder tot, damit es auf der Erde untersucht werden kann", sagt Pedro. "Eine entsprechende Transportbox ist ja in weiser Voraussicht ins Versorgungsschiff geladen worden", ergänzt Karol. "Wir sollten vielleicht ein Stück von den Pilzen als Köder benutzen", meint Alice. Kaum gesagt, umkreist ein ganzer Pulk der Riesenwanzen mit hoch aufgerichteten Fühlern den Geländewagen. "Wo kommen die jetzt plötzlich her?" wundert sich Pedro. "Das ist wohl so zu erklären", sagt Egbert. "Bei unserer Erkundungsfahrt haben wir Boden berührt, in den Pilzsporen eingestreut waren." Das Gros der Herde entschwindet urplötzlich ins Dunkel, aber vier Exemplare bleiben zurück. Auf Scheinwerferlicht erfolgt keine Reaktion. "Die Tiere können offenbar nicht einmal hell und dunkel unterscheiden", meint Celine. "Brauchen sie auch nicht bei dem Dauerdunkel hier", sagt Alice. Zwei Tiere, eines mit geraden Fühlern und eines mit am Ende geknickten Fühlern, werden ohne grosse Mühe mit Kohlendioxid betäubt und in die Truhe verfrachtet, wo ein paar Ampullen mit Konservierungsmittel bereit liegen. "Wir haben es wohl mit einem männlichen und einem weiblichen Wesen zu tun", schätzt Gerhild den Fang ein.

Die nächste Ausfahrt führt wieder an der Kuppel vorbei. Das Tor öffnet sich. Der metallene Wächter wankt zur Seite, droht zu stürzen. Jetzt wird ein langer, an den Seiten wahrscheinlich weiss verkleideter, offener Wagen von mehreren wie Schlittenhunde angeschirrten 'Affenhunden' in den Riesenbau gezogen. Auf der Ladefläche liegen mehrere 'Lange' übereinandergestapelt. "Die sind tot, die sind tot", entsetzt sich Celine. "Dann ist der Kuppelbau so eine Art von Mausoleum, ein Massengrab", vermutet Egbert. "Das erinnert an Zeiten der Pest mit den weggekarrten Toten im europäischen Mittelalter", sagt Gerhild.

Drei 'Lange' schreiten am frühen nächsten Morgen gravitätisch auf das Raumschiff zu. Einer hält eine Tafel mit Leuchtschrift hoch. Waschechtes amerikanisches Englisch! Die Verwalterin des Doppelinselstaates lädt zum Empfang in der Residenz ein. In der unteren rechten Ecke der Tafel erscheint eine Uhr. Darunter eine Skizze, die wahrscheinlich den Weg zur Nachbarinsel andeuten soll. Die Gestalt streckt den Astronauten ihre drei Finger entgegen. Sie folgern daraus, dass sie in drei Stunden abgeholt werden. "Die unterstellen uns eine ausgesprochen gute Kombinationsgabe und den Besitz einer funktionierenden Uhr", sagt Pedro.

Wieder gehen die Erkunder zum Abgrund und wieder weiss keiner Rat wie eine Probe aus dem mutmasslichen Mikrobenmeer gezogen werden kann. "Das soll uns die Verwalterin verraten", meint Berthold. Sie beschliessen, dass Pedro und Karol an Bord bleiben. Für sie sollte ein Alternativprogramm abgesprochen werden. Celine packt einen Bildband ein, der Irdische Szenen darstellt, Land und Leute, Landschaften, Einblicke in Wissenschaft und Forschung, Heilstätten und Kultureinrichtungen, Sakralbauten. Es ist das Geschenk für die Gastgeber.

 

IN DER RESIDENZ

Kaum haben die Astronauten zum angedeutenen Aufbruchtermin das Raumschiff verlassen, nähert sich ein Gefährt in der Gestalt eines Halbzylinders, einem Fahrwerk mit kleinen Speichenrädern aufgesetzt. "Das Rad kennen die, ist also nicht nur auf der Erde erfunden worden", stellt Berthold fest. Zwei 'Lange' springen herbei und winken in Richtung Fahrzeug. Je drei mit Plüsch ausgestattete Sitze befinden sich an den Seiten. Neben jedem Sitz befindet sich ein bullaugenförmiger Ausguck. "Als wenn es da draussen bei dieser Dunkelheit etwas zu sehen gäbe", spricht Alice, als sie es sich auf ihm Sitz bequem gemacht hat, so gut es der Schutzanzug zulässt. Über das mögliche Antriebsaggregat des Wagens können sich die Ausflügler nicht einigen. "Wer steuert eigentlich das Gefährt?" fragt Celine, sich nach allen Seiten umschauend. "Ein fürs Menschenauge unsichtbarer Lotse", vermutet Egbert. Hier und da flackert ein Licht auf, wahrscheinlich rührt es von natürlichen Fackeln her. Nach einer Stunde gemächlicher Fahrt rumpelt das Gefährt über einen hohen Damm. Jetzt geht es in Serpentinen aufwärts, eine gute halbe Stunde lang.

Heerscharen der 'Affenhunde' scheinen die Irdischen voller Ungeduld zu erwarten. Ihr Gejaule klingt fast wie Freude. Doch wer weiss. Da erscheint ein richtiger Mensch vor einem hell erleuchteten Tor. Die erste Begegnung mit einem echten Menschen auf Tjilumorg! Und er spricht in der Sprache der Gäste: "Willkommen bei unserer Verwalterin Erkisoth in der Residenz. Ich bin Adurikte, Ihr Begleiter und Dolmetscher." Er trägt ein seltsam anmutendes, gelbes Togakostüm mit einem breiten schwarzen Gürtel. Ein Trupp 'Affenhunde' eskortiert die Gäste in eine hohe Halle, die mit auf und abwogendem, grünlichem Schein spärlich ausgeleuchtet ist. Das Licht wird plötzlich grell und die Astronauten setzen ihre vorsorglich eingepackten Schutzbrillen auf. "Wenn Sie möchten", spricht der inzwischen herbeigeeilte Begleiter, "können Sie vor dem Empfangszeremoniell im Vorbereitungsraum hier nebenan Ihre Schutzanzüge gegen eine landesübliche Kleidung auswechseln, blau die Damen, gelb die Herren. Durch die Tür dort hinten geht es zu den sanitären Einrichtungen, aber auch zum Bestrahlungsraum, wo wir uns täglich für eine Weile künstlicher Sonnenstrahlung aussetzen." "Die obligatorische Vitamin D Dusche", flüstert Gerhild Levin zu. Die Irdischen nicken zufrieden und Adurikte führt sie in einen niederen, mit schlichtem Wandgetäfel ausgestatteten Raum. Die Gäste legen die Schutzkleidung auf einer krummen, hölzernen Bank ab und hüllen sich in Togen, die mit einem braunen Gürtel zusammengehalten werden. "Der Faltenwurf ist phänomenal", findet Celine, "ich komme mir wie eine alte Römerin vor." "Doch eher wie eine junge", schmeichelt Levin. Kaum sind die Astronauten eingekleidet, erscheint Adurikte und bittet in den hell erleuchteten Empfangssaal hinüber. Da sind Stühle in einem Halbrund aufgestellt. Die Lehnen sind ! sehr hoc h, als seien die Sitze für die 'Langen' konstruiert worden. Durch eine schmale Tür betritt Verwalterin Erkisoth mit ihrem Gefolge den Saal. Erkisoth ist in ihrer blauen Robe und der riesigen roten Haarschelife eine wahrhaft stattliche Erscheinung. Die auffallendste Person ihres Gefolges ist eine ebenfalls in Blau gekleidete, eher zierliche Frau mit goldglänzender Haarspange, alles in allem eine ausserordentliche Schönheit. Berthold kann kaum den Blick von ihr wenden, was den Kollegen, besonders aber den Kolleginnen keineswegs entgeht.

Die Gastgeber haben sich inzwischen auf eine Bank im Saalhintergrund zurückgezogen. Vor den Gästen sind ein kleiner Tisch und zwei Stühle aufgestellt worden. Erkisoth und Adurikte kommen nach vorne und nehmen Platz, bereit zur Ansprache beziehungsweise Übersetzung.

Bevor Erkisoth die Irdischen anspricht, überreicht ihr Celine das Gastgeschenk. Und schon ist Adurikte gefordert, um der jungen Astronautin ein herzliches Dankeschön zu übermitteln. Von nun ab dolmetscht er nach jedem Halbsatz.

Erkisoth beginnt: "Wir, die 46 Bonokhasten, kamen vor acht Monaten vom Planeten Aetaulor, dem unserem Zentralgestirn drittnächsten Planeten. Erkundungsflüge von unbemannten Raumschiffen hatten nämlich angezeigt, dass auf dem zweitäussersten Planeten, Tjilumorg, ein Leben für Menschen möglich sein könnte. Das galt es zu erforschen. So kamen zunächst 19 Bonos in einer Vorreiterrolle in einem Superraumschiff hier an, genau auf eurem Landeplatz. Sie waren zunächst einmal sehr glücklich, dass mit Bezug auf die Atmosphäre alles den Voraussagen der Astronomen entsprach. Sie hatten zwanzig knopfäugige Meruntschen im Schlepp, die in ähnlicher Gestalt auf Aetaulor in einem Höhlensystem aufgespürt worden waren und für die die ewige Dämmerung hier kein Problem darstellt. Wenn gezähmt, könnten sie für die Menschen hier eine Begleiterrolle übernehmen. Als mit Sicherheit einheimische Lebewesen trafen die Pioniere die Pilze und die Bruloëkiden an, das sind die Rieseninsekten, die sich von den Pilzen ernähren und den Meruntschen wiederum als Hauptnahrung dienen." Als Alice sich vor Ekel schüttelt, versucht die Verwalterin zu beschwichtigen: "Eine kurze Nahrungskette - Fressen und Gefressenwerden, wie es sich auf eurer Erde wahrscheinlich ähnlich abspielt." Die Gäste nicken zustimmend. "Jedenfalls ist es uns tatsächlich gelungen ein paar der knopfäugigen Geschöpfe zu domestizieren. Sie gehören jetzt zum dienstbaren Personal, sind fleissig, gewissenhaft, doch nicht immer gehorsam, eben manchmal allzu menschlich. Kommt ihnen aber bitte niemals zu nahe. Zwar lassen sich manche gerne ihr Bürstenfell kraulen, andere bedrohen Menschen unter Fauchen mit ihrem Furcht erregenden Gebiss.

Die Bruloëkiden sind, wie gesagt, nicht in unseren Raumschiffen transportiert worden. Ihre Herkunft ist umstritten. Am plausibelsten wäre, dass sie eine Art Endpunkt einer Parallelentwicklung der Evolution der Pilze darstellen. Heute auf Tjilumorg lebende Mikroorganismen könnten den Urformen einer aufstrebenden Entwicklung gleichen." "Wurden schon Zwischenformen als Fossilien gefunden?" möchte Levin wissen. "Meines Wissens nicht", antwortet Erkisoth. "Wie ihr vielleicht bei eurem Anflug feststellen konntet, besteht Tjilumorg schätzungsweise zu 95 Prozent aus unwirtlichem Gelände mit ewigem Eis. Die restlichen 5 Prozent entfallen auf eine, wie ich es mal ausdrücken möchte, bewohnbare Fläche aus den beiden Inseln. Auf der grösseren Insel, auf der ihr gelandet seid, begann unsere Probebesiedlung. Die gesamte Aetaulor-Raumschiffflotte war zu diesem Zweck aufgeboten worden. Eine Hundertschaft von Folgepionieren schuf die technischen Voraussetzungen für unseren Aufenthalt. Sie bauten aus Plastikmassen Gebäude, auch die grosse Kuppel. Das Material für den 'Grossen Wächter' nahm einen extra Raumtransporter in Anspruch.

Ihr werdet euch über enge Hauseingänge gewundert haben. Auf unserem Heimatplaneten ging die Sage vom Kwinkutos um, einem elefantengrossen, ewig zischenden, Feuer speienden Ungeheuer, das versucht in Häuser einzudringen. Bis jetzt ist uns ein solches Wesen, wahrscheinlich zu unserem Glück, noch nicht begegnet. In den Gebäuden der Nachbarinsel, auf der ihr gelandet seid, waren während unserer Aufbauphase auch Menschen einquartiert. Nun finden Seschganen darin Unterschlupf. Die Seschganen, die ihr ja inzwischen bestens kennt, sind die langen, friedfertigen Gesellen, die die Meruntschen in gewisser Weise ergänzen. Sie sollen sich schon vor unserer Ankunft auf Tjilumorg getummelt haben und dürften eines der grössten, bis heute ungelösten Rätsel des Universums darstellen. Eines ihrer Geheimnisse birgt der grosse Kuppelbau." Berthold erlaubt sich die Zwischenfrage: "Dürften unsere beiden an Bord gebliebenen Kollegen als Alternativprogramm einen Blick in die Kuppel werfen, mit der es ja mit Bezug auf die Seschganen eine besondere Bewandtnis zu haben scheint?". "Selbstverständlich", antwortet Erkisoth. "Nach dem Zuruf des Losungswortes Kataklista-Kataklan gibt der Wächter den Zugang frei. Adurikte wird aber die beiden Leute zur Sicherheit und, falls aus irgendeinem Grund nötig, als Dolmetscher begleiten und durch die Kuppel führen." Der Angesprochene macht eine gute Miene zum bösen Spiel.

"Nun möchtet ihr sicher etwas über unsere Strom- und Wasserversorgung wissen", fährt Erkisoth fort. "In einer grossen Kaverne wird über Erdwärme Licht erzeugt. Wie, das könnten nur die vier Techniker erklären, die schon längst nicht mehr auf Tjilumorg weilen. Dank des Lichtes können wir in improvisierten Gewächshäusern mitgeführte Pflanzen heranziehen, die als Salate, Gemüse oder Obst unsere rein vegetarische Ernährung ausmachen. Viel komplizierter als die Stromerzeugung ist die Wasserversorgung. Natürlich spielt auch hierbei die Erdwärme eine überragende Rolle. Aus dem ewigen Eis werden Blöcke gestanzt, geschmolzen und über etliche Destillationen zu Trinkwasser aufbereitet. Denn Bestandteile wie Methan, Schwefel undsoweiter müssen restlos entfernt werden. Abwässer werden in eine Kaverne geleitet.

Jetzt scheint aller ausgeklügelten Technik zum Überleben zum Trotz der Zeitpunkt gekommen, wo wir zurück auf unseren Heimatplaneten Aetaulor möchten. Unser Aufenthalt auf Tjilumorg sollte nach drei Monaten zu Ende sein. Wir versuchen immer noch mit der aetaulorischen Raumfahrtbehörde Kontakt aufzunehmen, aber vergebens." "Könnten wir Gäste uns einmal kurz besprechen?" unterbricht Berthold. Erkisoth willigt ein, wobei ihr eine gewisse Verunsicherung anzumerken ist.

Gegenstand der Geheimbesprechung ist das Angebot an die 'Bonos', ihnen DRAKE II zur Heimreise zu überlassen. Das Begleitschiff sollte hauptsächlich die Wasser- und Sauerstoffversorgung für die Rückkehr von DRAKE I zur Erde gewährleisten. Aber das wäre unter den gegebenen Umständen gar nicht nötig, indem sich beides auf Tjilumorg organisieren liesse. Eine Funkverbindung zum Raumschiff gelingt und Pedro und Karol zeigen sich nach kurzem Zögern mit Bertholds Plan einverstanden.

Berthold informiert die Verwalterin: "Liebe Frau Erkisoth, bezüglich Ihrer Heimreise könnte Ihnen unser Team folgendes Angebot machen. Wie Sie wissen, sind wir mit zwei Raumschiffen auf Tjilumorg angekommen. Da wir unseren Bedarf an Sauerstoff und Wasser hier an Ort und Stelle decken können und vielleicht etwas Nahrung an Bord nehmen könnten, stünde das Versorgungsschiff zu Ihrer Verfügung." "Das wäre unsere Rettung!" schwärmt Erkisoth. "Nicht dass Sie glauben, wir hätten Ihre Raumschiffe aus diesem Grund umgeleitet. Der Grund war der, dass auf Aetaulor keine Landemöglichkeiten mehr bestehen. Wir erfuhren das, als Sie schon fast zwei Jahre unterwegs waren. Als Ersatz boten wir eine Landung hier auf Tjilumorg an, dem einzigen ausseraetaulorischen Planeten in unserer Galaxis, der annehmbare Bedingungen bietet und zu Forschungszwecken ja nicht gerade ungeeignet ist. Ihr ward so mutig dem Angebot zu folgen -" "Ja, so war es", sagt Berthold. "Wir hätten auch nicht ohne an irgendeinem Ort zu pausieren spontan die vollen drei Jahre der Rückreise antreten können. Im Übrigen wäre der Empfang seitens der Behörden nach unserer Rückkehr nicht gerade überwältigend gewesen, wenn wir unverrichteter Dinge gelandet wären und einen Milliardenbetrag verpulvert hätten." "Milliarden Dollar?" fragt Adurikte. "Ja, Dollar." Erkisoth ergreift wieder das Wort. "Zum Glück konnten wir in unserem Abklatsch einer Raumfahrtstation, einem mit Steinpfeilern gestützten Bunker, die Koordinaten umprogrammieren." "Das war eine unglaubliche Meisterleistung", lobt Egbert. "Als Ergänzung des Alternativprogramms für die beiden an Bord Gebliebenen könnten diese einen Blick in den Bunker werfen", spricht Erkisoth weiter. "Das wäre einfach sehr nett, werden die beiden wohl gerne akzeptieren", sagt Berthold.!

"Aber nun noch ein paar abschliessende Worte zu unserer Einladung auf unseren Heimatplaneten Aetaulor", fährt Erkisoth fort. "Einst erhielten wir von eurer Erde ein Signal mit Skizzen, Buchstaben und einer Positionsangabe, gefunkt von einem Raumschiff, das Jahrzehnte unterwegs gewesen sein muss.

Dem auf der Erde gelandeten Raumschiff, das muss sich vor etwa acht Erdenjahren zugetragen haben, entstiegen drei für das erdenmenschliche Auge nicht wahrnehmbare Beobachter, die in einer riesigen Stadt Eindrücke sammelten und die Menschen studierten, die sich auf den Strassen bewegten. Aufgeschnappte Gesprächsfetzen lieferten die Basis für den Wortschatz, aus welchem wir eure Sprache zu verstehen und zu konstruieren versuchten." "Die Sprache ist eindeutig ein amerikanisches Englisch, das die Unsichtbaren in New York City aufgeschnappt haben müssen", unterbricht Levin. "Ihr versteht es doch alle?" fragt die Verwalterin. "Ja doch, Englisch samt seinen Unterarten ist auf der Erde heute eine Weltsprache", sagt Alice und Egbert fügt hinzu: "Adurikte, Sie sprechen dieses Idiom sehr gut und wir möchten Ihnen ein ganz grosses Kompliment entgegenbringen."

"Doch nun darf ich zu Tisch bitten", überrascht Erkisoth die Gäste im schönsten New York Slang. Alle nehmen an einem langen Tisch Platz. Zur Rechten der Verwalterin hat Adurikte Platz genommen, zu ihrer Linken Janidolth, die Schöne, deren Anblick Berthold so entzückt hat. Erkisoth stellt sie als die Hüterin der Versorgung und Gesundheit auf Tjilumorg vor.

In Schalen aus fein geschliffenem Kristallglas wird Essbares dargereicht. Erst eine bläuliche, sämige Suppe, dann gut durchgekochtes Mischgemüse. Die Gäste finden die Speisen streng gewürzt, aber ansonsten durchaus gaumenfreundlich. Celine kann sich nicht die Frage verkneifen, ob auch Pilze dabei sind. "Ja, auch Pilze aus unserer Pilzzucht", erklärt Erkisoth. "Die Riesenpilze, die ihr drüben auf der Nachbarinsel gesehen habt, enthalten ein für Mensch und Meruntsch tödliches Gift -" "Werden wir gerne aus unseren Proben extrahieren", sagt Levin. "Die Bruloëkiden können das Gift in ihrem Verdauungssystem abbauen und eliminieren", weiss Janidolth. "Übrigens stammt unser Trinkwasser, hier unser Tafelwasser, aus dem ewigen Eis", erklärt Erkisoth. "Mit diesem Wasser könnt ihr, wenn es aufbereitet ist, getrost euren Tank für die Rückreise auffüllen." "Sehr gern", sagt Berthold.

Nach dem ausgiebigen Genuss eines berauschenden Kräutertees folgt das Unterhaltungsprogramm, das Erkisoth glaubt den Gästen schulden zu müssen. Einleitend springen mehrere Meruntschen grausig heulend um eine silberglänzende Kugel. Aus einer Ecke tönt erst leise, dann anschwellende Musik. Es klingt für irdische Ohren wie verzerrtes Geigenspiel. Die Gastgeber erheben sich und beginnen einen feurigen Tanz. "Unter dem Saal befindet sich eine antimagnetische Platte, die die Planetenschwere um 25 Prozent mindert", wird Adurikte später erklären. Erkisoth winkt den Gästen aufmunternd zu mitzumachen. Da wirbelt schon Adurikte mit Alice quer durch den Saal. Zögernd fordert Berthold Janidolth auf. Sie willigt ein und ihr irdischer Tänzer reicht ihr galant die Hand. Die beiden legen einen Pas de deux hin, wie er wohl selbst auf Aetaulor noch nie über die Bühne gegangen war. Als sich die beiden Tänzer beim Ausklingen des Musikstücks etwas näher kommen, nach Erkisoths Meinung zu nahe, verstummt die Musik. Die Gastgeber scheinen darüber erleichtert zu sein, die Gäste eher enttäuscht. 'Wir sollten dem aussichtslosesten Flirt des Universums rechtzeitig Einhalt gebieten', mag Erkisoth gedacht haben.

Die Besichtigung der Gewächshäuser bildet den krönenden Abschluss des Besuchs. Janidolth führt und erklärt, Adurikte übersetzt. Salat und Gemüse mit teils grünen, teils roten Blättern, sind in Reih und Glied angepflanzt. Gewürzsträucher gedeihen in einer flachen Mulde, die mit kiesähnlichem Material aufgefüllt ist. "Im Übrigen haben wir Humusboden aus der Heimat importiert", sagt Janidolth. In einer Vitrine gedeihen langstielige Pilze, aus denen ein Elixier zur Stärkung des Immunsystems hergestellt wird. Janidolth überreicht Berthold ein Probefläschchen. "Das schönste Geschenk meines Lebens", möchte er sagen. Sagt es aber nicht.

Zurück in der Empfangshalle stellt Gerhild die fast so unvermeidliche wie verfänglichste Frage aller Fragen: "Frau Erkisoth, gibt es bei Ihnen eine Religion?" "Ja, die gibt es, auf Aetaulor wird sie ernst genommen, hier findet sie kaum Beachtung", antwortet die Verwalterin freundlich. "Das menschliche Leben ist geprägt vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, Tstetomliin und Kwatsempe. Das Gute wird sichtbar verehrt, mit Skulpturen, die in Gebetsnischen der öffentlichen Gebäude aufgestellt sind. Das Böse haben Priester schon in prähistorischer Zeit vergeblich versucht unter die Erde zu verbannen. Aber mit jedem Vulkanausbruch kommt es wieder zutage, um Leid, Not, Hass und Krieg zu verkünden. Der Vorteil unseres Glaubens ist, dass er auf dem gesamten Heimatplaneten von seinen schätzungsweise acht Milliarden Bewohnern geteilt wird, in immerhin 53 Distrikten mit 77 Sprachen, von den Idiomen einmal abgesehen. Aber eine ausführliche Information wird euch, wie ich hoffe, unser kleines Geschenk vermitteln." Janidolth überreicht Berthold eine kleine Kassette. "Der grüne Knopf links unten zaubert Bilder mit der Untertitelung in eurer Sprache", dolmetscht Adurikte.

Die Abschiedszeremonie der 'Bonos' besteht im Vorstrecken beider Arme. Das geschieht völlig wortlos. Die Irdischen folgen dem Beispiel, in ihren Augen eine höchst seltsame Art des Auseinandergehens.

 

KATAKLISTA-KATAKLAN

Adurikte wartet schon im Schatten des monströsen Wächters, als sich Pedro und Karol dem Kuppelbau nähern. "Einer von euch beiden muss das Losungswort sprechen", begrüsst Adurikte seine Gäste. "Kataklista-kataklan", ruft Pedro. Der Wächter entschwindet und das Tor öffnet sich.

Die drei Männer begeben sich ins Innere der Kuppel, wo sie ein schwacher, grünlicher Lichtschein umgibt.

"Der Kuppelbau ist ganz den Seschganen gewidmet", beginnt Adurikte seine Führung. "Die liegen von Zeit zu Zeit bewegungslos vor den Hauseingängen und werden zwecks Reanimation von Meruntschen aufgekarrt und abgeholt. In einem höchst komplizierten Prozess, der in diesen Apparaturen, die hier aufgebaut sind, vonstatten geht, wird das Kernstück, das seschganische Herz, wiederbelebt. Ist das geschehen, holen die Meruntschen die Gestalten durch einen Seiteneingang wieder ab. Mehr kann ich euch zu diesem Vorgang leider nicht sagen. Aber vielleicht etwas zur Struktur der Seschganen. Die Körpermasse besteht aus einer gelatineähnlichen Masse, die Körperhülle aus einer Abwandlung von Chitin." "Das ist ja schon eine ganze Menge, was wir da erfahren", sagt Karol. "Warum aber geschieht der Prozess der Reanimation in diesem riesigen Bau?" möchte Pedro wissen. "Ursprünglich war die Kuppel als Kongresshalle vorgesehen, wurde dann aber, als sich die Bonos auf die Nachbarinsel zurückgezogen hatten, zur Wiederbelebungsstation der Seschganen ausgebaut und somit zweckentfremdet. Wer die Idee zum Bau einer Kongresshalle hatte ist nicht bekannt." "Wie kommen wir zu einer Probe von den Seschganen?" fragt Pedro. "Ganz einfach", sagt Adurikte. "Es gibt immer ein paar Exemplare, die sich nicht reanimieren lassen. Ausschussware sozusagen. Schauen wir mal dort drüben -" Er deutet auf eine breite Bahre. "Ja, hier sind drei Exemplare abgelegt worden. Ich würde empfehlen von einem einen Arm abzutrennen -" Den Besuchern schaudert. Pedro wendet sich ab und starrt in eine dunkle Ecke. Adurikte nimmt vom Boden eine Schere auf und trennt dem Seschganen den linken Unterarm samt dreifingriger Hand ab. "Bitte sehr, die Herren. Haben Sie so etwas wie eine Tüte mit?" Karol nickt und entnimmt seiner Umhängetasche einen Beutel. Adurikte packt das Objekt ein und überreich! t es Kar ol, der sich vielmals bedankt. "Ich möchte mich dem Dank anschliessen", sagt Pedro, "ist doch das Objekt von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft. Aber dürfte ich in aller Bescheidenheit bitten uns das Kernstück als Beigabe mit zu liefern -" "Kein Problem", sagt Adurikte und schneidet aus der Kehle des Halbentarmten das gewünschte Teil heraus. Ein unscheinbares Päckchen in der Form eines Puppenkissens. "Auch hierfür unser allerherzlichster Dank", sagt Pedro. "Wenn die Herkunft der Seschganen unbekannt ist, wie kann die Methode einer Reanimation verstanden werden?" fragt Karol und Adurikte antwortet: "Soviel ich weiss, sind die Gestalten ein Produkt der Forschung auf Aetaulor und wurden schon vor der Ankunft der ersten Siedler hier auf Tjilumorg ausgesetzt. Aber das bleibt unter uns! Das Rätselhafteste ist die enorme Anzahl, die sich hier herumtreibt und die ja irgendwann angekarrt worden sein muss. Denn die Dinger vermehren sich ja nicht. Und nun, meine Herren, nachdem wir unseren Besuch hier beendet haben, darf ich zu einem Spaziergang zum Bunker bitten."

"Zwanzig Minuten Fussmarsch auf Tjilumorg sind so anstrengend wie eine Bergtour quer durch die Rockies", seufzt Pedro. Kein Wächter ist zu sehen, wenigstens in natura. Aber das Kataklista-Kataklan scheint auch hier Tür und Tor zu öffnen. Und es öffnet sich ein Metallgitter, dahinter eine mit groben Nägeln beschlagene Tür. Adurikte zieht einen Hebel nach vorne und ein schwaches, bläuliches Licht leuchtet den niederen Raum aus. Allerlei Gerät steht hier herum. Schaltpulte, Monitore, Akkus, Werkzeug. "Also hier wurden unsere Koordinaten abgeändert?" fragt Pedro. "Ja, genau hier", entgegnet Adurikte. "Ich möchte betonen, dass das höchstwahrscheinlich eure Rettung war. Auf Aetaulor hat zu dieser Zeit ein absolutes Chaos geherrscht. Bürgerkriege, Naturkatastrophen, schwere Zwischenfälle bei der Erprobung neuer Methoden der Kernfusion, Versagen der Regierungen, Ohnmacht der Justiz, und und. Kurze Zeit, nach der die Raumschiffflotte im Shuttle-Betrieb Tjilumorg erobert und sich nach dem Aufbau provisorischer Einrichtungen und dem Absetzen der letzten Pioniere zurückgezogen hatte, wurden Einrichtungen der Raumfahrt beschädigt, oder zumindest gesperrt. Deshalb kamen wir von hier nicht mehr weg, während dem Gros unserer Hilfs- und Aufbautruppen die Rückkehr gerade noch geglückt war." "Und wie und wo werdet ihr dort landen?" fragt Karol. "Es gibt da ein Hochplateau, wo wir im handgesteuerten Anflug landen können. Ein Risiko ist natürlich dabei. Die nächste menschliche Siedlung ist vom Rand des Plateaus neunhundert Meilen entfernt. Janidolth wird versuchen mit ihrer Organisation, die dem Raumfahrtwesen freundlich gesinnt ist, Kontakt aufzunehmen um uns abzuholen. Ja, da kommt mir noch euer Wunsch in Erinnerung eine Probe des Mikrobenpürees zu ziehen. Im Wohngebäude, das eurem Raumschiff am nächsten liegt, findet ihr ein Gerät, da sich daf&u! uml;r ei gnen könnte. Betätigt ihr den Sperrhahn, wird sich eine lange Schnur aufrollen und in jede gewünschte Richtung schnellen. Am Ende der Schnur ist ein kleines Gefäss befestigt, das die Probe aufnehmen kann. Das Zurückspulen braucht eine gewisse Zeit, da müsst ihr ein wenig Geduld haben. Habt ihr die Probe an Bord des Raumschiffs versorgt, flammt das Gerät bitte, so gut es geht, in einer Fackel ab und stellt es zurück an seinen Standort. Bevor ihr jedoch euch das Gerät schnappt, solltet ihr es erst einmal vorsichtig mit zwei Fingern antippen. Wenn die Seschganen, die dort immer präsent sind, nicht reagieren, könnt ihr das Gerät in aller Seelenruhe schultern. Falls die Kerle wider Erwarten Schwierigkeiten machen sollten -" "Kataklista -" unterbricht Karol. "Nein, nichts Kataklista. Pakálaka, mit Betonung unbedingt auf der zweiten Silbe - zweihundert Schritte von hier kommt ihr an einen Rand des Festlands. Die Distanz zum 'Meer' ist da nicht so gross."

Nach dem Ausstieg aus dem Bunker spricht Adurikte: "Dürfte ich euch zum Raumschiff begleiten, denn ich habe etwas Wichtiges zu verkünden." "Ja natürlich, komm einfach mit", sagt Pedro. Sie nehmen den kürzesten Weg. Der führt durch den Pilzwald.

 

ADURIKTES BEICHTE

An Bord von DRAKE I verkündet Adurikte: "Zunächst möchte ich ein Geständnis ablegen. Ihr werdet es wahrscheinlich schon vermutet haben - ich bin wie ihr ein Erdenbürger -" "Nein -", ruft Gerhild. "Aber vermutet habe ich so etwas schon, spätestens beim Elefantenvergleich, was mit Sicherheit keine wörtliche Übersetzung war." "Ich glaube wir alle -", meint Levin. "Gut", spricht Adurikte weiter, "die Sache ist nämlich die. Ich wurde vor etlichen Jahren von Bonokhasten in dem Raumschiff, das auf der Erde landete, entführt. War meine Schuld, ich hatte mich dem 'Ufo' zu sehr genähert. Ich deutete nämlich einer vor dem Raumschiff patrouillierenden Wachperson mit einer Geste an, dass ich das Raumschiff gerne von innen anschauen möchte. Ausserdem hielt ich eine Skizze eines Raumschiffs und eine Zeichnung mit Andeutungen von Koordinaten und Apparaturen in der Hand. Die Person führte mich zum 'Ufo', das sich mit einer von aussen nicht sichtbaren Tür öffnete. Drei Leute waren an Bord. Einer, offenbar der Bordingenieur, versuchte mir die Antriebsaggregate zu erklären. Die Wachperson war gerade zugestiegen, als das Raumschiff jäh abhob. An ein Aussteigen meinerseits war nicht mehr zu denken.

Als sich die Tür hinter dem Wachmann geschlossen hatte, sah ich durch eine Luke, wie sich mehrere Kettenfahrzeuge näherten. Es waren keine Panzer im landläufigen Sinne. Sie waren grösser und fuhren sehr schnell. Fast wäre das erste Fahrzeug mit dem Raumschiff kollidiert als wir uns bereits knapp drei Meter über dem Boden befanden. Es ging wahrscheinlich um Zentimeter."

"Davon hat der Zeuge von damals, der das Raumschiff beobachtet und fotografiert haben wollte und dem zunächst niemand Glauben schenken mochte, nichts erwähnt", unterbricht Egbert. "Dazu kann ich nichts sagen, ich habe den Mann nicht gesehen", erklärt Adurikte. "Wie ich später erfuhr, hatte die ominöse Tafel, die euch die Daten des Aetaulor anzeigte, ein Kosmonaut kurz vor dem Start an einer Böschung abgelegt, in der Hoffnung, dass sie jemand findet.

Mein richtiger Name ist übrigens Johnston, Marc Robin Johnston. Den Namen Adurikte haben mir die Bonos verpasst und heisst soviel wie 'Der Interpret'. Das 'te' ist der angehängte Artikel. Nun möchte ich auf irgendeine Art und Weise zur Erde zurückkehren." "Aber wir können leider keine weitere Person mit an Bord nehmen, da unsere acht Kabinen reserviert sind und unser Gesamtgewicht sich dank der zahlreichen Fundstücke bereits an der äussersten Limite bewegt -", erklärt Pedro. "Ich mache dazu folgenden Vorschlag", spricht Berthold. "Adurikte - ich meine natürlich Herr Johnston - kann an meiner Stelle mit DRAKE I reisen. Ich selbst biete meine Dienste auf DRAKE II an. Denn ich fürchte, dass die 'Bonos' mit der Technik des Raumschiffs nicht unbedingt vertraut sind. Ich könnte also beim Navigieren Hilfestellung leisten. Auf der Erde erwartet mich sowieso nichts und niemand. Egal wo ich meine letzten Jahre verbringe." Nach einer Minute Schweigen willigen die Astronauten ein. "Hast du dir das gut überlegt, Berthold?" fragt Karol. "Ja, habe ich", antwortet Berthold.

 

DOPPELTER ABSCHIED

DRAKE II ist startbereit. Zwölf Bonokhasten, unter ihnen Janidolth, sind bereits an Bord. Eine Person steht noch draussen und schaut sich um. Es ist Berthold. Die Erdenastronauten kommen auf ihn zu und verabschieden ihn mit einem schlichten "Viel Glück". Schweren Herzens übergibt Berthold Gerhild das Fläschchen, das ihm Janidolth im Gewächshaus gereicht hatte. Er steigt nun ein und Sekunden später startet das Raumschiff. Die Zweimonatsreise nach Aetaulor beginnt.

Nun ist es auch für die verbliebenen Irdischen Zeit von Tjilumorg Abschied zu nehmen. DRAKE I ist startbereit. Die Astronauten haben nun drei Wochen Musse über ihre Mission nachzudenken und Bilanz zu ziehen, bevor sie in ihren Kabinen für Monate in einem Trancezustand verharrren.

Punkto Versorgung gibt es auf Wunsch Erkisoths eine Änderung insofern, als DRAKE I, wie ursprünglich vorgesehen, das für die Rückreise nötige Material von DRAKE II übernimmt. DRAKE II ist mit 'heimischem' Material bestückt worden.

Alles in allem war das Unternehmen der Irdischen ein Erfolg, wenn auch ein Ersatzplanet ausgekundschaftet wurde. Die Astronauten sind besonders darüber glücklich, dass die Probeentnahme aus dem Mikrobenmeer schliesslich geglückt war.

Ein Meruntsch nähert sich und hebt die rechte Vorderpfote hoch, so, als wolle er zum Abschied winken. Er kommt auf Levin zu und bricht in leises Wimmern aus. "Das Tier hat eine Wunde, die es versorgt haben möchte", spricht Egbert, der herbeigeeilt ist. "Gerhild, kannst du noch einmal nach draussen kommen und die Medizinkiste mitbringen", ruft Egbert. Gerhild ruft zurück: "Oh je, hat sich da jemand so kurz vor dem Aufbruch verletzt?" "Kein Mensch, aber ein Affenhund", antwortet Levin. Gerhild behandelt die Wunde mit einem Spray und deckt sie mit einem Verband ab. "Der kann nicht schaden. Das Tier, ich schätze es ist ein junges Männchen, wird das Zeug nach einiger Zeit abstreifen, wenn die Wunde verheilt sein wird." Levin hat die Szene mit seiner in den letzten Zügen liegenden Taschenlampe ausgeleuchtet. Der Meruntsch legt sich Gerhild zu Füssen, heult kurz und kräftig auf, um sich dann davonzuschleichen. "Das Tier hat sich zweifellos bedankt", meint Egbert. "Ich wäre mir nicht sicher, ob ein ähnliches irdisches Wesen auch so reagieren würde."

 

MR. JOHNSTON ERSTATTET BERICHT

Mr. Johnston alias Adurikte nimmt, wie abgesprochen, an Bord von DRAKE I die Stelle von Berthold ein. Er weiss noch viel zu erzählen, vom Kurzaufenthalt auf Aetaulor und vom Leben auf Tjilumorg. Und von seiner unfreiwilligen Reise ins All.

Das ist sein Bericht. "Ein paar Stunden muss ich bei Bewusstsein gewesen sein, bevor ich auf geheimnisvolle Art in einen Trancezustand versetzt wurde und etwa drei Jahre später mit den Astronauten das Raumschiff auf Aetaulor verliess. Schon drei Monate vor der Landung wurde ich recht unsanft ins Leben zurückgerufen und bekam ein paar Schrifttafeln vorgelegt. Ich war aufgefordert die Sprache der Astronauten zu erlernen. Um mich von den Unannehmlichkeiten an Bord abzulenken, betrieb ich das mit Feuereifer.

Die Landung auf Aetaulor geschah auf einem abgelegenen Gelände am Rande der Raumfahrtstation. Der Ausstieg aus dem Superkreisel erfolgte über eine wacklige Gangway. Den feinen, kalten Nieselregen empfand ich als willkommene Erfrischung zur Begrüssung auf einem Abermilliarden Meilen und etliche Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten.

Meine 'Entführer' begleiteten mich zu einer düsteren Baracke. Hier musste ich mich einer ärztlichen Konrolle einschliesslich Blutentnahme unterziehen. Nach einer Ewigkeit des Wartens in einem abgedunkelten Raum erschien ein grobschlächtiger Mann, der mich aufforderte die Zivilkleidung abzulegen und eine Art von gelbem Togakostüm mit knallrotem Gürtel anzulegen. Meine Ausweispapiere, die Geldbörse und Schlüssel sowie eine in Plastik eingeschlossene Scheibe packte der Mann in einen Lederbeutel, den ich in der geräumigen Innentasche des seltsamen Gewands gut verstauen konnte. Mein Schuhwerk bestand von nun an aus Schnürstiefeln, die immerhin recht bequem waren.

Für zwei Tage bezog ich Quartier in einem kleinen Hotel. Zahlung im Voraus. Das Erste, was ich auf Aetaulor lernte, war, dass du auch hier ohne Geld kein Existenzrecht hast. Die Astronauten hatten mir jene Scheibe ausgehändigt, das Pendant einer irdischen Kreditkarte, womit ich die Rechnung begleichen konnte.

Ich hatte alle Zeit und Musse, mich in der Stadt umzusehen. Die Menschen schienen immer in Eile. Dabei fiel mir auf, dass sich die in Gelb gekleideten Männer von den in Blau gekleideten Frauen grössenmässig kaum unterschieden. Selten waren Kinder zu sehen, die offenbar schon im frühesten Alter die typische Kleidung verpasst bekommen. Die meisten Menschen trugen einen roten Gürtel. Jedenfalls soweit schien ich mich in bester Gesellschaft zu befinden. Dann gab es Leute mit schwarzem Gürtel. Die gesellschaftliche Oberschicht, wie ich später erfuhr. Manche schwarzgegürtelte Frau führte ein katzenähnliches, rot geflecktes Tier an der Leine.

Immer wieder sah ich die gigantische Mütze am Horizont auftauchen. Lange wusste ich nicht, um was es sich da handelt. Alle meine Fragen blieben unbeantwortet. Der Hotelportier bediente mich sogar mit einer wüsten Beschimpfung, als ich ihn auf die 'Mütze' ansprach. Erkisoth antwortete ausweichend oder gar nicht. Nur einer der Pioniere, einer der ersten, die Tjilumorg wieder verliessen, machte in Aufbruchstimmung die Andeutung, dass ein Grossteil der Bevölkerung dort zwecks 'Umerziehung' für eine bestimmte Zeit inhaftiert sein könnte. Ursprünglich soll die 'Mütze' als Kulturzentrum mit hunderten von Konzertsälen und Theatern konzipiert worden sein. Beim schwebenden Ozeanriesen, den ich auch zu Gesicht bekam, handelt es sich um den Sitz der Staatsregierung. Warum das Monstrum keinen Schatten wirft bleibt ungeklärt. Zwischen Häuserreihen, auf einer hohen Trasse, sauste die Stadtbahn.

Beim zweiten Abendspaziergang stiess ich auf einen Trupp mutmasslicher Soldaten, die sich im Stechschritt einem quadratischen Platz näherten. Sie hatten über ihrer Toga eine Waffe gschultert, die sehr an ein irdisches Maschinengewehr erinnerte. Ein paar Bürger begrüssten die Truppe mit kwallalo endego. Ich wollte mich schon als echter Aetaulorer geben und stimmte in den Ruf ein. Da scherten zwei Marschierer aus und befahlen mir ihnen zu folgen. Ehe ich mich versah landete ich in einem dunklen Verlies, das von fünf katzenähnlichen Wesen, so zwischen Luchs und Puma, bewacht wurde. Aus einem gegenüberliegenden Gebäude drang dumpfer Glockenschlag. Bom, bom, bom.

Was der wahrscheinlichste Grund meiner Verhaftung war habe ich viel später auf Tjilumorg erfahren. Ich hatte nämlich die Vokale im Wörtchen 'endego' zu sehr gedehnt, was dann in der Landessprache so viel bedeutet haben soll wie 'Tod und Verderben'. Ja, der kleine Unterschied machte es wieder mal! Die Stadt heisst übrigens Gjilaufun. Eine Fünfmillionenstadt.

Die Versorgung im Verlies war nicht gerade luxuriös, aber zum Aushalten. Als dann einmal die Superkatzen fest schliefen, gelang mir die Flucht nach draussen. Geblendet vom grellen Sonnenlicht schlich ich durch enge Strassen und tastete mich durch den Schattenwurf hoher Sträucher, die in Vorgärten wucherten. Vor einem Pavillon war eine Tafel aufgestellt mit der Aufschrift: Freiwillige für einen Erkundungsflug zum Planeten Tjilumorg gesucht. In einem Bretterverschlag, der dem Pavillon angebaut war, lagen ein paar Tafeln - beschriebenes Papier schien es nicht zu geben - mit Angaben zum fremden Planeten. Zwei Monate Reise. Infolge grosser Sonnenferne stets fast völlige Dunkelheit und enorme Kälte, aber auf zwei aneinandergrenzenden Flächen aetaulor-ähnliche Bedingungen. Test auf Überlebensmöglichkeiten für Menschen. Gruppe von 240 Pionieren richtet bewohnbare Zonen für das Überleben von 46 Menschen ein. Die Pioniere kehren nach getaner Arbeit wieder auf unseren Planeten zurück.

Eine attraktive junge Frau mit schwarzem Gürtel spricht mich an: "Möchten Sie sich auch melden?" "Ja ja", erwidere ich spontan, fände aber die Möglichkeit eines Entkommens von Aetaulor gar nicht schlecht. Im Pavillon stehen drei runde Tische, denen Anmeldetafeln aufliegen. Der Frau scheint nicht entgangen zu sein, dass ich mich mit den Tafeln nicht so recht anfreunden konnte. "Zum Ausfüllen gibt es hier eigentlich nichts", erklärt sie. "Sie kommen, wie ich annehmen darf, aus Uhegilamb? Denn dort wird noch eifrig bürokratisiert, während wir hier in Gjilaufun weitgehend entbürokratisiert sind." Ohne meine Antwort abzuwarten fährt sie fort: "Sie müssen am oberen rechten Rand der Tafel den Abdruck Ihres linken Zeigefingers hinterlassen. Dann müssen Sie den Text, der auf der Tafel erscheint, sorgfältig durchlesen. Ist das getan, müssen Sie die rechte Hand auf die blaue Fläche legen, die den Text überdeckt. Damit bestätigen Sie, dass Sie ein geeigneter Kandidat für die Reise nach Tjilumorg sind, aber in völlig eigener Verantwortung handeln." Quer über die Tafelfläche huscht ein Text. So etwas wie gwasigosch. Nun ja, muss ich mir wohl merken.

Die Dame wirft ihre Tafel in einen Schacht. Ich tue das Gleiche. Draussen warten indessen noch mehrere Personen auf ihre Registrierung. Ein Fahrzeug, das einer gigantischen Raupe gleicht, nähert sich. Die Dame steigt ein, ein paar weitere Leute und zuguterletzt ich folgen. Der Fahrer spricht über ein Mikrofon zu seinen Fahrgästen: "Willkommen in der Pionierstaffel Tjilumorganod. Wir erreichen in Kürze die Startbasis der Raumschiffe."

Da stehen sie, in Reih und Glied, die Raumschiffe. Eine ganze Flotte. Recht unfreundlich werden wir gebeten, das Zubingerfahrzeug unverzüglich zu verlassen und einem Mann mit grüner Flagge zu folgen. 'Das gehört wohl auch hierzulande zum täglichen Leben, immer einem Führer folgen', denke ich. "Bitte die Leute mit gwasigosch in das erste Schiff", heisst es nun. Wir sind achtzehn Menschen, die mit diesem Wort, das ich auch heute noch nicht übersetzen kann, gekennzeichnet worden sind. Die Dame ist auch dabei. Ihr werdet es kaum glauben - es war Erkisoth, unsere spätere Verwalterin auf Tjilumorg.

Wir waren gerade mal zwei Tage unterwegs, als Erkisoth mir erklärte, es sei ihr von vornherein klar gewesen, dass es sich bei meiner Person um den Erdenmenschen handelte. Sie sparte nicht an Lob für meine Sprachkenntnisse. So hatte sich meine Ankunft wohl wie ein Lauffeuer in der Stadt herumgesprochen. Die Bewachung mit den 'Katzen' sei übrigens eine besondere Ehre für den Erdenmenschen gewesen. Seltsame Ehrung. Aber mit irdischen Vorstellungen von Ruhm, Ehre, Menschenrechten undsoweiter, kommst du auf Aetaulor nicht weit.

Ah ja, zu dem zwei Monate dauernden Flug ist nichts von Bedeutung zu sagen. Alles ging reibungslos, vielleicht bis auf die Landung - die fiel etwas ruppig aus. 'Ist eben keine gepflegte Betonpiste', entschuldigte sich der Chefnavigator.

Ich wurde einer Pioniergruppe zugeteilt, die den Aufbau des 'Bunkers' in Angriff nehmen sollte, den Pedro und Karol zu besichtigen das Vergnügen hatten. Da konnte ich wenigstens meine Berufserfahrungen in Informatik spielen lassen. Ich hätte die Möglichkeit einer baldigen Rückkehr gehabt, blieb aber noch aus Lust am Abenteuer, wie ich es einmal bezeichnen möchte. Hatte ja keine Ahnung, dass später aller Kontakt zum Aetaulor, von wo aus ich gedachte zur Erde zurückzukehren, unterbunden war. Dann kamt ihr und mit euch die Hoffnung doch noch die Heimreise zur Erde antreten zu können." "Gab es eine engere Beziehung zwischen Erkisoth und Ihnen, Herr Johnston?" möchte Alice wissen. "Ja, die gab es einmal. Als wir uns der Aussichtslosigkeit einer solchen Liaison bewusst geworden waren, beschlossen wir gemeinsam unserem Leben im ewigen Eis ein Ende zu setzen. Erkisoths Stellvertreterin, Janidolth, wird es in der Siedlung schon richten, dachten wir. Der plötzliche Kälteschock jenseits einer Nebelwand hatte uns aufgeschreckt und ins triste Leben zurückgeholt."

 

NACHHALL

Unserer wieder glücklich auf der Erde gelandeten Astronauten einschliesslich Herrn Johnstons gedenkt die Nachwelt auf verschiedene Weise. Entweder in Kenntnisnahme einer Randnotiz in den Annalen der Raumforschung - oder gar nicht. Letzteres ist insofern wahrscheinlicher, als es die Astronauten und ihre Reise in eine ferne Welt gar nicht gab und die ganze Geschichte frei erfunden ist.

Doch die Frage, was aus Berthold und Janidolth wurde, steht buchstäblich im Weltraum und verdient beantwortet zu werden. Nun, zwanzig Jahre nach der Rückkehr von DRAKE I zur Erde, empfängt die unverwüstliche Startourhall Signale aus dem All. Lakonisch kurz. "Die Bewohner von Aetaulor grüssen die Erde." Elf Namen sind zu erkennen. Zwei können als Berthold und Janidolth entziffert werden.  

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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