Hans Fritz

Die Dreitagemutter

Vertrauenssache

"Guten Tag Herr Dotschmer". "Guten Tag, Frau Nollekrey. Schön, dass Sie den Weg zu meiner Privatadresse gefunden haben. Am Montag habe ich Ihre Mail erhalten." "Und gleich geantwortet. Dafür vielen Dank. Ich sagte ja schon, Herr Dotschmer, ich mochte Sie nicht zur offiziellen Sprechzeit in Ihrem Büro aufsuchen, da in der Firma so viel über mich getuschelt wird und ich mich ständig von allen beobachtet fühle. Manchmal geht es schon in Richtung Mobbing. Seit etwa drei Monaten ist es besonders schlimm mit diesen Leuten. Die Meute hätte doch sofort gedacht, ich würde mich in der Personalabteilung über sie beschweren. Neulich wetteiferten drei Herren im Erzählen von blöden Blondinenwitzen, als ich in ihrer Nähe zu tun hatte." "Schleppen Sie ein Geheimnis mit sich herum und glauben, in der Firma sei jemand dahinter gekommen?" "Ich bin davon überzeugt. Aber es ist wohl am besten, wenn ich Ihnen meine Geschichte vorstelle, mich bemühe ruhig und sachlich zu bleiben und nicht in Emotionen auszubrechen." "Ich merke, Sie haben im kürzlich durchgeführten Schulungskurs viel gelernt, Frau Nollekrey. Dann erzählen Sie mal in aller Ruhe, ohne Umschweife und wahrheitsgemäss." "Es ist nämlich so - ich habe eine Straftat begangen -" "Und Sie möchten mir darüber berichten? Was es auch immer gewesen ist, ich kann Sie bestenfalls beraten, Ihnen aber nicht die Absolution erteilen. Ich glaube, Sie haben das Bedürfnis die Sache einer Person Ihres Vertrauens mitzuteilen. Ich hoffe, dass ich dieses Vertrauen verdiene und nicht breche oder missbrauche." "Es ist gut, wenn man sich heutzutage überhaupt noch jemandem anvertrauen kann, Herr Dotschmer. Sie sind doch auch Psychologe?" "Nun ja, etwas Psychologie gehört zum Instrumentarium des Personalberaters, besonders wenn er ausserdienstlich in einer heiklen Angelegenheit in Anspruch genommen wird. Wissen Sie, Frau Nollekrey, eine solche Beschattung oder Bespitzelung, wie Sie sie Ihren Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen unterstellen, kann aus der Furcht heraus entstehen auf Schritt und Tritt als eine Person erkannt zu werden, die etwas Schreckliches getan hat und versucht, es unter allen Umständen geheim zu halten." "Ich bilde mir wohl das alles nur ein?" "So könnte es sein, muss aber nicht. Die offensichtlichen Bosheiten und Sticheleien einiger Mitarbeiter sind allerdings unentschuldbar. Aber schiessen Sie erst mal los, dann sehen wir weiter."

Sie begeben sich auf die rustikale, aber sehr geschmackvoll hergerichtete Veranda mit Ausblick auf den Lindenplatz. Dotschmer schiebt zwei bequeme Korbsessel an ein rundes Mosaiktischchen heran. Über dem Tischchen baumelt eine gelbe Ballonlampe. "Nehmen Sie bitte Platz, Frau Nollekrey. Hier steht eine Karaffe mit Mineralwasser, bitte bedienen Sie sich." Sie giesst sich ein Kelchglas voll und Dotschmer folgt ihrem Beispiel.

"Ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen, Herr Dotschmer, die Schilderung meines Falls könnte nämlich etwas länger dauern." "Schon gut, ich nehme mir die nötige Zeit, muss nur noch am Abend einen Blick in die Tageszeitung werfen, denn dazu bin ich noch nicht gekommen. Aber es ist ja erst früher Nachmittag. Im Übrigen ist Mittwochnachmittag, mein freier halber Wochentag." "Dann darf ich beginnen?" "Ja, starten Sie, Frau Nollekrey, ganz ungeniert."

 

Kleiner Peter

"Also, nach einer längeren Fahrt stelle ich mein Auto auf dem Waldparkplatz Erlengrund ab um ein wenig herumzuspazieren. Ich geniesse meine Urlaubswoche. Ich verlasse den Wald und komme an den Spielplatz, der zum Heim Nerida gehört. Ein kleiner Junge stürmt auf mich zu und ruft 'Schau mal da im Wald, ein Reh.' 'Ja, ein Reh. Die kommen manchmal auch am helllichten Tag bis hierher an den Waldrand', belehre ich den Kleinen. 'Jetzt ist es weg', klagt er. Offen gesagt, ich habe gar kein Reh gesehen, möchte es nur nicht eingestehen. 'Ja, es hat Angst vor Menschen', erkläre ich. 'Vielleicht ist es aufgescheucht worden, von einem Hund etwa. Komm, wir gehen ein Stück waldeinwärts, da sehen wir es sicher nochmal.' Der Junge wird ungeduldig und deutet an, dass er zurück zu den anderen muss. 'Weisst du was, nicht weit von hier steht mein Auto. Du möchtest doch mit mir zurück zum Heim fahren? Ist ja gerade um die Ecke.' 'Au ja.' 'Wie heisst du denn eigentlich?' 'Ich bin der böse Peter.' 'Warum böse?' 'Die Renate behauptet immer ich sei böse.' 'Und wer ist Renate?' 'Unsere Betreuerin.' 'Und wie alt bist du?' 'Ich werde im Oktober fünf.' Wir steigen in meinen VW, fahren jedoch nicht zum Heim, sondern zu mir nach Hause. Der Kleine ist so begeistert von der Fahrt, dass er nicht widerspricht und keine Spur von Angst zeigt. Der Zufall will es, dass sich meine Nachbarin, die geschwätzige Frau Krantenmeier mit ihrer unverwechselbaren roten Reisetasche, gerade auf dem Weg zum Supermarkt befindet. Das heisst, sie kann mich nicht mit dem Jungen beim Haus aussteigen sehen. Und womöglich das Fehlen eines Kindersitzes bemerken." Dotschmer ist sofort klar geworden, dass es sich hier um eine regelrechte Entführung handelt. Doch er möchte die Frau nicht mit Fragen irritieren.

"Am späten Vormittag kommen wir bei mir zu Hause an. Durch den ewig dunklen Flur gelangen wir in meine Zweieinhalbzimmerwohnung. Hochparterre. Ich habe das Kinderzimmer mit allerlei Spielzeug beladen, ja fast überladen. Da sind ein Schaukelpferd, eine Holzeisenbahn, eine Kiste mit riesengrossen bunten Bausteinen aus Plastik, eine Handvoll Zinnsoldaten aus Grossvaters Nachlass. Peter kommt aus dem Staunen nicht heraus und ich schliesse daraus, dass solches Spielzeug, ja vielleicht Spielsachen überhaupt für ihn bisher etwas Unerreichbares gewesen sind. Ich höre Spätnachrichten. Im Fernsehen erscheint eine Fahndungsmeldung, mit Foto. Der vierjährige Peter Leutscherts ist vom Spielplatz beim Heim Nerida spurlos verschwunden. Eine Entführung kann nicht ausgeschlossen werden. Sachdienliche Hinweise undsoweiter, eben das Übliche in solchen Fällen. 'Die Betreuerin, die in unverantwortlicher Weise ihre Aufsichtspflicht verletzt hat, soll umgehend vom Dienst suspendiert worden sein', war dann in einem Teletext zu lesen. Weiter wird berichtet, dass das Jugendamt den Peter wegen 'widriger häuslicher Umstände' den Eltern weggenommen hat.

Drei Tage lang geht alles gut. Ich bekomme keine Anrufe, nicht mal Mails, werde in keiner Weise behelligt als ich zum Einkaufen den Supermarkt aufsuche." "Sie waren mit Peter nicht draussen?" unterbricht Dotschmer. "Nein. Ich versprach ihm eine Fahrt zum Tierpark, aber dazu kam es nicht." "Eigentlich schade." "Ja. Nun, gegen Mittag klingelt es. Es ist die Krantenmeier. Das Salz ist angeblich ausgegangen. Einmal nicht die Zigaretten, nicht der Staubzucker. Ich bitte diese Frau gewohnheitsmässig nicht herein. Das scheint sie zu akzeptieren und begnügt sich mit einem neugierigen Blick in den Flur. Dorthin schiebt Peter gerade, mit einem herzhaften 'Tut tut', die knarzende Holzeisenbahn. 'Peter, geh bitte sofort ins Zimmer', herrsche ich den Jungen an, in einem Ton, wie ich ihn ihm gegenüber noch nicht gepflegt habe. Unter leisem Quengeln gehorcht Peter. 'Ach, Frau Nollekrey, haben Sie Besuch?' möchte die Nachbarin wissen. 'Ja, Frau Krantenmeier, meine Schwägerin ist überraschend mit ihrem kleinen Sohn angerückt. Sie musste kurz in die Stadt, wird aber in einer guten Stunde wieder hier sein.' Ich habe zwar keine Schwägerin, aber in solchen Situationen muss einem etwas einfallen. Bald darauf hält ein Taxi vorm Haus und eine junge Frau in zementgrauer Lederjacke steigt aus. Wer die Frau war und zu wem sie wollte, weiss ich nicht. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht ausgerechnet die Krantenmeiers besucht, die sie also auf den ersten Blick für die erfundene Schwägerin halten könnten.

Es geht gegen Abend, als ich glaube meine Rolle als Ersatzmutter nicht weiter spielen zu können, ohne in irgendeiner Weise aufzufallen. Ich muss etwas unternehmen. Den Jungen ins Heim zurückbringen? Das würde mir vielleicht strafmildernd angerechnet. Als ich zu Peter sage: 'So, wir fahren jetzt zum Heim', beginnt er lauthals zu schimpfen. Er gebraucht dabei ein paar hässliche Worte, die ihm im Nachhinein verziehen seien. Ich male mir aus, was ihn bei den Neridas erwarten könnte. Schlimmstenfalls eine harte Bestrafung für ein vermeintliches Ausbüxen. Es ging einmal ein Gerücht über Missbrauchsfälle im Heim Nerida um, die nie bewiesen werden konnten." "Ja, das stimmt", pflichtet Dotschmer bei.

"Es ist kurz vor Mitternacht. Peter schläft fest. Ich packe ihn in eine Decke, trage ihn zum Auto, das ich direkt vorm Haus geparkt habe. Ich platziere den Jungen behutsam auf der Rückbank. Bei einer Fischerhütte am Strand lege ich ihn auf einer grob gezimmerten Bank ab. Das Medikament, das ich ihm verabreicht habe, scheint noch zu wirken -" "Haben Sie ihm etwa ein Schlafmittel verpasst?" fragt Dotschmer sichtlich erschrocken. "Ja, Noktidorm, das nehme ich auch hin und wieder." "Ein starkes Mittel. Ist meines Wissens verschreibungspflichtig." "Ja, ich weiss. Hatte mir der Arzt einmal verordnet. Nun, es war auch um diese nachtschlafene Zeit noch recht warm draussen, ungewöhnlich für Ende September. Bei der Hütte kommen tagsüber, meist schon frühmorgens, immer sehr viele Leute vorbei, vor allem Jogger, aber auch die Fischer, bei denen es früh Tag wird. Jemand wird Peter schon finden, denke ich.

Am Morgen, als ich die Zeitung aus dem Kasten nehme, treffe ich die Nachbarin im Hausflur. 'Na, Sie sind ja heute Nacht spät nach Hause gekommen.' 'Ja, bin ich'. Kopfschüttelnd und mit einem 'Ts Ts' nimmt die Nervensäge das zur Kenntnis. Sollte mir jemand auf die Schliche kommen, dann nicht ausgerechnet diese Frau Krantenmeier.

Die lokalen Frühnachrichten bringen die erlösende Meldung: 'Aus dem Heim Nerida verschwundener Junge vor einer Fischerhütte wohlbehalten aufgefunden. Er wurde vorsorglich in die St.Anna-Klinik eingewiesen. Vorsorglich - Da kann also nichts Schlimmes passiert sein. Ich suche drüben in der Allee die Telefonzelle auf, eine der wenigen noch verbliebenen. Das finde ich nicht so riskant wie das Handy zu benutzen, oder das Festtelefon. Ich rufe die Notaufnahme der Klinik an. Zum Glück geht das noch mit Münzen, ohne Kreditkarte. Mit verstellter Stimme spreche ich: 'Der entführte Junge hat eine hohe Dosis Noktidorm bekommen.' Dann lege ich auf." "Warum telefonierten Sie?" "Weil die sich x Blutanalysen sparen und sofort eine gezielte Kurztherapie einleiten konnten. Vergiftungen mit dem Schlafmittel sollten der Klinik nicht unbekannt sein. Ich arbeitete einmal im Sanitätsdienst unserer Firma, daher meine bescheidenen medizinischen Kenntnisse."

"Sagen Sie, Frau Nollekrey, wann hat sich das Ganze zugetragen?" "Vor acht Jahren. Der Peter müsste jetzt also dreizehn sein." "Die Sache ist meines Wissens inzwischen verjährt, Frau Nollekrey, es sei denn der Peter wäre nach Gabe der Superdosis Noktidorm zu Tode gekommen, oder hätte zumindest schwerwiegende gesundheitliche Schäden davongetragen. Aber das möchten wir ja ausschliessen, nicht wahr?" "Ja, ja, natürlich." "Zur Sicherheit kann ich wegen der Verjährung meine Frau fragen, sie ist Rechtsberaterin, also juristisch nicht ganz unerfahren. Ich werde nicht Ihren Namen nennen. Sie sind der Fall Nummer soundso." "Ist Ihre Frau nicht zu Hause?" "Wir leben seit zwei Jahren getrennt. Hat sich so ergeben." "Oh -" "Jetzt rede ich mal wie ein Kriminalist, Frau Nollekrey. Was war das Motiv Ihrer Tat?" "Eine Entführung -" "Wie, was?" "Ja, mein Sohn wurde entführt, behaupte ich jedenfalls, und zwar von seinem Vater." "Aha -" "Mein Lebensgefährte - wir waren nicht offiziell verheiratet - ist gebürtiger Syrer. Er wollte den damals fünfjährigen Ali seiner Familie vorstellen und nahm ihn auf eine Flugreise mit. Drei Tage nach dem Abflug aus Frankfurt kam ein Anruf aus Damaskus. Ali hätte den Flug nicht so gut überstanden, jetzt aber gehe es ihm gut und bei der Familie werde er bestens versorgt. Weiter sagte Yusuf nichts. Ich hörte nie mehr etwas von ihm und Ali. Alle Nachfragen bei der Botschaft und bei einer Firma, der Yusuf einen Besuch abstatten wollte, brachten nichts. Tja, was trieb mich zwei Jahre später zu meinem verwerflichen Tun. Ich nenne es eine Verzweiflungstat. In dem kleinen Jungen auf dem Spielplatz glaubte ich Ali zu erkennen, so wie ich ihn in Erinnerung hatte, obwohl eigentlich wenig äussere Ähnlichkeit bestand. Und doch war es Ali, mein Kind, ohne jeden Zweifel. Ich bedachte natürlich nicht, dass der Ali jetzt mindestens zwei Jahre älter als Peter sein musste." "Ihnen blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, Frau Nollekrey, Sie handelten aus einem Zwang heraus, in einer Situation, wo Unrechtsgefühl und minutiöse Überlegungen keinen Platz haben." "Ja, im Nachhinein nenne ich mein Tun, ohne mich rechtfertigen zu wollen, eine Kurzschlusshandlung." "Dieses abgedroschene Wort dürfte in Ihrem Fall zutreffen, wie ich meine. Der Junge kam auf Sie zu, sah in Ihnen so etwas wie - ja, wie die gute Fee, vor der sich niemand fürchten muss und die in seiner kindlichen Vorstellung absolutes Vertrauen ausströmte. Er sah sich vor der Waldkulisse für Augenblicke in seine Märchenwelt versetzt, in die er sich wahrscheinlich hin und wieder flüchtete. In diesem Zusammenhang wäre auch die Erscheinung des Rehs zu erklären. Vielleicht hatte Peter kurz zuvor im Heim eine unangenehme Erfahrung gemacht, bevor die Kinder auf den Spielplatz geschickt wurden. Schliesslich hat er sich Ihnen doch auch mit dem Attribut 'böse' vorgestellt. Stammte das Spielzeug aus Alis Schätzen, Frau Nollekrey?" "Ja, ich hatte drei Monate vor der Sache mit Peter meine neue Wohnung bezogen und einen grossen Teil von Alis Spielsachen mitgenommen -" "In der Hoffnung, dass er zurückkommt?" "Natürlich. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, eigentlich bis heute nicht. Wenige Tage nach Peters Rückkehr ins Heim wollte ich mich der Polizei stellen, konnte es aber nicht, hatte nicht den Mut dazu. Sollte Ali tatsächlich den Weg nach Deutschland zurück finden würde man ihm sagen: 'Deine Mutter sitzt im Gefängnis'. Sie würden ihn sofort ins Heim abschieben, wenn er ohne seinen Vater käme."

"Es ist gut, dass Sie sich mir anvertraut haben, Frau Nollekrey. Ihre Sache hat nun Gestalt angenommen und ist aus dem Nebelfeld der Ungewissheit herausgetreten. Ich selbst hatte zu Schulzeiten einen üblen Streich begangen, indem ich das Fahrrad des Deutschlehrers, von dem ich mich ungerecht behandelt fühlte, so präparierte, dass er an der nächsten Strassenecke stürzen musste. Zum Glück kam es nicht so weit, er bemerkte rechtzeitig den sehr amateurhaft ausgeführten Sabotageakt. Trotzdem liess der Rektor alle Schüler antreten und befragen. Sogar ein Kriminalist war aufgeboten worden. Ich hatte natürlich nicht die Traute mich zu melden. Erst nach Schulabschluss, es war am Wirtschaftsgymnasium, suchte ich den pensionierten, also von jeder Dienstpflicht entbundenen Pfarrer unserer Gemeinde auf, um ihm meine Freveltat zu beichten." "Hat er Ihnen die Absolution erteilt?" "Nicht direkt. Nach einer gesalzenen Moralpredigt sagte er aber: 'Schwamm drüber, Ferdi, mach's gut, ich werde mit dem Lehrer, der ja Mitglied unseres Kirchenvorstands ist, reden. Vielleicht kann ich ihn gnädig stimmen'. Da fühlte ich mich erleichtert, in der Tat fast wie von einer Sünde reingewaschen." "Hatten Sie daraufhin nochmals Kontakt mit dem Lehrer?" "Nein." "Aber Ihre Geschichte ist doch im Vergleich zu meiner harmlos verlaufen, eine Lappalie, wenn ich mal so sagen darf." "Gewiss, Frau Nollekrey, gewiss. Ich wollte Ihnen damit nur vor Augen führen, wie befreiend es sein kann mit einer Vertrauensperson über eine leidige Sache zu sprechen, die ich ein halbes Leben lang mit mir herumtrage und die mich immer wieder einholt. Der Lehrer hätte böse stürzen und sich ernsthaft verletzen können. Peter hätte die hohe Dosis Betäubungsmittel nicht unbeschadet überleben können. Sie sehen, im Grunde genommen gibt es da gewisse Parallelen." "Wie kamen Sie auf den Gemeindepfarrer, Herr Dotschmer?" "Mein Onkel war Küster und erklärte mir einmal ganz beiläufig, ich könnte mich getrost an den Pfarrer wenden, wenn ich einmal einen guten Rat brauchen sollte. Er würde allen Leuten, die sich in misslicher Lage befänden, gerne helfen." "Sehen Sie, Herr Dotschmer, ich habe es nicht so mit der Kirche und wollte deshalb dort nicht vorstellig werden, obwohl ich das einmal ernsthaft erwogen hatte." "Ich möchte nicht die Gretchenfrage stellen, Frau Nollekrey, aber sind Sie katholisch?" "Ach so, wegen der Beichte. Nein. Ich war einmal protestantisch, bin jetzt konfessionslos." "Verstehe. Fühlen Sie sich jetzt, nachdem Sie mir Ihre Geschichte so eindrucksvoll berichtet haben, etwas freier?" "Ja, ich glaube schon." "Haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt Ihren jetzigen Job als Disponentin aufzugeben -" "Ja, habe ich. Aber wo sollte ich etwas Geeignetes finden?" "Innerhalb unserer Glauber Chemie. Ich begehe jetzt eine krasse Indiskretion, wenn ich Ihnen eine demnächst frei werdende Stelle in der Buchhaltung unserer Vertragsfirma in der Kreuzstrasse empfehle." "Oh, das wäre gut. Da würde ich sofort zusagen, wenn es auch mit einem geringeren Gehalt verbunden wäre." "Ich werde in den nächsten Tagen mit dem Betriebsleiter Kontakt aufnehmen. Versprechen kann ich Ihnen nichts, aber ich werde alles versuchen um Ihnen zu helfen." "Würde mich wahnsinnig freuen, wenn das klappen sollte, Herr Dotschmer. Nun möchte ich mich verabschieden, nicht ohne meinen herzlichen Dank für Ihre Geduld und Ihre Anteilnahme an meinem Schicksal auszusprechen." "Ist doch gerne geschehen, Frau Nollekrey."

Ein paar Mal noch begegnet Dotschmer seiner 'Mandantin' in der Firma, wobei sich das Grüssen auf ein kurzes Kopfnicken beschränkt. Es vergehen vier Monate, bis Dotschmer erfährt, dass in der Kreuzstrasse eine mit den besten Empfehlungen ausgestattete und sehr tüchtige Buchhalterin ihre Arbeit aufgenommen habe.

 

Der junge Herr Bräsner

Es ist lange her, als Dotschmer der Frau Nollekrey zum letzen Mal begegnete. Vor seinem Haus stoppt ein Motorrad, eine schwere Maschine. Ein Mann steigt ab und klingelt. "Guten Tag, Herr Dotschmer" "Guten Tag, Herr ..." "Bräsner, Peter Bräsner." "Also, Herr Bräsner, was führt Sie zu mir? Falls Sie eine Berufsberatung wünschen, kann ich Ihnen nicht mehr dienen. Ich habe mich nämlich von meinen Geschäften zurückgezogen." "Ein Kumpel hat mir gesagt, Sie wüssten vielleicht etwas über die Frau, die meine Mutter für drei Tage war." "Ah, Moment, meinen Sie etwa die Frau Nollekrey, die Sie vor etwa fünfundzwanzig Jahren entführt und vor einer Fischerhütte ausgesetzt hatte?" "Ja genau. Ich würde die Frau gerne einmal kennenlernen. Möchte mich bei ihr bedanken, weil sie mich für drei Tage als Mensch leben liess. Kannte allerdings ihren Namen nicht. Nolle-" "Nollekrey- Ihr Wunsch ist verständlich, Herr Bräsner. Kommen Sie, ich führe Sie zu ihr, ist nicht weit von hier. Wir können die paar Minuten Fussweg dazu nutzen ein wenig zu plaudern. Im Übrigen, wer Ihr Kumpel auch immer sein mag, woher kennt er mich und meine Adresse?" "Keine Ahnung." "Na ja, ist auch egal. Hauptsache, Sie haben mich gefunden. Aber jetzt schildern Sie mal die Beziehung zu Ihrer Dreitagemutter."

Die beiden machen sich auf den Weg und Bräsner berichtet: "Soweit ich mich erinnern kann, brachte mich die Frau früh zu Bett. Als ich aufwachte befand ich mich in einem dunklen, wahrscheinlich fensterlosen Raum. Es war im Heim Nerida. Nach ein paar Tagen, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, wurde ich wieder der Herde zugeführt.

Wie ich später im Archiv der Tageszeitung herausfand, gab es damals folgende Kurzmeldung: 'Entlaufener Junge nach drei Tagen und Kurzaufenthalt in der St. Anna Klinik wieder im Heim.' Entlaufen - wie ein Hund, eine Katze. Jedenfalls stand da nichts von einer Entführung." "Wie erklärten Sie der Heimleiterin Ihre dreitägige Abwesenheit?" "Ich sagte etwas von einer Frau, die mich im Auto mitnahm und mich in ihrer Wohnung mit den schönsten Spielsachen und dem besten Essen verwöhnte. Ob die mir glaubten weiss ich nicht. Ob dann nach der Frau gefahndet wurde weiss ich auch nicht. Weiss nur noch, dass zwei Männer in so komischen grauen Mänteln im Heim auftauchten und im Beisein der Heimleiterin viele Fragen stellten, nach dem Aussehen der Frau, der Wohnung, der Umgebung. Aber die beiden Männer schienen mit meinen kindlichen Aussagen nichts anfangen zu können, wahrscheinlich besonders deshalb, weil ich sagte, die Frau sei die gute Fee aus dem Märchenbuch gewesen. Die Leiterin schwieg dazu." "Sonderbar", bemerkt Dotschmer und Bräsner fährt fort: "Nach etwa einem Jahr Heimaufenthalt adoptierte mich ein biederes, bisher kinderlos gebliebenes Fischerehepaar, eben die Bräsners. So wurde ich vom Pflegekind zum Adoptivkind." "Was wissen Sie über Ihre leiblichen Eltern, Herr Bräsner?" "Die gelten als verschollen. Ich erspare mir die Mühe in dieser Sache Nachforschungen anzustellen, was ja auch Kosten nach sich ziehen könnte. Die Leutscherts' interessieren mich auch gar nicht, habe sie sowieso kaum gekannt."

Da ist der Kirchhof bei der Antoniuskirche. Ein schlichtes Holzkreuz trägt die eingebrannte Inschrift: Lucia Nollekrey, 1948-1997. Aus einer Steckvase ragen drei feuerrote Lilien. "Sehen frisch aus, hat wahrscheinlich gestern jemand eingestellt", vermutet Dotschmer. Der junge Mann starrt stumm auf das Grab. "Ich fühle mich der Frau Nollekrey gegenüber verpflichtet, noch nach ihrem Tod", seufzt Dotschmer auf. "Wieso?" fragt Bräsner. "Fühlen Sie sich an ihrem Tod schuldig? Wie ist sie gestorben?" "Ja, in gewisser Weise fühle ich mich schuldig. Sie beging Selbstmord -" "Wie?" "Ja, so ist es. In unserem letzten Gespräch, das nun auch schon ein paar Jahre zurückliegt, machte sie gewisse Andeutungen, die ich nicht ernst nahm. Noch einmal traf ich sie drunten am Lehmgrubensee, zufällig. Sie wirkte etwas verwirrt und behauptete, eine Mitarbeiterin an ihrer neuen Arbeitsstelle habe sie entlarvt und wolle Meldung bei der Polizei machen. Ich versuchte sie mit der 'Verjährung' zu trösten, es half aber offensichtlich nichts. Sie klagte noch, dass alle ihre Nachforschungen nach dem Peter vergebens gewesen seien. Sie bildete sich ein, er sei nicht mehr am Leben. Zum Schluss unseres Gesprächs eröffnete sie mir, dass ihr Freund, ein Immobilienmakler, sie kürzlich verlassen hatte. Der müsste auch etwas über ihre 'Tat' erfahren haben." "Verdammt, Mann-o-Mann, oh nein, oh nein!" spricht Bräsner mit bebender Stimme und zitternden Händen. "Was haben Sie?" fragt Dotschmer erschrocken. "Bei einer Grillparty erzählte ich den Gästen stolz meine Geschichte, berichtete über drei Tage Aufenthalt bei einer jungen Frau in der Ulmenstrasse, dem Spielzeug, dem Auto -" "Aha, eine Frau Krantenmeier war wohl unter den Gästen?" "Ja, die Krantenmeiers sind gute Bekannte meiner Adoptiveltern. Die Frau redete ohne einmal abzusetzen dummes Zeug, der Mann flirtete heftig mit der Schwester meiner Adoptivmutter. Warum die Fischersleut dieses komische Gespann zu der Party eingeladen hatten bleibt mir bis heute ein Rätsel. Die Frau, die meiner Dreitagemutter gedroht haben soll, gehörte wahrscheinlich zum Plapperklub namens Frauenkreis St. Antonius der Frau Krantenmeier -" "Aber das sind blosse Vermutungen. Es könnte sich jemand die Situation der Frau Nollekrey, auch ohne sich mit Frau Krantenmeier abgesprochen zu haben, aufgrund von Zeitungsausschnitten undsoweiter zusammengereimt haben. Wohlgemerkt, mir fällt es aus verschiedenen Gründen schwer die Frau Krantenmeier nicht zu verdächtigen." "Was bringt das jetzt alles noch?" "Nichts. Ich möchte eine Zwischenfrage stellen." "Ja, nur zu." "Ich darf wohl annehmen, dass Ihre Adoptiveltern noch leben?" "Ja, die haben sich in eine tolle Hütte zurückgezogen, wo ich sie von Zeit zu Zeit besuche. Eben vor dieser Hütte, im Schatten von zwei alten Eichen, fand die Grillparty statt, mit Bratwurst und so." "Nochmals zu den Krantenmeiers. Sie sehen, ich kann es nicht lassen und spiele manchmal den Detektiv. Wussten die Krantenmeiers über die Entführung wirklich nicht schon vor der Party Bescheid?" "Nein, ich glaube nicht. Und wenn - Die haben ein gespaltenes Verhältnis zur Polizei-" "Wieso?" "Na ja, der Krantenmeier hatte nach einem selbst verursachten Unfall Fahrerflucht begangen. Offenbar wurde er deswegen nie belangt." "Was haben Sie eigentlich von der Adoption mitbekommen, Herr Bräsner?" "Die muss unauffällig über die Bühne gegangen sein. Da kamen zwei Leute, Mann und Frau, eben die Bräsners. Sie sagten sie seien ab nun meine Eltern. War mir nur recht. Ich glaube, das Heim war sehr froh, so einen Quertreiber und Aufsässigen wie mich endlich los zu sein." "Was machen sie jetzt, Herr Bräsner, haben Sie einen Beruf?" "Beruf, na ja. Ich arbeite in einer Möbelschreinerei. Da werden hauptsächlich Stilmöbel nach alten Vorlagen produziert. Geht mir nicht mal schlecht und ich komme einigermassen über die Runden. Mein einziger Luxus ist der Feuerstuhl, den ich einem Kumpel abgeluchst habe. Eine Zeit lang war ich drogenabhängig, konsumierte aber nicht viel. War dann im ambulanten Entzug." "Jetzt sind Sie clean, wie man heute sagt?" "Jaja."

Peter Bräsner hat keine Zeit für einen Drink. Er muss zurück in die Schreinerei. Am Abend wird er sich im Schwarzen Adler zum Umtrunk mit seinen Kumpel treffen. "Wissen Sie, Herr Dotschmer, heute ist mein Geburtstag, da muss ich eine Runde schmeissen." Dotschmer hat kaum Zeit zum Gratulieren, als sich sein Überraschungsbesuch auf sein Motorrad schwingt und davonrattert. Es tönt infernalisch in der ungewöhnlichen Stille des Spätnachmittags.

 

Nachlese

Ein paar Wochen nach Peter Bräsners abruptem Abschied besucht Dotschmer wieder den Friedhof Sankt Antoni, um an der Grabstätte der Eltern einen Mooskranz abzulegen. Eine ältere Frau mit Rollator nähert sich dem Nollekrey'schen Grab. Sie legt ein paar gelbe Rosen vor das Kreuz. "Schönen guten Tag, die Dame", spricht Dotschmer sie an, "Dotschmer mein Name -" "Angenehm, Elfriede Krantenmeier", grüsst die Frau zurück. "Kannten Sie die Frau Nollekrey, Frau Krantenmeier?" "Ja, ich kannte sie. Wir waren Nachbarn. Dem armen Ding hat man übel mitgespielt. Dann war die Sache mit dem entführten Kind -" "Ja, ich weiss", seufzt Dotschmer auf. "Wissen Sie, Herr Dotschmer, wir hatten kein besonders gutes Verhältnis zueinander. Den Grund dazu lieferte mein Mann. Ich möchte über den vor zwei Jahren Verstorbenen nichts Böses sagen, aber er machte der Luzi Nollekrey den Hof, wo und wann er nur konnte. Das mag alles ein Spiel ohne tiefere Bedeutung gewesen sein, aber ich war schrecklich eifersüchtig." "Sie wussten über die Entführung des kleinen Jungen Bescheid?" "Nein, nicht direkt, aber ich ahnte etwas. Nur konnte ich nichts melden, weder bei der Polizei noch sonstwo." "Warum?" "Zumindest bei der Polizei wäre womöglich der von meinem Mann verschuldete und nicht gemeldete Unfall publik geworden. Der Eugen hätte mir dann wahrscheinlich mein Geld aus der Erbmasse der Baustoffhandlung meiner Schwiegereltern vorenthalten. Ich habe übrigens das Begräbnis der Luzi organisiert. War nicht einfach, denn sie gehörte keiner Kirche an. Doch sagen Sie, Herr Dotschmer, woher kennen Sie die Frau Nollekrey?" "Wir arbeiteten in der gleichen Firma -" "Glauber Chemie?" "Ja. Wohnen Sie noch in der alten Wohnung?" "Nein. Nach dem Tod meines Mannes bin ich ins Antonistift eingezogen. Dort habe ich es gut." "Freut mich für Sie, Frau Krantenmeier. Ich wünsche Ihnen alles Gute." "Ihnen auch alles Gute, Herr Dotschmer, war schön mit Ihnen zu sprechen."

Dotschmer sucht ein Aufnahmelager für syrische Flüchtlinge auf. Ein Mann namens Ali behauptet in Deutschland geboren zu sein. Er hätte in Aleppo bei der Familie des Onkels gelebt, Yusuf, der Vater, sei bei Rebellenkämpfen ums Leben gekommen.

E n d e

 

Anmerkung. Die im vorliegenden Text erwähnten Personen sind frei erfunden. Eventuelle Parallelen der Namengebung sind rein zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

© 2014

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.05.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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