Hans Fritz

Hinter den Höfen

Eine fast märchenhafte Vorgeschichte

Harald Pfertinger, chancenreicher Beamter beim Wasserwirtschaftsamt, besucht das Reisebüro im Kaufhaus. Er möchte eine Reise nach Mexiko buchen, genau gesagt nach Acapulco. "Ja, Mexiko, da möchte ich auch mal hin. Wenn es dort wirklich so schön ist, wie in unseren Katalogen angekündigt", meint die Dame hinter der Theke, laut Ansteckschildchen Frau G. Trabmüller. "Ist es, ganz bestimmt. Kommen Sie doch einfach mit", fällt Harald mit der Tür ins Haus. Verlegen öffnet Frau Trabmüller den Mexiko-Katalog und füllt ein Formular aus, begibt sich dann zu einem Schreibtisch im Hintergrund. Minuten später eilt sie zur Theke zurück. "So, hier sind Ihre Reisedokumente, Herr Pfertinger. Prüfen Sie alles genau nach. Wünsche eine gute Reise!"

Zurück in P., Harald hat noch zwei Tage Urlaub, gilt sein erster Gang in die Stadt dem Reisebüro. Da Frau Trabmüller gerade eine Dame berät, lässt er sich in einen Sessel vorm runden Kundentisch fallen und blättert in den aufgelegten Prospekten. "Ah, Herr Pfertinger, hat Ihnen Acapulco nicht gefallen, da Sie so eifrig nach neuen Reisezielen suchen?" ruft ihm Frau Trabmüller zu, als sich die Kundin verabschiedet hat. "Doch doch, war sehr schön, möchte mich aber schon fürs nächste Mal informieren." "Gern, schauen Sie sich in aller Ruhe unsere Angebote an. Die Kataloge sind dort drüben im Regal."

Harald erhebt sich und bleibt vor einem Poster stehen. Alaska. Das wäre doch etwas fürs nächste Jahr. Frau Trabmüller fragt: "Haben Sie noch eine Frage, Herr Pfertinger?" "Nein, ich wollte mich nur noch mal bedanken." "Es freut mich immer wieder, wenn unsere Kunden zufrieden sind." "Frau Trabmüller, darf ich Sie für heute Abend ins Alte Palais einladen, da könnte ich Ihnen ausführlich über meinen Urlaub in Mexiko berichten. So ganz nebenbei könnten wir etwas essen." "Ach, ich weiss nicht, heute ist Donnerstag, da geht es schlecht, vielleicht morgen -" "Morgen Abend wäre auch gut. Würde mich freuen. Sagen wir um acht Uhr?" "Ja, das sollte ich schaffen." "Gut, abgemacht" "Abgemacht. Bis Morgen."

So nehmen die Dinge ihren Lauf. Aus der Bekanntschaft wird mehr und bald sind Harald und Gerda ein Paar.

 

Der Fund

"Sag mal Harald, wozu steht eigentlich dieser komische Behälter aus Zink hier herum? Kann die Schaufel, die jetzt drin liegt, nicht anderswo aufbewahrt werden?" möchte Gerda von Harald wissen, als sie den Keller während der Vorbereitungen zum Umzug ins neue Domizil entrümpeln. "In der Truhe waren einmal Bilder -" "Wie, Bilder?" "Ja die Werke eines hiesigen Malers." "Und wie kamst du dazu?" "Das ist eine lange Geschichte, die ich dir später, wenn Günter zur Schule gegangen ist, gerne am Gartentisch erzähle. Wir müssen ja auch mal das Packen und Räumen unterbrechen und eine Pause einlegen."

Und Harald erzählt.

"Sechzehn Jahre sind seit dem Kriegsende verflossen. Ich mache meinen abendlichen Rundgang durch den Park, den Terrier an der Leine. Vor dem Dietrich-Eckart-Berg - so hiess der Hügel während des 'Dritten Reichs', vorher und nachher blieb er namenlos - sind ein Bagger und ein Arbeitswagen vorgefahren. Ich weiss von Nachbarn, dass der 1943 in den Hügel vorgetriebene und ausbetonierte Bunker nun mit Erde aufgefüllt werden soll." "Ein künstlich aufgeschichteter Hügel?" fragt Gerda. "Ja. 1896 wurde drüben im Park der grosse Ententeich angelegt, die abgetragenen Erdmassen zu jenem Hügel aufgeschüttet, der mit einheimischen Buchen, zum Teil aber auch exotischen Bäumen bepflanzt wurde.

Auf der Suche nach günstigen Orten für Bunkeranlagen beschlossen die wenigen in P. verbliebenen Stadtoberen jenen Hügel zu unterhöhlen, eine Idee, die wenig Anklang bei der vom Krieg gebeutelten Bevölkerung fand. Auch als die Bombenangriffe an Zahl und Intensität zunahmen, fand nur eine Handvoll Personen aus den benachbarten Wohnhäusern den Weg in den Bunker, der ausreichenden Schutz vor Luftangriffen bieten sollte, im Ernstfall, das heisst bei einem Direkttreffer, sich aber als ziemlich nutzlos erweisen würde, wie Fachleute zu bedenken gaben. Etwa dreissig Meter vom Bunker entfernt, drunten an der Strasse, schlug eine Mine ein. Es gab einen Riesentrichter, aber der Bunker blieb Gott sei Dank intakt -" "Und wie geht es weiter? Wie kamen die Bilder in den Bunker?" möchte Gerda wissen.

"Ein Amateurmaler namens Niklas Letberger, so wird berichtet, hat damals seine mit viel Hingabe geschaffenen Bilder in eine Zinktruhe gepackt und bei Nacht und Nebel in den Bunker geschafft. Der Mann befürchtete wahrscheinlich, seine Werke könnten unter den Begriff Entartete Kunst fallen. Es waren tatsächlich Bilder, die im Schatten einer wahnsinnsträchtigen Ideologie der Nationalsozialisten in die nämliche Kategorie hätten eingeordnet werden können. Die Beschlagnahmung der Bilder und eine unter massiven Drohungen ausgesprochene Ermahnung, oder gar Festnahme des Künstlers wären dann die Folge gewesen.

Bald nachdem der Maler seine Bilder auf eine so originelle Weise versteckt hatte, wurde er, der wegen seiner führenden Position in einer Metallwarenfabrik zunächst als unabkömmlich eingestuft worden war, zur Wehrmacht eingezogen. Er kam an die Ostfront. Seit Kriegsende gilt er als vermisst.

Mittwochs abends trafen wir fünf Nachbarn uns beim Stammtisch in Biedermanns Klause, im ehemaligen Luftschutzkeller. Wieder einmal drehte sich das Gespräch um den Maler und seine Bilder. 'Ist doch alles nur ein Gerücht', meinte ein Nachbar, 'was schert uns das. Es handelt sich ja sicherlich nicht um herausragende Werke eines grossen Meisters.' Die anderen nickten beiläufig. Ich aber wünschte der Sache auf den Grund zu gehen und konnte mir beim nächsten Treffen Gehör verschaffen, als ich sagte: 'Wenn da aber tatsächlich eine Truhe herumsteht, sind vielleicht gar keine Bilder drin -' 'Vielleicht Geld, alte Reichsmark?' 'Wir sollten jedenfalls mal nachschauen'. 'Ja, wenn du meinst'. 'Da schlich vor ein paar Wochen ein Mann im Regenmantel vorm Bunker herum, obwohl es sehr warm und trocken war an diesem Tag. Er machte ein Foto und ging wieder. Heiner, der kleine Sohn der Frau Brandner, hat es beobachtet und die hat es mir erzählt.'

Schon am nächsten Tag, spätabends, schritt ich zur Tat. Ich brach die fest klemmende, stark angerostete Tür zum Bunker auf, wobei mir zwei Nachbarn mit Brecheisen und Zangen aus dem Inventar einer alten Schlosserei zur Hand gingen. Schon viele sollen zuvor versucht haben in den Bunker einzubrechen, doch es war jedesmal misslungen, wobei das meist am Gebrauch ungeeigneten Werkzeugs gelegen haben mag. Es war der Vorteil des verschlossenen Bunkers, dass darin keine Abfälle deponiert wurden und dass er unverschissen blieb.

Meine Begleiter schoben vorm Eingang Wache. Mit dem Schein meiner Taschenlampe tastete ich Boden, Wände und Decke des Bunkers ab. Der Boden war lehmig, feucht, die Decke an manchen Stellen rissig. Die Wände des etwa drei Meter hohen Gewölbes trugen so etwas wie eine ockerfarbene Tünche, die an manchen Stellen sonderbare grüne Rauten aufwies. Etwa zehn Meter hinter dem Zugang stand tatsächlich eine etwa anderthalb Meter hohe, ebenso lange und einen dreiviertel Meter breite Truhe aus Zink - eben unsere Truhe." "Günter hat das Ding einmal ausgemessen, er wollte den Rauminhalt berechnen", sagt Gerda. "Der schwere Deckel war leicht nach oben gewölbt", erklärt Harald weiter. "Im Ganzen glich die Truhe einem Müllcontainer, wie sie heute üblich sind. Die Truhe hatte der Maler vielleicht in der Fabrik, in der er arbeitete, hergestellt bekommen, denn ein solches Behältnis war damals nur schwer aufzutreiben. Vielleicht hatte eine alte Zinkwanne, so eine Volksbadewanne, die noch an Lager war, das Ausgangsmaterial geliefert.

Die Truhe war unverschlossen. Ein Schloss aus Messing mit einem kleinen Schlüssel lag auf dem Deckel - " "Wo ist das Schloss jetzt?" fragt Gerda. "Das habe ich einem Altmetallsammler mitgegeben. Die Truhe habe ich behalten. Ich dachte, sie könne einmal einem guten Zweck dienen. Vorsichtig öffnete ich das Ding und klappte den Deckel gegen die Bunkerwand. Ich konnte im Schein der Taschenlampe fünf ungerahmte Bilder erkennen, die zwischen graue Pappebögen eingestellt waren. Vielleicht hatte vor mir jemand, das könnte in den letzten Kriegstagen gewesen sein, die Truhe geöffnet und einen Schatz darin vermutet, beim Anblick der Bilder aber enttäuscht den Deckel wieder nach unten gedrückt, wobei Schloss und Schlüssel unbeachtet blieben.

Ein Nachbar und ich schleppten die Truhe über die Strasse in den Keller." "Das war aber von Gesetzes wegen ein Einbruch und ein Diebstahl", meint Gerda. "Ach was. Der Nachbar, der mich bei der Aktion tatkräftig unterstützt hatte, arbeitete beim Tiefbauamt und versprach die Sache auf seine Kappe zu nehmen, falls es da ein behördliches Nachspiel geben sollte." "Nun ja, nehmen wir an, dass alles mit rechten Dingen zuging." "Ging es auch, kein Mensch hat sich jemals für eine Zinktruhe im zugeschütteten Bunker interessiert." "Was geschah mit den Bildern, Harald?"

"Ein Bild schien erstaunlich gut erhalten und zeigte nur wenige Schäden, soweit ich das beurteilen konnte. Die übrigen vier Bilder waren mit Sporenflecken übersät. Das gut erhaltene Bild war in der unteren rechten Ecke mit NL 1943 signiert. Es waren Linien zu erkennen, Bögen, die wohl Flachbauten überspannen sollten. Ein leicht durchhängender Steg schien eine Terrasse mit dem Eingang zu einem Gebäude zu verbinden. Im Hintergrund waren kleine, wie durcheinandergewürfelte Häuser mit spitzen Dächern zu erkennen. Die Terrasse war gross, im Verhältnis zu den Gebäuden fast überdimensional angelegt. Ein paar Figuren, den Körper nach vorne geneigt, standen auf den durch feine Linien angedeuteten Platten. Alles war in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau gehalten, die jedoch ziemlich ausgebleicht waren. Einige Konturen sind schwarze Linien, wie nachträglich mit einem Kohlestift gezeichnet." "Das ist ja höchst interessant. Trotzdem meine ich, du solltest erst heute Abend weiter erzählen." "Ja Gerda, du hast Recht, wir müssen ja noch etwas tun."

 

Gutachten

Und so setzt Harald seine Geschichte fort.

"Ich informierte das Städtische Museum über meinen Fund. Die Gemäldeabteilung des Museums hat sich, nach ihrer Wiedereröffnung in einem ewigen Provisorium, auf moderne Kunst spezialisiert und so glaubte ich mich mit meinem Fund an die richtige Adresse gewandt zu haben.

Ein Sachverständiger nahm sich die Bilder vor, um sie zu begutachten. 'Das gut erhaltene Gemälde könnte man versuchen zu restaurieren', meinte er, den Kopf hin her wiegend. 'Aber wir sind mit solchen Arbeiten auf Jahre hinaus ausgebucht und können da leider nichts machen. Was den Kunststil betrifft, so hat jemand, ich vermute Maler Letberger, sachkundig den Anschluss an den Kubismus angestrebt, was auch auf die übrigen Bilder zutreffen mag. Gilt der Kubismus als revolutionäre Neuerung der Kunst des 20. Jahrhunderts, so hat Letberger versucht dieser Neuerung mit seinem 'Postkubismus' einen besonderen, persönlichen Ausdruck zu verleihen.' So etwa lautete das Blitzgutachten. Enttäuscht packte ich die Bilder wieder ein und nahm sie mit nach Hause, wo ich sie wieder in die Truhe steckte.

Immerhin berichtete wenige Tage nach meinem Museumsbesuch die Kulturbeilage der Tageszeitung kurz und bündig über den Bilderfund. Die Glossenschreiberin vermerkte in einer Fussnote, vielleicht kenne jemand Angehörige oder Freunde des als verschollen geltenden Malers Niklas Letberger, die sich gegebenenfalls der Bilder annehmen könnten.

Zwei Wochen später erhalte ich einen Brief aus Hamburg mit dem Absender Alice Letberger -" "Wie, Alice Letberger?" "Ja, richtig, Alice Letberger. Das Schreiben war an die Zeitungsredaktion gesandt worden, die es an meine Adresse weiterleitete." "Was stand in dem Brief?" "Etwa dies: 'Eine Bekannte schickte mir den Abschnitt der Zeitungsbeilage über den Bilderfund in P. Ich bin Niklas Letbergers Nichte und würde gerne die Bilder übernehmen, selbstverständlich für die Versandkosten aufkommen'. Ich schreibe in meiner Antwort: 'Ich komme gerne nach Hamburg um Ihnen die Bilder persönlich zu überreichen.' Ich wollte doch schon immer mal nach Hamburg. Könnte bei der Gelegenheit die Seidelbroks in Lübeck aufsuchen, alte Bekannte unserer Familie. Nun bot sich eine gute Gelegenheit." "Du suchtest also in Hamburg Alice Letberger auf?" "Ja, warum?" "Ach, ich meine nur -"

"In Hamburg fand ich nach mehrmaligem Fragen - mein Stadtplan war nicht sehr ergiebig - Frau Letbergers Adresse. Ich hatte mich nicht einmal telefonisch angekündigt und stand plötzlich als Überraschungsgast vor der Tür. Alice, ich meine Frau Letberger, öffnete nach meinem dritten Klingeln - " "Soso -" "Nun, sie öffnete und ich stellte mich als der Bilderentdecker vor. 'Das ist aber lieb von Ihnen, Herr Pfertinger, dass Sie mir die Bilder persönlich vorbeibringen', sagte die Frau. 'Ach, mache ich doch gerne, wenn ich schon einmal in Hamburg bin.' Alice begutachtete die Bilder mit Kennerblick und meinte: 'Nun, das gut erhaltene Bild kann ich restaurieren, die anderen vier wohl nicht. Doch werde ich die Sache mit Fachleuten besprechen. Der Freund meiner Stiefschwester ist Chemielaborant und weiss vielleicht einen Rat. Wenn nichts getan werden kann, dienen mir die Bilder - soweit darauf etwas zu erkennen ist - als Vorlage für eigene Werke. Übermorgen ist eine Vernissage, bis dahin könnte ich die Restaurierung hinbekommen. Sie sind natürlich herzlich zur Vernissage eingeladen'. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch ich sagte zu, nachdem mir Alice eine Eintrittskarte überreicht hatte. 'Ja, ich werde kommen. Übermorgen ist gut. Da kann ich morgen eine bekannte Familie in Lübeck mit einem Besuch überraschen -' 'Sie lieben wohl Überraschungsbesuche?' 'Ja. Aber so ganz überraschend wird der Besuch vielleicht gar nicht. Ich habe mich für diese Woche angekündigt -' 'Aha. Sehen Sie, Herr Pfertinger, diese gute Stube hier ist mein Atelier. Ich bin eine Amateurmalerin, hauptberuflich Justizangestellte.' Ich verstehe, wie du weisst, Gerda, nicht viel von Malerei, lobte aber Alices begnadete künstlerische Hand." "Mein Gott!" "Da gab es eine richtige Staffelei mit aufgespanntem Leinen, eine Palette mit hundert Farben. Ein Sortiment diverser Pinsel stand in einer Art Köcher bereit. Alice lud mich zu einem Kaffee ein und ich sagte nicht nein -" "Natürlich nicht, so fängt es immer an -" glaubt Gerda zu wissen. "So fing es an und so hat es auch bald aufgehört, denn ich hatte mich schon nach einer guten Stunde verabschiedet."

 

Die Vernissage

"Alice hat in Tag- und Nachtarbeit die Restaurierung geschafft und kann das Bild, in einen schönen kastanienbraunen Rahmen gespannt, neben fünf eigenen Werken ausstellen." "Hatte das Bild einen Titel?" fragt Gerda. "Ja. Hinter den Höfen". "Komischer Titel". "War eben Abstrakte Malerei der Moderne, die die Phantasie des Betrachters herausfordert. Für den, der sie zu deuten weiss, sind es Bilder aus dem Alltag einer mittelgrossen Stadt, Wesentliches mit wenigen Pinsel- oder Kreidestrichen angedeutet. Einige Bewerber für die Vernissage, die mit ihrer Mühle am Bach oder dem Röhrenden Hirsch aufwarten wollten, wurden höflich aber bestimmt an den Trödelmarkt verwiesen. Nach langem Überlegen hat Alice eines der beschädigten Bilder in einer Ecke ein wenig abseits des Geschehens aufgestellt, um Interessenten zu zeigen, wie sich ein nicht mehr zu restaurierendes Bild darstellt." "Das finde ich sehr sonderbar", sagt Gerda.

"Ausser Alice stellten noch zwei andere Malerinnen und ein Maler ihre Werke im so genannten Gesellschaftsraum eines Caféhauses aus.

Ein älterer Herr im grauen Regenmantel verweilt lange vor Niklas Letbergers wiederhergestelltem Bild. 'Gefällt es Ihnen?' fragt Alice. 'Ja ja, sehr gut - Die Restaurierung ist Ihnen, Frau Letberger, meisterhaft gelungen, soweit ich das beurteilen kann.' 'Ich habe getan, was ich konnte. Andere Bilder des Malers, meines verschollenen Onkels aus P., die hier nicht offiziell gezeigt werden können, weil sie zu sehr beschädigt sind, dienen mir als Skizzen für eigene Werke. Restaurieren kann ich sie nicht und wohl auch sonst niemand.' 'Haben ja Fachleute einer Gemäldegalerie praktisch abgelehnt -', mische ich mich ein, als ich hinzukomme. 'Kann ich mir denken', meint der Mann im Regenmantel. 'Im Übrigen glaube ich das Objekt auf diesem wiederhergestellten Bild zu kennen. Schliesslich ist mir die Stadt P. keine Unbekannte. Mein Name ist übrigens Karl Worxfelder, Immobilienhändler. Das ist doch die Terrasse über der Schlosserei. Da gibt es keinen Zweifel. Allerdings standen dort ein paar Blumenkübel herum, die aber hier auf dem Gemälde nicht berücksichtigt worden sind. In den Kübeln wuchsen Oleander und Zwergorangen, soweit ich das aus der Distanz erkennen konnte. Die Häuser im Hintergrund, sozusagen hinter den Höfen, waren etwas höher. Aber trotz allem, es ist der Ort, der mich so faszinierte. Was mich ein wenig irritiert, sind die Figuren auf der Terrasse. Aber es stimmt, dort standen, wahrscheinlich während einer Arbeitspause, immer ein paar Leute herum. Waren wohl Beschäftigte der Schlosserei. Plötzlich waren sie nicht mehr erschienen. Wahrscheinlich war der Aufenthalt dort oben zu riskant geworden, oder sie waren zur Wehrmacht eingezogen worden. Ja, die Schlosserei war dann nur noch der Einmannbetrieb des alten Meisters. Kleinreparaturen und das Nachprägen von Schlüsseln hielten den trotz seines hohen Alters noch rüstigen Mann auf Trab und über einen Mangel an Aufträgen konnte er nicht klagen. Ihm soll auch 1944 ein Kriegsgefangener, ich glaube ein Russe, zugewiesen worden sein, doch der war plötzlich weg.' 'Welchem Hinweis auf die Vernissage sind Sie nachgegangen?' fragt Alice. 'Die Vernissage war im Veranstaltungskalender einer Zeitung aufgeführt. Ich las den Namen Letberger und schon lag der Verdacht nahe, dass es sich um den Maler aus P. handeln könnte. Da konnte ich nicht anders, obwohl eine Reise nach München anstand. Die hole ich übermorgen nach. Ich kannte den Niklas Letberger aus meiner Zeit in P. nicht persönlich, nur vom Hörensagen. Meine Zimmerwirtin vertraute mir an, dass er jede freie Minute zum Zeichnen und Malen nutze. Anfangs hätte er ein paar Werke ausgestellt, aber keines verkauft. Wer hatte auch damals Interesse am Ankauf von Bildern. Ich ging dann aus P. weg, wurde auf eigenen Wunsch eingezogen, kam an die Westfront. Nach meiner Gefangenschaft in England ging ich für ein halbes Jahr zurück nach P., konnte mich aber nicht zurechtfinden. Meine frühere Zimmerwirtin erklärte mir, dass der Maler Letberger als vermisst gemeldet wurde. Ich zog zu meiner Schwester nach Westberlin, heiratete dort eine Freundin meiner Schwester. Dann ging ich als Journalist nach Hamburg. Jetzt biete ich solventen Leuten Häuser und Wohnungen zum Kauf an. Wenn Sie einmal etwas brauchen - Würden Sie mir das Bild Ihres Onkels verkaufen, Frau Letberger?' 'Eigentlich ist es unverkäuflich'. 'Ah ja, es trägt ja auch kein Preisschild.' 'Da Sie aber, Herr Worxfelder, eine so plastische Erinnerung an die Werke meines Onkels haben, werde ich es Ihnen gerne überlassen -' 'Das wäre wahnsinnig nett. Nennen Sie mir einen Preis -' 'Bestimmen Sie selbst -' 'Wären dreihundert Mark in Ordnung?' 'Ja, das wäre viel Geld -' 'Gut. Ich schreibe Ihnen einen Scheck - So bleibt mir die Erinnerung an die alte Wahlheimat und einen guten, wenn auch persönlich nie gekannten Freund allgegenwärtig. Doch nun endlich zu Ihren ureigenen Gemälden, Frau Letberger. Einfach genial, sehr instruktiv -' 'Ach, Herr Worxfelder, Sie sind ein Schmeichler.'

Ich hatte mich für eine halbe Stunde verabschiedet, unter dem Vorwand, ich müsse etwas sehr Dringendes erledigen. Was, hat Alice nicht erfahren, wäre für sie ja sicher ohne Bedeutung gewesen. Zwischen Tür und Angel bekam ich noch folgendes mit. 'Ist Ihr Begleiter auch Maler, Frau Letberger?' 'Nein, nein. Er ist der Entdecker der Bilder.' 'Da muss ich mich bei ihm noch besonders bedanken.' 'Er wird bald wieder hier sein.'

Doch ich kam nicht wieder. Ich fühlte mich in einer solchen Atmosphäre von Kunstsachverständigen unwohl. Das ist nicht meine Welt. Ich glaubte, mit dem Bildertransport von P. nach Hamburg meinen Auftrag erfüllt zu haben und wollte am folgenden Tag schon nach Lübeck weiterreisen. Da blieb mir in Hamburg gerade noch Zeit für eine abendliche Hafenrundfahrt.

Auf meiner Fahrt nach Lübeck verliess ich schon in Bad Oldesloe den Zug. Einfach davonlaufen. Nein, hätte ich nicht tun dürfen. Ich nehme in einer Pension ein Zimmer für eine Nacht.

Am folgenden Morgen fahre ich wieder nach Hamburg zurück, um bei Alice für mein Verhalten um Nachsicht zu bitten. Alice ist nicht zu Hause. Ein Nachbar erklärt, Frau Letberger gönne sich ein paar Tage der Ruhe und Entspannung auf Sylt. Sie habe aber keine Adresse hinterlassen. Zum Glück habe ich mich für zwei Wochen beurlauben lassen, sodass eine Reise zur Ferieninsel durchaus noch drin ist. Die Fahrt nach Lübeck hat Zeit bis später einmal.

 

Sylt

Jemanden auf der Insel Sylt aufspüren war schon damals nicht einfach, auch nicht unter dem seltenen Namen Letberger. Da aber weiss eine Dame in der Kurverwaltung etwas von einer, wie sie sagt, namenlosen Malerin in einem Appartement in Wenningstedt. Also fahre ich mit der Inselbahn dorthin.

Ich gehe zum Kliff und stosse im Dünensand auf eine grosse schwarze Tasche neben einer umgestürzten Staffelei. Wahrscheinlich war kurz zuvor der Wind kräftig aufgefrischt, ein fast tägliches Ereignis hier auf der Insel. Ich bin mit dem Aufrichten der Staffelei beschäftigt, als Alice herbeieilt. 'Ah, Herr Pfertinger, verfolgen Sie mich? Habe mir nur etwas zum Trinken geholt. Wie haben sie mich gefunden?' 'Über die Kurverwaltung'. 'Ja so. Ich nehme Ihnen das plötzliche Verlassen der Vernissage nicht übel, falls Sie gekommen sind, um sich zu entschuldigen -" "Und ich dachte schon -" "Ich dachte, das hätte etwas mit dem Herrn Worxfelder zu tun gehabt. Wissen Sie, er war in P. so etwas wie ein 'hohes Tier' bei der NSDAP, jedenfalls ein rühriger Parteigenosse. Das hat er mir beim Apéro nach der Vernissage anvertraut, als er ein wenig angesäuselt war. Ich dachte Sie hätten ihn vielleicht erkannt, gerade solche Leute, die den Krieg im Jugendalter miterlebt hatten, erinnern sich manchmal nach Jahrzehnten gut an damalige Respektspersonen, die den Leuten Furcht einflössten." "Jetzt, wo Sie es sagen - Er kam mir irgendwie bekannt vor. Könnte im Übrigen der Mann im Regenmantel gewesen sein, der sich in P. so sehr für den Bunker interessiert hatte. Aber das hat nichts mit meinem plötzlichen Aufbruch zu tun, wofür ich bei Ihnen nochmals um Nachsicht bitten möchte." "Ich entschuldige Sie gerne. Gehen wir doch rüber ins Café." Alice packt ihre Utensilien zusammen. Ich trage die Tasche. Jetzt, am frühen Nachmittag sind nicht so viele Gäste da und wir bekommen einen Tisch, der über eine kleine Tiffanylampe hinweg einen wundervollen Blick aufs Meer erlaubt.

Ich knüpfe an unser Gespräch über den Bilderkäufer an. "Um nochmals auf den Herrn Worxfelder zu kommen. Müsste ein ehemaliger NSDAP-Mann nicht noch heute eine während des Kriegs geschaffene moderne Kunst mit Verachtung strafen, darauf ideologisch geprägt worden sein, möchte ich mal sagen? Sein Auftritt bei der Vernissage, soweit ich den miterlebt habe, machte auf mich den Eindruck von purer Heuchelei." "Nein, ich glaube nicht", meint Alice. "Ich schätze, dass ihn das Gemälde ehrlich ansprach, er ist ja auch fast akribisch auf Details eingegangen. Er musste sich damals einer strengen Linientreue unterwerfen und hätte die Bilder wahrscheinlich beschlagnahmen müssen, wenn er ihrer habhaft geworden wäre." "Vielleicht hatte er bei einem Besuch in P. als der 'Mann im Regenmantel' versucht, an die Bilder heranzukommen und dachte, sie seien aufs Neue im Bunker versteckt. Was er damit hätte anfangen wollen, bleibt dahingestellt. Dass die Bilder bei mir zu Hause gelagert waren, konnte er ja nicht wissen. Der Mann könnte also kurz nachdem die Glosse in der Zeitschrift erschienen war, beim Bunker aufgetaucht sein.' 'So war es wahrscheinlich'. 'Sagen Sie, Frau Letberger, der Herr Worxfelder hat doch mit einem Scheck gezahlt -' 'Ja. Jetzt kommt Ihre Frage, ob der Scheck gedeckt war -' 'War er?' 'Nein. Ich bemerkte es zwei Wochen nach der Vernissage am Bankschalter. Aber Worxfelder hat mir nach weiteren zwei Wochen das Geld per Postanweisung zugestellt. Als Sie der Vernissage schon den Rücken gekehrt hatten, Herr Pfertinger, und sich auch Herr Worxfelder verabschiedet hatte, glaubte ein junger Mann, der sich als Kunststudent ausgab, auf dem lädierten Bild, das ich als Beispiel eines irreparablen Gemäldeschadens ausgestellt hatte, Ansätze mathematischer Formeln mit Integralen und seltsame geometrische Figuren entdeckt zu haben. Ich mass dem keine Bedeutung bei.'

Wir hatten gerade unsere Kuchenteller und Tassen geleert, als ich Alice spontan ansprach: "Alice, ich glaube, ich habe mich in Sie verliebt." "Oh Gott -" unterbricht Gerda. "Machen Sie sich da mal keine Hoffnungen', sprach Alice. 'Nach einer schrecklichen Enttäuschung möchte ich keine neue Bindung eingehen. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse -' 'Nein, nein', log ich. Alice schaute auf die Wanduhr, dann auf ihre Armbanduhr, als traue sie der Uhr im Café nicht, musste plötzlich aufbrechen, um ihre Freundin drüben an der Station der Inselbahn abzuholen. Ich bot an mitzukommen, aber sie meinte, es sei für mich schrecklich langweilig, sie wolle mit der Freundin ausführlich plaudern. Auf meine Frage, wie sie von der Station weggkämen, sagte Alice: "Zu Fuss. Ich werde vorsichtshalber einen Fahrradanhänger fürs Gepäck mitnehmen." Ich begleitete Alice zur Station und verabschiedete mich zu einem Strandlauf. Wir sprachen nicht über ein Wiedersehen. Es verstrichen gerade mal drei Minuten, ich hatte mich gut fünfzig Schritte von der Inselbahnstation entfernt, als ein paar Leute dem eingefahrenen Bähnle entstiegen. Alice eilte auf eine elegant gekleidete Dame zu und die beiden umarmten sich stürmisch. 'Die haben sich wahrscheinlich Monate lang nicht gesehen, da gibt es wirklich viel zu erzählen', dachte ich. Ich blieb noch zwei Tage auf Sylt, fuhr dann nach P. zurück, ohne Alice noch einmal begegnet zu sein.

Wieder zu Hause ging das Leben im alten Trott weiter. Ich machte einer Büroangestellten den Hof, in der Hoffnung durch einen heftigen Flirt die Erinnerung an Alice allmählich zu verdrängen. Als sich die Kollegen wegen meiner tolpatschigen Anmache über mich lustig machten und die Angebetete mit einem Installateur, der eine Leitung verlegte, so herumalberte, dass es dem Mann sichtlich peinlich wurde, war die Sache für mich gelaufen. Dann buchte ich die Reise nach Mexiko. Den Rest kennst du ja zur Genüge." "Da ist man so lange verheiratet und erfährt erst dann Wesentliches über das Leben des Ehepartners." "Gerda, du scheinst Alice gut zu kennen?" "Ja." "Hast du in letzter Zeit etwas von ihr gehört?" "Alice ist vor einem Jahr gestorben, an Krebs. Sie hatte auf Sylt Spezialbäder und Massagen bekommen, aber das hat natürlich beim bereits fortgeschritten Stadium ihres Leidens überhaupt nichts genutzt." "Mein Gott, das ist ja furchtbar". "Ich habe es von einer Nachbarin Alices erfahren, die mich aus Hamburg anrief. Weisst du übrigens, wer die elegante Dame war, die Alice an der Inselbahnstation so stürmisch begrüsst hatte?" "Nein, wollte ich auch gar nicht wissen." "Aber jetzt wirst, ja musst du es erfahren. Ich war es -" "Nein -" "Ich musste mich wieder einmal vor Ort umschauen, ob das von unserer Branche so hochgelobte Urlaubsparadies - es muss ja nicht immer Mexiko sein - noch den Erwartungen entsprach, die Betuchte wie Unbetuchte hegen. Auch die Angestellte eines Reisebüros darf ein wenig Eleganz zur Schau tragen, wie ich meine." "Könnte dir heute auch nicht schaden." "Na also!" "Woher kanntest du Alice?" "Ich hatte Alice hier in P. kennengelernt, es muss kurz vor deiner Mexikoreise gewesen sein, in der Caféteria der Gemäldesammlung unsres Städtischen Museums. Ich wollte mich dort eigentlich mit einer Bekannten aus England treffen, einer Kunsthistorikerin und Reiseleiterin, die aber, wie sie mir per Nachricht an die Museumsleitung mitteilte, aus zwingenden familiären Gründen nicht reisen konnte. Ich hatte bereits einen Stuhl mit einem Plastiksack belegt, den ich dann wegnahm, als die Engländerin nicht erschien. Ich bot Alice, die sich gerade nach einer Sitzgelegenheit umschaute, den frei gewordenen Platz an. So kamen wir ins Gespräch. Alice erzählte von ihrer Malerei, ihrer Hamburger Wohnung und ihren häufigen Aufenthalten auf Sylt. Sie bat mich, sie einmal auf der Insel zu besuchen. Das tat ich dann an dem Tag, an dem auch du nach Sylt kamst."

 

Erster Besuch im neuen Domizil

Im neuen Heim kaum halbwegs eingerichtet, bekommt Harald einen geheimnisvollen Telefonanruf. 'Guten Tag, Herr Pfertinger. Mein Name ist Niklas Letberger. Ich bin mir nicht sicher, ob Ihnen der Name noch geläufig ist. Ich habe herausgefunden, dass Sie freundlicherweise meine Bilder geborgen und sie meiner Nichte Alice in Hamburg übergeben haben. Nächste Woche bin ich in P. und würde Sie gerne einmal besuchen, in Begleitung meiner Lebensgefährtin Jenny.' 'Ja Herr Letberger, das wäre schon möglich. Ich muss das zuerst mit meiner Frau besprechen, wegen eines Termins undsoweiter, Sie verstehen -' 'Ja, selbstverständlich. Darf ich mich in einer Stunde nochmals bei Ihnen melden?' 'Ja, in Ordnung.' "Wer war das?" fragt Gerda. "Du wirst es nicht glauben, ein Herr Niklas Letberger -" "Wie, der Maler?" "Es scheint so." "Aber wie ist das möglich, der ist doch verschollen -" "Totgesagte leben manchmal länger. Nun, er möchte uns in Begleitung seiner Lebensgefährtin nächste Woche besuchen." "Ja, ich weiss nicht, ich traue der Sache nicht so ganz. Vielleicht war es gar nicht der Maler, sondern der Worxfelder -" "Glaube ich nicht, den würde ich ja sofort an seiner sonderbaren Stimme und seinem komischen Dialekt erkennen, auch am Telefon." "Na gut, sollen sie doch kommen. Der beste Termin wäre Donnerstag Abend -" "Gut, würde mir auch passen. Ich sage ihm das, wenn er später nochmals anruft."

Ein herrlicher, sonniger Septembertag geht zu Ende. Auf die Minute pünktlich klingelt es bei Pfertingers. Gerda öffnet erwartungsvoll. Niklas erscheint im anthrazitfarbenen Anzug und roter Krawatte, mit dem obligatorischen Blumenstrauss in der Hand, Jenny im halblangen blauen, gelbgeblümten Kleid. 'Die ist doch mindestens zwanzig Jahre jünger', geht es Gerda durch den Kopf. Da eilt Harald herbei um die Gäste zu begrüssen und in den Flur zu bitten. "Vor eurer Garagentür stand ein Junge mit Fahrrad, ist aber gerade weggefahren, als er uns kommen sah, rief uns aber noch ein 'Hallo' zu", sagt Herr Letberger. "Das war Günter, unser Sohn", erklärt Harald. "Er sucht Freunde auf, die sich mit Hausaufgaben für morgen beschäftigen, es geht so viel ich weiss um Mathematik." "Er wird, schätze ich, in einer Stunde wieder hier sein", sagt Gerda. "Oh Mathe", seufzt Jenny, "da kommt mir das Grausen." "Mir auch", sekundiert Harald, "obwohl ich früher im Geschäft viel mit Zahlenmaterial zu tun hatte." "Ich liebe Mathe, war darin immer gut", sagt Gerda und Jenny darauf: "Sie Beneidenswerte." Eine solche Unterhaltung unter dem Austausch von Banalitäten täuscht über Verlegenheiten hinweg, die sich aus einer ersten Begegnung mit bis anhin unbekannten Gästen ergeben. Vorausgesetzt, das Wetter bietet keinen ergiebigen Gesprächsstoff.

Im Wohnraum, der noch nicht völlig eingerichtet ist, lässt es sich am Couchtisch gut plaudern. "Ich glaube dass ich Ihnen meine Geschichte zu erzählen schuldig bin", leitet Niklas Letberger die Unterhaltung ein. "Oh ja, wir sind ganz gespannt", sagt Gerda. Niklas beginnt: "Nach dem frühen Tod von Alice habe ich über eine Gruppe moderner Maler in Hamburg erfahren, dass vier jener Bilder bei einem Sammler namens Worxfelder in guten Händen sind. Ein Bild, dass Alice noch restaurieren und in der Vernissage einem interessierten Publikum zeigen konnte, hat dort der Worxfelder gekauft. Er hat es inzwischen in der in der Lobby eines Hamburger Hotels aufgestellt. Warum gerade dort, werden Sie fragen. Es handelt sich um 'mein Hotel' - ich bin dort Chefportier und kenne Herrn Worxfelder aus einem Künstlerklub, aber erst seit ein paar Wochen. In dem Hotel übernachten des Öfteren amerikanische Geschäftsleute, potenzielle Bilderkäufer." "Hoffentlich wird das Bild nicht gestohlen", sagt Gerda. "Ich hoffe nicht. Nun meine neuere Vita in Kürze. Aus sowjetischer Gefangenschaft entlassen kam ich zunächst nach Ostdeutschland, nach Zwickau. Ich habe alle Verbindungen zu früheren Zeiten und Örtlichkeiten abgebrochen. 1972, also vor drei Jahren, ging ich nach Westberlin und fand eine Anstellung in einem Hotel, zunächst als Buchhalter und Aushilfskellner, dann als Portier. Etwas meinem früheren Beruf Entsprechendes, ich war Chefbuchhalter und Prokurist in der P.er Metallwarenfabrik, hätte ich in meinem Alter nicht mehr gefunden. Jetzt bin ich sowie pensionsreif."

Jenny öffnet ihre Handtasche, die sie neben dem Tisch abgestellt hat und nimmt ein hübsch verschnürtes Päckchen heraus. "Das ist für Sie beide, ein verspätetes kleines Dankeschön aus Italien, für die Rettung meiner Bilder", erklärt Niklas. "Darf ich öffnen?" fragt Gerda "Ja aber natürlich", sagt Jenny. Es ist eine Miniatur im klassischen Stil, eine Landschaft mit hohen Pappeln und einer Kirche im Hintergrund. Im Vordergrund fliesst ein wild schäumender Bach." "Das ist aber sehr schön", stellt Harald fest. "Ja, sehr schön", pflichtet Gerda bei. "Es wird seinen Platz über der Anrichte finden. Vielen herzlichen Dank." "Malen sie eigentlich noch, Herr Letberger?" fragt Harald. "Nein, schon lange nicht mehr."

"Niklas, du möchtest doch etwas erklären -" spricht Jenny. "Ja, du hast Recht. Also die Sache ist die. Eines der vier beschädigten Bilder, ein nicht signiertes, enthielt den verschlüsselten Plan einer für mich rätselhaften Apparatur. Um was es sich da handelte weiss ich nicht. Auf Fragen bekam ich eine ausweichende oder gar keine Antwort. Auf Wunsch, besser Befehl, der Geschäftsleitung sollten Abschriften der Pläne ausserhalb des Firmengeländes gelagert werden, möglichst an vermeintlich sicheren Orten. So bot ich das Einstellen einer Kopie im neu gegrabenen Bunker an. Ich bekam die Zinktruhe nach Hause geliefert, in die ich den Plan, zusammen mit meinem inzwischen berühmt gewordenen Hinter den Höfen und drei weiteren meiner Werke packte. Damals dachte niemand an eine mögliche, nicht kriegsbedingte Beschädigung der Bilder. Doch es begann heftig zu regnen, als ich die Truhe zum Bunker transportierte. Ich hatte in der gebotenen Eile den Deckel nicht richtig geschlossen. Alles musste sehr schnell gehen, denn der nächste Bombenalarm war praktisch programmiert, kam dann auch, kaum dass die Truhe ihren Platz im Bunker gefunden hatte." "Entsprach der von Ihnen erwähnte Plan dem Entwurf einer Geheimwaffe?" fragt Harald. "Heute dürfen wir ja darüber reden -" "Ich weiss, worauf Sie anspielen, Herr Pfertinger. Die 'Ufos der Nazis', die 'Glocke' als mutmassliche Geheimwaffe und ähnliche Phantastereien gingen und gehen noch um die Welt. Jedenfalls soll in einem tschechischen Skoda-Werk der Prototyp einer Wunderwaffe in der Form von Flugscheiben konstruiert worden sein. Unsere Geschäftsleitung dürfte keine Kenntnis von den Aktivitäten bei Skoda gehabt haben. Die beiden Ingenieure unserer Firma hier in P., die den Plan entworfen und wahrscheinlich an den Ansätzen eines Prototyps herumgebastelt hatten, waren plötzlich weg und niemand des verbliebenen Personals, ich eingeschlossen, stellte eine Frage nach dem mutmasslichen technischen Wunder. In meinem Budget war die Aktion unter 'Forschung und Entwicklung' verbucht. Ein paar tausend Mark. Als der Krieg zu Ende war, wurden, wie ich erfahren konnte, die noch vorhandenen Gegenstände in den Lagerhallen entweder von den Amerikanern konfisziert oder einfach ignoriert. Was übrig blieb wurde später von einem speziellen Räumkommando weggeschafft. Fragen Sie mich nicht wohin das Zeug kam, ich weiss es nicht." "Das restaurierte Bild ist in der Hotellobby ausgestellt. Was ist mit den übrigen Bildern, einschliesslich des 'Plans' geschehen?" möchte Harald wissen, "sind die noch in Worxfelders Besitz?" "Um den wiederhergestellten Plan zu verscherbeln? Mit modernen Methoden, mit UV und so, könnte jemand die Bilder zum Leben erwecken," fügt Gerda hinzu. "Ich glaube kaum, dass jemand daran interessiert wäre", sagt Niklas. "Aber heute ist alles möglich", wendet Harald ein. "Irgend ein Staat ausserhalb unserer politischen Reichweite könnte etwas damit machen, es wenigstens versuchen." "Ja, könnte", sagt Jenny. "Aber was soll uns das kümmern."

Günter kommt nach Hause, trifft gleichzeitig mit dem Partyservice ein, der Sandwiches und ein paar Getränke abliefert. "Jetzt sorgen wir erst mal fürs leibliche Wohl", sagt Gerda. "Ja, es wird aber auch Zeit", sagt Harald. "Das sieht ja phantastisch aus", sagt Niklas beim Anblick der geöffneten Schachteln mit den Köstlichkeiten. Günter schnappt sich zwei Sandwiches, legt sie auf einen Pappteller und zieht sich damit auf sein Zimmer zurück. Das Gespräch dreht sich jetzt tatsächlich ums Wetter und um Gartenarbeiten, die nicht aufgeschoben werden dürfen. "Der Gedanke, dass Worxfelder etwas Ungeschicktes mit dem Plan tun könnte, lässt mir keine Ruhe", greift Harald das leidige Bilderthema wieder auf. "Vergessen wir doch das Ganze", sagt Gerda. "Für uns sollte die Geschichte um den Plan jetzt abgeschlossen sein." "Ja, damit könnten wir gut leben", pflichtet Jenny bei.

Gegen Mitternacht verabschieden sich die Gäste. "Wir sind sehr froh, eure Bekanntschaft gemacht zu haben, ihr ward wirklich sehr nett", ist Niklas' Abschiedsfloskel.

Draussen am Strassenrand steht die Zinktruhe für die Altmetallsammlung bereit, sorgfältig getrennt von allerlei Gerümpel. Am nächsten morgen ist die Truhe verschwunden. "Jetzt ist sie zum zweiten Mal geklaut worden", meint Gerda. "Vielleicht ist sie gar nicht geklaut worden, sondern gestern zu später Stunde von ihrem rechtmässigen Besitzer im Kofferraum verstaut worden", meint Harald.

Ein paar Tage später entdeckt Günter die Zinktruhe im Vorgarten seines Zeichenlehrers. 'Welchen Postkubismus wird der Pädagoge wohl einsargen?' denkt Harald, als der Sohn ihm brühwarm seine Beobachtung schildert.

In der Wochenendausgabe der Tageszeitung ist zu lesen: Ein Hamburger Immobilienhändler und Kunstsammler hat einem amerikanischen Geschäftsmann ein sehr fachmännisch restauriertes Gemälde aus dem Nachlass des P.er Künstlers Niklas Letberger für zwanzigtausend Dollar verkauft.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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