Hans Fritz

Herrn Bodos Vision

... nebst ein paar Betrachtungen zum Thema Nostalgie

Herr Bodo ist Inhaber eines Reisebüros. Wie in jeder Geschäftsbranche muss der Kundschaft öfter mal etwas Neues, möglichst 'das noch nie Dagewesene' angeboten werden. Die Konkurrenz schläft zwar nicht, ihren Programmen fehlt aber, wenigstens nach Herrn Bodos Meinung, der nötige Biss.

So plant der clevere Geschäftsmann eine Eintagserlebnisreise in die Vergangenheit, zum unschlagbaren Preis. 'Erleben Sie mit uns einen Tag wie dunnemals, mit historischen Fahrzeugen und, als Krönung des Ganzen, mit einem Stück Erlebnisgastronomie, das heisst einem zünftigen, besteck- und porzellanfreien Rittermahl inklusive Herold und Minnesänger.'

Herr Bodo startet eine Erkundungstour, denn schliesslich sollte er das, was er dem Kunden schmackhaft machen möchte, auch aus eigener Anschauung kennen. So brettert er mit seinem Oldtimer, einem DKW*-Cabrio Baujahr 1952, zum offiziell stillgelegten Bahnhof Bocksmühle. Dort wartet schon das Bähnle auf erlebnishungrige und dampfsüchtige Fahrgäste. Kaum hat Herr Bodo die Plattform des zweitletzten Wagens erklommen, als die Fahrt unter Fauchen und Zischen losgeht. Nach neunzehn Kilometern kurvenreicher Fahrt heisst es aussteigen. Es sind nur wenige Schritte bis zur Anlegestelle des Raddampfers, so einem mit zwei seitlichen Schaufelrädern. Gemächlichkeit ist Trumpf während der zweistündigen Fahrt auf dem Fluss - und doch vergeht die Zeit wie im Flug. Ein paar Sangesfreudige stimmen die 'Loreley' an, obwohl die geografisch ganz woanders aktive wie passive Schiffer in ihren Bann zu ziehen pflegt.
*DKW war einst, u.a., die Abkürzung für Dampfkraftwagen!

Die Hinfahrtetappe der Reise ist zu Ende und unter ortskundiger Führung begibt sich eine etwa dreissig Personen starke Touristengruppe nach der Heidenburg, wo das Rittermahl stattfinden soll. Herr Bodo schliesst sich stillschweigend der Gruppe an und ist heilfroh als der Weg ziemlich eben verläuft und nach zwanzigminütigem Marsch das Ziel erreicht ist. Soviel kann er seinen Kunden, auch den älteren, gerade noch zumuten, meint er. Für die Rückreise nach dem Mahl könnte er einen Bus bereitstellen. Es muss ja kein Rumpelbus der ersten Nachkriegsjahre sein. Das gleiche Gefährt könnte die Leute vom Reisebüro zur Bocksmühle befördern, denn so viele Oldtimer, ob Kraftwagen oder Pferdekutsche, sind nie verfügbar.

Im grossen Saal, wo das Rittermahl über die Bühne gehen soll, sucht Herr Bodo einen Platz in Türnähe auf. Man kann ja nie wissen.

Herold Trudbert, gewandet wie Johannes Gutenberg in einer Karnevalssendung, verkündet in einem zum Hochdeutschen hin total verunstalteten Mittelhochdeutsch: "Es ist nicht gestattet Weibsleuten des Bedienungspersonals in den Hintern zu kneifen, wie Landsknechte zu fluchen, ein schmutziges Gespräch zu führen, abgenagte Knochen und abgebissene Fischköpfe unter den Tisch zu werfen, zu laut zu rülpsen und zu furzen, den Nachbarn unter den Tisch zu trinken, weder Ross noch Hund mitzuführen. Wer Regeln missachtet zahlt unserer Schaffnerin Isolde, je nach Schwere des Verstosses, ein bis vier Harasse Wein, wobei Schecks und Kreditkarten nicht akzeptiert werden."

Da springt auch schon der Minnesänger Tristan von der Vögelwiese über Tisch und Bänke - mit seiner Drehleier unterm linken Arm. In spätmittelalterlicher Sprache trägt er zu den schnarrenden Klängen seines Instruments ein gemässigt erotisches Lied vor. Da eine Burgherrin nicht zugegen ist, richtet sich die Weise an alle anwesenden Damen, was Herrn Bodos, mit Verlaub, nicht mehr ganz jugendliche Nachbarin, nachdem sie ihren hölzernen Teller mit einer mächtigen Hirschkeule beladen hat, zur Bemerkung hinreisst: "Ach, wie romantisch".

Kaum ist der Minnesang sanft verklungen, ertönt von der Strasse her die Stimme des Nachtwächters alias Herold: "Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen, unsre Glock hat zehn geschlagen, zahlt jetzt bitte und macht Schluss, denn draussen wartet schon der Bus."

***

Herrn Bodos Tischnachbarin hat uns ein gewichtiges Stichwort geliefert, das wir jetzt brauchen werden: romantisch.

Die Nostalgie ist nämlich, rein lexikalisch gesehen, 'eine romantisierende, oft kommerziell betriebene (sic!) Rückschau auf frühere, in der Erinnerung sich verklärende Zeiten oder Erlebnisse.' Anders formuliert: 'Vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äussert, deren epochentypische Mode, Kunst usw. wieder belebt wird.'

Nun, Nostalgie* ist eine Wortschöpfung des Arztes Johannes Hofer aus Mülhausen im Elsass, der in seiner Basler Doktorarbeit (1688) "Dissertation medica de Nostalgia oder Heimwehe" Heimwehysmptome Schweizer Söldner interpretierte und analysierte. Damit wurde die Nostalgie im eigentlichen Sinne als Krankheit bezeichnet. Heute wird die Nostalgie in einem namhaften Medizinlexikon, das kein Krankheitsbild auslässt, nicht mehr erwähnt.
*aus nostos + algos - νόστος (Rückkehr, Heimkehr), άλγος (Schmerz)

Aus dem wortwörtlichen 'schmerzhaften Verlangen nach Heimkehr' wurde dann im 19. Jhdt. die Depression. Heute ist Nostalgie ein Begriff, der in seiner Vielschichtigkeit kaum noch überschaubar ist.

Manchmal blicken wir voller Wehmut auf die 'gute alte Zeit' zurück. Kein Zweifel - manches war besser, manches schlechter, gemessen an den heutigen Gegebenheiten. Aber wann gab es schon eine gute alte Zeit? Es ist zu befürchten, dass es sie auch niemals geben wird.

Viele Menschen kennen die Tragik der Heimatlosigkeit aus eigener Anschauung. Über die Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Heimat ist sehr viel geschrieben worden, auch vor und nach der 'Romantik'. Kaum ein Dichter beschreibt jene Sehnsucht so schön wie Adelbert von Chamisso in seinem Gedicht Das Schloss Boncourt (1827).

Ein 'Zurück zur Natur' gilt nicht als eine direkte Aussage von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), ist aber in Ansätzen aus vielen seiner Schriften herauszulesen, wo er die Ausuferung des Fortschritts geisselt und sich von Kultur und Gesellschaft seiner Zeit distanziert. Heute erleben wir ein solches 'Zurück', abgesehen vom Picknick am Waldrand und der Bergtour, in der Begrünung von Büros und Dachflächen, dem Anlegen von Parks und der 'Renaturierung' von Bachläufen. Die Silbe Bio ist heute den meisten landwirtschaftlichen Produkten vorangestellt - vom Bioapfel bis zur Biozwiebel. Bio suggeriert Naturnähe, soll ein Produkt als ein 'natürliches', vor der chemischen Keule geschütztes kennzeichnen.

Lebensgrosse Plastiken hauptsächlich von Dinosauriern sind in 'Dinoparks' aufgestellt. Das Leben zur Zeit der 'Dinos' kann heute dank hochpräziser Technik der Computeranimation dargestellt werden. Die Giganten wirken da mit ihren z.T. drolligen Bewegungen und Lautäusserungen wirklich lebensecht.

Wir schätzen alte, als Ausstellungsstücke unserer Museen imponierende antike Gegenstände. Historische Musikinstrumente, ob im Original oder im Nachbau, sind heute ausserhalb der Museumsmauern z.B. als 'Naturtrompeten' oder 'Naturhörner' beliebt. Archaische chirurgische Instrumente möchten wir lieber in den Vitrinen belassen. Alte Waffen werden zwar allgemein als Mittel zum Zweck im Kampfgeschehen geächtet, kommen aber, zwar meist als Neukonstruktion, im Sport zu neuen Ehren, wie z.B. im Degenfechten und Bogenschiessen.

Gerne schauen wir uns im Antiquitätenladen antike Möbel an, Jugendstilvasen, Rokoko-Porzellan. Sollte Letzteres einmal gebraucht werden, wenn sich hochkarätiger Besuch angekündigt hat, kann es eine böse Überraschung geben, wenn es nicht spülmaschinenfest ist. Aber schliesslich wäre manueller Abwasch eine Art von praktizierter Nostalgie.

In der Eurozone wünschen viele die Rückkehr zur alten Währung. Wieder Lira, D-Mark, Drachme? Oh nein, nach ein paar Monaten schon sehnten sich die Leute nach dem 'guten alten Euro' zurück.

Kehren wir zu Herrn Bodos Vision einer preisgünstigen Eintagesreise in die Vergangenheit zurück.

Der moderne Nostalgie-Tourismus wird besonders von der 'Lust am Abtauchen ins Reich der Abenteuer' geprägt, was sich gut vermarkten lässt. Einmal leben wie die Rittersleut, die Wikinger, die Römer, die Neandertaler. Historische Flussfahrten, historische Skirennen sind 'in'.

Reisen zu Orten mit gut erhaltenen Stadtmauern und 'historischen' Gebäuden bringen uns vergangene Zeiten ein wenig näher. Nur einen von Touristen häufig bis massenweise aufgesuchten Ort in Deutschland möchte ich in diesem Zusammenhang nennen: Rothenburg ob der Tauber an der Romantischen Strasse. Wir mögen vor Zeugen der alten Baukunst voller Bewunderung, in betrachtender Beschaulichkeit verharren, ein paar Fotos machen, Eindrücke elektronisch speichern, auf dass sie nicht nur im Gedächtnis unvergessen bleiben.

Bald hat uns die Hektik der modernen, schnelllebigen Zeit wieder eingeholt. Auf dem Parkplatz wartet schon der Bus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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