Diethelm Reiner Kaminski

Die Zugereiste

In der Fußgängerzone läuft mir Frau Novbogat über den Weg, und ich komme nicht umhin, sie ein Stück zu begleiten.
„Dieses Wotzelhausen verkommt auch immer mehr“, sagt sie verächtlich.
 
„Und wieso?“, frage ich überrascht und kann meinen verletzten Stolz kaum verbergen. Was nimmt sich diese hergelaufene Person heraus, die unser Wotzelhausener Gastrecht in Anspruch nimmt.
 
„Schauen Sie doch nur – schon wieder hat hier einer dieser Billigläden aufgemacht. Die wachsen neuerdings wie Pilze aus dem Boden. Man mag hier gar nicht mehr shoppen gehen. Ich fliege deshalb in letzter Zeit lieber mal übers Wochenende nach Milano, Barcelona oder Paris.“
 
„Wer sich´s leisten kann“, sage ich.
 
„Wozu gibt es Billigflieger“, sagt Frau Novbogat. „Billiger als mit der Bahn von Wotzelhausen nach Berlin. Nett, Sie mal wieder getroffen zu haben. Ich habe noch einiges zu erledigen. Man sieht sich.“
 
Meine Frau hat mir aufgetragen, Putzschwämme und Reinigungsmittel einzukaufen. Die gibt es am preiswertesten im Ein-Euro-Laden. Bevor ich den schmucklosen Laden betrete, schaue ich mich vorsichtig um, ob nicht vielleicht doch noch Frau Novbogat in der Nähe ist. Sie muss ja nicht unbedingt sehen, dass ich hier einkehre. Draußen ist sie nirgends zu sehen. Dafür treffe ich sie im Laden. Sie hat ihren Einkaufskorb bereits randvoll gefüllt.
 
„Nanu“, sage ich höhnisch. „Haben Sie Ihren Billigflieger verpasst?“
 
„Ich kaufe nur ausnahmsweise hier“, entschuldigt sie sich ziemlich verlegen. „Ich bin nämlich heute sehr in Eile.“
 
Ich sehe mich in dem Laden um. Zugegeben, die Verkäuferinnen entsprechen nicht den internationalen Modelmaßen, an denen sich unsere Wotzelhausener Mädchen orientieren und sind auch nur in eine Duftwolke billigen Parfums gehüllt. Sie sind stämmig und bodenständig, aber dafür wird bei den Preisen auch kein Makeup-Aufschlag erhoben.
Jetzt noch zum Discounter. Unser Wotzelhausener Hagebuttentee, unser kalt gepresstes Rapsöl und unsere heimische Lindenblütenseife sind als Testsieger hervorgegangen. Da bin ich dabei. Auch Frau Novbogat ist dabei, aber mit italienischem Olivenöl, Ziegenkäse aus Kalabrien und luftgetrocknetem Schinken aus Parma.
 
„Sie müssen allmählich den Eindruck gewinnen, dass ich Sie verfolge“, sage ich. „Hier bin ich sonst gar nicht zu Hause“, entschuldigt sie sich erneut mit hochrotem Kopf. „Eine Freundin hat mich gebeten, ihr ein paar Dinge zu besorgen. Macht man ja gerne. Und sie kann doch nicht warten, bis ich mal wieder nach Rom fliege.“
 
Eine halbe Stunde später stehe ich vor unserem größten Medienmarkt. Ein riesiges über die gesamte Vorderfront gespanntes Transparent verkündet die frohe Botschaft: „Geiz ist geil“.
 
Und wen entdecke ich unter den Kunden, die sich um die Grabbelkisten mit den Schnäppchenangeboten drängeln? Ich tippe Frau Novbogat auf die Schulter. „Ihre Freundin hält sie aber heute ganz schön auf Trab.“
 
„Ja“, sagt sie. „Die Arme steckt nach ihrer Scheidung ziemlich in der Klemme. Musste notgedrungen einen Job annehmen. Der lässt ihr kaum Zeit zum Shoppen. Die reinste Ausbeutung. Aber wozu hat man Freunde.“
 
„Haben Sie und Ihr Mann in diesem Sommer schon Urlaub gemacht?“, frage ich, weil mir nichts Gescheiteres einfällt.
 
„Nein, Herr Wotzel“, sagt sie, „aber in zwei Wochen ist es endlich soweit.“
 
„Und wohin geht es diesmal?“, frage ich mit geheucheltem Interesse.
 
„Nach Taiwan. Eins der wenigen Länder, in denen wir noch nicht waren.“
 
„Aber das ist ja ein Billiglohnland“, rufe ich empört aus.
 
„Deshalb haben mein Mann und ich uns ja für dieses Land entschieden“, sagt Frau Novbogat, „so ein Land darf man doch nicht einfach sich selbst überlassen. Das muss man unterstützen, damit das extrem niedrige Lohnniveau dort endlich angehoben wird.“
Ich würde Frau Novbogat am liebsten stehen lassen und mich grußlos entfernen, aber Höflichkeit steckt uns Wotzelhausenern nun mal im Blut.
 
„Dann wünsche ich Ihnen und Ihrem lieben Mann einen wunderschönen Urlaub. Ich hoffe, dass Ihnen unser schönes Wotzelhausen auch in der Fremde lieb und teuer bleibt.“
 
Um den Urlaub am anderen Ende der Welt beneide ich Frau Novbogat und ihren Mann ganz und gar nicht. Den haben sie sich nur verordnet, um angeben zu können, dabei wissen sie gar nicht, was sie sich und uns damit antun. Vierzehn Tage ohne die gesunde Luft und die herrliche Umgebung Wotzelhausens, wo sie doch bei uns alles haben, was ein Mensch zum Sich-wohl-fühlen braucht. Kostenlos, wohlgemerkt. Ich bin Frau Novbogat dankbar, dass sie mich in meinem Entschluss bestärkt hat, auch in diesem Jahr in meinen Urlaub Wotzelhausen nicht im Stich zu lassen. Nicht einen Tag. Da werde ich dann auch genügend Zeit finden, unseren Bürgermeister beim wöchentlichen Stammtisch davon zu überzeugen, dass es zum Wohle Wotzelhausens besser wäre, Frau Novbogats Aufenthaltsgenehmigung nicht zu verlängern.
 
Mangelnde patriotische Gesinnung und wiederholte wotzelhausenfeindliche Äußerungen. Nicht auszudenken für das Ansehen unserer Stadt, wenn ihr schlechtes Beispiel Schule macht.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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