Irene Beddies

Ausflug ins Nichts



 
Der Pfad wurde  steiler und steiniger. Bald war er nicht mehr deutlich zu erkennen.  Carlos und Pedro fluchten. Sie hatten sich erboten, unsere kleine Gruppe zur Steilküste zu führen.
Plötzlich stutze ich: diese Formation aus Gestein und Gebüsch kannte ich von früher. Vor hier aus musste es eine Abkürzung geben. Sie war schwierig, denn man konnte nur durch einen kleinen Felsentunnel kriechen, aber danach war die Sicht frei. Lebhaft hatte ich das Bild von vor vielen Jahren vor Augen, hatte noch das Gefühl des Kriechens im Körper.
 Ich schlug vor, die Abkürzung zu nehmen. Nach einer Reihe von Fragen und einer langen Beratung, bei der die Animositäten innerhalb der Begleiter offen zu Tage traten, wurde ich gebeten, die Führung zu übernehmen: „Wenn du dir ganz sicher bist, Esteban…“. - Ich war mir ganz sicher.
Nach einem Augenblick der Suche erkannte ich den Eingang zu einer Rinne, die ziemlich steil nach oben führte. Sie ließ sich jedoch leichter erklimmen als der mit Geröll übersäte Weg, denn sie führte über den nackten Sandstein. Keine Gesteinsbrocken rutschten unter unseren Füßen, und es gab genügend Felsritzen, an denen wir uns festhalten konnten.
Zunächst ging es flott voran. Ich freute mich schon auf den Anblick des unendlich blauen Meeres. Jetzt mussten wir uns nur noch durch die kleine Höhle winden, dann wären wir da. Wir machten eine kurze Rast und tranken einen Schluck Wasser. Dann ging es los.
Der Tunnel, den die Höhle meiner Erinnerung nach bildete, war zwar eng, aber nicht bedrückend und finster. Ab und zu fiel Licht durch eine Scharte in der Decke auf den Boden und wies den Weg.
Die Stimmung stieg, je weiter wir vorrückten. Bald würde es geschafft sein.
 
Urplötzlich hörte die Decke des Tunnels auf und grelles Sonnenlicht strahlte von einem unglaublich blauen Himmel. Vor mir richtete sich eine schmale, glitzernde Spitze auf, die den Weg versperrte. Sie war durchsichtig wie aus Glas und kam bedrohlich näher. Wo hatte ich ein ähnliches Bild schon einmal gesehen? Ja doch, das Gebilde glich einem Treffer auf einem Monitor im Labor, wenn der Apparat die richtige Sorte Gift aus dem zu untersuchenden Material gefunden hatte und sie in einer nadelspitzen Kurve anzeigte.
Mit einem Faustschlag schlug ich gegen diese ragende Nadel vor mir. Sie brach in sich zusammen. Splitter flogen umher, Gesteinsschichten senkten sich über die eben noch so strahlende Öffnung. Wir saßen in völliger Dunkelheit.
 
Carlos und Pedro waren die ersten, die etwas sagten: „Wir kehren um!“
So leicht war das jedoch nicht. Den Schluss bildete nämlich Elvira. Sie war die korpulenteste unter den Teilnehmern und die ängstlichste. Sie wollte oder konnte sich nicht drehen. Und an ihr vorbei kam niemand, denn der Gang war zu eng, um sie zu überholen.
„Ich bin sicher, dass der Weg geradeaus nur noch kurz ist“, wagte ich zu bemerken. „Ihr könnt hier bleiben, bis ich am Ende angekommen bin und euch rufe.“
Das wollten die anderen aber nicht. „Wir kriechen gemeinsam weiter“, war die allgemeine Meinung. Zurückgelassen werden wollte niemand. Feiglinge!
Also kroch ich vorsichtig in der Dunkelheit weiter, tastete mich an den Wänden entlang. Geröllbrocken räumte ich so gut es ging zur Seite, damit die anderen es leichter hätten.
Nach und nach wurde der Druck, der von hinten auf mich einzuwirken schien, immer bedrohlicher. Sie schoben mich praktisch vor sich her, um endlich der bedrückenden Situation zu entkommen.
Auf einmal ging es nicht weiter. Etwas Weiches versperrte den Weg. Ich tastete daran herum, um zu fühlen, was es sein könnte. Es schien eine aus Leder gefertigte Membran zu sein, die den Gang vollständig abriegelte. Dahinter gluckerte es undeutlich. Was nun?  
Auf dem Boden tastete ich nach einem spitzen Stein, fand einen und fing an, die Membran aufzuschneiden. Beim ersten kleinen Schnitt quoll etwas Nasses durch den Riss. Wasser! Sollten wir in diesem Tunnel nun ertrinken? Mit einem lauten Knall riss das Leder vollständig auf und entließ einen Bach Wasser auf unseren Weg. Ein Luftzug begleitete ihn. Endlich ein wenig frische Luft!
Das Ende des Ganges musste in der Nähe sein.
Undeutliche Schemen spielten auf dem Wasser, obwohl es stockdunkel war.
Mir war jetzt alles egal, ich rutschte auf dem glitschigen Boden bäuchlings dem Luftzug entgegen. Der Boden neigte sich. Wie konnte das Wasser bergauf fließen?, wunderte ich mich noch, da wurde ich hinunter gesogen. Es gab keinen Halt mehr, die Wände und der Boden schienen wie mit einem Gel beschmiert. Einen Augenblick noch… dann fiel ich ins Leere. In eine weiße Leere ohne Konturen, ohne Licht, ohne Finsternis, ohne Hindernis.
In der Ferne hörte ich Schreie der Überraschung: „Wie schön! Das Meer! Die Küste!“
Ich aber fiel, fiel, fiel, stürzte, segelte, glitt in das dämonische, konturlose Weiß.
„Wo ist Esteban?“, hörte ich weit weg.
 
© I. Beddies


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Buch von Irene Beddies:

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