Christina Gerlach-Schweitzer

Luis, ein Schlachtkaninchen

                                  Dies ist eine rein fiktive Geschichte. Sie bezieht sich  nicht auf  ein reales Geschehen. Ähnlichkeiten wären rein zufällig.
                                                                                                                                                                                                                                                                                   
Sie saßen in einem kleinen Holzschuppen, alle einzeln in ihren Käfigen, in zwei Reihen übereinander, beidseits entlang eines kurzen  Ganges. Etwa vierzig Kaninchen, wunderschöne schwarz-weiß-braungescheckte oder fast goldene riesige Tiere und  einfarbige braune oder schwarze. Wenn jemand in den Schuppen kam, den sie kannten, kamen sie an die Käfigtüren und ließen sich durch den Maschendraht  am Kopf kraulen. Einige schmiegten  ihre Körper seitlich an den Draht, damit man sie streichelte. Die Drahtmaschen musterten die zarten, weichen Felle. Andere richteten sich an dem den Türen hoch und ließen die Krallen der Vorderpfoten auf dem Draht herabgleiten, so dass man durch das kratzende Geräusch  aufmerksam wurde und sie streichelte. In vier Käfigen saßen kurz- und lang-haarige Zwergkaninchen. Deren Jungtiere verkaufte der Mann an  eine Zoohandlung oder auf dem Tiermarkt. Verletzte Jungtiere beobachtete er wochenlang, ob sie sich noch erholen würden, aber meistens starben sie. Dann war er ärgerlich. Er mochte Tiere.
Seine großen weiblichen Schlachtkaninchen hatten im Frühling alle vier bis fünf Welpen. Die meisten seiner Kaninchen waren Rasse-Ausschusstiere, die die Züchter wegen vorhandener  Mängel nicht als Ausstellungskaninchen gebrauchen konnten. Mal waren die Ohren zu lang oder zu kurz oder das Fell war falsch gemustert, oder was weiß ich. Dem Mann  war es egal, er züchtete auf Fleisch. Wenn sie schlachtreif waren  verkaufte er die Kaninchen an  umliegende Restaurants. Bis zu sieben an einem Tag. An Schlachttagen brauchte er Ruhe und einen guten Sichtschutz auf seinem Grundstück. Er tötete seine Tiere, häutete sie, nahm sie aus, und gab die nackten Kadaver  an die Restaurantbesitzer weiter. Die hängten sie an Haken, bereiteten sie zu oder froren das Fleisch ein. Es ärgerte den Mann, dass seine Katzen die Felle der toten Kaninchen gelegentlich wieder aus der Erde neben dem Stall ausgruben.
 In den Schuppen fiel kaum Licht. Der Boden in den Käfigen war  feucht und klamm, so dass einige  der Kaninchen große Wunden an den Unterseiten ihrer Läufe aufwiesen. Je schwerer die Tiere waren, desto eher trat diese Seuche auf. Die Tiere litten bei jeder Bewegung. Oft starben sie, vielleicht an der Infektion. Außerdem waren in den Ohren der meisten Kaninchen  juckende Milben unter einer schmutzigen Kruste. Ein paar der älteren Jungtiere bissen sich in den  engen Käfigen und wiesen  dann Wunden auf. Am Rücken eines Kaninchens war das Fell dreieckig eingerissen. Man konnte die Haut zurückklappen und blickte darunter auf die Muskeln. Nach drei Wochen war es aber wieder verheilt.
Zu fressen bekamen die Tiere  Gemüsereste. Immer wieder starben vor allem junge  Kaninchen ein paar Wochen nach der Entwöhnung von der Muttermilch, unter Krämpfen mit aufgedunsenen  gespannten, kugelförmigen Bäuchen. Sie wurden binnen zwei, drei Tagen zunehmend dicker und leichter, dann  federleicht,dann starben sie unter Qualen. Erkrankte Tiere, die sich mehr bewegten als ihre Geschwister hatten eine winzige Chance zu überleben. Der Mann mochte es nicht, wenn sie in den Streckkrämpfen starben.
In den Käfigen  stapelten einige Tiere ihre Köttelchen zu einem schwarzen, krümeligen Turm in einer Ecke. Die, die Kotecken benutzten, waren Tiere, die selbst lange bei den Muttertieren hatte sitzen dürfen, wenn diese ihrerseits selbst von ihren Müttern gut erzogen worden waren. die meisten Kaninchen trampelten aber auf ihren Ausscheidungen herum und zerquetschten sie im kärglichen Stroh. Der schimmelige, feuchte, warme Boden war im Sommer ein  Paradies für Fliegen und ihre Larven.
Auch die schwere, feuchte, stickige Hitze des Sommers machte den Tieren zu schaffen, besonders denen in den oberen Reihen. Sie legte sich wie ein schweres Tuch vor die Nasen und in die Lungen der Tiere. Sie  atmeten angestrengt und schnell. Das Wasser in den Trinkschälchen war zu jeder Jahreszeit gelb oder braun von  den Ausscheidungen. Im Winter froren sie zu. Ein  Kaninchen  stellte sich regelmäßig auf die oberste Eisschicht seines Trinknapfes, wenn das Wasser noch nicht durchgefroren war  und quetschte dadurch das schmutzige Wasser seitlich hervor, so dass es trinken konnte. Die Tiere, die Nippeltränken hatten, konnten bei Frost nichts trinken auch wenn das Wasser in den Behältern noch flüssig war ,denn die Metallröhrchen waren schnell zugeeist, ohne dass es jemand bemerkte. Das macht aber  nichts, sagte der Mann, sie entnehmen die Feuchtigkeit dem Gemüse das ich füttere. Aber auch das war nach ein paar Stunden gefroren.
Einmal im Herbst weigerte sich ein  bis dahin treuer Kunde, ein Koch, dem Mann die Tiere abzukaufen. Bisher hatte er  immer zehn Euro für das Kilo  Lebendgewicht gezahlt. Diesmal bot er acht Euro für das Kilo und keinen Cent mehr. Der Mann wurde wütend, sein Gesicht färbte sich rot, er schrie den Koch an, nam sein  dreieckiges Schlachtermesser, ging drohend auf seinen Kunden zu und schrie ihn an, was er sich denn denke, ihm ein solches Angebot zu machen. Er hob das Messer und brüllte, dass er jetzt alle, alle die Kaninchen abschlachten werde hier und jetzt und das sei die Schuld des Kochs, wegen des unverschämten Preisvorschlags. Dieser erschrak, wollte den Mann beruhigen, doch der Mann fuchtelte weiter drohend mit seinem Messer herum und stellte sich dem Koch in den Weg. Der aber fixierte  den Bauern, öffnete langsam einen der oberen Käfige, in dem ein pechschwarzes Kaninchen saß, nennen wir es  Luis. Er packte es im Nacken, zerrte  das sich sträubende Tier aus dem Käfig, die Hinterbeine schleiften auf dem Käfigboden, Stroh und  Dreck rieselten auf die Erde. “Was können  deine Tiere dafür, dass Du wütend bist“,  fauchte der Koch, das darfst Du nicht!“. “Und ob“, entgegnete der Bauer, „das sind alle meine und wenn es das letzte ist was ich tue. Ich schlachte  sie jetzt –alle, “ und er fuchtelte mit dem kurzen breiten Messer in der Luft, wie in einem schlechten Film. Da streckte ihm der Koch das schwarze Kaninchen entgegen, das er bisher vor seine Brust gepresst hielt, “So,  schrie er,“ dann mach es, nimm den  hier, los tu es jetzt und hier vor meinen Augen.“ . Der Mann senkte langsam die Hand mit dem Messer. Der Koch streichelte das Tier  und setzte es  in seinen Stall zurück. Wütend blitzte der Bauer ihn an: “heute werde ich keine schlachten, aber morgen“. Langsam,aber mit pochendem Herzen verließ der Koch den Stall.
 Eine Woche nach diesem Vorfall lag Luis tot im Käfig. Einfach so.
In Deutschland  werden in einem Jahr   25 Millionen Kaninchen gegessen, die weitaus meisten zu Ostern, viele als Importware aus China. Kaum einem Tier dürfte es besser gegangen sein als Luis.

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