Horst Werner Bracker

Das schwarze Pferd

 
Das schwarze Pferd
 
So facettenreich das Leben auch sein mag, es wird oft durch ungewöhnliche, groteske, ja spektakuläre Ereignisse bereichert. Nicht selten werden wir mit außerordentlichen Geschehnissen und Ereignissen konfrontiert, die uns nachhaltig staunen lassen.
Bei einer ausgiebigen Wanderung durch die Heide führte mich ein schmaler, schattiger Forstweg durch einen weitläufigen Fichtenwald. Hier war es kühl und dunkel. Ich genoss die angenehme Kühle des Waldes und nahm auf einem gefällten Baum Platz. Eine gute Weile hatte ich auf den Baumstamm gesessen, als mein Blick auf ein Pferd viel, das mit hängendem Kopf auf mich zulief.
Ein Pferd allein in einen dunklen Fichtenwald? Ohne Zaumzeug und Sattel?
Es konnte sich nur um ein entlaufenes Tier handeln!
Still blieb ich sitzen und vermied es, heftige Bewegungen zu machen, um das Pferd nicht zu erschrecken.
Mit langsamen Schritten kam es näher. Es war ein schwarzes Pferd mit weißer Blässe. Denn Kopf hielt es gesenkt und machte einen müden, abgeschlagenen Eindruck. Der Gang war schleppend, ja fast taumelnd. Die Hufe, ohne Eisen, sahen ungepflegt aus, sind lange Zeit nicht beschnitte worden. Das Fell stumpf und struppig, ohne jeden Glanz.
Ohne Zweifel, eine geschundene und bedauernswerte Kreatur!
Langsam kam es Näher.
Als es auf meiner Höhe war, blieb es stehen, hob den Kopf, ein Leises wiehert, zeigte, dass es mich, einen Menschen wahrnahm. Es blieb stehen und schaute mich eine Weile schweigend an. Die großen samtenen, schwarzen Augen, ließen nicht ab von mir.
 «Na», sagte ich mit leiser, Stimme, «wo kommst du den her?»
«So allein im tiefen Wald, ohne Zaumzeug und Sattel»?
Am Spiel der Ohren konnte ich erkennen, dass es meinen Worten lauschte. An meiner ruhigen, zurückgenommenen Stimme schien es zu erkennen, dass von mir keine Gefahr ausging.
Das Pferd kam zu mir.
Legte seinen Kopf behutsam auf meiner rechten Schulter, presste achtsam ihren Kopf gegen meinen Kopf und schnaufte leise. Ich war gerührt und verblüfft, solches Verhalten hatte ich nicht erwartet. Ich griff mit der Rechten um den Hals des Pferdes und kraulte das Tier.
Vor mir stand ein bedauernswertes und vernachlässigtes, schlecht ernährtes Tier, das viel Böses und Rohheit über sich hat ergehen lassen müssen. Ein Pferd, zur Schindmähre herabgewürdigt, ein verwahrlosest Tier!
Mitleid kroch in mein Herz und ließ mich alle schönen Wandererlebnisse der vergangenen Tage, vergessen. Eine Weile saß ich still da und beobachtete das sonderbare Verhalten des Pferdes. Irgendwas war anders bei diesem Pferd. Was es war, versuchte ich zu ergründen. Ich nahm den Kopf des Tieres in beide Hände und schaue dem Tier ins Gesicht. Es ließ es, leise schnaufend, geschehen. Als ich dem Pferd in die Augen schaute, entdeckte ich in jedem Auge einen milchig, weißen Punkt, - von Daumennagel Größe, - die nicht dahin gehörten. Mein Verdacht hatte sich bestätigt, als ich eine schnelle Handbewegung vor den Augen des Pferdes machte, zeigte sie keine Reaktion.
Das Pferd war blind!
Mein Herz verkrampfte sich in meiner Brust.
Welcher Rohling hat diese bedauernswerte Kreatur im Wald ausgesetzt?
Meine Emotionen, mein Zorn vermischten sich zu einer kaum erträglichen, psychischen Last!
Das Pferd brauchte Hilfe.
Schnell hatte ich einen Plan gefasst, der es in sich hatte. Ein Exempel wollte ich statuieren,- den Menschen einen Spiegel vorhalten.
Mein Zorn war groß!
Was war zu tun?
Wie konnte ich dem Tier helfen?
Ich musste das Pferd aus dem dunklen Wald und der Heide hinausführen. Bis in einen Ort, wo es Menschen gab, die sich gerne um die bedauernswerte Kreatur kümmerten. Ich schulterte den Rucksack, griff um den Kopf des Pferdes, legte die Hand wie ein Zaumzeug auf den Nasenrücken «komm!», sagte ich mit leiser Stimme.
Das Pferd folgte mich auf dem Fuße.
Eine Weile später öffnete sich der Wald, vor mir lag die weite Heide.
Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel herab. Die Luft zitterte über den weißen Sandweg. Mensch und Tier hatten sich in die kühlen Schatten der Birkenhaine zurückgezogen. Nur die nimmermüden Bienen und Falter flogen von Blüte zu Blüte.
Es war still in der Heide. Kein Mensch kreuzte meinen Weg.
Nach einer Stunde Fußmarsch erreichte ich eine kleine Ortschaft.
Unser Erscheinen erregte schon bald die Aufmerksamkeit der Bewohner des Ortes.
Ein jungen Mann mit einem Pferd, das ihn ohne Zügel folgte, wie ein Hund gab es nicht jeden Tag zu sehen.
Vor einer Bäckerei hielt ich an. Die Belegschaft versammelte sich vor der Tür. Ich fragte den Bäckermeister, ob er alte Roggenbrötchen hätte und einen Eimer Wasser für das Pferd.
Ich erzählte die Geschichte des Pferdes und sogleich brach eine Welle der Hilfsbereitschaft über mich herein.
Der Reporter der Regionalzeitung trat auf den Plan und begann zu fotografieren.
Er knipste, was die Kamera hergab.
Mittlerweile hatten sich eine größere Anzahl neugieriger Menschen, vor der Bäckerei versammelt. Ich erzählte den Reporter und den umstehenden Menschen, was es mit dem Pferd auf sich hatte, das ich es im Wald gefunden, dass es blind war. Die tragische Geschichte des Pferdes rührte die Menschen an. Eine ältere Frau und ein junges Mädchen weinten.
Während ich Auskunft gab,- stand das Pferd hinter mir, es hatte seinen Kopf sanft auf meine Schulter gelegt und schnaubte leise.
Unsre Köpfe berührten sich fast zärtlich!
Dieses ungewöhnliche Verhalten wurde von den Menschen registriert und sogleich als eine soziale Bindung, zwischen mir und dem Pferd gedeutet.
«So schauen sie doch!», rief eine Frau mit tränenerstickter Stimme, «das Pferd liebt sie.»
«Sehen sie doch, - wie zärtlich, wie sanft es seinen Kopf an den Ihren drückt!»
Die gute Frau hielt ihre geöffneten Hände, wie betend vor Mund und Nase und schien emotional völlig aufgelöst zu sein.
Jeder wollte das Pferd streicheln.
Kinder rupften Gras von einer Verkehrsinsel und fütterten das Pferd.
Noch lange hätte ich mit dem Pferd dastehen und es zur Schau zu stellen können.
Doch es war kein Zirkuspferd.
Niemand sollte sich an dem Leid der Kreatur ergötzen!
Doch alle sollten die Not des Tieres sehen und sich bewusstwerden, über die Schändlichkeit solchen Handels!
Ich musste für das Tier eine Bleibe finden. Am besten, auf einen Gnadenhof für Pferde.
Ich erklärte den Reporter und den Umstehenden meine Absicht. Der Bürgermeister des Ortes sollte die Verantwortung für das Pferd übernehmen! Damit waren alle einverstanden.
Mit einem «Komm!», machte ich mich auf dem Weg zum Rathaus. Gefolgt, - von einem Pulk hilfreicher Menschen.
Der Bürgermeister und einige Damen und Herren standen auf der Treppe, des kleinen Rathauses. Die willkommene «Publicity», wollte man sich nicht entgehen lassen.
Abermals erzählte ich die Geschichte des Pferdes.
Der Bürgermeister und seine Lakaien stellten sich in Positur zur Kamera und wollten abgelichtet werden. Ich erkannte ihre Absicht und flüsterte den Reporten zu:
Das Pferd steht im Mittelpunkt, nicht die Rathaus Affen!
Er nickte lächelnd, «sei unbesorgt!»
Der Bürgermeister stellte sich auf die oberste Stufe der Rathaustreppe und hielt eine Ansprache.
Er sprach von der Bedeutung des Pferdes in der Menschheitsgeschichte. Über die Kriege, in denen die Pferde Großes geleistet haben. Von den Pferden in der Landwirtschaft.
Die Menschen drehten dem Redner den Rücken zu und bedeuteten ihn so, dass sie seine Rede nicht hören wollte. Nach einer Weile, schwieg der Bürgermeister mit grimmigem Blick.
Ein Tierarzt näherte sich dem Pferd, um es zu untersuchen.
Doch das Pferd wollte partout, nicht den Kopf von meiner Schulter nehmen.
Der Tierarzt wurde grob!
Ich verbot ihn, so mit dem Tier umzugehen.
Schilderte das Schicksal, die Geschichte des Pferdes.
Der Tierarzt wurde kleinlaut und ordnete seine Gewichtigkeit unter die des Pferdes.
«So ist's recht!», sagte mit einer «Spitze» in meinem Satz.
Ich drehte mich zum Pferd, nahm seinen Kopf abermals in beide Hände und bedeutete den Tierarzt sich hinter mir zu stellen.
«Sehen sie die milchigen Punkte, - in beide Augen?»
Er wollte dem Pferd ins Maul schauen, damit war das Pferd nicht einverstanden. Ich übernahm auch diesen Part.
Öffnete dem Pferd das Maul, packte die Zunge und zog sie seitlich heraus. Der Tierarzt war sichtlich verblüfft, dass so ein Grünschnabel mit einem Pferd umgehen konnte.
Ich genoss die Bevorzugung des Pferdes, mir gegenüber.
Es hatte Vertrauen zu mir und dieses vertrauen hatte es verdient! Kein ungehobelter klotzt, sollte es zerstören.
Es ging schon zum Abend zu, als ein Auto mit einem Pferdehänger auf den Rathausplatz fuhr.
Eine ältere Frau mit einem Halfter in der Hand kam auf mich zu.
«Das also ist die Blinde Kuh!», sie lachte lauthals über ihren vermeintlichen Witz.
«Sie sollten ein wenig einfühlsamer sein, dieses Pferd hat es verdient»!
Anhand des Pferdes demonstrierte ich, was ich mit einfühlsam meinte.
Mit dem Pferd ging ich eine Runde auf den Rathausplatz. Ohne ein Wort folgte mir das Pferd.
Ich nahm der Frau das Halfter ab und streifte es dem Tier über den Kopf und ging zum Anhänger.  Ein letztes Mal nahm ich den Kopf des Pferdes in beide Hände.
 «Leb wohl und alles Gute!», sagte ich leise.
Mit mühe, - musste ich mein Tränen unterdrücken!
Ohne ein weiteres Wort, des Abschieds verließ das Gespann den Rathausplatz.
«Alles Gute mein Freund!»
(14.07.2016)                                   *
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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