Sven Eisenberger

Kann ich doch!

Bei unserer letzten Begegnung sagte sie empört: “Das kannst du nicht wissen. Du kannst nicht in die Zukunft sehen.” Den vorangegangenen Gesprächsverlauf emotional würdigend, entgegnete ich trotzig: “Doch das kann ich. Manche Dinge sind vorhersehbar, zum Beispiel dein Handeln!” In den folgenden Tagen tat ich mich im Internet um, verzweifelt nach stellaren, numerischen oder anderweitig magisch-energetisch gespeisten Indikatoren suchend, mit dem alleinigen Ziel, wenigstens Tendenzen künftiger Entwicklungen erkunden und mit meiner prahlsüchtigen Prophetie abgleichen zu können. Auch Propheten erscheint gelegentlich ein Schriftzug an der Wand, der sich wie das Wort “Selbstzweifel” liest! Abgesehen von der Tatsache, dass sich bei verschiedenen Anbietern, die auf derselben Zeichendeutungsgrundlage arbeiteten, die Weissagungen doch erheblich unterschieden, teilweise gar widersprachen, erwies sich der Umstand, nicht genau zu wissen, wen oder was man denn da genau befragte, als unangenehmster Variabilitätsfaktor. Letztlich hätte ich auch einfach in den Grund meiner Buchstabensuppe schauen oder antiken Vorbildern der Vogelschau nacheifern können: das Ergebnis wäre ein selbiges gewesen.

Wie der kosmische Zufall, den es nach Aussage von Seherinnen und Wahrsagern ja gar nicht gibt, es wollte, landete ich spätnächtlich beim guten alten Tarot. Die Karten sind wirklich toll gestaltet und für einen alten Zocker wie mich war die Prozedur auch lebensweltlich weitaus näher und einfach sympathisch. Ich vermute, dass beim Tarot-Orakel viel von der richtig gewählten Fragestellung abhängt, ähnlich wie beim I-Ging, mit dem feinen Unterschied, dass die weisen Chinesen den Benutzer darauf auch hinweisen. Ist die Frage zu konkret oder zu eng gefasst, gibt die Antwort nur weitere Rätsel auf und löst keine Resonanzschwingungen aus. Aber was soll man machen, gewisse Sorgen sind nun einmal sehr konkret und verlangen nach einer entsprechend gestimmten Antwort. Also gab ich ein: “Liebt sie mich noch?” Die Antwort lautete: “Nein, Das könnte sie niemals tun." Ja, das war ernüchternd und schien meine prophetische Gabe mit einm Schlag auszulöschen. Hatte ich doch zu hoch gepokert? Doch so leicht zu kapitulieren war ich nicht bereit. Also versuchte ich es noch mit einer zweiten konkreten Frage: “Wird sie zurückkehren?” Prompte Antwort: “Ja. Doch nur durch Glück. Sie werden zwar ans Ziel gelangen, aber nicht so, wie Sie es sich vorgestellt haben.” Schön, auch als Prophet ist man sicher hier und da auf Fortunas Unterstützung angewiesen. Aber sollte die Rückkehr nicht eigentlich ihr "Ziel" sein, wenn ich doch schon allein von der Laune des Glücks abhängig war? Und welche Veranlassung sollte bestehen, zu jemandem zurückzukehren, den man nicht liebt?

Nun, schon die nähere Zukunft brachte zum Vorschein, dass ich als Prophet mit ähnlichen Talenten gesegnet bin wie Donald Trump als künftiger US-Präsident. Nur in meinem Fall wird offenbar auch nur der leiseste Anflug von Hybris prompt bestraft: Eine "Urlaubsbekanntschaft" hatte mittlerweile den Platz des gescheiterten Propheten eingenommen.
Wer auch nur kleine Lichtsplitter einer möglicherweise leuchtenden Zukunft im Internet erhaschen möchte, kann sich mit etwas Glück kurzzeitige Stimmungsaufheller verschaffen, wird aber ansonsten recht bald als Depp seiner selbst oder im Rätselwahn enden. Letzte Gewissheit wird nur der erlangen, welcher geduldig auf die Ankunft der künftigen Gegenwart zu warten bereit ist.
Wenn es noch eines abschließenden Beweises bedurtfe – in Kamikazestimmung tippte ich bald darauf die völlig absurde, aber letztlich einzig wesentliche Frage ein: “Werde ich sterben?” Das Orakel sprach weise: “Ja. Doch ohne Ihre Mithilfe kann es immer noch scheitern!”
Gut, dass ich das noch nicht wusste!

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.07.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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