Klaus-D. Heid

Leben und Tod des Thomas von Wartenburg, I. Teil

Meine elfte Tasse Kaffee. Langsam übertreibe ich es mit der schwarzen Brühe. Obwohl ich mir wahrscheinlich schon ein ganzes Kilo Koffein verabreicht hatte, kostete es mich Mühe, nicht einzuschlafen. Ich hätte den Schlaf wirklich dringend gebraucht, aber das, was vor mir auf dem Tisch lag, hinderte mich daran, einzunicken.

Vielleicht half es mir, wenn ich ein bisschen frische Luft ins Zimmer ließ? Tatsächlich saß ich in einem Mief, der beinahe mit dem Messer zu zerschneiden war. Innerlich aufgewühlt und verstört, rauchte ich eine Zigarette nach der anderen. Logisch, dass in meinem Zimmer nun die letzten Frischluftreserven verbraucht waren.
Als ich aufstehen wollte, um das Fenster zu öffnen, bestraften eingeschlafenen Beine meine Unvernunft. Eine Milliarde Ameisen krabbelten durch meine Blutbahnen und zwangen mich, sitzen zu bleiben. Mir fiel meine Mutter ein, die mir immer gesagt hatte, dass nur Bewegung gegen eingeschlafene Beine half. In der Hoffnung, dass sie recht hatte, quälte ich mich vom Stuhl und ertrug dieses scheußliche Gefühl fehlender Beine. Nachdem ich ungefähr zwei Minuten der Versuchung trotzte, mich wieder zu setzen, zirkulierte das Blut in meinen Beinen wieder normal.

Ich ging zum Fenster, öffnete es vollständig und genoss das Hereinströmen frischer Luft. Gleichzeitig beobachtete ich die grauen Nebelschwaden meines Zigarettenkonsums, die wie vertriebene Geister das Weite suchten.
Jetzt, am offenen Fenster stehend, verschwand mit dem Zigarettenqualm auch meine Müdigkeit.

Nachdenklich erinnerte ich mich an die letzten Stunden, in denen ich wie gebannt in dem Buch gelesen hatte, das auf meinem Schreibtisch lag. Wie oft hatte ich es gelesen? Dreimal? Viermal? Immer wieder überflogen meine Augen die Seiten, deren Inhalt mich faszinierte und gleichzeitig an meinem Verstand zweifeln ließ. Wahrscheinlich konnte ich das Buch auch noch weitere tausendmal lesen, ohne den Wahnsinn zu verstehen, der darin beschrieben war. Jede Zeile hatte sich in meinem Kopf eingeprägt, bis ich schließlich zornig das Buch zusammenklappte und es zu ignorieren versuchte. Natürlich funktionierte das nicht – und ich begann, es noch einmal zu lesen...

Es war wirklich purer Zufall, dass ich das Buch in dem kleinen Antiquariat entdeckt hatte, in dem ich von Zeit zu Zeit stöberte. Der Geruch verstaubter Literatur und das Gefühl, von unzähligen Bänden einer lebendigen Vergangenheit umgeben zu sein, glich jedes Mal einem Bad in den Gedanken der längst verstorbenen Autoren.

Manchmal griff ich vorsichtig nach einem Buch, um es ehrfürchtig durchzublättern. Ich betrachtete alte kunstvolle Bilder, erfreute mich an liebevoll gestalteten Buchdeckeln und stellte es anschließend wieder ebenso vorsichtig an seinen Platz zurück. Auch das Buch, das mich nun um meinen Schlaf brachte, hatte ich zufällig aus einem Regal gegriffen, weil mich die Aufschrift auf dem Rücken des Buches neugierig gemacht hatte:

Leben und Tod des Thomas von Wartenburg

Eigentlich ein Buchtitel wie jeder andere auch. Auf der dritten Seite des Buches las ich, dass es von einem Heinrich Siebentaler vor genau zweihundertachtzehn Jahren geschrieben wurde.

Das alles wäre nicht ungewöhnlich, wenn mein Name nicht auch Thomas von lauten würde.

Auf Adelstitel lege ich zwar keinen gesteigerten Wert, aber es gab ihn nun mal. Natürlich konnte es gut sein, dass ich einen Namensvetter in der Vergangenheit hatte, von dem ich bis dato nichts ahnte. Der Name ‚von Wartenburg’ ist wirklich nicht so selten, dass er in mir eine echte Überraschung ausgelöst hätte. Ungewöhnlicher war da schon das, was ich im Vorwort des Autoren las.:

„Die Geschichte des Thomas von Wartenburg möge der Nachwelt als Warnung dienen. Er, der am 20. November des Jahre 1696 geborenen wurde und der diese Welt im Jahre 1721 wieder verließ, wird eines Tages wiederkehren. Der HERR sei allen Seelen gnädig sein, die ihm bei seiner Wiederkunft begegnen...!“

Um zu verstehen, weshalb ich das Buch sofort erwarb, muss man wissen, dass auch ich am 20. November auf die Welt kam. Der gleiche Name und der gleiche Tag der Geburt! Neugierig auf den Inhalt des Buches zahlte ich den geforderten Preis und machte mich auf den Weg in meine Wohnung. Was war damit gemeint, dass dieser Namensvetter von mir wiederkehren wird? Und selbst dann, wenn das Unmögliche geschehen sollte – wieso sollte diese Wiederkunft so schrecklich für die Menschen sein, die ihm begegneten?

Die frische Luft tat mir gut.

Meine Müdigkeit war verschwunden und machte nun wieder dem Unglauben über das Gelesene Platz. Wenn ich nicht vollkommen verrückt geworden war, handelte es sich bei diesem anderen Thomas um einen wahren Teufel in Menschengestalt.
Im Alter von einundzwanzig Jahren studierte er in Leipzig Medizin. Woher er die finanziellen Mittel dafür nahm, wurde nicht im Buch erwähnt. Ebenso wenig wurde von seinem Geburtsort und seiner Familie berichtet. Lediglich sein Geburtstag wurde genannt – und dann setzte die Erzählung über ihn erst ein, als er in Leipzig begann, sein Unwesen zu treiben. Die Beschreibung seines Lebens wurde vom Autor des Buches derart lebendig geschildert, dass ich sicher war, er selbst sei diesem Thomas von Wartenburg begegnet.

Auf insgesamt dreihundertneunzehn Seiten beschrieb Heinrich Siebentaler die Lebensgeschichte eines Mannes, der bis zu seinem grausigen Tod, über vierhundert Menschen ermordet hatte...

Außer Namen und Geburtsdatum, stieß ich beim Lesen auf weitere unerklärliche Parallelen zu meinem Leben. Abgesehen davon, dass auch ich Medizin studiere, liebten wir beide ein Mädchen namens Johanna. Meine Johanna starb vor zwei Jahren an einem Gehirntumor. Die Johanna des anderen Thomas starb ebenfalls während seines Medizinstudiums; allerdings starb sie aus einem nicht näher beschriebenen Grund. Auch der andere Thomas musste seine Johanna sehr geliebt haben, denn die wirklich einzige Gefühlsregung, die von ihm erwähnt wurde, war seine schmerzhafte Verzweifelung über ihren Verlust.

Genug Frischluft.

Ich schloss das Fenster wieder, um mir in der kalten Novembernacht nicht eine Grippe einzufangen. Noch knapp zwei Stunden – und es war Mitternacht. In zwei Stunden müsste ich eigentlich eine Flasche Champagner köpfen, denn wieder einmal war ich dann um ein Jahr gealtert. Mein fünfundzwanzigster Geburtstag!

Im gleichen Alter wurde der andere von Wartenburg hingerichtet. Nachdem man ihm den Prozess gemacht hatte, hängte man ihn auf. Seine Leiche wurde öffentlich verbrannt. Wenn ich dem Autor des Buches Glauben schenken durfte, verstreute man anschließend die Asche meines Namensvetters in der Elbe, nahe der Stadt Dessau, die auch zugleich meine...

...Geburtsstadt ist!

So viele Zufälle konnte es nicht geben. Unmöglich! Irgendetwas musste mich mit diesem Kerl verbinden, dessen kurzes Leben eine einzigen Auflistung von furchtbarsten Morden war. Ich las, dass man ihn schon zu Beginn seines Studiums argwöhnisch beobachtete, weil Thomas von Wartenburg Thesen vertrat, die auf gar keinen Fall von seinen Professoren geduldet werden konnten. So bat er einmal darum, dass man ihn einen Mann sezieren ließ, dessen Hinterkopf von Geburt an stark deformiert war. von Wartenburg reagierte zornig und aufbrausend, als man ihm das Sezieren eines noch nicht Verstorbenen unter Androhung schwerster Strafen untersagte. Als der Mann, den von Wartenburg sezieren wollte, kurz darauf verschwand, kamen erste Gerüchte auf.

Thomas von Wartenburg leugnete zwar hartnäckig, etwas mit dem Verschwinden des Mannes zu tun zu haben, aber seine Kommilitonen und Professoren glaubten ihm nicht. Das ganze Verhalten von Wartenburgs war dermaßen eigensinnig, dass er schnell den Ruf genoss, ein eigenbrötlerischer und arroganter Wahnsinniger zu sein.
Einzig seine außergewöhnlichen Leistungen und theoretischen Kenntnisse hinderten die Universität daran, den jungen von Wartenburg von der Universität zu weisen. Er lauschte aufmerksam allen Vorlesungen und erwies sich als bester Student seines Jahrganges. Jede ihm gestellte Frage beantwortete er richtig. Sein Wissen irritierte die Professoren so sehr, dass sie ihn immer mehr ignorierten, wenn sich eine Diskussion entwickelte. Sie beachteten seine Kommentare kaum und ließen es nicht zu, wenn er versuchte, mit seinem Wissen zu glänzen. Andererseits erkannten sie sehr wohl, wie intelligent und überaus begabt dieser junge Mann war. Einerseits bedauerten sie es, ihn nicht mehr integrieren zu können, aber andererseits ahnten sie auch, dass eine unerklärliche Gefahr von ihm ausging.

Im Laufe der Monate sonderte sich von Wartenburg vollkommen ab. Kontakte mit Kommilitonen, die ohnehin sehr rar gesät waren, beendete er rigoros, indem er erklärte, mit ‚Idioten’ und ‚Unwissenden’ nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Das Verschwinden des kranken Mannes blieb kein Einzelfall.

Immer häufiger wurden nun Männer, Frauen und auch Kinder mit den verschiedensten Missbildungen vermisst, die plötzlich von der Bildfläche verschwanden wie der Mann mit dem deformierten Hinterkopf. Natürlich stieß die Polizei bei ihren Ermittlungen auch auf Thomas von Wartenburg. Jemand hatte der Polizei einen Hinweis gegeben, dass der Medizinstudent ein ungewöhnliches Interesse an dem Mann gezeigt hatte. Man verhörte den Studenten, ohne jedoch Anhaltspunkte für einen Tatverdacht zu finden. Eigentlich gab es ja auch noch gar keine Tat, denn alle Vermissten blieben wie vom Erdboden verschluckt.

Verschwundene Menschen mit Missbildungen lösten damals nicht unbedingt das besondere Interesse der Polizei aus. Man fand also relativ schnell alle möglichen Erklärungen, um den Angehörigen überhaupt etwas sagen zu können. Die Ausreden der wenig interessierten Polizei verstummten jedoch, als mit einem Mal nicht mehr nur Kranke und Behinderte verschwanden...

Heinrich Siebentaler schrieb, dass von Wartenburg erneut verdächtigt wurde. Man durchsuchte sogar die kleine Dachgeschosswohnung, in der er zur Untermiete einquartiert war. Da es keine weiteren Verdächtigen gab, inhaftierte man ihn sogar, um ihn fast drei Tage lang ununterbrochen verhören zu können. von Wartenburg ließ das alles geduldig mit sich geschehen. Er beantwortete alle Fragen und verwickelte sich in keinerlei Wiedersprüche. Die Frage, weshalb er ein so intensives, fast drängendes Interesse am Mann mit dem deformierten Hinterkopf hatte, beantwortete von Wartenburg mit rein \'wissenschaftlicher Neugier\'. Natürlich war ihm bewusst, meinte er, dass er mit seiner Forderung Aufsehen erregen würde. Genau deswegen habe er ja auch etwas gefordert, was vollkommen unmöglich sei. Ihm wäre es lediglich darauf angekommen, das Interesse seiner Kommilitonen an Missbildungen zu wecken.

Niemand glaubte von Wartenburg. Allerdings reichte dieser Zweifel nicht aus, um ihn tatsächlich anzuklagen. Überaus geschickt und sogar hilfsbereit, manövrierte sich von Wartenburg durch alle gestellten Fragen. Gegen Abend des dritten Tages seiner Haft, entließ man ihn. Die Polizei stand vor einem Rätsel. Man war sich sicher, dass von Wartenburg etwas mit dem Verschwinden der Leute zu tun hatte – aber man konnte ihm nicht das Geringste nachweisen!

Eine Woche später, kurz bevor die Universität von Wartenburg wegen eines fadenscheinigen Vorwurfs exmatrikulieren wollte, verschwand der Student. Bei Nacht und Nebel musste er sich davongemacht haben. Auf seinem ordentlich gemachten Bett fand eine bedienstete des Vermieters einen Brief, den der Vermieter umgehend zur Polizei brachte, nachdem er ihn gelesen hatte.

„Eure Dummheit stinkt zum Himmel! Da ich in dieser Stadt keinerlei brauchbare Objekte für meine Forschungen mehr finden kann, werde ich Euch verlassen. Statt mir zu danken, dass ich Euch von einem Übel der Unvollkommenheit befreit habe, sucht ihr Wege, um mich unter Anklage zu stellen. Nun denn. Um Eure wertlose Gier nach Offenbarungen zu befriedigen, werde ich Euch den Ort nennen, an dem Ihr den Unrat der Schöpfung vorfinden werdet.“

von Wartenburg beschrieb ganz genau die Stelle in einem nahegelegenen Wald, an der man die Überreste der verschwundenen Personen finden konnte. Umgehend suchte man die beschriebene Stelle – und fand sie auch.

In insgesamt zehn sorgfältig ausgehobenen Erdlöchern fand die Polizei die grauenvoll zerstückelten Leichen von zweihundertsiebzehn Menschen. Den meisten von ihnen hatte von Wartenburg den Kopf abgetrennt. Anderen Körpern fehlten Arme und Beine. Manche Leichen waren bereits bis zur Unkenntlichkeit verwest. Der Polizei bot sich ein Bild, dass auch den Unerschrockensten unter ihnen den Hals zuschnürte.
Um den Verwesungsgeruch etwas einzudämmen, hatte von Wartenburg die Leichenteile mit eine salzähnlichen Substanz bedeckt, die nun wie ein weißer Tod über dem grausigen Fund lag. Wie er es geschafft hatte, die Leichen an diesen Ort zu transportieren, blieb der Polizei ein Rätsel, das tatsächlich niemals geklärt wurde.

Damals ahnte noch niemand, dass es sich bei von Wartenburg nicht nur um einen besonders furchtbaren Massenmörder handelte. Obwohl er in einer Zeit, die als aufgeklärt galt, schnell den Ruf eines Monsters erhielt, blieb doch sein wahres Wesen noch sehr lange Zeit im Verborgenen.

Der Autor des Buches beschrieb noch etliche Szenen, in denen Familienangehörige selbst nach Vermissten suchten. Er beschrieb auch viele verzweifelte Gespräche von Vätern und Müttern mit der Polizei. Wenn man das Buch genau und auch Zeile für Zeile las, kam man zu dem Schluss, dass Heinrich Siebentaler von Wartenburg entweder sehr genau kannte – oder sogar in einer sehr persönlichen Weise mit ihm verbunden war.

Ich las sowohl den Hass in Siebentalers Worten, wie auch seine qualvollen Versuche, von Wartenburg nicht einfach als ‚bösen Menschen’ dazustellen. Erst ganz am Ende des Buches äußerte Siebentaler einen Verdacht, den er anscheinend von Anfang an hatte!

Auszug aus dem letzten Kapitel:

„...erst einmal waren seine Taten gerächt. Einige, die seinen Körper brennen sahen, glaubten tatsächlich an ein absolutes Ende des personifizierten Grauens. Diesen Glauben teile ich nicht! Vielmehr glaube, nein, weiß ich!, dass von Wartenburg nicht auf diese Art und Weise zu zerstören sein wird. Er ist kein Mensch! Er ist nicht von dieser Welt und wird auch nicht von dieser Welt gerichtet werden...! Nur der HERR kann ihn strafen. Nur der HERR...!“

Mir rauchte der Kopf. Schon wieder saß ich in einer mächtigen Nikotinwolke. Wie viel Zeit war seit dem letzten Lüften vergangen? Es half alles nichts mehr! Ich musste etwas Schlaf bekommen.

Wer weiß? Vielleicht wachte ich ja auf – und alle meine Gedanken, einschließlich des seltsamen Buches, entpuppten sich als böse unwirkliche Ausgeburt meiner ausgeprägten Phantasie?

Total im Grübeln versunken, habe ich tatsächlich meinen eigenen Geburtstag vergessen! Seit genau elf Minuten war ich fünfundzwanzig Jahre alt. Fünfundzwanzig Jahre! So alt. So jung? Was war in meinem Leben schon Bewegendes passiert? Im Gegensatz zu meinem Namensvetter führte ich ein ausgesprochen langweiliges Dasein. Nicht, dass ich gerne ein paar hundert Menschen umbringen wollte – aber etwas mehr Aktivität würde meinem Leben sehr gut tun.

Hatte es denn diesen anderen Thomas von Wartenburg nun wirklich gegeben? Weshalb hatte ich nie zuvor etwas von ihm gehört? Immerhin gibt es in unseren ‚blaublütigen’ Kreisen immer wieder irgendwelche Schauergeschichten um geheimnisvolle Vorfahren. Wieso musste ich dann erst zufällig auf ihn stoßen, um ihn kennen zu lernen, falls es ihn wirklich gegeben haben sollte?

Mehr taumelnd als gehend wankte ich Richtung Schlafzimmer. Garantiert würde ich in ein paar Stunden mit gewaltigen Kopfschmerzen aufwachen, da der Qualm meiner Rauchorgie in alle Zimmer meiner Wohnung gezogen war. Lüften? Jetzt? Blödsinn! Es war viel zu kalt, um nun noch einmal die Fenster aufzureißen. Was soll’s also? Besser, ich bekommen nun eine Mütze voll Schlaf mit anschließenden Kopfschmerzen, als morgen steifgefroren aufwachen zu müssen.

Ich glaube, ich war bereits eingeschlafen, bevor mein Körper das Bettlaken berührt hatte.

Natürlich träumte ich. Der andere Thomas spukte durch meine Gedanken. Plötzlich sah ich mich inmitten der weißen abgetrennten Körperteile stehen. Sie begannen, sich zu bewegen. Arme und Beine, Hände und Köpfe bewegten sich um mich herum wie zischelnde Schlangen. Aufgerissene Münder mit hässlichen gelben Zähnen schnappten nach mir; fleischlose Finger versuchten, mich auf den ekelerregenden Boden zu zerren – und tote Augen starrten mich gierig an. Ich versuchte, aus dem Loch herauszuklettern, aber zu viele Hände hielten mich umklammert und hinderten mich an der Flucht. Gleichzeitig verstärkte sich das Schmatzen und Zähneknirschen, bis es schließlich so laut in mein Gehirn eindrang, dass ich mich mit einem entsetzten Schrei ins Unvermeidliche fallen ließ.

Stinkende Mäuler nagten das Fleisch von meinen Knochen. Wie gefräßige Piranhas fielen sie über mich her, um mich zu einem Teil von ihnen zu machen. Als der Schmerz so unerträglich real wurde, dass ich zum Sterben bereit, meinen letzten Atemzug tun wollte, unterbrach eine tiefe Stimme das fressende Gewimmel der Bestien.

„Hört auf! Er ist wie ich! Er ist... ich! Fault und modert weiterhin in der Grube, bis ich Euch andere Nahrung bringen werde. Von ihm aber lasst nun ab.“

Mit dem letzten bisschen Leben, dass meinen Körper noch nicht verlassen hatte, sah ich zum Rand der Grube hinauf. Einen furchtbaren Schrei des Entsetzens ausstoßend, wachte ich schweißgebadet auf, als ich in mein eigenes Gesicht sah! Vor mir stand Thomas von Wartenburg und sah auf mich hinab. Ich sah auf mich hinab!

Vier Uhr zehn. Garantiert war meine Einschlaflektüre nicht geeignet, um mir einen entspannenden Schlaf zu produzieren. Die schlechte sauerstoffarme Luft tat ihr Übriges, um meinen schlafenden Verstand vollends zu benebeln. Jetzt, nach dem ich natürlich mit grauenvollen Kopfschmerzen aufgewacht war, führte mich der erste Weg sofort zurück an meinen Schreibtisch. Irgendetwas hatte ich beim Lesen übersehen. Irgendetwas gab es in diesem Buch, das ich unter Umständen gelesen, aber nicht begriffen hatte.

Vollkommen zerknittert und mit einem dröhnenden Schädel auf meinem Hals, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch. Der Kaffee in der Warmhaltekanne lockte mich mit seinem Duft, sobald ich den Verschluss aufgeschraubt hatte. Es war noch genug Kaffee vorhanden, um für ein paar weitere Stunden nach dem Rätsel des Buches zu forschen. Ich zündete mir eine Zigarette an und griff nach dem Buch.

Zuviel Kaffee! Bevor ich mich dem Thomas von Wartenburg aus der Vergangenheit widmen konnte, verlangte die Gegenwart und der Kaffeekonsum einen Tribut. Meine Blase drohte jeden Moment zu platzen, wenn ich nicht ganz schnell den Gang zum Klo antrat. Während ich mir die nötige Erleichterung verschaffte, schoss mir ein völlig aberwitziger Gedanke durch den Kopf. Nachdem ich dem Druck meiner Blase nachgegeben hatte, stellte ich mich vor meinen Badezimmerspiegel. Etwas unsicher, weil ich befürchtete, vielleicht den richtigen Gedanken gehabt zu haben, sah ich nicht sofort hinein. Mit geschlossenen Augen hielt ich mich am Waschbecken fest, holte tief Luft – und öffnete meine Augen nur eine Winzigkeit.

Zwischen den Augenlidern hindurch wagte ich den Blick in die spiegelnde Wahrheit...

Teil II ist in Arbeit!

Ich bin gespannt, ob die Leser eine Fortsetzung erwarten. ganz bewußt endet die Geschichte da, wo sie eigentlich erst anfängt...Klaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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