Wolfgang Küssner

Begeisterung

„Hier ist das NDR 2 Verkehrsstudio: Achtung! Dringender Warnhinweis: Geisterfahrer auf der Autobahn 7. Zwischen den Anschluss-Stellen Soltau-Süd und Dorfmark kommt Ihnen Richtung Hannover ein Fahrzeug entgegen. Überholen Sie bitte nicht. Achtung! Geisterfahrer auf der A7!“ „Herbert, hast Du das gehört,“ fragt die Frau auf dem Beifahrersitz. „Ein Fahrzeug? Die fahren hier doch alle falsch und betätigen noch frech die Lichthupen.“

Während so ein Falschfahrer von allen Geistern verlassen scheint, sind die Thais von vielen Geistern umgeben. Da soll zum Beispiel auf einem Grundstück ein Haus gebaut werden. Zu erkennen ist zwar nichts, doch die Fläche ist seit geraumer Zeit bewohnt. Ein Phra Phum, ein Erdgeist hat hier seit langem sein Zuhause. Will der neue Bauherr mit dem bisherigen Bewohner in friedlicher, harmonischer Nachbarschaft leben, so ist er gut beraten, dem Erdgeist ein neues Heim zu bieten.

Ein Geisterhäuschen (auf Thai: San Phra Phum) muss auf dem Grundstück errichtet werden. Nicht an irgendeiner Stelle darf dieser Schrein für die Naturgeister erstellt werden; die Geister mögen keinen Schatten, sie bevorzugen sonnige Lagen. Und – das haben sie mit uns Menschen gemeinsam – sie lassen sich auch gern verwöhnen. Auch Geister leben nicht nur von Luft, da darf es schon täglich etwas Essen und Trinken sein; gegenüber Räucherstäbchen ist man nicht abgeneigt und ein bisschen Unterhaltung macht das Leben angenehmer. Also wird so ein Geisterhäuschen mit Reis oder Obst oder etwas anderem Essbaren versehen, Wasser oder Limonade, zu Feiertagen auch schon mal einen Reis-Schnaps für die Seele und die Kehle. Tanzende Figuren zur Vergnügung, ein paar Figuren als Bedienstete, Tiere und Figuren, die verstorbene Angehörige darstellen, runden so ein Arrangement ab, sorgen für Geister-Wohlbefinden. Die Räucherstäbchen nicht vergessen. Es darf auch gern mal eine Blume sein und für die Dunkelheit ein wenig Beleuchtung, Kerzen oder auch elektrisch. Ja, da kommt auch bei Geistern Begeisterung auf.

Der Aninismus, also die Allbeseeltheit, ist wohl so etwas wie die früheste von Menschen entwickelte Form einer Religion. In Thailand glauben die Bergvölker im Norden seit Jahrhunderten an zahlreiche Geister, die Einfluss auf das tägliche Leben und Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen. Der Buddhismus duldet diesen animistischen Glauben. Oberflächlich betrachtet könnte man fast von einer Aufgabenteilung sprechen: Der Geisterglaube beschäftigt sich mit dem Einfluss der Geister auf das täglich Leben; der Buddhismus macht sich eher Gedanken über das Leben nach dem Tod. Verkürzt, zugegeben, eine sehr verkürzte Sichtweise. Aber - nicht ganz ohne.

Wie kommt nun der Geist in sein neues Häuschen? Zunächst muss ein „Schrein-Arzt“ her, ein Brahmane, ein Hindupriester, Astrologe. Der richtige Zeitpunkt muss bestimmt werden und dann der Erdgeist im Rahmen einer Einweihungszeremonie eingeladen werden, jetzt das mit Blumen und Girlanden geschmückte San Phra Phum zu beziehen. Hat der Erdgeist dank der Opfergaben sein neues Heim angenommen, darf er durchaus von menschlichen Wesen angebeten werden. Doch zurück zum grösseren Bauvorhaben.

Ist das Haus – also das für den Thai und seine Familie - dann fertiggestellt, heisst es: „Vorsicht beim Betreten!“ Denn unter der Türschwelle hat sich längst der Hausgeist eingerichtet. Und der kann sehr zornig werden, wenn ihm auf den Kopf getreten wird. Logisch. Also, hoch die Füsse. - Aber das ist nun eine andere Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden soll. Gleiches gilt für die Geisterhäuschen an unfallträchtigen Orten, Strassen, an heiligen Plätzen vor Höhlen, auf Felsen, an Bergpässen, grossen, beeindruckenden Bäumen usw. Oh, gerade schaltet sich das Verkehrsstudio von NDR 2 wieder ein mit der Information: „Der auf der A7 gemeldete Geisterfahrer hat sich erledigt.“
 
Juni 2016
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.08.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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