Iris Klinge

Das Böse

Die deutsche Sprache hat weniger Worte für das Böse als die englische. Dort gibt es mehrere Ausdrücke, je nach Schweregrad: bad und evil sind die meist gebrauchten Worte, naughty heißt das böse Kind, mean, mischievous und malicious bedeuten bösartig, böswillig, niederträchtig und gemein. Doch es gibt noch viele andere Nuancen. Unser Wortschatz hat leider keine Steigerung für böse. Böser, am bösesten? Wir müssen das Böse differenzieren, je nach Ausprägung.

„Du bist böse“, sagt die Mutter zu ihrem unfolgsamen Kind. Was meint sie damit? Das Kind tut nicht das, was die Mutter möchte. Folglich ist es „böse“.Früher wurde gehauen, heute versuchen die Eltern schon eher, die Gründe für die Verweigerung des Kindes zu finden. Vielleicht möchte es auch nur seinen eigenen Willen durchsetzen. Ist es deshalb böse?

Es gibt Taten, die werden aus Fahrlässigkeit oder Unachtsamkeit begangen. Wenn andere Menschen zu Schaden kommen, dann bezeichnen wir sie mit bösen Taten. Wer seine Tat bereut, hat sie nicht absichtlich oder aus bösen Motiven begangen.

Wie ist ein Vergewaltiger einzuordnen oder ein Ehemann, der seine Frau jahrelang erniedrigt, schlägt und missbraucht? Oft unentdeckt und ungestraft unter dem Deckmantel der häuslichen Gewalt.

Was geschieht mit den Pädophilen, die ihren Opfern unwiederbringlichen Schaden zufügen und die, wenn sie ihre Gefängnisstrafe abgesessen haben, sich erneut an Kindern vergreifen? Sie scheinen sich keiner Schuld bewusst. Die Gesellschaft kann sie nicht eliminieren. Sie leben weiter unter uns, und die Eltern müssen sehen, wie sie ihre Kinder vor einem pädophil veranlagten Nachbarn schützen.

Dann gibt es Täter, die böswillig und vorsätzlich fremden Menschen Schaden zufügen. Gibt es eine Skala des Bösen von unten nach oben, wenn willentlich zerstört oder gar gemordet wird? Wenn der Täter keinerlei Reue zeigt und sich noch über das Leid der anderen freut?

In USA wollte ein alter Mann sein Auto voll tanken. Er war Jude. Die Frau, die ihn bediente, trug auf ihrer Jacke ein Hakenkreuz. - Alte traumatische Erinnerungen wurden in ihm wach. Seine ganze Familie war in Auschwitz umgebracht worden. In einer Art blindem Hass beging er eine Zwangshandlung. Der Mann holte sein Gewehr aus dem Wagen und erschoss die Frau. Danach ließ er sich widerstandslos festnehmen.

War dieser Mann böse? Oder beruhte seine Tat lediglich auf einem fatalen Missverständnis? Die Swastika ist ein uraltes indogermanisches Glückssymbol, das bis heute im Hinduismus und Buddhismus verwendet wird. Vielleicht hatte diese Frau keine Ahnung von den Gräueltaten des Dritten Reichs, die das Hakenkreuz für ihre Verbrechen missbrauchten. Es blieb ihr keine Zeit mehr, dem Mann die Bedeutung ihres Abzeichens auf der Jacke zu erklären.

Der Mann nahm es in Kauf, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Für ihn war seine Tat nicht böse sondern eine Wiedergutmachung alter Schuld.

Für mich hat das Böse viele verschiedenen Facetten. Da müssten andere Worte her, um den Unterschied zu machen zwischen harmlos bösen Handlungen (das unfolgsame Kind), unabsichtlich begangenem Schaden an Menschen, Tieren oder Pflanzen, und den absichtlich herbeigeführten Gräueltaten mit oder ohne Reue.

Was wir zur Zeit in der Welt erleben, ist eine leidvolle Steigerung des Bösen. Dafür fehlen mir die Worte.

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