Bernhard Pappe

Seltsam?! – Eine aktuelle Begegnung


Ob eine Begegnung uns seltsam erscheint, es hängt von den Umständen ab. Hier ist der Zeitpunkt des Geschehens das Eigenwillige. Gemeint ist wiederum nicht die Tageszeit, sondernd das Jahrzehnt, vielleicht sogar das Jahrhundert.
Die Begegnung fand am gestrigen Abend statt und ich möchte sie in Worte kleiden, bevor die Erinnerung daran verblasst.
Feierabendeinkäufe, wer kennt sie nicht. Man muss noch einmal los, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. Der Supermarkt ist für mich sehr nah, alles ist zu Fuß zu erledigen. Ich war mit meinen Kleinigkeiten und ohne Eile bereits auf dem Heimweg. Der Regen, der das Wetter tagsüber dominiert hatte, war weitergezogen. Die Sonne kehrte zaghaft zurück, um einen Hauch von Sommer in der Straße auferstehen zu lassen. Warum also eilen?
Meine nicht eiligen Schritte ließen mich einer jungen Frau näher kommen, die sehr bedächtig vor mir lief. Ich passte mein Tempo dem ihren an. Ihr Alter war nicht einschätzbar. Das blonde Haar war nach hinten zu einem kleinen Knoten hochgesteckt. Sie schaute sehr konzentriert auf etwas, was sie in den Händen hielt. Generation Smartphone, mein erster Gedanke. Vielleicht war sie in eben jenes Handygame vertieft, in dem es pocket monster zu jagen gilt. Vielleicht las sie auch nur die eingegangenen Nachrichten eines Messengers auf dem Display. Sie machte eine Bewegung, die dazu nicht passte, die ich jedoch nicht deuten konnte.
Ich beschleunigte meine Schritte ein wenig, um sie auf dem Bürgersteig zu überholen. Die junge Frau mochte 18 Lenze zählen. Sie hatte ein sehr hübsches, wohlgeformtes Gesicht und ich hätte gern in ihre Augen geblickt. Doch die waren auf den Gegenstand ihrer Begierde gerichtet – ein gedrucktes Buch. Ich lief fast neben ihr und bemerkte, dass die Bewegung, die ich vor Augenblicken nicht zu deuten wusste, das Umblättern einer Buchseite gewesen war. Sie fing keine farbigen Monster mit einem Smartphone, sie fing Worte, Gedanken, die zwischen Buchdeckeln hausten. Das Gesicht war ein Spiegel innerer Konzentration. Mag sein, sie bemerkte gar nicht, dass ich fast neben ihr lief und sie beim Lesen anschaute. Bedauerlich, unsere Blicke begegneten sich nicht. Ich ging rasch weiter, um nicht den Eindruck der Aufdringlichkeit zu erwecken.
Wer liest heute noch Bücher und sogar auf der Straße? Machte das die Begegnung so eigenwillig oder war es zusätzlich das Alter der Leserin? Die junge Frau hatte nur ein schmales Bändchen in Händen. Vielleicht waren dessen Seiten mit Liebesgedichten angefüllt. Eine wunderbare Vorstellung.
 
© BPa / 08-2016

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.08.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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