Raffael Scherer

Nichts geht für immer

Bobs Ruheort war zerstört. Sein Platz, an den er immer zum nachdenken, zum besinnen, zum trauern, zum genießen oder einfach nur zum Spaß gewandert war. Gerne war er manchmal fünf mal die Woche, aber manchmal auch nur alle 2 Monate dorthin spaziert. Einfach aus seinem Haus hinaus, über die Straße, den Feldweg entlang, zwischen den Mais und Weizenfeldern hindurch, bis zu jenem Apfelbaum, der einsam und allein dort am Wegrand stand. Jahr um Jahr hatte er sich gerne auf die Bank darunter gesetzt, und seine Blicke über die Felder wandern lassen. Manchmal nahm er einen kleinen Snack mit, den er sich dort in aller Ruhe genehmigte. Ungestört von der Zivilisation, nur der Wind, die Aussicht und der Schatten des Baumes. Kein Ort war besser um mal eine kurze Atempause von all dem Alltagsstress, der Arbeit, den Menschen zu haben, um von allem einfach mal abzuschalten. Und genau diesen Ruhepol hatte man ihm jetzt genommen. Dort, wo eben noch sein Baum gestanden hatte, war nur noch ein kleiner Baumstumpf. Keine Bank mehr, kein Schatten, es gab einfach nur noch den Wegrand, wie jeder andere auch. Bob flippte aus. Er schrie vor sich hin, trat gegen den Baumstumpf und pfefferte das Sandwich, das er mitgebracht hatte, auf den Boden. Er spürte, wie Tränen seine Wange hinabrannen. Der Baum war seine einzige Konstante im Leben gewesen. Der Baum war sein Ort gewesen, an dem er über seine erste Sechs in der Schule hinweggekommen war, als seine erste Beziehung in die Binsen gegangen war, hatte er sich dort wieder gesammelt, an diesem Baum hatte er den Tod seiner Mutter beweint. Hier kamen ihm Ideen, immer wenn ihm zuhause nichts eingefallen war, oder wenn er gestritten hatte, war er unterm Baum wieder zur Ruhe gekommen. Hier hatte er den wahren Genuss gefunden, sich über sein Leben gefreut und Zufriedenheit verspürt. Der Baum war für ihn Therapeut, Freund, Partner und Urlaub in einem gewesen. Paradoxerweise verspürte er das Bedürfnis zum Apfelbaum zu  gehen, um über diesen Verlust hinwegzukommen. Dieser Teufelskreis ließ weitere Tränen seine Wangen hinabfließen. Er gab sein bestes sich zu sammeln und nachzudenken, wie er jetzt weitermachen sollte. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm. Er müsste sich nunmal einen neuen Ort suchen. "Rational gesehen war es ja nur ein Baum!" Versuchte er sich selbst einzureden, was ihm jedoch nicht im geringsten gelang. Er wischte sich die Tränen vom Gesicht und machte sich auf die Suche nach einem Apfelbaumersatz. Sein erster Anlaufpunkt war der örtliche Park. Hier gab es schließlich auch Bänke und Pflanzen. Er schritt auf einen Teich zu und setzte sich. "Na schön. Ich probier es einfach aus. Ich sammle mich und genieße die Ruhe!" riet ihm seine innere Stimme. Bob saß eine viertel Stunde auf der Bank und starrte den Teich an. Der Ort war an sich nicht schlecht, aber zur Ruhe kommen sah anders aus. Mütter mit Kinderwägen, alte Menschen die die Enten füttern, verliebte Pärchen, all jene Parkbesucher zerstörten Bobs möglichen Ruheort. Bob schüttelte den Kopf und erhob sich wieder. Er fühlte sich, als würden ihn sogar die Enten auslachen, als er sich von der Bank entfernte. Er brauchte einen ruhigeren Ort. Wirklich ruhig war es meist nur in der Kirche, kam ihm. Er war zwar nicht religiös, von der Angabe "katholisch" auf seinem Ausweis abgesehen, und doch schätzte er die Ruhe, die diesem Ort innewohnte. Zuerst versuchte er es mit der Bank auf dem Friedhof, doch schnell wurde ihm klar, dass hier die Gedanken ziemlich schnell um das Thema Tod zu kreisen begannen, deshalb versuchte er es drinnen. Die kalte, beweihräucherte Luft in der Nase, setzte er sich in die erste Reihe. Ruhe gab es hier also zu genüge. Er lehnte sich zurück und versuchte sich daran zu erinnern, wann nochmal die Gottesdienste stattfinden, damit er sich darauf einstellen könnte, wann er ungestört wäre. Er ließ, wie er es von der Bank unterm Apfelbaum gewohnt war, seine Blicke kreisen. Statt der beruhigenden, weiten Felder, erblickten seine Augen jedoch überall Statuen mit leidenden Blicken, Bilder der Kreuzigung, eines blutiger als das andere und Inschriften in deutsch, lateinisch und griechisch. So sehr es Bob auch versuchte, er konnte seine Gedanken nicht schweifen lassen, da seine Blicke sofort wieder an irgendeinem Einrichtungsgegenstand hängen blieben. Bob seufzte und schritt hinaus, das Hallen seiner Schuhe in den Ohren. Auch jedes andere Geräusch hier drinnen wurde durch die Architektur laut und mächtig, jeder Huster, jeder Schritt, jedes Räuspern, nein, er musste seinen neuen Ruheort woanders finden. Wo wäre es ruhig und ungestört, ohne jegliche Ablenkung und nicht allzu weit von seinem eigenen Haus entfernt? Er wanderte den kompletten Tag durch die Stadt, setzte sich auf jede einzelne Bank, die er finden konnte. Vor dem Supermarkt, am Bahnhof, am Spielplatz, am See, am Sportplatz im Biergarten, doch nichts schien ihm auch nur im entferntesten das Gefühl geben zu können, was ihm sein Apfelbaum immer verschafft hatte. Diese Einsicht frustrierte Bob mehr und mehr und er wusste nicht einmal recht, wo er Trübsal blasen könnte. Man hatte ihn seines wichtigsten Ortes beraubt. Der einzige Vorteil der Bank im Biergarten war der, dass er hier etwas zu trinken bestellen konnte und ein Klo in der Nähe war. Er würde sich wohl damit abfinden müssen. Ihm blieb gar keine andere Wahl. "Ist da noch frei?" Bob hob seinen Kopf und blickte in das Gesicht eines Mannes. "Wie bitte?" "Ob hier noch frei ist, alle anderen Bänke sind belegt." "Achso, ja klar, setzen Sie sich" "Hach, es geht doch nichts über ein schönes Bierchen am Abend nicht war?" Bob nickte nicht allzu überzeugend und nahm einen weiteren tiefen Schluck. "Ein zwei Freunde von mir sollten gleich noch auftauchen, dann könnte es ganz schön voll werden, wie viele kommen denn bei Ihnen noch?" Bobs Blick blieb auf seinem Bierglas haften. "Keine Sorge, ich bin allein hier." Bobs Gehirn ratterte weiter und weiter, wo er denn eine für ihn geeignete Bank finden könnte. Doch je länger er darüber nachdachte, umso frustrierter wurde er und umso weiter nach unten sanken seine Mundwinkel. "Naja, tut mir leid, es geht mich ja nichts an aber... An so einem schönen Tag sitzen sie allein im Biergarten und starren Ihr Bier böse an. Alles ok?" Bob hob bereits den Kopf und wollte anfangen zu erzählen, als ihm auffiel wie seltsam es klingen würde, dass er um einen gefällten Baum trauert. Also wählte er eine ein wenig allgemeinere Formulierung. "Ich habe jemanden mir sehr nahestehenden verloren." die Augen des Banknachbars wurden groß."Ohje, das tut mir Leid. Ich wollte nicht..." Bob winkte ab und nahm einen tiefen Schluck. Nach einer weiteren Schweigeminute, in der Bob das Bier anstarrte, meldete sich der Mann wieder zu Wort. "Ich weiß wie es ist, wenn man jemanden verliert. Das was sie durchmachen ist ganz normal. Auch wenn sie das gerade nicht hören wollen, aber versuchen sie das beste daraus zu machen. Dem Verstorbenen bringt es absolut nichts, wenn sie trauern. Und Menschen sterben ja niemals ganz. Jeder lässt etwas zurück. Sei es das Erbe, gemeinsame Momente oder Geschichten. Man lebt in irgendeiner Form immer weiter. Irgendwas bleibt immer, sodass niemand ganz geht." Bei den letzten Worten schoss Bobs Kopf in die Höhe. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Die Lösung. Sie war so zum greifen nahe gewesen und er hatte sie in seinem ganzen Frust und Ärger völlig übersehen. Niemand geht ganz. Natürlich. Das musste er sofort ausprobieren. Bob bezahlte und rannte, als würde er einen Marathon gewinnen wollen, an jene Stelle, wo einst sein Baum gestanden hatte. Er atmete nochmals tief durch, dann setzte er sich auf den Baumstumpf. Er schloss die Augen. Er roch das Gras, die Felder, er spürte den Wind. Er lauschte und hörte nichts außer dem Rascheln der Weizen- und Maisfelder. Er öffnete die Augen und sein Blick fiel in die Ferne, in der er sich nachdenklich begann zu verlieren. Bob hatte seinen Ruheort gefunden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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