Wolfgang Küssner

Herr oder Frau - Khun

Nein, das Fehlerteufelchen hat hier in der Überschrift nicht zugeschlagen. Es soll in dieser Geschichte auch nicht von einer Frau oder einem Herrn Kuhn zu lesen sein. Herr oder Frau, Frollein – warum gibt es eigentlich das Wort Herrlein nicht – heissen auf Thai ganz einfach Khun. (Der Leser bemerkt, das H hat seine Position leicht verändert.) Die Thais sehen in ihren Landsleuten Brüder und Schwestern, und so rufen sie  – zum Beispiel beim Besuch im Restaurant – nicht Ober, sondern Noong. Unabhängig vom Geschlecht. Als Nicht-Thai, als ältere Person, würde man die Bedienung mit Khun rufen. Sie reagiert – meistens. Testen Sie es aus. Khun oder Noong, das klingt beides nach Gleichberechtigung, macht die Anrede, die Kontaktaufnahme, die Kommunikation irgendwie einfacher.

Einer historischen Überlieferung folgend, wurde erst 1913 der Familienname als verpflichtend eingeführt. Zuvor existierten bei den Thais nur Vornamen. Da nun keine Vorgaben bestanden, konnte sich jede Familie ihren Namen indviduell aussuchen, die Behörden achteten nur auf Dopplungen, um diese eventuell zu vermeiden. Und so wurde ein buntes Gemisch an einmaligen Namen geschaffen, die sich häufig an den Sprachen Pali und Sanskrit orientierten. Pali ist übrigens die traditionelle Sakral-Sprache in Thailand.

Noch heute ist es im Land üblich, Menschen mit ihrem ersten, also dem Vornamen anzureden, egal, ob nun auf gleicher sozialer Ebene, ob Vorgesetzte/r oder Ministerpräsident. Khun – und dann folgt der Vorname, als habe es den Familiennamen nie gegeben. Nun muss ergänzend aber erwähnt werden,  Familiennamen auszusprechen, ist für einen Westler, also für Langnasen, nicht unbedingt einfach. Da trägt eine Familie zum Beispiel den Namen Chanthaphasouk, oder Luamthonglang, Phatipatanawong oder gar Watthanayingcharoenchai. Bei den Vornamen sieht es nicht wesentlich anders aus: Vajiralongkorn oder Benyakalayani, Supsampantuwongse oder Preeyaporn, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Die geschlechtsübergreifende Anrede mit Noong oder Khun und dem Vornamen, ist eine kleine Erleichterung. Doch der Leser hat an den Vornamen gesehen, es stimmt nicht wirklich. Die Thais sind da recht kreativ und verwenden Spitznamen, nein, treffender Nicknames. Diese Nicknames sind allerdings nicht nur von der einfacheren Ansprache her geprägt, sondern der Geisterglaube spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle. Da gab es – so die Geschichte – eine Zeit hoher Kindersterblichkeit und böse Geister wurden schnell als die dafür Verantwortlichen ausgemacht. Logisch, wer (übersetzt) „Goldmuschel“, „Lotus“, „Blühende Rose“, „Morgenröte“ oder wie auch immer hiess, der stiess natürlich schnell auf das Interesse böser Geister. Und so wurden die Nicknames geboren.

Mai, Nam, Pu, Lek, Pon, Nu, Bee, Jo, A, Bass etc. waren und sind kreative Alternativen. Einige Nicknames halten für ein Leben, andere werden – auch situationsbedingt – geändert. Nur eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind nicht schön, dann wären die bösen Geister wieder da –  nichts wäre gewonnen – sie müssen neutral, am besten hässlich sein. Und so sind einige Thais mit ihrem Namen (übersetzt) „Schwein“ oder gar „Missgeburt“ glücklich und zufrieden, denn sie haben Ruhe vor bösen Geistern.

Juni 2016
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