Ralf Glüsing

Von Katzen und Eichhörnchen

Seit über zwanzig Jahren habe ich immer eine Katze oder einen Kater gehabt. Mir würde etwas fehlen, wenn nicht so ein kleiner Anarchist durch das Haus wuseln würde und nicht wenigstens ein bisschen Chaos verbreiten würde.

Ich lebe in einem kleinen Dorf, abseits der großen Straßen. Unser Haus befindet sich direkt am Waldrand, das heißt, eigentlich ist das hintere Drittel des Grundstückes schon Wald. Als wir hierher kamen, war noch das ganze Grundstück von Kiefernwald bedeckt. Unsere ganze Siedlung war eine Waldsiedlung. Im Laufe der Jahre sind dann immer mehr Kiefern der Kettensäge zum Opfer gefallen. Die Bäume waren jetzt 50 Jahre alt und ausgewachsen. Die Siedlung war seinerzeit quasi in eine noch junge Kiefernschonung hineingebaut worden. Die Bäume waren also unten kahl, ein typischer Stangenwald also. Schön waren sie nicht und unser Haus lag im ewigen Schatten. So fällten wir dann im Laufe der Jahre etwa 100 Bäume, meist Kiefern. Ich pflanzte statt ihrer unzählige Laubgehölze, darunter auch etliche Haselsträucher.

Neben zahlreichen anderen Tieren, wie Igeln, Mardern, Rehen und Waschbären, die uns besuchten oder auch heimsuchten, sind hier immer zahlreiche Eichhörnchen anzutreffen. Kaum ein Tag, an dem man sie nicht durch die Baumkronen jagen sieht. Ich schaue ihnen immer gern zu, besonders, wenn sie sich immer im Kreis um einen Baumstamm herum jagen. Für diese kleinen Nager ist hier der Tisch reich gedeckt, denn neben den Samen der Nadelbäume sind es besonders die Früchte von Eiche, Hasel und Walnuss, die sie magisch anziehen.

Manche Leute locken die Eichhörnchen ja gezielt mit Futter an und ich kenne Leute, bei denen diese Tiere dann völlig ohne Scheu bis ins Haus hineinkommen. Ich halte von solchen Dressurakten nicht viel. Die Tiere verlieren jegliche Scheu und fallen dann oft Hunden und Katzen zum Opfer.

Auch ich hatte eine Katze. Sie war damals schon eine ältere Dame von etwa 10 Jahren. Ich habe sie von einer Wohngemeinschaft übernommen, in der ich vor Jahren mal gewohnt hatte und die sich auflöste. Sie hatte damals den Namen „Kitty“. Das ging gar nicht, wie ich fand, dann hätte man sie ja gleich deutsch „Mieze“ nennen können. Sie hatte schon so ihre Allüren, sie musste immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Irgendwer machte dann diese Bemerkung: „Das ist echt 'ne Uschi!“ Und damit hatte sie ihren Namen weg.

Trotz ihres fortgeschrittenen Alters war Uschi immer noch eine sehr aktive Jägerin. Zum Glück verschonte sie weitgehend die Vogelwelt und die Eichhörnchen kümmerten sie überhaupt nicht. Dafür fing sie Mäuse, viele Mäuse. Diese fraß sie dann auch auf. Nur gelegentlich legte sie uns eine Maus auf die Fußmatte, als „Geschenk“, so möchte ich es nennen. Sie war dann stolz wie Oscar und musste dann auch unbedingt gelobt werden. Die Maus durften wir behalten, sie fraß sie nicht. Selbst ein kleines Wildkaninchen schleppte sie an. Das muss sie von weit her geholt haben, denn in der näheren Umgebung gab es hier keine Kaninchen. Natürlich fütterten wir sie auch, wovon sie jedoch nicht allzu viel fraß, Mäuse schmeckten ihr wohl besser.

Wie gesagt, Eichhörnchen interessierten sie nicht. Dies lag wahrscheinlich daran, dass Uschi nichts vom Klettern hielt. Sie war die einzige Katze, die ich nie in einem Baum gesehen habe. Aber auch Uschi lebte nicht ewig. Mit 16 Jahren schloss sie ihre mittlerweile völlig erblindeten Augen für immer. Es war Dezember und ich begrub sie im Schatten unserer alten Eiche. Ich pflanzte im Frühjahr eine Felsenbirne an die Stelle. Ich habe es immer so gehalten, auf die Gräber meiner Katzen einen Strauch zu pflanzen. So blieb die Stelle in Erinnerung. Man mag darüber streiten, aber ein Kreuz auf einem Tiergrab finde ich allzu menschlich.

Wie gesagt es war Winter und ich saß zu Hause. Es war ruhig, zu ruhig. Es musste wieder eine Katze her. Ich fuhr zum Tierheim und verliebte mich gleich in einen jungen Kater. Er war etwa ein halbes Jahr alt. Ich nahm ihn mit. Die Mädchen im Tierheim hatten ihm den Namen „Justin“ gegeben. Ich sagte den Namen vor mich hin und wiederholte dies dann noch einmal mit zugehaltener Nase. Es klang so albern, dass ich laut lachen musste. Das ging natürlich überhaupt nicht. Mir fiel aber auch nichts angemessenes ein. Bis dann ein Freund zu Besuch war, den Kater sah und laut „Heiiinz“ rief. Heinz fand ich prima und so hatte der Kater einen Namen.

Heinz entwickelte sich zu einem Riesen von acht Kilogramm Körpergewicht, ohne dabei dick zu sein. Dies liegt wohl daran, dass er von Anfang an Dosenfutter verschmähte. Ich fütterte ihn also mit rohem Fleisch. Lediglich etwas Trockenfutter nimmt er zu sich. Natürlich nur das teuerste. Als ich einmal aus einer Verlegenheit heraus Billigfutter gekauft hatte, rührte er dieses nicht an.

Mit dem Jagen hat er es nicht so, es konnten die dicksten Amseln einen halben Meter neben ihm landen, es interessierte ihn nicht. Dafür ist er aber ein begnadeter Kletterer. Überall muss er hoch.

Und die Eichhörnchen haben es ihm angetan. Wenn er eines erblickt, kommt sofort das Raubtier durch und er schleicht sich an. Zum Glück meist erfolglos. Einmal jedoch konnte ich ein Eichhörnchen, das er im Maul trug nur mit einem Wasserstrahl retten. Es ist ihm dann auch entkommen. Eines Tages jedoch kam er mit einem Eichhörnchen im Maul an. Es war schon tot. Voller Stolz legte er es auf die Fußmatte und machte einen Mordsspektakel. Natürlich wollte er für seinen Heldentat gelobt werden. Er bekam also meine lobenden Worte und Streicheleinheiten und ich entsorgte das Eichhörnchen auf den Kompost. Es dauerte nicht lange und Heinz kehrte mit dem nächsten Eichhörnchen im Maul zurück. „Oh nein!“ dachte ich, „Schon wieder eins!“ Stolz, wie ein römischer Feldherr schritt er um seine Beute herum. Mir kam das seltsam vor. Zwei ausgewachsene Eichhörnchen, so kurz nacheinander. Ich betrachtete das Eichhörnchen genauer. Es hatte keine erkennbaren Wunden. Ich drehte es um und sah, dass sich auf seiner Unterseite schon die Maden darüber her machten. Dieses Eichhörnchen war offenbar schon etliche Tage tot. Ich ging zum Kompost und auch das andere Eichhörnchen war ebenfalls voller Maden.

„So ein Bandit!“ dachte ich mir, „Findet irgendwo zwei tote Eichhörnchen und will sie mir stolz als selbst gefangen unterjubeln!“ Ein solches Verhalten hatte ich noch nie bei einer Katze beobachtet, aber man lernt ja dazu. Natürlich war ich froh, dass er sie nicht tatsächlich gefangen hatte. Wie diese beiden hier zu Tode gekommen waren weiß ich nicht. Vermutlich sind sie, während sie sich jagten, abgestürzt und auf etwas Hartem aufgeschlagen. Ich hatte schon mehrfach beobachtet, dass Eichhörnchen aus großer Höhe abgestürzt sind. Schlagen sie im weichen Laub auf, so berappelten sie sich schnell wieder. Diese beiden hatten anscheinend Pech gehabt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.08.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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