Manfred Bieschke-Behm

Traum & Wirklichkeit



Simon ist müde. Einfach nur müde. Den ganzen Tag hat er damit verbracht Ordnung zu schaffen. Stundenlang hat er Fotos von der letzten Weihnachtsfeier digital erfasst und bearbeitet, und das Mitten im August. Danach entfernte er verblühte Sonnenblumen aus dem Garten. Ihre hängenden Köpfe, die keinerlei Strahlkraft mehr hatten, stimmten ihn traurig. Unterhalb der Veranda entdeckte Simon ein Büschel weißer Federn. Ihm war klar, dass hier ein Kampf stattgefunden haben muss. Verlierer war eindeutig eine Taube, die sich möglicherweise ein Fuchs geschnappt hatte. Besonders angestrengt hatte Simon das Aufwischen von Wasser das übergelaufen war, weil Simon vergessen hatte den Wasserhahn der Küchenspüle zu schließen. Und schließlich war er mehr als eine Stunde damit beschäftigt ein Bild zu rahmen und es aufzuhängen.
Zum Abendessen gönnte sich Simon ein Glas Rotwein der an Schwere kaum zu überbieten war. Jetzt wollte er nur noch ins Bett und schlafen. Etwas schwerfällig entledigt er sich seiner Kleidung und schaut dabei auf den an Höhe nicht zu übersehenden Kaktus der seine fleischigen Ausleger wie Gliedmaßen in die Höhe streckt. Das „Monster“, wie Simon seinen Kaktus nennt, steht in einem terrakottafarbenen Kunststofftopf neben seinem Bett. ‚Morgen werde ich dir einen neuen Platz geben’, denkt Simon ohne genau zu wissen wohin er das „Monster“ stellen wird. „Heute geht es dir nicht an den Kragen. Ich bin viel zu müde, als das ich den Kampf mit dir aufnehmen könnte“, erklärt er seinem stachligen Zimmergenossen. „Ich bin froh mich aufs Bett werfen zu können und an nichts anderes denken zu müssen. – „Schlaf gut“, wünscht Simon seinem Kaktus, löscht das Licht und schläft sofort ein.
‚Wo sind die Anderen?’, fragt sich Simon und schaut nervös um sich. Simon hat seine Gruppe mit der er das alte Haus erkunden wollte verloren. Er befindet sich ganz allein in einem großen, nicht besonders hellem, Raum. Ihn verblüffen die hohen Wände und die aufgesetzte Decke die aussieht, als wäre sie durchlässig. Nicht das er den Himmel sehen kann, nein den kann er nicht sehen. Dennoch meint Simon, dass die Decke, etwas Diabolisches, Unheimliches ausstrahlt. Ohne über ein warum nachzudenken schlägt er den Mantelkragen hoch. Er hebt die Schultern gerade so, als wolle er seinen Kopf schützen, und verschränkt seine Arme. Nein, er friert nicht, aber irgendwie fühlt er sich schutzbedürftig. Die Hoffnung, dass die Anderen aus seiner Gruppe zu ihm stoßen würden, erfüllt sich nicht. Wie angewurzelt steht er inmitten des Raumes und wagt kaum zu atmen. Der Atem stockt fast gänzlich, als er an der Wand zwischen zwei hohen mit fast blinden Scheiben versehenden Fenstern, einen großen leeren Rahmen hängen sieht. Der Rahmen, reich verziert, hängt ungewöhnlich tief. ‚Warum hängt ein leerer Rahmen an der Wand?’, fragt sich Simon. Er wüste gerne was für ein Motiv sich in dem Rahmen befand und warum es entfernt wurde. Vielleicht hat auch jemand das Bild aus dem Rahmen getrennt und gestohlen? War der Rahmen überhaupt für ein Bild bestimmt? Vielleicht befand sich ursprünglich ein Spiegel ... Immer mehr Fragen stapeln sich in Simons Kopf. Verwirrt schaut Simon abwechselnd auf den leeren Rahmen dann auf die blinden Fensterscheiben. Bildet er es sich ein oder sieht er tatsächlich Mitglieder seiner Gruppe schemenhaft vor den Scheiben vorbeihuschen und sieht er sich tatsächlich für den Bruchteil einer Sekunden gespiegelt im Rahmen? Vorsichtig nähert er sich dem Rahmen und stellt fest, dass da nichts ist, was ihn hätte spiegeln können. Noch während Simon den Rahmen inspiziert hört er eine Singstimme. Er hört eine kaum vernehmbare Kinderstimme „Alle Jahre wieder“ singen. ‚Ein Weihnachtslied mitten im August kann doch nicht sein’, denkt Simon und hört genauer hin. Er will sich davon überzeugen, dass er sich geirrt hat. Er hat sich nicht geirrt. Die Knabenstimme dringt lauter und lauter in seine Ohren. Die Lautstärke ist nicht auszuhalten. Simon presst beide Hände gegen die Ohren und will damit den Lärm eindämpfen, was ihm kaum gelingt. Schweißperlen auf seiner Stirn verraten, dass er anfängt zu schwitzen. Simon klappt den immer noch hochgeschlagenen Mantelkragen zurück und öffnet den obersten Knopf seines Hemdes. Er spürt, wie Schweiß an seinem Hals hinunterrinnt. Simon bekommt kaum Luft. Er spürt sein Herz schmerzhaft in seiner Brust schlagen. Jetzt schaut er verwirrt um sich. In der linken Zimmerecke entdeckt er einen bis zur Decke reichenden reichlich geputzten Weihnachtsbaum. Fassungslos, und mit weit geöffnetem Mund, blickt er auf Tausend brennende Kerzen und hunderte rote Kugeln, in denen sich das Kerzenlicht um ein vielfaches bricht. Simon öffnet einen weiteren Knopf seines Hemdes und hofft auf Beruhigung seines Herzschlages. So einen prächtig geschmückten Baum hat er zuvor noch nie gesehen. Mit den Augen verfolgt er den Baum bis zur Spitze. Dafür muss er sich weit zurücklehnen und aufpassen, dass er nicht nach hinten wegfällt. Auf einmal öffnet sich um einen Spalt die Zimmerdecke. Unzählige weiße Federn schweben lautlos auf Simon herab. Trotz seines Bemühens, schafft er es nicht auch nur eine der Federn zu greifen. Geschickt weichen die Federn ihm immer wieder aus. Bevor die Federn den Fußboden berühren könnten Die Federn fallen zu Hauf in Richtung Fußboden kommen dort aber nicht an. Bevor sie den Fußboden berühren könnten, lösen sie sich auf, wie Seifenblasen. Fasziniert beobachtete Simon das ihm sich bietende Schauspiel. Erneut blickt er zur Zimmerdecke. Er beobachtete eine einzelne besonders große weiße Feder, die sich ihm schwebend nähert. Diese Feder hätte Simon gerne in seinen Besitz gebracht. Er greift nach ihr. Ohne Erfolg. Die Feder weicht dem Greifer aus. Sie scheint mit Simon zu spielen. Sie wippt hin und her und lässt glauben, dass er sie zu fassen kriegt. Simon dreht sich mit der Feder im Kreis. Immer schneller, immer schneller. Ihm wird schwindelig und sein Mund ganz trocken. Er schwankt. Simon hat Mühe sich auf den Beinen zu halten. Er fällt hin. Liegt mit dem Rücken auf dem Boden. Die Feder schwebt über ihn. Noch einmal versucht Simon die Feder zu greifen. Er bekommt sie endlich zu fassen. Simon freut sich. Noch während er sich aufrichtet um aufzustehen verwandelt sich die weiße fast gewichtslose Feder in eine schwarze, sehr steife Feder. Diese Art von Feder mag er nicht. ‚Schwarze Feder bringen Unglück’, denkt Simon, ‚sie bringen Unheil.’ Angewidert bricht Simon die Feder und wirft sie geknickt weit von sich. Wellenartig macht sich Panik in ihm breit. Das Erlebte raubt ihn fast den Verstand. Er konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass es noch nicht alles war, was er zu durchleben hatte. Plötzlich wird es ganz hell im Raum. So hell, dass Simon seine Augen zusammenkneifen muss. Mit weitgeöffneten Augen befürchtet er geblendet zu werden. Nur sehr langsam gewöhnt er sich an das gleißende Licht. ’Wo kommt die Helligkeit her?’, fragt sich Simon und schaut verunsichert in alle Richtungen des Raumes. Er sieht, wie sich vor den blinden Fensterscheiben ganz langsam zwei riesengroße Sonnenblumen aufbauen. Erst entdeckt er nur die Blütenspitzen, dann ganze Blütenblätterkränze in deren Mitte sich die Blütenkörbe befinden, von denen, so scheint es, die ganze Strahlkraft ausgeht. Der gesamte Raum wirkt wie in Gold getaucht. Selbst der Weihnachtsbaum schafft es nicht gegen die Leuchtkraft der Sonnenblumen anzugehen. Auffällig ist, dass die Innenfläche des Rahmens ohne jeden Glanz ist. Nach wie vor ist die graue Wandfläche zu erkennen. Warum das so ist, weiß Simon nicht. Er hat auch keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen weil er von einem Geräusch abgelenkt wird, das ihm sehr bekannt ist. Er hört Meeresrauschen begleitet von Möwengeschrei. Kaum noch bei Sinnen versucht Simon wie im Fieber die Herkunft des Geräusches auf die Schliche zu kommen. Simon vermutet, dass das Geräusch von hinter der großen Flügeltür kommt, durch die er den Raum betreten hatte. Je mehr er sich der großen Flügeltür nähert, desto stärker nimmt er das Rauschen wahr. Vorsichtig versucht Simon die Türklinke nach unten zu drücken. Er spürt, dass auf die Tür ein unheimlicher Druck ausgeübt wird. Plötzlich springen beide Flügel der Tür auf. Eine mächtige Welle schwappt ihn entgegen. Simon glaubt, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Er stellt sich darauf ein, dass er sogleich wegspült wird und in den Fluten ertrinkt. Nichts dergleichen passiert. Die Wassermassen teilen sich vor Simon und fließen rechts und links an ihm vorbei. Hinter ihm vereint sich das Wasser wieder und fließt, ja wo fließt es hin? Simon wagt es sich umzudrehen. Er glaubt nicht was er sieht. Er sieht, wie die Wassermassen im Boden versickern und keine Spuren hinterlassen. Er tastet sich ab und stellt fest, dass er, bis auf den Angstschweiß, völlig trocken geblieben ist. Simon weiß nicht was er machen soll. ‚Nur raus hier’, denkt er. Er hofft eine Fluchtmöglichkeit ausfindig zu machen. Die Tür, durch die die Wassermassen drangen hat sich wie von Zauberhand wieder geschlossen. Anstelle einer Türklinke hängt jetzt ein mit einer Kette versehenes Vorhängeschloss. ‚Ein davonlaufen durch diese Tür ist ausgeschlossen’, denkt Simon und schaut in Richtung Weihnachtsbaum. Er wünscht sich hinter dem Baum eine weitere Tür durch die er den Raum verlassen könnte. Er merkt, je mehr er sich dem Baum nähert, dass die Hitze, die die brennenden Kerzen erzeugen, immer stärker wird. Erst jetzt entdeckt er, dass die meisten der roten Kugeln von der enormen Hitze geplatzt sind. Der Gedanke verbrennen oder sogar platzen zu müssen, lässt ihn inne halten. Panikartig zieht er seinen offen getragenen Mantel, den er schon längst hätte ausgezogen haben sollen, aus und lässt ihn achtlos auf den Boden fallen. Anschließend knöpft er sein Hemd ganz auf und zieht es aus der Hose. Sein Unterhemd ist schweißnass. Simons Haare kleben unkontrolliert an Stirn und Nacken. Wie Regentropfen perlt der Schweiß durch seine Haare und tropft in seinen Nacken und auf die Schultern. ‚Trinken’, denkt er ‚ich brauche was zu trinken sonst verdurste ich.’ Sehnsuchtsvoll schaut er zu den Fenstern hinter deren Scheiben noch immer die Sonnenblumen strahlen. ‚Mir bleiben als Fluchtmöglichkeit nur noch die Fenster’, denkt Simon. Mit beiden Händen schützt Simon seine Augen vor dem gleißenden Licht und geht auf die Fenster zu. Die Hoffnung, weniges eines der Fenster öffnen zu können, erfüllt sich nicht. Für einen Moment überlegt er eine der Fensterscheiben zu zerstören, lässt dann aber gleich wieder ab von dem Gedanken. Er weiß nicht, was passiert wenn das Glas zerspringt und die Glassplitter auf ihn niederregen. Verzweifelt blickt er auf den Rahmen. Ohne daran zu glauben, dass der Rahmen ihm eine Fluchtmöglichkeit bieten könnte, berührt Simon mit seiner linken Hand die Innenfläche und drückt sie gegen die Wand. Die hart geglaubte Wandfläche erweist sich weich wie Pudding. Mühelos kann Simon seine Hand durch eine labbrige Masse stecken. Plötzlich spürt er einen stechenden Schmerz in seinem Mittelfinger. Ein lautes „Aua“ ist die Antwort auf seinen Schmerz, der nur kurz anhält. Mutig schieb Simon seinen Arm bis zur Achselhöhle nach. Ihm ist jetzt alles egal. Er hat nur den einen Wunsch: Weg von diesem unseligen Ort. ‚Wo Hand und Arm durchdringen können dürfte auch der ganze Körper durchgehen’, denkt Simon. Und tatsächlich schafft er es dem unheilvollen Ort durch den Rahmen vollständig zu entfliehen.
‚Aua! Wo bin ich?’ fragt er sich und schaut erschöpft auf seinen Schlafanzug. Alle Knöpfe der Pyjamajacke sind geöffnet. Jacke und Schlafanzughose sind zum auswringen nass. Nachdem ihm klar ist, dass er sich in seinem Bett befindet und er einen blöden Traum hatte, kann er sich beruhigen. „Aua, was ist das denn?“ Simon schaut auf seinen linken Zeigefinger in dem ein Kaktusstachel steckt. „Blöder Kaktus“, schimpft er „ich hätte dich gestern Abend doch noch umstellen sollen. Scheinbar bin ich dir, während ich schlief, zu nahe gekommen.  Simon zieht ganz vorsichtig den Stachel aus der Fingerkuppe. Den Bluttropfen der sich bildet, saugt er mit den Lippen auf. Noch den Finger an den Lippen gepresst schaut er auf die Wand gegenüber von seinem Bett. Dort hängt ein leerer Rahmen. Jetzt wird es ihm unheimlich. Wie in Zeitlupe legt er sich wieder hin und zieht sich die Bettdecke über den Kopf. ‚Was soll das?’ denkt er. Simon weiß nicht, dass sich das Bild aus dem Rahmen gelöst hatte und auf dem Fußboden liegt.
 
PS. Nachdem Simon seinen Schock überwunden hatte, hat er das Bild neu gerahmt und aufgehängt. Der Kaktus hat seinem Platz jetzt im Wohnzimmer und .... der Albtraum hat sich nicht wiederholt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.08.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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