Wolfgang Küssner

Das russische Alphabet

Ende der siebziger Jahre bekam ich auf der Frankfurter Buchmesse einen Bildband über die Krim in die Hände. Die Sehenswürdigkeiten der Halbinsel (das „Schwalbennest“ auf den Klippen von Jalta, der Khanpalast, die Wladimir-Kathedrale mit der antiken Stadt Chersonesos etc.) wurden dem Betrachter in wunderschönen Aufnahmen präsentiert. Dieser Tage bin ich immer wieder an diesen Bildband erinnert, denn es gab auch Fotos von Urlaubern an den Stränden von Sewastopol und Jalta zu sehen, wie sie das Bad in der Sonne genossen. Die Erholungssuchenden lagen nicht etwa auf dem Boden mit den vom Meer rundgewaschenen Steinen, sie standen aufrecht und breiteten ihre Arme aus, als wollten sie die Sonne einfangen.

An thailändischen Stränden, und sicherlich nicht nur hier, sind russische Urlauber meistens neben dem zeitig beginnenden Alkoholkonsum (sie haben hier übrigens viele Konkurrenten) und dieser aussergewöhnlichen, gewöhnungsbedürftigen Armbewegung schon von weitem zu erkennen. Die Haltung sieht man nur bei Russen – ein Alleinstellungsmerkmal. Oh, wie doppeldeutig.

Da fragt man sich als stiller Beobachter der Szenerie: Sind das Durchblutungsübungen? Geht es hier um Rheuma-Prophylaxe? Wird nahtlose Bräune angestrebt?  Sollen die Arme schlank gehalten werden? Ist es eine von Robert Wilson entwickelte Gymnastik des Verharrens? Handelt es sich um Rudimente einer maritimem Flaggen-Konversation? Dienen die Zeichen der Verständigung? Sie erinnern sehr an Positionen von Bodenlotsen auf Flughäfen. Ich tendiere dazu, in den Armhaltungen Übungen für das russische Alphabet zu sehen. Warum, werden Sie jetzt fragen. Ganz einfach:

Zwei leicht vom Körper abgespreizte Arme – ein typisches kyrillisches A. Der linke Arm am Körper anliegend, der rechte empor gestreckt und am Ellbogen angewinkelt über dem Kopf liegend – ein klares B. Der rechte oder linke Arm gerade vom Körper weggestreckt – das ist logischerweise ein kyrillisches G. Mit beiden Armen wird ein Kreis geformt, sodass die Sonne auch die Achselhöhlen bestrahlen kann – nicht nur in Russland ein O. Beide Arme gleichzeitig vom Körper weggestreckt, die Hand mit der Innenseite nach oben – ohne Frage ist es der Buchstabe T. Beide Arme voll nach oben gestreckt – das kyrillische U. Jüngst sah ich den rechten Arm in G-Position, den linken angewinkelt nach oben zeigend und beidhändig die Finger paarweise zwischen Ring- und Mittelfinger gespreizt – das konnte nur das russische SCHTSCH ein.
Obige Beispiele werden die letzten Zweifel beseitigt haben. Bei den Strandpositionen geht es um Buchstaben, um Sprache. Sozusagen Kulturexport. Kyrillisch – auch im Urlaub – aufgrund des Alkoholkonsums permanent in Erinnerung gebracht und ganz einfach erlernbar. Und damit es noch leichter geht, lassen Sie uns mit einem 100 Gramm-Glas Wodka anstossen: Auf das russische Alphabet. Nastrovje.
 
Mai 2016
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.09.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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