Sven Eisenberger

Infam

Die Unschärferelation der Liebe: Manche Paarbeziehungen scheinen an irgendeinem Punkt – ein Ereignis, das exakt lokalisierbar, aber zeitlich nicht bestimmbar ist – so sehr und sicher in eine desolate Schieflage zu rutschen, dass man als Außenstehender unbedingt intervenieren möchte, es dann aber aus feiger Trägheit oder reiner Lebensklugheit heraus doch unterlässt.

Willi ist ein Mensch, dem ganz schlicht einmal getroffene Entscheidungen erklärt werden müssen. Ihn kommentarlos vor vollendete Tatsachen zu stellen, ist prinzipiell keine gute Idee, denn er kann mit dem plötzlich entstandenen Vakuum in zwischenmenschlichen Beziehungen einfach nicht umgehen. Vielleicht ist das seine, durchaus nicht unsympathische, "weibliche" Seite: Reden bis zum Umfallen – Hauptsache, danach ist alles geklärt. Sie betonte dagegen gerne ihre "männlichen" Anteile oder besser das, was sie dafür hielt: schon nach ihrem ersten größeren Krach hatte sie alle seine Briefe und kleinen Geschenke vernichtet, und so war es wenig verwunderlich, wenn sie nun den Kontakt zu ihm abrupt und radikal abbrach. Absolute Kontaktsperre. Vielleicht hatte sie in ihrer ordentlich aufgereihten Ratgeberliteratur gelesen, dass man Beziehungen auf diese Weise mit höchstem Effizienzgrad beendet. Dabei war sie selbst nach eigenem Bekunden ein sprachsensibler Mensch und ein wahrhaft Herdersches “Redetier”, das Willi entweder gekonnt argumentativ austricksen oder kurzzeitig in süßesten Tiefschlaf reden konnte. Wer Deutsch unterrichtet, muss das wahrscheinlich von sich behaupten: der übliche Berufsdünkel, den allenfalls befragte Schüler erschüttern könnten.
Unabhängig davon, was von ihrer vollmundigen Selbsteinschätzung zu halten war, nahm die Katastrophe für meinen Freund hier erst ihren Anfang. Willi ist einer, den man landläufig zu Recht eine “Seele von Mensch” nennt: großzügig, offen, sensibel, tolerant - nicht im Sinne von gleichgültig – und daher mitfühlend, weder besitzergreifend, aufbrausend, noch nachtragend. Menschen, die ihn nicht näher kennen, sind versucht, ihn für einen Buddhisten zu halten, weil er stets in sich selbst zu ruhen und das “Alles Loslassen” zutiefst verinnerlicht zu haben scheint. Eigentlich gute Vorbedingungen für eine Beziehung mit einer bekennenden Buddhistin. Er kann wirklich genießen und sich an den kleinen Dingen, die das Leben zu bieten hat, erfreuen; überdies besitzt er einen feinen Humor und die seltene Gabe, seine Mitmenschen mit ein oder zwei wohlgesetzten Sätzen – ohne jegliche Pointe – in den Zustand nicht enden wollender Lachanfälle zu versetzen. Wie er mir erzählte, konnte er auch in ihrem Fall nahezu hysterische Lacharien provozieren, die ihrer Beziehung sehr gut taten. Selbst ihrer Fundamentalangst, belogen und hintergangen zu werden, konnte er erfolgreich begegnen, denn Willi ist ein so grundehrlicher Typ, dass es manchmal schmerzt und sich seine Freunde fragen, ob nicht vielleicht eine zerebrale Störung vorliegt. Als Elfjährigen hatte ihn einmal in einem Straßenkampf mit britischen Jugendlichen ein Vierkantstein “böse am Kopf erwischt”. Zwei Wochen Krankenhausaufenthalt - ohne Fernsehen, nachdem er den Ärzten mitgeteilt hatte, dass er alle Bilder in der Serie "Daktari" vierfach sehe, obwohl selbst Clarence, der schielende Löwe, es nur auf Doppelbilder brachte.

Gleichwohl ist er ganz bestimmt kein “Opfertyp”, denn die Kehrseite seines humoristischen Talents ist die außerordentliche, oft bewunderte, jedoch an sich unheilvolle Begabung, ihm zutiefst unsympathische und ihn offensiv angehende Menschen dank seiner rhetorischen Fähigkeiten in zwei Sätzen komplett zu demontieren und aus der Fassung zu bringen. Das hatte ihm schon während des Studiums einige langanhaltende Intimfeindschaften und einen gefürchteten Ruf in zahlreichen Kolloquien eingebracht. Da er um die zerstörerische Wirkung seines Mundwerks wusste, vermied er es grundsätzlich, diese “Waffe” selbst in den spannungsgeladenen Momenten einer Beziehung einzusetzen. Doch niemand kann sich ständig unter Kontrolle halten, und so passierte es ihm in der Vergangenheit gelegentlich, dass Beziehungen mit Frauen unwillkürlich schon dort beendet waren, wo sie aus seiner Sicht eigentlich erst hätten beginnen können und sollen. Vermutlich hat sich niemand in seinem Leben so oft vergeblich entschuldigt wie er. Es gibt Talente, die sind eben einfach ein Fluch!

Eigentlich hätte ich ihn warnen müssen, dass eine Frau, die stets nur mit viel jüngeren Männern kurzzeitige Beziehungen hatte, wohl kaum geeignet sei, ihm, dem sieben Jahre Älteren, eine verlässliche Partnerin zu sein. Die Zweifel mögen ihm wohl selbst gekommen sein, doch mir erschien es nahezu verbrecherisch, in seinen Zustand vollkommenen Liebesglücks rational hineinzugrätschen. Manches Unglück sieht man unvermeidlich herannahen, ohne es wirklich verhindern zu können.
Mitgefühl mit der leidenden Kreatur zeigen, auch seinen Feinden mit Liebe begegnen – kein schlechter Ansatz und nicht so weit weg vom Christentum. Auf die abendländische Konkurrenz zu verweisen, ist aber der sicherste Weg, jeder Buddhistin das ewige Lächeln aus dem Gesicht zu zaubern. Willi war in dieser Hinsicht nicht konfliktscheu und konnte als theoriegeschulter Humanwissenschaftler nie einen richtigen Zugang zu dieser unterkomplexen Zombie-Philosophie (mit unverkennbar religiösem Zeremoniell) finden, denn er kam nicht umhin, die unangenehme Feststellung zu machen, dass mit Ausnahme einiger Virtuosen der außerweltlichen Askese, die sich den betriebenen Personenkult fürstlich entlohnen lassen, das selbsterfahrungshungrige Fußvolk permanent eben jene widerspruchsgesättigten Zyklen aus mitverantwortetem Leiden und wohlfeilem Mitgefühl reproduziert, denen es letztlich zu entkommen sucht. Wenn unmittelbar gerade niemand leidet, sorgt man eben "liebevoll" selbst dafür und zeigt dann das obligate "Mitgefühl": Karmafutter. Blumfeld waren da in den 1990ern schon einige Schritte weiter: “Das soll Ich sein, ich schlage ins Wort ein...”

Nach dem Satz “Donald Trump braucht kein Mitgefühl, sondern richtig was auf´s Maul!” hätte er sich galant für immer verabschieden müssen, aber den richtigen Zeitpunkt zu finden, war nun wahrlich nicht Willis Stärke. Vielleicht hatte er auch auf die Überzeugungskraft des stärkeren Arguments gesetzt. Er hätte sich in jedem Fall viel Unheil erspart, und manche Erfahrungen lassen sich nun wirklich nicht als Gewinn verbuchen. In all seiner Not suchte er noch zweimal das persönliche Gespräch mit ihr, auf das sie sich immerhin einließ. Hier wäre ich fast geneigt, ihr meinen Respekt auszusprechen, wenn sie ihm nicht in ihrem letzten Gespräch infamer Weise vorgeworfen hätte, dass sein Verhalten an das eines Stalkers grenze. Zu ihrer Entlastung sei angemerkt, dass sie dereinst eine wohl sehr unangenehme Stalking-Erfahrung gemacht hatte, wie sie Willi schon frühzeitig mitteilte. Dieser – natürlich auch sehr junge – Mann habe ihr noch Jahre später Blumen zum Geburtstag geschickt. Ich fand es nur erstaunlich, was doch alles als “Stalking” bezeichnet werden kann. Ob manche Menschen solche Konstrukte benötigen, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern?
Jedenfalls war Willi ob dieser Bezichtigung dermaßen verstört, dass er sich krank meldete und eine Woche lang seine Wohnung nicht verließ. Er hatte mit Frauen schon so einiges erlebt, aber das hat ihn wahrhaftig umgehauen. Wie einfach es doch ist, einen liebenden Menschen zum Monster zu degradieren und vollständig aus seinem Leben herauszuschneiden. Na, wenigstens ihr Mitgefühl würde ihm wohl sicher sein! Später vertraute er mir an, dass eine andere Stelle ihres finalen Dialogs ihn fast noch mehr getroffen hatte. Da sie sich schon zuvor ein paar mal von ihm getrennt hatte, aber immer wieder zurückgekehrt sei, sagte er ihr, dass er nicht glauben könne, sie würde ihren Abschiedsvorsatz wirklich ernst meinen. Sie antwortete: “Ja, ich weiß, das habe ich dir so beigebracht!” Fassungslos entgegnete er: “Beigebracht? Ich bin doch kein Hund, den man dressieren kann!”

Doch Willi, du bist ein armer Hund, denn du hängst noch immer an der Leine, die nicht mehr existiert. Genieße das Leben als Straßenköter und beiße jegliche Hand, die sich dir als diejenige eines künftigen Frauchens nähert!

 

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