Sven Eisenberger

Heinz

Biographien des Kleinen Mannes sind selten, doch wenn geschrieben, meist in eine literarische Erzählform eingebettet, die den Leser bald erkennen lässt, dass der sogenannte “kleine Mann” tatsächlich sehr wohl ebensolche Größe erlangen kann wie die vermeintlich Großen der Geschichte. Heinz jedoch war wahrlich klein von Herkunft und Gestalt, geboren anno 1917 im sächsischen Zwickau als Sohn eines Kleinhändlers, der in den krisengeschüttelten frühen 1920er Jahren in den Beruf eines Straßenbahnschaffners wechselte, und einer Köchin mit dem Vornamen Selma, welche einer in der "Großen Depression" des 19.Jahrhunderts verarmten Textilfabrikantenfamilie entstammte.
Als achtjähriger Junge sah er exakt aus wie der etwa gleichaltirge Joey von den fernatlantischen “Kleinen Strolchen”, nur nicht gar so schmutzig, denn auch im sächsischen Kleinbürgertum wurde offenbar auf Sauberkeit großer Wert gelegt. Seinem trotzigen Gesichtsausdruck haftete dennoch etwas Ängstliches an, welches auf die bewegendste Geschichte verwies, die er mir je anvertraut hatte. Als er sechs Jahre alt war, starb seine über alles geliebte ältere Schwester Dora an Diphterie. Sie muss so eine große Schwester gewesen sein, wie ich sie mir selbst immer gewünscht hatte: dunkle Schönheit, klug, nachsichtig, liebevoll, präsent. Stets an seiner Seite gewesen, war sie nun einfach nicht mehr da. Wenige Wochen nach ihrem Tod ging er auf einem Familienfest im Getümmel einer weitläufigen Verwandtschaft verloren, und es dauerte eine geschlagene Stunde, bis er endlich seine Mutter wiederfand. Nur eine einzige Stunde im Zeitgebirge eines achtzig Jahre währenden Lebens, jedoch eine, die ihn wie eine gefräßige Felsspalte verschlang und in die Kavernen totaler Finsternis hinabzog. Es sind diese scheinbar belanglosen und gern belächelten Momente, die sich tief ins emotionale Gedächtnis eines Kindes eingraben und auch später die Psyche des Erwachsenen prägen. Anders als den meisten Männern seiner Generation gelang ihm die Selbstanalyse, der Blick in den schwarzen Spiegel: Die Angst davor, allein gelassen zu werden und verloren zu sein, bestimmte zeitlebens sein Handeln. Kompromisse suchen, auch dann, wenn sie bisweilen nicht möglich waren; nachgeben, wenn zu viel auf dem Spiel stand; rational und nicht emotional handeln; mitmachen, ohne jemals wirklich dazu zu gehören; die Gesellschaft Anderer ertragen, selbst wenn sie einem zuwider waren; Verständnis aufbringen, auch dort, wo es nicht mehr angebracht war.

Ich sah einst Fotos von ihm als jungem Mann: Reicharbeitsdienst ab 1936, ein muskelbepackter, schwarzhaariger “Schrumpfgermane” mit Stirnlocke und bärbeißigem Gesichtsausdruck. Wie er noch Jahrzehnte später mit Bedauern erzählte, konnte er aufgrund einer drei Tage vor dem Aufmarsch auf dem Reichsparteitag in Nürnberg erlittenen Fußverletzung nicht teilnehmen, obwohl er als Musterathlet bereits dafür ausgewählt worden war. Das Glück schien ihn auch während der folgenden Kriegszeit verlassen zu haben, denn seine militärische Laufbahn als Funker bei der Luftwaffe endete frühzeitig, nachdem er auf seiner Fahrt in den Heimaturlaub vergessen hatte, das von einem Hauptmann ihm beigegebene Päckchen für dessen Frau mitzunehmen. Die Reaktion des Offiziers war die wutentbrannte Verweigerung jeglicher Beförderung, solange er unter dessen Führung stand. Heinz fügte sich in sein Schicksal und bestätigte wider Willen das alte preußische Vorurteil, dass Sachsen keine guten Soldaten seien. So brachte er es die gesamte Kriegszeit über nicht einmal zum Unteroffizier wie jene Handvoll seiner, dem Heldentod entgangenen Kameraden, für die der hochmusikalische Anti-Held an Gesellschaftsabenden Klavier spielte. Welch ein sympathisches Malheur, und dennoch gelang ihm noch Großes aus Sicht der Nachgeborenen: Er überlebte den Krieg, sogar unverwundet, und geriet im April 1945 irgendwo in Norddeutschland in britische Gefangenschaft, die ersten Wochen in einer Erdkuhle im Freien kampierend. Seine persönliche "Stunde Null" war jener, in seinen Erzählungen stets wiederkehrende Moment, als “der Engländer” ihm als erstes seine Armbanduhr abnahm, welches er diesem nie verzeihen konnte. Zum Trost boten sie ihm bald darauf einen Job als Lastkraftwagenfahrer an – kein schlechter Tausch im Nachkriegsdeutschland! Die Distanz blieb jedoch und war noch vierzig Jahre später spürbar, als seine Enkeltochter einen waschechten Engländer heiratete und er endlich beide Füße auf die einst invasionsbegehrte Insel setzen konnte. Nach anfänglichen Missverständnissen gelang ihm letztlich doch die beglückende Erkenntnis, dass ihm der Feind von damals viel ähnlicher war als er sich jemals hatte eingestehen wollen.
Und noch eines verdankte er “dem Engländer”, denn wie so viele, die in jungen Jahren an die “großdeutsche” Sache geglaubt hatten, absolvierte er die sogenannte ´Reeducation´ erfolgreicher, als irgendjemand es damals für möglich halten konnte. Er wurde ein Musterdemokrat, lernte sogar seines Vaters Sympathien für Friedrich Ebert und die erste deutsche Demokratie zu schätzen und sich zu eigen zu machen. Er lernte, dass die Republik ohne eine starke Sozialdemokratie stets gefährdet sein würde, dass der Konflikt, aber auch der Kompromiss der Treibstoff des Staatsschiffdiesels sind, und er hat diese Erkenntnis nicht zuletzt gewinnbringend in seiner gewiss nicht einfachen Ehe beherzigen können. Dennoch war ihm anzumerken, wie sehr er gegen den jugendlich empfangenen Virus des Antisemitismus anzukämpfen hatte, je älter er wurde. Einmal erzählte er mit Unbehagen, wie er auf Heimaturlaub einen alten Schulfreund auf der anderen Straßenseite erblickte, jedoch von einem Gruß Abstand nahm, als er sah, dass dieser nun einen “Judenstern” am Revers trug. Je mehr er versuchte zu erklären, was passiert war, um so stärker kam das Bewusstsein einer gefühlten Mitschuld zum Vorschein, obwohl er stets beteuerte, unmittelbar an keiner Untat selbst beteiligt gewesen zu sein. Wie so viele, wusste auch er natürlich mehr von der Massenvernichtung, als er jemals zugegeben hatte. Dass das “jüdische Finanzkapital” insgeheim die Welt regiere, daran glaubte er bis zu seinem Lebensende.
Später arbeitete er als Verwaltungsangestellter am Landgericht und stand nicht selten fassungslos vor den Akten, in denen Kindesmisshandlungen und familiäre Totschlagdelikte dokumentiert waren. Heinz war ein sensibler Mann, und doch war es schwer vorstellbar, ihn weinen zu sehen. Zäh und gütig; Hang zur Gemütlichkeit, die Verdrängung ermöglichte. In all seiner Unauffälligkeit war er die fleischgewordene Bundesrepublik: in den späten 1950er Jahren wurde er wirtschaftswunderlich dick und rauchte Zigarillos; in den frühen 1960ern fuhr er erstmals mit dem Verwandtschaftstross seiner ebenfalls füllig gewordenen Frau im NSU Prinz nach Italien und dann wiederholt nach Jugoslawien in den Urlaub, wo er eine enge Freundschaft mit einem früheren kroatischen Partisanen schloss, die mit Strömen von Slivovitz besiegelt wurde; in den 1970ern wurden seine Autos etwas größer, und er kehrte sorgsam die Scherben der gescheiterten Ehe seiner Tochter auf, deren Ex-Mann ihn respektvoll weiterhin “Vater” nannte; in den 1980ern kauften er und seine Frau eine Eigentumswohnung, für die sie ein Arbeitsleben lang gespart hatten; das “Epochenjahr” 1989 war keines für ihn, obwohl er ein halbes Jahr später noch einmal in “seine alte Heimat” fuhr, die er 30 Jahre lang nicht besucht hatte, weil ihm die "rotlackierten Nazis" zuwider waren. Ein vor langer Zeit verlassenes Zuhause, das nur in seiner Erinnerung stellenweise lebendig wurde. Die Wohnung der Eltern in Zwickau fand er nach einigen Anläufen noch wieder, das Gefühl nicht.
Die Leerstelle des Nationalgefühls wurde in der alten Bundesrepublik durch den massenhaft zur Schau getragenen Autofahrerstolz besetzt, und Heinz war der Prototyp des teutonischen Kilometerfressers. Heinz tat Zeit seines Lebens das, was alle taten, doch auf irritierende Weise wirkte er auch immer etwas abseits stehend und ein wenig verloren wie der sechsjährige Junge von damals, der seine große Schwester verloren hatte. Als sein Schwager sich in hohem Alter endlich ein Mercedes-Coupè leisten konnte, bescheinigte er ihm treffsicher eine “senile Großmannssucht”, denn für ihn stand bereits fest, dass er nach 500.000 unfallfreien Kílometern schließlich seinen Führerschein abgeben würde, weil er sich dem Straßenverkehr nicht mehr gewachsen fühlte. Er war ein besonnener Mann, und dieses Maß an Selbsteinsicht zeigte, dass er, tief verwurzelt im Gewöhnlichen, auch ein besonderer Mann war.

Ein Jahr später absolvierte er den ersten Krankenhausaufenthalt seines Lebens, dem dann unvermeidlich in kurzer Abfolge weitere folgten. Er freute sich auf die große Milleniumsfeier, die er im Kreise der großen Verwandtschaft in Berlin verbringen wollte. Es wäre ihm fast gelungen, hätte ihn nicht ein zweiter Schlaganfall kurz vor der Ziellinie abgefangen.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Sven Eisenberger).
Der Beitrag wurde von Sven Eisenberger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.10.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die blauen Märchen. Märchen für kleine und grosse Kinder von Elke Anita Dewitt



"Wie willst du mir denn helfen, liebe Birke?", seufzte Elise traurig.
"Ich kenne viele Geschichten, die der Wind mir zugetragen hat. Als Kind hast du mich mit Wasser und deiner Fürsorge genährt. Heute nähre ich dich mit meiner Kraft und meinen Geschichten."
"Erzähle mir deine Geschichten, lieber Baum," sagte Elise.
Da begann die Birke zu erzählen. "Dies sind die Geschichten der Blauen Märchen."
So lyrisch beginnt eines der "Blauen Märchen", die Elke Anita Dewitt in ihren neuen Buch erzählt und die voller Zauber nicht nur Kinder begeistern, sondern auch das Kind gebliebene Herz, das in jedem Erwachsenen schlägt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Historie" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Sven Eisenberger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Perfect Day (1997) von Sven Eisenberger (Skurriles)
Der Tod des Templers von Claudia Laschinski (Historie)
… Susanna im Bade (ein zeitgemäßes Bildnis …) von Egbert Schmitt (Humor)