Hans Fritz

Mauersegler Willi

... plaudert aus der Vogelperspektive über die Evolution des Fliegens

Nehmen wir mal an, der Mauersegler Willi sei Mitglied eines Kompetenzteams zur Erforschung der Entwicklung des Flugvermögens von Tieren. Was er dazu, meist im Plauderton, beizutragen hat steht im folgenden Text. Willis Flugpartner sind, ausser seiner Gefährtin Lara, der als 'Vogel Allwissend' glänzende Mauersegler Samiel, die Fledermaus Fanni und eine Taube, die Schöne Columbine.

Viele Vögel sind gute Flieger, doch wir Mauersegler sind die besten, lassen wir einmal den Albatros ausser Acht. Gerade die unbestrittene, hohe Flugqualität lässt uns etwas tiefgründiger über die Entwicklungsgeschichte des Fluges im Tierreich nachdenken, als vergleichsweise Allerweltsvögel wie die Krähen und die Sperlinge. Ich möchte das stellvertretend für meine Mitsegler in der Kolonie, ganz besonders aber für meine Gefährtin Lara und die beiden Kleinen im Nest tun. Srieh!

Hier bedarf es einer Erklärung zwischendurch. Im Gegensatz zur melodiösen Sprache der Amsel und anderer Singvögel ist unsere Sprache etwas einsilbig. Im schlichten Wörtchen srieh steckt jedoch, vorausgesetzt es wird richtig moduliert, unsere ganze Art der Kommunikation.

Doch weiter im Text. Wie schon angedeutet, hat die Natur uns Mauersegler mit Merkmalen ausgestattet, die etwas ausserhalb der allgemeinen Vogelnorm liegen mögen. Allein die schmalen, sichelförmigen Flügel sind ein besonderes Zeichen der zweckmässigen Anpassung an ein Leben im freien Luftraum, wo wir fast unser ganzes Leben verbringen, wenn wir uns nicht gerade um den Nestbau und den Nachwuchs kümmern müssen. Man höre und staune: Wir können auch nachtsüber, auch schlafend, durch die Luft segeln. Was das Wetter betrifft, können uns schlappe Schauer nicht schaden, Starkregen und schwere Gewitter schon. Notfalls müssen wir in ein anderes, noch trockenes Gebiet überwechseln, oder das Nest aufsuchen.

Das Nest haben wir in einer Mauernische der unter Denkmalschutz gestellten alten Wehranlage der Vorstadt gebaut. Hier sind wir vor Räubern gut geschützt. Turmfalken und Krähen kommen hier nicht so ohne Weiteres hin. Katzen können eher der Vogelbrut am Boden oder in Geäst der Bäume gefährlich werden. Auch Ratten können sich an noch nicht flüggen Jungvögeln vergreifen. Hol sie der Geier!

Es wird für uns Mauersegler immer schwieriger geeignete Orte fürs Anlegen des Nestes zu finden. Die neuen Gebäude der Städte haben meist sehr glatte, nischenfreie Wände und Dachvorsprünge gibt es kaum.

Nicht weit von unserem Nest, unter dem Dachvorbau, knapp unter einer Luke, haust die Schöne Columbine, die Stadttaube mit der graublauen Grundfarbe. Ach je. Ihre Flugkunst entspricht gepflegtem Mittelmass. Das genügt ihr aber durchaus zum Flug über den Marktplatz und von Futterstelle zu Futterstelle. Schliesslich braucht sie keine Insekten im Flug einzufangen. Ich habe die Columbine auch schon am dreistöckigen Brunnen vorm Rathaus trinken sehen, einem beliebten Treffpunkt des Taubenvolks. Wir Segler bedienen uns im Gleitflug aus dem oberen Brunnenbecken. Pah, das will gelernt sein! Das Auffangen von Regentropfen im Flug ist leichter.

Die Wissenschaft hat dem Mauersegler den Namen Apus apus verpasst, das heisst, wörtlich genommen, der Fusslose, und das gleich zweimal! So eine Respektlosigkeit, um nicht zu sagen Frechheit. Zugegeben, es ist schon schwer an unseren extrem kurzen Läufen so etwas wie einen richtigen Fuss, geschweige denn ein Bein zu entdecken. Die vier nach vorne gerichteten Zehen genügen uns vollauf zum Anklammern an Mauerwerk. Storchenbeine wären da völlig fehl am Platz. Das Einfangen von kleinen Insekten, manchmal auch Spinnen, geschieht in rasantem Flug. Wir verschmähen grosse Insekten, die sich sowieso meist in den unteren Etagen des Luftraums aufhalten. Wir überlassen sie gerne den Fledermäusen. Auch meiden wir, wann immer es geht, solche stachelbewehrten Brummer wie die Wespen. Denn wir wissen, dass schwarz-gelb eine Warnfarbe ist. Srieh!

Gäbe es keine flugfähigen Insekten, böte der Luftraum keine Nahrung für viele Vögel und die Fledermäuse. Als an die Flugsaurier für die nächsten 100 Millionen Jahre der Erdgeschichte noch nicht zu denken war, entstanden bei urtümlichen Insekten Ausstülpungen der Haut, die sich nach und nach zu funktionstüchtigen Flügeln entwickelten. Unter den heutigen Insekten gibt es verdammt schnelle Flieger, wie die Libellen und die 'Zweiflügler', auch Dipteren genannt. Von Freund Samiel, dem Vogel Allwissend unter uns Mauerseglern, weiss ich, dass die absolut noch flugunfähigen Jungformen der Insekten meist irgendwo am Boden oder sonstwo umherkriechen, oder im Wasser leben. Sie haben in den meisten Fällen eine nur geringe oder gar keine äussere Ähnlichkeit mit dem erwachsenen Insekt, wohl aber mit den mutmasslichen Urahnen der Insekten. Erreicht die Larve ein bestimmtes Alter, erfolgt die Metamorphose, das ist die Umwandlung zum 'fertigen' Insekt, der Imago. Das ist eines der erstaunlichsten Phänomene der Entwicklungsgeschichte der Tiere. Um wurmähnlichen Wesen das Fliegen zu ermöglichen, mussten sie in Insekten umgewandelt werden? Wer weiss.

Die Schöpfung - wer oder was auch immer dahinter stecken mag - hat Parasiten hervorgebracht, die andere Lebewesen zwar arg schädigen können, aber im Allgemeinen nicht tödlich sind. So werden Nestlinge des Mauerseglers von der Lausfliege Crataerina pallida befallen, wogegen die Eltern praktisch nichts tun können. Schliesslich sollen nach dem Naturgesetz beide Arten, Schmarotzer und Wirt, in ihrem Fortbestand nicht gefährdet werden. Das begreife wer will, aber es ist nun mal so.

Ganz schlaue Leute, unter ihnen nicht wenige Vögel, sind zu der Erkenntnis gelangt, dass sich während der Evolution der Lebewesen enge Wechselbeziehungen zwischen Insekten und Blütenpflanzen, aber auch zwischen Insekten und 'Insektenfressern unter den Tieren' herausgebildet haben müssen. Was wären einerseits die Obstbäume ohne Insekten als Bestäuber, andererseits die Schwalben, Fledermäuse, Eidechsen, und nicht zuletzt wir Mauersegler, ohne Insekten als Nahrungsgrundlage.

Alle 'bewohnbaren' Bereiche der Erde sind im Laufe hunderter Millionen Jahre von Lebewesen besiedelt worden. Die Anpassung an den jeweiligen Lebensraum fand ihren Ausdruck häufig im Entstehen einer von der Standardform abweichenden, ja zuweilen grotesk anmutenden Form, wobei die Natur jedoch stets darauf bedacht war, solchen Arten die bestmögliche Chance des Überlebens zu geben. Der Mensch hingegen züchtet, aus welchen Gründen auch immer, Tierrassen heran, die jeder 'natürlichen' Anatomie spotten. So gibt es Taubenrassen, die sich kaum bewegen, geschweige denn fliegen können.

Da naht am sehr späten Abend das 'Phantom des Stadtparks', nämlich Fanni, die Fledermaus, genau genommen ein Abendsegler mit dem hübschen Namen Nyctalus noctula. "Hi Fanni! Srieh, srieh!" Doch die reagiert wieder mal nicht, würdigt mich keines Blicks, spürt wohl mit ihrer Ultraschallortung dicke Falter auf. Vielleicht ist Fanni gar keine 'sie'? Doch so genau habe ich da noch nicht hingeguckt, ist ja auch nicht einfach aus der gebotenen Distanz. Vor Jahrzehnten soll das schauerlich anmutende Attribut 'Phantom' den Uhu Bubo geschmückt haben. Er soll, der Legende nach, mit einem Dachs namens Baschi befreundet gewesen sein. Doch das ist eine andere Geschichte, die nicht hierher gehört. Uhus gibt es in dieser Gegend hier schon lange nicht mehr, ab und zu noch ein paar Käuze, die sich nachts in der Nähe der Häuser am Waldrand herumtreiben.

Es mag überraschen, dass fast jede fünfte Säugetierart fliegen kann. Die Grössten dieser Kategorie sind die Flughunde, die sich den so hübsch griechisch klingenden Namen Megachiroptera eingehandelt haben. Sie leben in tropischen und subtropischen Zonen der Alten Welt. Jedenfalls sind mir solche Gesellen schon im afrikanischen Mondschein begegnet. Zum Glück ernähren sich die Flughunde überwiegend von Pflanzenkost, nehmen also Insektenessern, wie wir es sind, nichts weg und wir selbst bleiben auch verschont. Wie ihre kleinen Verwandten, die Mikrochiroptera, zu denen Fanni zählt, werden sie in der Abenddämmerung aktiv. Die Fledertiere besitzen anstelle von 'echten Flügeln' Flughäute, so wie sie die riesigen Flugsaurier vergangener Epochen der Erdgeschichte besassen. Eine Flugmuskulatur setzt bei Vögeln und Fledermäusen am Brustbeinkamm an. Eine gewichtige Gemeinsamkeit!

Besonders in den Bereichen menschlicher Siedlungen wird der Lebensraum der Fledermäuse immer mehr eingeschränkt. Viele Arten sind schon selten geworden. Als Ahnen der Fledermäuse gelten Urinsektenfresser der oberen Kreidezeit. Fledermäuse sind für uns keine echte Konkurrenz, da sie fast immer in tieferen Luftschichten jagen, und das als 'Nachtaktive'. Tagsüber hängen sie in alten Scheunen und anderen Gebäuden, auch Kirchtürmen, herum und schlafen. Eher könnten die, allerdings mehr in ländlichen Bereichen schwirrenden Schwalben uns Mauerseglern Insekten wegschnappen. Trotz ähnlicher Merkmale sind die Schwalben stammesgeschichtlich nicht näher mit uns verwandt. Aber die Kolibris sind es, diese tropischen Minisegler.

Ich weiss - nein, nicht schon wieder von Samiel, ich darf ja auch mal was aus eigener Kenntnis schöpfen - dass sich die Vögel allein aufgrund ihres Skelettbaus von den Dinosauriern herleiten lassen. Von diesen Ungeheuern stammen also letzten Endes auch die winzigen, Blüten anschwirrenden Kolibris ab, und die Sperlinge, diese kleinen Hüpfer. Da gab es zu Jurazeiten den so genannten Urvogel, den Archaeopteryx. Der arme Kerl konnte kaum fliegen, eher von Baum zu Baum gleiten. Er hatte aber Zähne, und Krallen an den Flügelenden. Auch nicht alle Nachfahren der Urvögel konnten fliegen, ihre rückgebildeten Flügel waren um Abheben von einem Ast oder gar vom Boden völlig untauglich. Diatryma aus dem Paläozän war so ein flugunfähiger Koloss von zweieinhalb Metern Höhe. Die heutigen Strausse der afrikanischen Savanne fliegen nicht, sind aber stramme Läufer. Nun, was die nicht in den Flügeln haben, haben sie in den Beinen. Der Moa Neuseelands ist vor nicht allzulanger Zeit ausgestorben, nämlich als die ersten Europäer jene Inselwelt betraten. Die Pinguine der südlichen Meere fliegen gleichsam unter Wasser, indem ihre Flügel zu Flossen umgebildet sind.

Wildenten, Wildgänse und Schwäne, vom Menschen als Wasservögel bezeichnet, bewegen sich zwecks Nahrungssuche elegant mit ihren Schwimmfüssen übers Gewässer, sind aber auch gute Flieger. Nach einem scheinbar schwierigen Start können sie hoch aufsteigen und, oft scharenweise, ein weites Gebiet überfliegen.

Es gibt eine Reptilienordnung, die sich in den dreihundert Millionen Jahren ihrer Existenz kaum verändert und solche erdgeschichtlichen Katastrophen überdauert hat, die die meisten Organismen ausgelöscht haben. Es geht um die Schildkröten. Da die Unterwasserwelt nicht so sehr mein Gebiet ist, kenne ich am besten die Landschildkröten, der schlagende, lebende Beweis dafür, dass sich 'Eile mit Weile' durchaus auszahlen und darüber hinaus ein hohes Alter bescheren kann. Auch ohne die Fähigkeit zu fliegen. Manchmal könnte man fast neidisch werden.

Die Hähne vieler Hühnervögel, zu denen die Fasanen und Pfauen zählen, die Leierschwänze und Paradiesvögel, haben so genannte Schmuckfedern. Unglücklicherweise zeigt der Mensch grosses Interesse an solchen Federn und kann so den Fortbestand namentlich der tropischen Arten gefährden.

Der Mensch sieht meines Wissens im Adler den König der Lüfte. Das mag sich nicht nur auf den Steinadler beziehen, sondern als ein Sammelbegriff für alle Greifvögel von adlerähnlicher Statur gelten, also auch für Geier, Bussard und Weihe. Seit alters her gilt der 'echte Adler' als eine Symbolfigur für Macht und Würde. Heute ist er mehr als Wappentier als in freier Natur zu sehen, wo die Horste schon Seltenheitswert haben. Eine ähnliche symbolisch-mythologische Bedeutung wie der leibhaftige Adler hat der Vogel Greif, ein Fabelwesen, das schon bei alten Völkern als Löwe, Pferd usw. mit Adlerkopf und Flügeln dargestellt wurde.

Da hat mich neulich beim Überfliegen des Stadtparks etwas mächtig irritiert. Steht da doch ein riesiger Mensch aus weisssem Stein. Und der hat Flügel! Die Einsicht wäre besser gewesen, hätten die Bäume schon ihr Laub abgeworfen. Aber bis das so weit ist, bin ich schon lange über alle Berge. Ähnliche geflügelte Figuren sind hinter einer grossen Mauer am Rande der Stadt aufgestellt. Ob das wohl Frauen sein sollen? Da muss ich wieder mal den Samiel fragen.

Un da ist er schon. "Hallo Sami, wie gehts, wie stehts, lange nicht gesehen." "Wie ich dich kenne, Willi, hast du wieder so eine knifflige Frage auf Lager." "Ja, die habe ich und hier ist sie: Was hat es mit den aus Stein geformten Menschen mit Flügeln auf sich?" Der Kenner spricht: "Die geflügelten Steinfiguren sind grandiose Werke von Bildhauern. Der Mensch nennt sie meist Engel. Es sind im Prinzip weder Männer noch Frauen, sondern idealisierte himmlische Wesen, die den Menschen in höhere Gefilde begleiten und beschützen, vor und nach dem Tod." "Dazu brauchen die Flügel?" "So ist es. Die Figuren entführen den Menschen symbolisch, ideell, in höhere Sphären. Das bedeutet uneingeschränkte Freiheit, Erlösung von aller Erdenschwere, Eintritt in die Ewigkeit des Seins." "Wow! Wieder was gelernt. Sami, das ist ja schon auf dem Weg zur Philosophie!"

"Aber der Mensch möchte um alles in der Welt reell fliegen können -" wende ich mich nochmals an Samiel. "Dass sich der Mensch seit alters her in Flugversuchen übt", spricht der Freund nach kurzer Verschnaufpause, "dürfte vor allem den simplen Zweck einer möglichst raschen Ortsveränderung verfolgen. Lange wurde angenommen, so gigantische Maschinen wie sie heute am Himmel daherziehen und hunderte von Menschen oder tonnenschwere Lasten befördern, könnten aus physikalischen Gründen nicht fliegen. 'Keine Flugmaschine darf schwerer sein als Luft', war eine weit verbreitete These. Mit Wasserstoff oder Helium gefüllte Luftschiffe kamen diesem scheinbar unumstösslichen physikalischen Gesetz entgegen. Doch der Flug musste schneller und schneller sein und die Technik lieferte Antriebssysteme für Apparate, über deren Gewicht wir uns keine rechte Vorstellung machen können. Schon lange bevor der Mensch erste brauchbare Flugmaschinen konstruierte, hatte er, zu kriegerischen Zwecken Geschosse aus Eisen hergestellt, die, mit dem richtigen Schub losgeschickt, beachtliche Strecken zurücklegen konnten - " "Der Mensch macht wohl dann die grössten Erfindungen, wenn es darum geht, andere umzubringen?" "Tja, Willi, das ist leider wahr. Dank der, aus menschlicher Sicht, notwendigen Entwicklung von so genannten Kampfflugzeugen hat der Flugzeugbau ungeahnte Fortschritte gemacht. Doch heute zeigt der Mensch auch nichtkriegerische Flugaktionen. Nicht nur an Bord von Segelflugzeugen der Leichtbauweise. Nach dem Motto Ich kann Kondor überqueren 'Deltasegler' einzeln oder in Gruppen die Landschaft. Weil es offenbar Spass macht."

Doch nun genug des Schwadronierens. Jetzt geht es erst mal in Richtung zweite Heimat, nämlich ins südliche Afrika. Die beiden Kleinen, gerade mal zwei Monate alt, sind schon weg, zusammen mit dem anderen Jungvolk der Kolonie in südliche Gefilde aufgebrochen. Für Lara und mich wird es jetzt auch höchste Zeit, ist es doch schon der letzte Julitag. "Ciao Fanni. Bis nächstes Jahr im Mai! Srieh!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.10.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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