Doris E. M. Bulenda

Transport-Geschichten und Geschichtchen aus exotischen Landen

Manchmal hört man in den Nachrichten, dass irgendwo in einem exotischen Land ein Kleinbus verunglückt – und es gibt Dutzende von Verletzen. Als Europäer erscheint einem das immer verdammt unwahrscheinlich, so viele Leute gehen doch nicht in einen kleinen Bus, in einen VW-Bus oder so …
Ist man dann ein wenig durch die Länder in Asien, Südamerika, Mittelamerika etc. gereist, weiß man genau, warum das doch geht. Warum ein Jeep mit dreißig, vierzig oder mehr Insassen verunglücken kann. Oder warum bei dem Kentern eines kleinen Bootes gleich Dutzende von Leuten im Wasser landen. Ein paar Beispiele:
Ich zog von La Paz über den Titicacasee nach Peru. Beim Übersetzen über den See hatte ich das Pech, ziemlich als Erste an Bord eines sehr kleinen Bootes – Marke Nussschale, aber leider der einzige Weg, weiterzukommen – zu gehen. Eigentlich wäre ich gerne im Freien geblieben, wurde aber von den nachfolgenden Menschenmassen nach innen in die „Kabine“ gedrückt. Als ich im Bootsinneren war, setzte ich mich auf eine schmale Bank an einem Bullauge und blickte raus. Da war der Wasserpegel tief unter mir. Aber das Boot wurde voller und voller, ich beobachtete, wie immer mehr Leute einstiegen. Auch als ich schon lange dachte, jetzt ginge nichts mehr, kamen noch Menschen mit Unmengen an Gepäck an Bord – und der Wasserpegel kam bis fast an den Rand des offenen Fensters, durch das ich blickte. Der See war höchstens noch zwei Zentimeter von der Kante entfernt. Mir war die ganze Überfahrt lang nicht sehr wohl an meinem Platz. So überfüllt, wie diese Nussschale war, wäre ich nie rechtzeitig rausgekommen, wäre etwas mit dem Boot passiert … Dazu ist der Titicacasee eiskalt (weil auf 3.800 m Höhe gelegen) und Schwimmen darin auch für einen guten Schwimmer wegen der niedrigen Wassertemperatur fast unmöglich.
Oder eine gängige Praxis in Mittelamerika: Für die Weiterfahrt zum nächsten kleinen Ort geht man zum Busbahnhof, sucht sich einen passenden Kleinbus aus (große Busse gibt es nur für die absoluten Hauptverkehrsrouten, wenn man über die Dörfer zieht, ist man auf die kleinen, privat betriebenen Busse angewiesen), zahlt den Fahrpreis, steigt ein und setzt sich. Dann wartet man erst mal ab. Natürlich wird einem eine Abfahrtszeit gesagt – aber die wird nie eingehalten. Wenn der Bus bis auf den letzten Platz – gequetscht, auf einer 3-er Bank sitzen immer 4 oder 5 Personen – voll ist, fährt er ab. Wenn er vor der Zeit voll ist, fährt er. Wenn nicht, wird so lange gewartet, bis der Bus eben ganz voll ist. Und dann wird jeder, wirklich jeder, der auf der Route am Straßenrand steht und winkt, mitgenommen. Mit Gepäck, Kisten und Koffern, nichts und niemand wird zurückgelassen. Auf die bereits vollen Bänke werden die Leute dazu gequetscht, danach sitzen die nächsten Fahrgäste im Gang, auch direkt neben dem Fahrer, sodass der kaum mehr schalten kann. Und als vorletztes werden die Trittbretter belegt. Ganz zum Schluss werden auch noch Menschen und Gepäck auf das Dach geladen. Ich habe nie erlebt, dass irgendjemand, der mitfahren wollte, nicht auch mitgenommen worden wäre. Aber ich habe mich oft gefragt, ob der Bus überhaupt noch wieder anfahren konnte, wenn noch weitere Passagiere mit ihrem umfangreichen Gepäck aufgenommen wurden. Es hat jedes Mal geklappt, der Bus fuhr wieder an – auch wenn das Tempo immer langsamer wurde.
Ganz witzig fand ich auch eine Sitte, die von allen christlichen Busfahrern – beispielsweise in Südamerika oder Afrika – praktiziert wurde. (Und sicher immer noch praktiziert wird.) An dem Rückspiegel ihrer Fortbewegungsmittel hing entweder ein Rosenkranz, ein Marienbildchen oder eine Medaille mit dem ganz persönlichen Schutzheiligen des Fahrers. Jedes Mal, wenn die Strecke besonders gefährlich, kurvenreich oder unübersichtlich wurde, nahm der Driver seinen Glücksbringer in die Hand, küsste ihn inbrünstig – und dann trat er wie ein Wilder aufs Gaspedal. Nein, langsamer fahren oder vorsichtig in die Kurven gehen gab's nicht – wozu auch, man wurde ja „von oben“ beschützt …
Eine ähnliche Sitte durfte ich auch jedes Mal bei einem Flug in einem südamerikanischen Land bewundern.  Die weiblichen Passagiere saßen vor dem Start angespannt und verkrampft in ihren Sitzen, holten einen Rosenkranz aus der Tasche und beteten sehr, sehr innig. Aber kaum war das Flugzeug gestartet und das „pling“ zum Zeichen der überstandenen Startphase ertönt, wurde der Rosenkranz eilig in die Handtasche geworfen. Und jetzt fingen die guten Damen sofort und sehr laut miteinander das Ratschen an. Ich habe diese Show jedes Mal sehr genossen.
Auch bei den verschiedenen Minibussen – zum Beispiel in Indonesien, aber auch anderen Ländern - war's ähnlich. Man sieht so ein winziges Gefährt, eine kleine Kabine für den Fahrer und den Beifahrer, der auch Kassierer ist und in einem kleinen Laderaum dahinter zwei schmale, winzige Bänkchen. Na gut, denkt man sich so als Europäer, die sind wohl für vier, maximal sechs Personen – wenn die schlank sind. Das glaubt man so lange, bis man mit zehn, zwölf oder mehr Mitfahrern in so einem Teil gesessen hat. Ja, doch, das geht – auch wenn ich mich immer wieder gewundert habe, wie diese Leute da alle reingequetscht wurden …
Bei Fahrradrikschas ist das ähnlich. Als Europäer mietet man sich allein oder höchstens zu zweit so ein Teil. Und dann sieht man, während man durch die Gegend geschaukelt wird, die Einheimischen, die ausschließlich mit diesen Dingern fahren. (Spazieren gehen ist in heißen, schwülen Ländern so gar kein Sport.) Die sitzen zu viert, zu fünft oder gar zu sechst in so einer Mini-Rikscha. Und zwar mit Gepäck, Einkäufen, Tüten und Taschen – das Gefährt ist so voll beladen, dass es fast über den Boden schleift. Dabei habe ich nie einen protestierenden Fahrer gesehen. Aber mir war nach einer Weile klar, woher die ihre verdammt kräftigen Wadenmuskeln haben …
Und dann gibt es noch die Motorrad-Taxis. Also ein Motorradfahrer, der die Leute von Ort zu Ort bringt. Ob Tourist oder Einheimischer ist dabei gleichgültig. Als ich in Kambodscha am Flughafen ankam, wurde mir so ein Fahrer vermittelt. Der packte meinen ziemlich großen Rucksack vor sich auf das Motorrad, ich hängte mir meine Handgepäcktasche – die ziemlich schwer war – um, setzte mich hinten aufs Motorrad und schon ging eine flotte Fahrt los. Auch wenn der Fahrer wegen meinem Rucksack vor sich fast nichts mehr sah, er konnte nur ganz knapp darüber blicken –sind wir heil und relativ schnell in Phnom Penh angekommen.
Ich bin die ganze Zeit in Kambodscha nur mit Motorradtaxis gefahren, das hat echt Spaß gemacht. Nur sollte man nie mehr als ein Auge auf die Sehenswürdigkeiten am Straßenrand richten. Mit dem anderen muss man tunlichst genau aufpassen, was der Fahrer so an Manövern macht – nicht dass man noch bei einer scharfen Kurve oder einem gewagten Überholmanöver abgeworfen wird.
Nein, Angst gehabt habe ich eigentlich nicht – ich habe immer darauf vertraut, dass der Fahrer, Bootsführer oder wer auch immer auch heil am Ziel ankommen wollte … Bis jetzt hat's ja auch geklappt.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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