Wolfgang Küssner

"Wir sprechen Duetch"

Sie sind eigentlich für ihre Sprach-Begabung bekannt, obwohl, obiges Zitat dafür nicht gerade als bester Beweis gelten kann. Vielleicht war es auch ganz einfach praktisch gedacht, Deutsch und Dutch – also das englische Wort für Holländisch – liegen doch gar nicht so weit auseinander – sind nicht nur sprachlich, sondern auch geographisch Nachbarn; das könnte gehen. Und das Dütsch der Schwyzer koennte auch als berücksichtigt gelten. Eine Vokabel für drei Sprachen. Viele Jahre ging es gut;  nicht alle Augen sind letztlich so kritisch, geübt und entdecken bei oberflächlicher Betrachtung gleich Schreibfehler. Die Rede war vom Sprechen, nicht vom Schreiben.

Ausserdem kleben die Worte „Wir sprechen Duetch“ nicht allein auf der Schaufensterscheibe. Es werden deutlich mehr textliche Informationen gegeben;  da stehen Worte wie Svenska und Armani, Versace, Gucci, wie Francais und Boss, wie Escada und Cavalli, Espagnol und Jaspal, wie Cinque und etwas in kyrillischen Buchstaben. Mandarin oder Chinesisch sucht der Betrachter vergebens. Aber da ist von „best suits“, „skirts“, von „coats“ und „trousers“, von „shirts“ und „blouses“ zu lesen und alles natürlich zu sensationellen Preisen in einer ganz besonders kurzen Zeit hergestellt. Tailor, Schneider bieten ihren Service dem Touristen an.

Noch vor ein paar Jahren konnte der Thailand-Urlauber den Eindruck haben, überall auf den Strassen würden ihm Hände eines vielköpfigen Begrüssungs-Kommitees entgegengestreckt. Doch es waren erwähnte, geschäftstüchtige, freundliche Tailor, die diese von Langnasen praktizierte Art der Begrüssung zur Kontaktaufnahme, zur Geschäftsanbahnung nutzten, um auf ihren Service aufmerksam zu machen. Hatte der Besucher zunächst kein Interesse, so hatte er zumindest schon einmal eine Visitenkarte des Tailors in der Hand.

Die Situation hat sich geändert, die Methoden der Sikhs auch. Die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft, ursprünglich aus dem indisch/pakistanischen Punjab kommend, und an ihrer Kopfbeckung auszumachen, variieren die Ansprache. Da wird das flotte Outfit eines Urlaubers gelobt und darauf hingeweisen, man könne das gerade getragene Oberhemd, die hübsche Bluse auch in anderen Farben anbieten, da wird der Eindruck erweckt, als sei der Passant ein alter Freund des Schneiders, der doch schon viele Male habe fertigen lassen, sicherlich auch beim jetzigen Urlaub.

In Thailand leben etwa 70.000 Sikhs, also Thai-Inder, die seit 1911 hier siedelten und fast sämtliche Schneidereien betreiben.  Doch es ist nicht ihr handwerkliches Können; ob Anzug oder Kostüm, ob Jackett oder Rock, Hose, Hemd oder Bluse – die Schneiderarbeiten leisten flinke Thais in vielen unsichtbaren Stuben und Werkstätten. Im Gegensatz zu den Thais sind die Sikhs sprachlich begab:  Ein Tailor bringt es schon auf sechs, sieben Sprachen. „Wir sprechen Duetch“ ist kein Urteil über die linguistischen Qualitäten, denn die Texte auf den Scheiben haben meistens die weniger sprachlich begabten „Handwerker“ erstellt, die Thais.

Das Geschäft ist für die Tailor in der jüngsten Zeit  deutlich schwieriger geworden. Es bestand und besteht ja zu einem grossen Teil im Kopieren internationaler Bekleidungsmarken auf Wunsch des Kunden. Doch zwischenzeitlich kommt nahezu jeder dritte Tourist aus dem Heimatland der fleissigen Kopierer, dem Produzenten von Billig-Klamotten, aus China. Die haben keinen Bedarf, einem pakistanisch/indischen Sikh in Thailand ein Geschäft zu ermöglichen. Ausserdem ist Chic ist nicht gleich Chic. Chinesen scheinen Tüll und moeglichst bunten Partnerlook zu lieben. Und so heisst die Devise für die Sikhs Rückzug, Verkleinerung der Geschäfte, Untervermietung, Aufgabe der Läden. Die Zeiten ändern sich, egal, ob nun Deutsch, Dutch, Dütsch oder Duetch gesprochen wird.
 
Juni 2016
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