Alina Jeremin

Bewertete Trauer

Urteile nicht über meine Trauer. Und bewerte sie nicht.

Nein, ich betrauere nicht nur die Lieblosigkeit meiner Umgebung, in der ich als Kind aufwuchs. Ich trauere auch darum, dass ich noch heute an lieblose Menschen gerate, deren Verhalten mir so vertraut ist, dass ich durch sie denselben Schmerz erfahre, der mir früher bereitet wurde. Dass ich mich zu diesem vertrauten Schmerz so hingezogen fühle, weil ich mich nach der Liebe sehne, die mir früher nicht anders gezeigt wurde.

Ich betrauere nicht nur die schlaflosen Nächte, als ich noch Kind war, und ein Recht auf einen ruhigen Schlaf hatte. Ich trauere darum, dass mir dieser Schlaf auch heute noch geraubt wird. Dass ich Nacht um Nacht an einem Schrei erwache, der mich zu ersticken droht. Die Albträume, die mein Leben als Kind bestimmten, berauben mich noch heute vieler erholsamer Nächte.

Ich betrauere nicht nur, dass mir damals nichts geschenkt wurde und ich für alles eine Gegenleistung zu erbringen hatte. Ich trauere darum, dass ich mir heute nichts schenken lasse. Dass ich es als falsch ansehe, anzunehmen und mich darüber zu freuen. Dass ich noch immer den Zwang verspüre, mich für jedes nette Geschenk, für jede gute Tat und für jedes liebe Wort, unmittelbar revanchieren, zahlen oder dafür bluten zu müssen. Ich trauere darum, dass ich noch heute große Angst vor liebevollen Gesten habe, die in meiner Vergangenheit an so viel Leid geknüpft waren.

Ich betrauere nicht nur die lieben Worte, die damals zu bösen Zwecken missbraucht wurden. So wie ich durch jene getäuscht wurde. Ich trauere darum, dass ich auch heute noch lieben Worten skeptisch gegenüberstehe. Mich nicht über sie freuen kann, weil sie mir neue Verletzungen ankündigen.

Ich betrauere nicht nur die Wunden, die mir früher zugefügt wurden, weil ich nicht leisten konnte, was ich leisten mußte. Ich trauere darum, dass ich mir auch heute noch Wunden zufüge, wenn ich erwartete Leistungen nicht erbringen kann. Ich trauere auch darum, dass die Erwartungen an mich grundsätzlich zu hoch gestellt werden. Nicht durch andere, sondern durch mich, und dass somit ein Scheitern vorprogrammiert ist.

Ich betrauere nicht nur meine Distanzhaltung, die es mir früher schwer machte, andere Kinder kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu bilden. Ich trauere darum, dass es mir diese Haltung auch heute noch schwer macht, wahre Freunde zu finden, und gerate dadurch immer an oberflächliche Menschen, zu denen ich oberflächliche Beziehungen führe, die mir aber nicht den Durst nach Nähe und Vertrauen stillen können.

Ich betrauere nicht nur, dass ich früher nicht reden konnte, sondern alles im Geheimen mit mir selbst ausmachen mußte. Weil ich zu einem Geheimnis verdammt wurde, das ich unmöglich offenbaren konnte. Und dass mir dadurch jede Hilfe verwehrt wurde. Ich trauere darum, dass ich es noch immer nicht schaffe, meinen Mund zu öffnen, und das rauszuschreien, was in mir wütet und beißt und mich von Grund auf verletzt. Ich trauere darum, dass mir die Geheimnisse noch heute die Luft zum Atmen nehmen, weil sie mir die Kehle zuschnüren.

Ich betrauere nicht nur meine Erziehung, die mich damals zu jemandem machte, der für andere immer angenehm und in dieser Art und Weise erwünscht ist. Ich trauere darum, dass die Erziehung noch immer wirkt, und ich noch immer nur so selten ´ich´ sein kann, weil mich Ängste quälen, ich könnte allein gelassen werden, wenn ich nicht angenehm, witzig, cool oder geistreich bin.

Ich betrauere nicht nur, dass ich früher anderen Kindern zusehen mußte, wie sie sich entwickelten und ausgelassen tollten, während ich eine Erwachsene in Miniatur darstellte. Ich trauere auch darum, dass ich heute noch eine Wehmut verspüre, wenn ich Kinder beim fröhlichen Spielen beobachte, oder es kriecht ein unbeschreibliches Entsetzen in mir hoch, wenn ich ein Kind leiden sehe.

Nein, ich betrauere nicht nur die Kindheit, die ich nie hatte. Ich betrauere auch das Leben, das ich noch immer nicht leben kann.

Darum urteile nie über mein Leid, das meine Trauer hervorruft.
Es ist nicht nur der Schmerz, den ich dir anvertraue und mit dir teilen kann. Es ist auch jene unausgesprochene Trauer, die Stillen liegt, und um die ich mich ebenfalls kümmern muß, um endlich zu heilen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.06.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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