Das jüngste Mitglied der Familie – gerade erst drei Wochen alt – hatte sich an die Gewohnheiten des Menschseins noch nicht gewöhnt und verwechselte einmal mehr die Nacht mit dem Tag. Was nicht weiter verwunderlich war, wenn man aus der Ewigkeit in einen 24-Stunden-Rhythmus wechselte. Susi – die junge Mutter – lag mit dem kleinen, hilflosen Bündel Mensch auf der Couch und wenn es nicht so unglaublich friedlich in seinem Schlaf wirken würde, kämen wohl keine Gefühle des Stolzes und der Liebe auf. Völlig übernächtigt beobachtete sie ihren Mann Friedl, wie dieser den fünfjährigen Sohn Kindergartenfertig machte und aus der Küche rief:
„Du, Schatz, haben wir keine Butter mehr?“
„Die Butter ist dort, wo die Butter immer ist!“, entfuhr es Susi genervt. ‚Himmel Herrgott noch einmal! Wie um alles in der Welt ist es möglich, die Butter nicht zu finden?‘, fragte sie sich störrisch.
„Geht es dir nicht gut?“, kam Friedl in den Wohnraum, denn er hatte den besorgniserregenden Tonfall Susis durchaus wahrgenommen.
„Gut?!? Wie würde es dir gehen, wenn du keine zwei Stunden am Stück geschlafen hättest?“, fauchte sie ihn an, wohl wissend, dass Friedl ganz und gar nichts dafür konnte und dennoch – sie konnte nicht anders.
„Ähm … ja … Äh … ich komm heute früher nach Hause und geh eine Runde spazieren mit den beiden!“
„Tu das!“, antwortete Susi übermüdet und mit ihrer Kraft schon bald am Ende. Susi war dezent genervt, denn sie hatte das Gefühl, dass Friedl nicht von sich aus gerne mit den Kindern spazieren ging, sondern nur, weil sie unterschwellig Druck auf ihn ausübte.
Innerlich schüttelte Susi den Kopf, denn Friedl trug ein ausgewaschenes oranges T-Shirt zu einer Jeans, deren Farbe wohl nur noch der Allmächtige erkennen konnte. ‚Wie kann man nur so rumlaufen? Mit so gar keinem Verständnis für einigermaßen schöne Kleidung?‘, schoss es Susi durch den Kopf und kontrollierte visuell die Kleidung des Sohnes, die sie extra am Vorabend schon herausgesucht hatte. Seltsamerweise trug Junior zwar einen anderen Pulli, als den vorgesehenen, doch der passte auch noch so gerade.
‚Gott sei Dank! Heute hat er die vorbereitete Kleidung gefunden‘, dachte sie erleichtert, dass wenigstens ein männliches Mitglied der Familie ordentlich gekleidet war.
„Komm, Großer, ab zu deinen Freunden!“, rief Friedl das erstgeborene Meisterstück, drückte Susi ein Busserl auf die Lippen, warf einen Blick zu dem seelig schlafenden Bündel Mensch und es war unverkennbar in sein Gesicht geschrieben: Er war froh, in die Arbeit zu kommen.
Als die Tür in das Schloss fiel, zog Ruhe ein, nur nicht in Susis Kopf. Viele Gedanken jagten sich gegenseitig.
Was machte sie falsch als Mutter? Wie machten es Frauen in früheren Zeiten? Wieso sind Männer manchmal so doof? Warum musste das Frausein so kompliziert sein? Wieso war sie nicht als Mann auf die Welt gekommen? Dann wäre alles viel einfacher, aus dem Haus hinaus spazieren und in die Arbeit gehen. Ihr Mann hatte ja keine Ahnung, was es bedeutete eine Frau zu sein! Das ewige organisieren, ständig einzukaufen, nie die richtige Kleidung im Schrank zu haben, ewig unzufrieden mit sich und seinem Körper, kein Verständnis für Fußball und DIE Frage schlechthin, die alle Frauen seit tausenden von Jahren, durch alle Altersschichten hindurch, in der Fülle oder im Mangel immer und ständig bewegt: WAS koche ich heute?!
Als Mann war alles so einfach. Friedl stand auf, duschte, warf einen Blick in den Spiegel mit dem eindeutigen Resultat: Passt! Sämtliche Kleidung in seinem Schrank wurden seiner Ansicht nach NIE alt, was Susi manchmal zur Verzweiflung trieb. Die Haare saßen aufgrund der Kürze immer perfekt, der Bart ohnehin. Ein echtes Problem war für ihn nur, wenn Susi meinte er hätte eines, wo er gar keines erkannte … erst einmal … Susi erklärte ihm dann sein Problem in der Regel auf eine sehr liebevoll mütterliche Art. Er konnte wenig Falsches sagen, weil er einfach wenig Worte benutzte und das Beste: Im Grundsatz war er absolut zufrieden mit seiner Welt, außer Susi bestand darauf über Gefühle zu sprechen. Sein persönlicher Horror-Satz von Susi war: „Friedrich, wir müssen sprechen!“ Seiner Ansicht nach reichte es aus, wenn man Gefühle fühlt, ohne sie auszusprechen, wie z.B. seine Liebe zu Susi. Doch Susi wollte es unbedingt ab und an zumindest auch HÖREN.
Gefangen in ihrem Gedankenkarussel übermannte Susi der Schlaf und die vielen Gedanken über ihren Mann und das Mann-Sein und das Schöne daran führten dazu, dass sie zwar in einem Traum, jedoch äußerst lebhaft und real als Friedl erwachte.
Friedl klopfte den Wecker immer zwei Mal aus, bevor er aufstand und seine allererste frühmorgendliche Amtshandlung war IMMER, dass er nach Susi an seiner Seite tappte, um ihr über den Kopf – manchmal auch über die Nase, die Brüste oder sonstige Körperteile zu streicheln. Friedl hatte seine Susi sooo lieb, dass er wie ein junger Welpe morgens gleich nach dem ersten Körperkontakt suchte. Doch Susi war heute nicht im Bett und er tappte in eine kalte Leere. Oh, Oh, das war kein gutes Zeichen! Da fiel ihm ein, dass Susi des nachts mit ihrem Neuankömmling auf die Couch gezogen war, weil dieser einmal mehr die Nacht mit dem Tag verwechselt hatte. Es machte ihm ein schlechtes Gewissen, weil er nicht wusste, wie er Susi helfen konnte. So sprang er unter die Dusche, zog sich in Windeseile an, warf weder einen Blick in den Spiegel noch wurde er gewahr, ob die Farbkombination, die er trug auch wirklich menschenfreundlich war. Natürlich machte Kleidung Leute, doch der Einzigen, der er wirklich gefallen wollte war seine Susi und die sagte einmal zu späterer Stunde mit schwachen 0,5 Promille: „Weißt Friedl, du kannst anziehen, was du willst, du schaust immer super aus! Und am besten gefällst mir sowieso nackad!“
So stand Friedl vor der Couch, auf der Susi mit dem Baby döste und das Herz ging ihm auf. Voller Stolz und übergroßer Liebe zu seiner kleinen Familie genoß er den Augenblick und wurde gar nicht gewahr, dass in seinem Leben gerade richtig großes Kino stattfand. Die Liebe eines Mannes zu seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kind.
Er riß sich von dem Anblick los, weckte Junior auf, suchte eine wirklich interessante Kombination einer Hose mit Pulli heraus, ging mit Junior ins Bad, wo er auf die schon vorbereitete Kleidung traf, warf alles auf einen Haufen und Junior zog sich aufs Geratewohl etwas davon heraus. Dass die restliche Kleidung einfach liegen blieb, fiel Friedl nicht weiter auf, weil er so damit beschäftigt war, Juniors Haare ordentlich zu kämmen. Es war einfach eine Tatsache, dass ein Mann sich nur auf eine Sache konzentrieren konnte und dadurch das Große Ganze wie hier zum Beispiel ein aufgeräumtes Bad ins Hintertreffen geriet.
Friedl bereitete für Junior das Frühstück zu, in Form von Cornflakes mit Milch und seine Brotzeit für den Kindergarten. Er öffnete den Kühlschrank und starrte hinein … und starrte weiter hinein … und ein dumpfes Gefühl kroch in ihm hoch. Er WUSSTE, dass im Kühlschrank irgendwo die Butter sein musste! Doch er sah sie einfach nicht. Er wurde leicht nervös, nahm all seinen Mut zusammen, denn vielleicht war sie tatsächlich aus, obwohl sie gestern zur Brotzeit noch halb voll war, wie er sich dumpf erinnern konnte. Friedl fragte Susi aus der Küche und lauschte der Antwort:
„Die Butter ist dort, wo die Butter immer ist!“, tönte Susi in einem leicht besorgniserregenden Tonfall.
‚Verdammt! Wo ist die Sch… Butter!‘, schoss es Friedl durch den Kopf, und im nächsten Moment: ‚Susis Tonfall gefällt mir gar nicht! Der ist richtig ungut! Was kann ich nur tun?!‘
Friedl starrte weiter in den Kühlschrank und ging Fach für Fach durch, wie eine Trüffelsau auf der Suche nach Leckerlis und im dritten Fach wurde er fündig. Ahhhh! Die vermisste Butter war über Nacht nicht verschwunden, sondern lag immer noch halb voll in ihrem dafür vorgesehenen Behälter.
Also schmierte Friedl eine leckere Brotzeit für Junior, verlor abermals das Große Ganze wie zum Beispiel eine aufgeräumte Küche wieder aus den Augen, weil seine gesamte Aufmerksamkeit von der Zubereitung der Brotzeit in Anspruch genommen wurde, ging zu Susi und verabschiedete sich mit einem Busserl.
Ein wenig linkisch, weil unsicher, bot er Susi an, heute früher nach Hause zu kommen und mit den Kindern spazieren zu gehen. Er freute sich darauf, denn während des spazieren gehens schrien die Kinder in der Regel nicht, vor allem der Neuankömmling. So war es auch für ihn als Mann eine schöne, wertvolle Zeit, die er mit den Kindern verbringen konnte, ohne dass sein Nervenkostüm in kleinste Teile zerrieben wurde. Das Beste daran war, dass er Susi dadurch unterstützte. Zwar nicht viel, aber immerhin. Er war ein absoluter Fan seiner Frau, sie machte das alles so toll und er würde um nichts in der Welt mit ihr tauschen wollen.
Friedl fuhr zur Arbeit und sein Auto machte ungewöhnliche, schmatzende Geräusche. Das hörte sich wirklich bedenklich an, er fuhr an den Straßenrand, stellte den Motor ab, öffnete die Motorhaube und das Schmatzen dehnte sich aus zu einem Grunzen, Maunzen und Gähnen und wurde immer lauter und endete in einem kläglichen Babymaunzen.
Susi erwachte aus ihrem Schlaf und wurde gewahr, dass sie geträumt hatte, das Auto keinen Motorschaden hatte sondern der Neuankömmling Hunger.
Sie begann ihn zu stillen und während das Baby sich an ihrer Brust satt trank und Susi ihm ihre ganze mütterliche Geborgenheit schenkte, sann sie über ihren wirren Traum nach. Oder war er etwa weniger wirr, als es den ersten Anschein hatte?
Friedl machte sich einfach wenig Gedanken über seine äußere Erscheinung. Das kann zum einen natürlich ein Segen sein, doch für sie als Frau völlig undenkbar und unlebbar um nicht zu sagen, nicht lebenswert. Dazu gab es viel zu viele Frisuren, Kleidung, Schmuckstücke, Handtaschen und erst SCHUHE!
Es war definitiv KEIN schönes Gefühl, zu wissen die Butter befindet sich im Kühlschrank und sie nicht zu finden! Ach herrje … das war geradezu schrecklich!
Susi hatte gefühlt, wie sehr Friedl sie liebte, auch ohne Worte und erst recht ohne Worte, denn auch nur EIN falsch gewähltes Wort konnte so viel verderben. Sie entwickelte Verständnis für seine wenigen Worte, auch wenn sie es als Frau künftig auch nicht in Erwägung zog, weniger Worte als bisher zu verwenden. Schließlich waren Worte in Überfluss vorhanden und wollten benutzt werden.
Friedl war stolz auf sie und ging nicht mit den Kindern spazieren, weil sie ihn unter Druck setzte, sondern weil es eine Art des Beisammenseins war, mit der er gut zurecht kam und ihm sogar Freude bereitete.
Um nichts in der Welt würde sie ihren Blick für das Große Ganze umtauschen in den männlichen Tunnelblick. Es war definitiv nicht schön, überall unaufgeräumte Räume zu hinterlassen, weil man früher oder später immer über seine Frau damit konfrontiert wurde. Und dadurch ständig ein leicht trotteliges Gefühl entstand, das man eher zäh wieder los wurde.
Doch eines stellte sie unumwunden fest: Sie behielt zwar das Große Ganze im Blick, lief dadurch jedoch Gefahr sich gnadenlos zu verzetteln. So half ihr Friedl immer wieder, sich erneut auf das Wesentliche zu konzentrieren. Auch diverse Probleme, die sie hatte, besprach sie mit Friedl und mit einem mal lösten sie sich tatsächlich in Luft auf. Wenn Susi in ihrem Gefühls-Dschungel unterzugehen drohte, war es Friedl, der sie wieder auf den Boden der Tatsachen holte. Eines stand somit fest: Harmonie entstand offenbar nicht durch Gleiches, sondern durch Unterschiedliches und sie und Friedl waren im Großen und Ganzen ein vortrefflich harmonisches Paar.
So lag Susi sinnierend auf ihrer heimeligen Couch.
Mann-Sein war ganz offenbar performance genug! Dazu bedarf es keiner vielen Worte, passender Kleidung oder sonstigem Equipment. Wohingegen Frau-Sein bedeutete aus der Fülle der Worte, Kleidung, Inspirationen ständig zu schöpfen. Genau wie Friedl würde Susi um nichts in der Welt mit Friedl tauschen wollen und kam zu folgendem Schluss:
So wie es war, war es richtig und gut und für alle bereichernd.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Marion Metz).
Der Beitrag wurde von Marion Metz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.10.2016.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
googlemail.com (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Marion Metz als Lieblingsautorin markieren

Zwei himmlische Gefährten
von Marion Metz
Lilly Nett ist ein überaus durchschnittlicher Mensch und Lichtjahre davon entfernt, sich selbst bedingungslos zu lieben. Sie fühlt sich zu dick, ihr Mann ist nur die zweite Wahl und grundsätzlich entpuppt sich ihre Supermarktschlange als die längste. Ihr Alltag gleicht der Hölle auf Erden. Lillys Seele schickt ihr beständig Zeichen, doch ihr Ego verhindert vehement, dass Lilly Kontakt zu ihrem inneren Licht findet. Bis ein einschneidendes Erlebnis den Wandel herbeiführt und sie wie Phoenix aus der Asche neu aufersteht: Geliebt, gesehen, vom Leben umarmt.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: