Neulich erst habe ich meinen neunundfünfzigsten Geburtstag gefeiert. Gefeiert ist wohl zu viel gesagt. In diesem Alter versucht man bereits, Geburtstage zu verheimlichen oder zumindest zu ignorieren, denn man bemerkt immer öfter, dass man sich auf den Abgrund des Lebens zu bewegt. Und das ist kein lustiges Spielchen, dass könnt ihr mir glauben !
Allmählich wird man langsamer bei allem was man so tut, beim Denken ebenso wie beim Radfahren, beim Treppensteigen und sogar beim Autofahren. Selbst im Supermarkt kann man auffällig werden im negativem Sinn. Aber das ist ja auch ganz normal.
Da gibt es Momente, in denen einem dieses ganz besonders bewusst wird. Über solch ein Ereignis muss ich kurz berichten. Es ist mir ein Bedürfnis.
Also, - ( lange, altersbedingte Luftholpause )
Gerne gehe ich bei einem bestimmten, allseits bekannten Discounter einkaufen. Es ist eine beliebte Marotte von mir, Preise zu vergleichen, neue Angebote zu begutachten oder einfach nur zu "wühlen." Nun ist es hin und wieder nötig, einen größeren Einkauf zu tätigen.
Ich stehe also mit einem ziemlich vollen Einkaufswagen mit Waren in einem Wert von circa 40 € am sogenannten Warentransportband an der Kasse. Sollten mehrere Kassen geöffnet sein, kann es geschehen, dass man zwischen männlicher und weiblicher Kassenkraft wählen kann. Wenn ich in Eile bin, habe ich natürlich die Kasse an der die weibliche Angestellte sitzt gewählt. Wünsche ich die "gemütliche Tour," suche ich mir die Kasse aus, die von dem männlichen Angestellten besetzt ist. In diesem Fall gäbe es diese Geschichte nicht.
Ich wähle folglich die Dame.
Nun achte ich darauf, dass hinter dem Gekauftem des sich vor mir befindenden Kunden ein sogenanntes Warentrennstäbchen liegt.
Sollte dieser kein Warentrennstäbchen aufgelegt haben, so übernehme ich dass und bedenke jenen Menschen mit verächtlichen, abwertenden Blicken.
Danach lege ich meinen Einkauf aufs Band. Zuvorderst unzerstörbare, harte oder sicher verpackte Waren um peu a peu zu den immer empfindlicheren, leichteren und weicheren Teilen zu wechseln. Das ist nun mal eine mir mit der Zeit lieb gewordene nützliche Angewohnheit, die sich irgendwie automatisch ergeben hat. Schließlich will man vermeiden, dass beim Zurücklegen in den Wagen in der zu erwartenden Stresssituation bestimmte empfindliche Waren, wie etwa Obst oder Gemüse dort oben auf liegen um nicht zermatscht oder gequetscht zu werden.
So bin ich vorbereitet auf das folgende, sich so oft wiederkehrende Ereignis, welches an Hektik und Dramatik kaum zu überbieten ist.
In Gedanken gehe ich nochmals die Anordnung meiner Geldscheine im Portmonee durch um bei der Bezahlung nicht unnötig den Betrieb aufzuhalten und damit einen ungeduldigen, spöttischen Blick der Kassenkraft und der mir nachfolgenden Kundschaft entgegen nehmen zu müssen.
Ich erinnere mich, dass eine besonders flinke Angestellte das Wechselgeld bereits in der Hand hielt noch bevor ich meinen Schein aus der Börse gezogen hatte. Obwohl dies ja bei bestimmten Beträgen logisch nachzuvollziehen ist, stürzte mich dieses Ereignis in eine quälende, langanhaltende Nachdenklichkeit.
Aufgrund dieser Tatsache hatte ich tatsächlich erwogen, im Kampf gegen vorzeitigen geistigen Siechtum während des Einkaufs die Preise meiner Einkäufe in Gedanken zu addieren um bei der Bezahlung schließlich den Betrag schon triumphal bereithalten zu können, bzw. die Bezahlung so zu gestalten dass die Rückgabe des Wechselgeldes möglichst ohne Kupfer- oder sogar Hartgeld stattfindet. Es blieb allerdings nur bei einem einzigen Versuch. Dieser gewaltigen mathematischen Aufgabe war ich nicht gewachsen und gab schon entnervt auf, bevor noch etwa 5 Teile in meinem Einkaufswagen lagen.
Nun beginnt es.
Noch bevor der vor mir abgefertigte Kunde seinen Platz an der Kasse verlassen konnte und gemütlich dabei ist, sein Restgeld oder die Kreditkarte umständlich bei sich zu verstauen, und meine flehenden Blicke endlich zu verschwinden und diesen begehrten Platz frei zu geben ignoriert, beginnt die hervorragend auf Zuverlässigkeit und Schnelligkeit ausgebildete Kassenkraft meinen Einkauf einzutippen. Das ist natürlich höchst unfair und verstimmt mich ein wenig. Zwischenzeitlich - nachdem der alte Sack vor mir endlich Platz gemacht hat - wirft sie einen kontrollierenden Blick auf meinen nun sich am Anfang des Transportbandes geschobenen Wagen, manchmal bittet sie sogar, die sich im Wagen befindende Einkaufstasche hochzuheben da ja grundsätzlich der Verdacht besteht, dass sich noch versehentlich Ware darin befindet oder man einfach "vergessen" hat, sie aufs Band zu legen. Sofort beginne ich ihr Tempo anzunehmen, denn durch daß verwerfliche Verhalten meines Vordermannes hat sie schon einen Vorsprung und so räume ich schnellstmöglich die registrierten Teile in meinen Wagen zurück. Da die Ablagefläche der bereits eingetippten Waren sehr klein ist, muss man versuchen mit der Angestellten Schritt halten zu können. Ist man zu langsam hilft sie einem beim Einräumen ohne vorwurfsvolle Blicke dabei zu machen. Vielleicht ist eine Nuance von Mitleid in ihrem Blick zu erhaschen der unbeabsichtigt ist, da die Mitarbeiterin sicherlich darauf geschult ist, ihre Überlegenheit nicht öffentlich zur Schau zu tragen. Sie bleibt freundlich und geduldig und trotz ihres aberwitzigen Tempos hat sie noch Zeit für ein kurzes Schwätzchen oder einem kleinen Plausch. Und ein unauffälliger, gelangweilter Blick auf die Armbanduhr ist zwischendurch auch noch drin, ebenso wie ein leises, unaufdringliches Räuspern, welches ich als Zeichen ihrer Ungeduld interpretiere. Damit drückt sie unauffällig und diskret ihre Vormachtstellung !
aus und
versucht doch, charakterstark wie sie ist, dies nicht zu zeigen. Aber ich erkenne es natürlich und in mir steigt eine leichte Zornesröte hoch. Verzweifelt versuche ich Schritt zu halten mit dieser Spitzenkraft des Lebensmittelwesens.
Doch nun nähert sich der Augenblick der Rache für mich, der Überrumpelung, der mit spitzbübischer Freude erwartete Moment des Triumphs. Ich ziehe mein Ass aus dem Ärmel - sozusagen.
Es liegen schon etwa drei Viertel meiner Einkäufe im Wagen. Ich bin schwer im Hintertreffen. Aber nun taucht vor der Lebensmittelfachverkäuferin eine Tüte auf, drapiert mit verschiedenstem Backwerk. Sie besteht auf einer Seite aus einer durchsichtigen Folie und liegt natürlich so, dass man sie erst mal wenden muss. Das bringt sie leicht aus dem Rhythmus. Damit hole ich schon einige zehntel Sekunden auf. Jetzt muss sie Semmeln, Laugenknöpfe, Vollkornbrötchen und Brezen zählen und das dauert sogar bei ihr einige Sekunden. Ihr Vorsprung beginnt zu schmelzen während ich die angestaute Ware im Gefühl des Triumphs lässig schmunzelnd aber doch zügig in den Wagen befördere. Schließlich erreiche ich erschöpft aber glücklich eine Patt Situation.
Doch die Freude währt nur kurz.
Zum Finale legt sie nochmal scheinbar mühelos einen Zahn zu und beendet das grausame Spiel mit der gewohnten Frage : "Karte oder bar?" während ich noch hektisch die letzten Teile in den Wagen wuchte. Die zerknirschte Antwort "bar" nimmt sie voller Genugtuung entgegen und wartet geduldig mit dem Wechselgeld in der Hand während ich versuche, den - aufgrund einer grossen Anzahl Hartgeldes - natürlich viel zu fetten Geldbeutel aus der Gesäßtasche zu ziehen.
Zähneknirschend musste ich mich wieder mit einer Niederlage abfinden und die tadelnden Blicke des mir nachfolgenden Kunden, der sich nun in derselben Bredouille wie ich einige Minuten zuvor befindet, einstecken. Ich erahne seinen unausgesprochenen Vorwurf: " in diesem Alter geht der noch einkaufen !"
Geknickt schleiche ich von dannen.
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz Lechner).
Der Beitrag wurde von Heinz Lechner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.11.2016.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
gmail.com (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Heinz Lechner als Lieblingsautor markieren

Auch auf Leichen liegt man weich - Kurzgeschichten
von Michael Mews
"Auch auf Leichen liegt man weich" ist eine Sammlung schaurig schöner und manchmal surrealer Kurzgeschichten, in denen Alltagsbegebenheiten beängstigend werden können und Schrecken auf einmal keine mehr sind - vielleicht!
Wir begegnen Lupa, der ein kleines Schlagenproblem zu haben scheint und sich auch schon einmal verläuft, stellen fest, dass Morde ungesund sind, und werden Toilettentüren in Flugzeug in Zukunft mit ganz anderen Augen betrachten.
Und immer wieder begleiten den Erzähler seine beiden guten Freunde: die Gänsehaut und das leichte Grauen ...
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: