Christa Katharina Dallinger

Ein Hauch von Weihnacht

Es war einmal ein traumhaft schöner Spätherbsttag. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich im See. Fische tummelten sich im klaren Wasser.
 
Unser Fisch, ein besonders schönes Exemplar, blau grau glänzende Schuppen, lachsfarbener Bauch, groß und schlank, hielt sich etwas abseits. Er war schon immer anders gewesen, ein Einzelgänger, alleine, aber nicht einsam. Er mied seine Artgenossen, seine Artgenossen mieden ihn.
 
Seine Wasserwelt war voller Träume. Seine Fantasie kannte keine Grenzen. Sein Lebensraum engte ihn ein. Jedoch, die realen Grenzen nicht anzuerkennen, wäre tödlich gewesen.
 
So schlängelte sich unser Fisch auch an diesem schönen Spätherbsttag munter durchs Wasser. Er liebte das Funkeln der Sonnenstrahlen. Deshalb versuchte er immer, so nahe als möglich an die Wasseroberfläche zu kommen, um diesen Glanz zu genießen.
 
Das Licht zog ihn magisch an. Diesem Funkeln zu folgen, wurde zum Spiel, zur Freude und zum Inhalt seines Fischlebens.
 
Doch an diesem schönen Spätherbsttag sollte das Dasein unseres blau grauen Freundes eine Wende nehmen. Die Sonne näherte sich dem Zenit. Fröhlich ließ sich unser Fisch in ihrem Schein treiben. Sein Herz wurde weit. Welch ein Gefühl der Freiheit, des Glücks!
 
Da schob sich ein Schatten ins Freude bringende Licht. Eine kleine Wolke? Dafür bewegte er sich zu viel schnell. Fasziniert näherte sich unser Fisch, soweit es ihm nur möglich war, der Wasseroberfläche.
 
Ein Vogel, ein großer silberner Vogel, zog seine Runden über dem See. Seine Flügel glänzten in der Sonne. Er war so unwirklich schön. Das Funkeln der silbernen Flügel, das Funkeln der Sonnenstrahlen, es berauschte unseren schuppigen Freund.
 
Er ließ sich treiben, und, beinahe wäre der Höhepunkt dieses traumhaft schönen Herbsttages auch zum Schlusspunkt eines Fischlebens geworden.
 
Die Schiffsschraube! Unser träumender Freund hatte den großen bedrohlichen Schatten des Rundfahrtschiffes gerade noch rechtzeitig wahrgenommen, um ganz schnell abzutauchen.

Als er endlich wieder der Wasseroberfläche nahe kommen konnte, da war er verschwunden, der faszinierende Vogel, der ihm beinahe sein Fischleben gekostet hatte.
 
Welch ein Tod? Berauscht, im glücklichsten Moment seines Lebens. Unser Fisch wusste eines: Von nun an würde er nach diesem seinen Vogel suchen.
 
Es war ein Sonnentag gewesen. Die Sonne hatte sich am höchsten Punkt befunden. Vielleicht kam der große silberne Vogel genau zu dieser Zeit wieder. Vielleicht kam er auch nie mehr.
 
Verwirrt schwamm unser Fisch zu seinem Lieblingsplatz, einem Felsbrocken in Ufernähe. Unter dem Felsvorsprung konnte er sich gut verstecken. Da hatte er seine Ruhe.
 
Er wollte sich diesen Glücksrausch verinnerlichen. Immer wieder suchte er in seiner Erinnerung nach dem empfundenen Gefühlswirbel. Welch ein erhebender Moment! Diese abgrundtiefe Freude durfte niemals verblassen.
 
Unser Fisch konnte den nächsten Sonnenaufgang kaum erwarten. Er fieberte dem Zeitpunkt entgegen, an dem der große helle Ball sich dem Zenit entgegen tastete.
 
Würde der so herbeigesehnte silberne Vogel wieder seine Runden über den türkisblauen See, in dem unser Freund sein Dasein fristete, drehen?
 
Die Tage vergingen. Die ersten Schneeflocken fielen vom Himmel. Unser Fisch liebte es, ihnen zuzusehen, wie sie aufs Wasser herunter tanzten und sich dann in Nichts auflösten. Doch heuer war alles anders. Die Flöckchen hatten für unseren Fisch etwas von ihrem Zauber verloren. Immer wieder suchte er vergebens den grauen Himmel nach einem silbernen Schimmer ab.
 
Das Ufer war leicht weiß geworden. Manch Bäumchen am Ufer war geschmückt, und in der Dämmerung leuchteten überall wärmende Lichter. Doch das Herz unseres Fisches wurde von Tag zu Tag trauriger.
 
Was wohl aus dem schönen silbernen Vogel geworden war? So viele Träume hatte er erfüllt, Fische Träume von einem fernen, zauberhaften Glück.
 
Weihnacht war ‘s. Unser Fisch kannte diese Zeit nur zu gut. Da hieß es abtauchen. An diesen Tagen rückten besonders viele Fischerboote aus. 
 
Es war ein besonders sonniger Weihnachtstag. Das Wasser glitzerte. Das Weiß am Ufer glitzerte. Die bedrohlichen Schatten der Fischerboote waren gut zu erkennen. Unser Fisch tauchte ab, in sein Reich der Träume.
 
Die Schatten der Berge legten sich langsam über den See. Es war ruhig geworden. Die Fischerboote lagen am Ufer. Erste Lichter an Bäumen und hinter den Fenstern der Häuser waren zu erkennen. Es hatte etwas Festliches.
 
Unser Fisch glitt zur Wasseroberfläche hinauf. Der Zauber erfasste sein trauriges Herz.
 
Da auf einmal, ein Silberstreif am vom Sonnenuntergang noch leicht rot gefärbten Himmel! Unser Fisch konnte es kaum glauben. Er schwamm ihm entgegen.
 
Ja, er war es! Seine Flügel glänzten in der aufziehenden Dämmerung. Er war so unwirklich schön. Das Funkeln der silbernen Flügel, es berauschte unseren schuppigen Freund. Er versuchte mit dem silbernen Vogel mit zu schwimmen, und es entstand ein wundersamer Tanz zwischen zwei Elementen.
 
Die Sonne ging langsam ganz unter. Unser Fisch ganz dicht an der Wasseroberfläche, sein silberner Freund nahe über ihm, weihnachtliche Klänge in der Luft, Lichterglanz am Ufer…
 
Da fiel ein Zweiglein aus dem hellroten Schnabel unseres Vogels. Es war mit silbrig schimmernden Fäden geschmückt. Das Zweiglein tänzelte genau über unserem Fisch zu Wasser. Einige silberne Fäden verfingen sich in seinen Schuppen.
 
Noch einmal schwebte der große, silberne Vogel über den See. Unser mit Silberfäden geschmückter Fisch schaute ihm sehnsüchtig nach. Ein Hauch von Glück, ein Hauch von Frieden, ein Hauch von Weihnacht erfüllte Luft und Wasser.
 




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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.11.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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