Horst Lux

Der Fremde


»Guten Abend!«

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf, habe mich regelrecht in diesen regnerischen dunklen Abend verkrochen und warte auf das Ende dieser nassen Tagesepisode. Meinte dieser Mann mich? Woher kam er plötzlich? Nun schaut er mich mit dunklen Augen prüfend an. Sein eleganter heller Mantel passt irgendwie nicht in diese Straße, wirkt verirrt in eine Welt, die hier keine Berechtigung hat. Ich nicke ihm fast unmerklich zu, stumm.

Ein blauer Linienbus kommt fast unhörbar heran und bleibt in der Haltebucht stehen, misstrauisch blickt der Fahrer durch die schmutzverschmierten Scheiben zu uns hinüber. 
Niemand steigt aus. Mit leisem Surren fährt der Elektrobus wieder an. Der Mann hat sich inzwischen in die überdachte Eingangstür der Herrenboutique gestellt. Durch ein Eckschaufenster kann ich erkennen, dass er seinen Mantelkragen hochstellt. Wartet er auf einen anderen Bus?
Unaufhörlich prasselt der Regen auf das Pflaster des Gehwegs, spritzt an den Schaufensterscheiben hoch und überzieht staubgepaart das Ganze mit einem Schleier. Ich drücke mich dicht an das Schaufenster dieses Ladens, der schmale Überstand gibt mir ein wenig Schutz, kann aber doch nicht verhindern, dass Schuhe und Hose triefend nass sind. Meine Blicke verlieren sich im dichten Grau des abendlichen Regens, Laternen spiegeln sich im Nass der Straße. Der Regen wirft winzig kleine Fontänen vom Asphalt zurück. Fröstelnd versuche ich, mich in meine alte Jacke einzuwickeln. Unangenehm, dieses nasse und kalte Novemberwetter. Besonders für einen Menschen, der kein Zuhause hat. Ich bin müde, könnte umfallen vor Müdigkeit.
»Kommt der 32er noch?« Der Mann schreit die Worte fast zu mir hinüber. Ich fahre zusammen, hatte ihn schon nicht mehr beachtet, zucke dann mit den Achseln, weiß noch nicht einmal, ob er dieses unsichere Zeichen in dem Zwielicht überhaupt gesehen hat.
Ich überlege. Der 32er-Linienbus? Der fährt hier überhaupt nicht, hat hier in diesem Stadtteil nie gefahren, ja, ich weiß mit Gewissheit, dass es in der ganzen Stadt keine 32er-Linie gibt! Schon sehr seltsam. 
Der Mann im hellen Trenchcoat sieht auf seine Armbanduhr. Mein Blick wird starr. Wie ich erkennen kann, ist da gar keine Uhr, er schaut nur auf seinen Unterarm!
»Ist schon fast Mitternacht«, sagt er dann, »wo bleibt denn nur der Bus?« 
Ich sehe den Fremden nun doch etwas intensiver an; ich erkenne, dass er doch nicht so jung ist, wie er vorher schien! Mir fällt ein steinaltes Gesicht auf, mit modernem Hut, eingerahmt von Schal und Trenchcoat. 
Wieso hatte ich diese ledernen Falten seines Antlitzes vorhin nicht bemerkt? Der Mann sieht mich nun voll an. Ich kann seinem Blick nicht ausweichen. Ein Schauer läuft mir über den ganzen Körper; trotz der unangenehmen Kälte des Abends wird mir unwirklich heiß! Was ist geschehen? Woher kommt dieses Gefühl der Vertrautheit zu diesem Mann? Ich bemühe mich, in eine andere Richtung zu sehen, rolle meinen Kopf hin und her, um einer Verspannung der Halsmuskeln vorzubeugen.
Irgendwo bellt aufgeregt ein Hund. Ich mag es nicht, wenn Hunde nachts bellen. 

»Haben Sie Feuer,« fragt der Mann. 
Hat ein Zigarettenetui in der Hand, lässt es einladend aufspringen. »Nein«. Meine Stimme klingt rau, bleibt fast im Halse stecken, »bin Nichtraucher«. 
Es sind meine ersten Worte, die heute Abend aus meinem Munde kommen.
Naja, ist ja auch gesünder«, meint er dann mit einem kurzen Blick zu mir, dann lacht er trocken auf, lässt das Etui wieder verschwinden, schaut wieder auf seine nicht vorhandene Armbanduhr.

Der Regen fällt nun mit einer Intensität, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe, jedenfalls erscheint es mir so. 
Mir ist elend zumute, ich friere, bin durchnässt, todmüde und möchte eigentlich schlafen, unentwegt nur schlafen. 
Angestrengt überlege ich, wo ich unterschlüpfen, ausruhen könnte. Mir fällt ein, dass hier irgendwo in dieser Gegend eine Kleingartenkolonie sein müsste. Da würde sich doch ein geschütztes Plätzchen finden lassen. Aber bis dorthin bin ich total durchnässt, wie trocknet das dann wieder?

Ich schaue den Mann neben mir an. Der hat es gut, irgendwo steht für ihn ein warmes Bett, eine schmackhafte Mahlzeit, vielleicht ein Mensch, der sich Sorgen macht, der auf ihn wartet. Und wieder frage ich mich, was dieser Mann hier treibt. Warum er hier in dieser kalten regnerischen Nacht an einer Bushaltestelle steht und dann den Bus nicht benutzt!
»Kann ich Ihnen behilflich sein?« 
Ich schrecke aus meinen Gedanken auf und sehe den Frager an.

»Es sieht so aus, als wenn Sie meine Hilfe brauchen«,  meint er dann, »ich kann sicher etwas für Sie tun!« 
Ich erstarre. »Für mich tun? Sie?« 
Ich ringe mir ein kurzes Lachen ab. Ein bitteres Lachen, tief aus der Seele heraus, aus einem Untergrund, der verschüttet ist. 
»Ganz gewiss nicht Sie! Sie sollten mich in Ruhe lassen.«
Indem er sich um die Ecke des Schaufensters beugt, sagt er dann:  »Da bin ich mir nicht so sicher!« 
Gegen das Geräusch des strömenden Regens ankämpfend, schrie er fast: »Meine Möglichkeiten sind unendlich, und meine Beziehungen reichen sehr weit!«
Er zieht eine Visitenkarte aus der Tasche und reicht sie mir herüber. Mit klammen Fingern ergreife ich die Karte, versuche im Halblicht der Schaufensterbeleuchtung den Namen zu entziffern: 

Lucas- Beratungsdienste,
»Your time is limited!«

steht dort in silbernen Schriftzügen auf dunkelgrauem Grund. Beratungsdienst? Welcher Art - was ist das? 
Ein Service, der sich nachts an Bushaltestellen herumtreibt und vagabundierende Menschen anspricht? Der auf mich wartet?
Der Regen prasselt weiter auf das Pflaster der Straße. Trotzdem werde ich jetzt fortgehen, diese Sache nimmt nun beklemmende Ausmaße an. Ich habe es nicht so gern, wenn ich eine Sachlage nicht überschauen kann, das schafft in mir stets ein ungutes Gefühl, erzeugt einen Ring um die Brust, der mir den Atem nimmt.

Als ahne der Fremde meine Gedanken, lächelt er mich in einer Weise an, die mich richtiggehend aggressiv macht, als er mir dann noch einladend zunickt und dies noch mit einer Bewegung seiner Hände unterstreicht, explodiere ich! Mit unnatürlich lauten Worten, aus meinem tiefsten Inneren hervorbrechend, versuche ich ihm klarzumachen, dass ich seine wie auch immer geartete Hilfe nicht haben will: 
»Las-sen- Sie -mich- in- Ru-he! Ich- brau-che- Sie- nicht!«
Ich schlage meine durchnässte Jacke enger um mich, ergreife den am Boden stehenden feuchten Rucksack und renne wie gehetzt über die Straße. Kein Blick mehr zurück, nein, er soll nicht denken, dass ich Furcht vor ihm habe. Ich habe keine Angst, ich habe bestimmt keine Angst, wäre auch stark genug gewesen, um es mit ihm aufzunehmen! 
Er ruft mir etwas hinterher, es klingt ähnlich wie:
 »Your time is limited!«

Der Regen peitscht mir ins Gesicht, und weil ich mit diesen Wirkungen des Unwetters zu kämpfen habe, nimmt er mir auch noch das Denken ab. Ich habe vollauf damit zu tun, die böigen Wassergüsse von meinem Gesicht fernzuhalten. Nachdem ich in der Dunkelheit mitten in eine gewaltige Pfütze getreten bin, stehe ich urplötzlich vor dem Tor der Kleingartenanlage. Glücklicherweise ist es nicht verschlossen. In der Dunkelheit taste ich mich an einer Hecke des Wegs entlang, finde ein niedriges Gartentörchen und klettere mühsam darüber hinweg, irgendwelche Steinplatten weisen den Weg zu einer Laube im hinteren Teil des Gartens. Es riecht stark nach Zwiebeln, nach reifem Grünkohl und nach feuchter Erde.

Die Gartenlaube erscheint mir größer, als sie mir in der Dunkelheit erschien. Die beiden vorderen Fenster sind mit Läden gesichert, zur dazwischen liegenden Tür führen zwei Stufen hinauf, vorsichtig betrete ich diese nassen, schlüpfrigen Holzbohlen. 
Taste mich dann vorwärts und bin dann bass erstaunt! Die Tür zur Laube ist nicht abgeschlossen! Sie ist nur angelehnt. Das habe ich nicht erwartet, ganz gewiss nicht. Ich hatte ja nur vor, mich unter dem Vorbau ein wenig vor dem Regen zu schützen. Nun aber kann ich doch bis zum Morgen ein wenig Trockenheit genießen. 
Ein winziges Stückchen Glücksgefühl durchströmt mein Herz. Wie wenig ist doch zum Glück nötig, wenn man am Rande der Gesellschaft lebt!
Mit diesem beglückenden Gefühl betrete ich den dunklen Raum der Gartenlaube, schließe die Tür hinter mir, um etwas Wärme zu spüren. 
Ich sehe fast nichts, taste mich weiter in den Raum hinein. Stoße an einen Stuhl, der polternd umfällt, dann ertaste ich einen runden Gartentisch, lege meinen Rucksack ab, hebe den Stuhl auf und lasse mich mit einem tiefen Seufzer nieder. Springe im gleichen Augenblick wieder auf, als eine bekannte Stimme im Hintergrund sagt:

» Hallo, Your time is limited! «

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.11.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Jahre wie Nebel: Ein grünes Jahrzehnt in dunkler Zeit von Horst Lux



Es wurde sehr viel geschrieben über jene Jahre der unseligen Diktatur eines wahnwitzigen Politikers, der glaubte, den Menschen das Heil zu bringen. Das meiste davon beschreibt diese Zeit aus zweiter Hand! Ich war dabei, ungeschminkt und nicht vorher »gecasted«. Es ist ein Lebensabschnitt eines grünen Jahzehnts aus zeitlicher Entfernung gesehen, ein kritischer Rückblick, naturgemäß nicht immer objektiv. Dabei gab es Begegnungen mit Menschen, die mein Leben beeinflussten, positiv wie auch negativ. All das zusammen ist ein Konglomerat von Gefühlen, die mein frühes Jugendleben ausmachten. Ich will versuchen, diese Erlebnisse in verschiedenen Episoden wiederzugeben.

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