Hartmut Wagner

Eins plus Eins macht Drei

Ernst Kärglich war ein anständiger Bürger. Selbst wenn er eine lila Krawatte und eine grüne Jacke getragen hätte, der Grauschleier über seiner Persönlichkeit wäre unter der grellsten Sonnenglut nicht verschwunden. Hinter starken Brillengläsern blickten Ernsts wässrig blaue Augen freudlos in die Welt. Doch fehlte dem Blick nicht eine kalt kalkulierende Intelligenz. Fast blondes Haar lag straff gekämmt und gerade gescheitelt.
Obwohl Ernst aussah wie ein Buchhalter, arbeitete er als Bauingenieur in der der Kleinstadt Schwerte im Süden des Ruhrgebietes. Morgens um halb neun nahm er Platz an seinem Schreibtisch, befasste sich mit Bebauungsplänen, Kanalquerschnitten und Regenrückhaltebecken.
Nachdem Ernst drei Jahre bei der Stadt tätig gewesen war, trat er der Mehrheitspartei bei. Für ihren Ortsverein arbeitete er als sachkundiger Bürger im Ratsausschuss für Stadtplanung. Bei politischen Streitfragen argumentierte er vorsichtig. Erst, wenn die meisten Wortmeldungen erfolgt waren, fasste Ernst alle Standpunkte noch einmal staatsmännisch zusammen. Sein Privatleben war straff organisiert und durch feste Gewohnheiten gekennzeichnet.
In einer achtzig Quadratmeter großen Vierzimmerwohnung wartete am Feierabend seine Frau Britta auf ihn. Zwischen ihm und ihr bestand eine Beziehung, die weniger durch überraschende Einfälle als durch scheinbar absolute Zuverlässigkeit gekennzeichnet war.
Im Sommer fuhren sie regelmäßig zum Timmendorfer Strand an die Ostsee in eine preisgünstige Pension. Kinder waren erst geplant, wenn das eigene Haus stand. Das würde nicht mehr lange dauern, denn auf dem Konto der Sparkasse Schwerte waren bereits 100000 Euro angespart.
Seit Kurzem aber hatte sich in ihrer Beziehung etwas verändert. Nicht mehr jeden Abend wartete Britta mit dem Essen. Überhaupt benahm sie sich seltsam, seitdem sie wegen ihrer Tätigkeit in einer Gruppe mit ehemaligen Strafgefangenen oft Abende außerhalb ihrer Wohnung verbrachte. Ernsts Frau kleidete sich auffällig, nörgelte an seinem Aussehen herum und stritt mit ihm  wegen des Haushaltsgelds. Er machte sich Sorgen.
Im Büro kaute er geistesabwesend auf Bleistiften herum. Mittags nahm er Pillen gegen Sodbrennen. Ernst spionierte Britta nach, kam überraschend früh nach Hause, fand aber nichts Verdächtiges. Eines Abends beschloss er, sie in ihre Gruppe zu begleiten. Britta sah ihn seltsam an, brachte aber keine Einwände vor.
Sie war Betreuerin Peters, der wegen wiederholter Körperverletzungen im nahe liegenden Ergster Gefängnis gesessen hatte. Er war kräftig und ungehobelt, mit langem Haar, buschigem Vollbart und seit einem Jahr wieder frei. Um seinen Hals wand sich ein Goldkettchen.
Ernst fand ihn geschmacklos, aber Britta wies auf die graublauen Anzüge ihres Mannes hin, als der das Goldkettchen Firlefanz nannte. Am letzten Samstagabend war sie sehr spät von einem Wochenendseminar mit ihrer Gruppe im Sauerland zurück gekehrt. Sonntagmorgens lag Ernst noch im Bett, während seine Frau im Badezimmer rumorte. Er stand auf, um mit dem Vorsitzenden des Planungsausschusses zu telefonieren.
Am Telefon fand er einen Zettel. Der war mit einer  unbekannten  Handschrift beschrieben: "Mitwochabend um neun am alten Rathaus! Hebe die 100000 ab und versuche den Wagen zu bekommen. Nehmen anschließend in Dortmund den Nachtzug nach Paris, wirf den Zettel weg, Peter!"
Ernst war außerstande einen klaren Gedanken zu fassen. Später fuhren er und Britta wie immer sonntags zu den Schwiegereltern nach Hagen. Den Zettel erwähnte er nicht. Es gab Kaffee und Erdbeertorte mit Sahne.
In der Nacht zum Montag schlief Ernst unruhig, aber nach dem  Erwachen funktionierte sein Gehirn trotzdem präzise.
Dienstag musste er sich frei nehmen. Er würde einen Todesfall in der Familie vortäuschen und hatte vor, die 100000 Euro vorsorglich vom Konto zu räumen. Anschließend brauchte er nur noch das Auto zu präparieren. Ein Loch in der Bremsleitung, verursacht durch Steinschlag, und alles sah wie ein Unfall aus.
Als Britta am Montag darum bat,den Wagen am Mittwoch zum Einkaufen benutzen zu dürfen, willigte Ernst erst nach langem Hin und Her ein.
Im Büro erzählte er vom plötzlichen Tod einer Patentante.Ohne weiteres erhielt er für Dienstag Urlaub. Niemand konnte sich Ernst als jemanden vorstellen, der den Tod einer Patentante erfindet.
Abends fuhr Ernst mit bitterer Vorfreude nach Hause. Er würde das Abendessen loben und Britta noch andere Komplimente machen. Alles wäre wie immer.
Er öffnete die Wohnungstür. Merkwürdig, Britta empfing ihn nicht. Vielleicht hatte sie seine Ankunft nicht bemerkt.
Auf dem Küchentisch lag ein großer, gelber Zettel. Mit ihrer kindlichen Handschrift teilte Britta mit: "Lieber Ernst, ich bin sicher, Du hast den Zettel am Telefon gefunden. Ist Dir nie der Gedanke gekommen, ich könnte ihn absichtlich 'vergessen' haben? Peter und ich sind schon heute nach Paris aufgebrochen. Dazu brauchten wir die 100000, aber kein Auto. Ich hoffe diese Mitteilung wird Dein eintöniges Leben etwas auflockern. freundliche Grüße,heiße Küsse und tausend Mittelfinger, Britta!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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